Der skizzenhafte Aufbau der Ruinen
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Der Herr ist wohl der schlimmste Filmeklauer.
Er zecht dabei gelegentlich Bordeaux,
simst locker nebenher, und, apropos,
sein Handyklingelton der scheint von Dauer,
der ist so groovy und so angesagt,
dass selbst die Engel leidenschaftlich chillen.
(Sie sind die Coolsten, füttern sich mit Pillen
und zappeln so, wie sie’s sonst nie gewagt.)
Schon morgen ist er höchstens noch alltäglich.
Bald ist er nur antik. Nicht mehr verträglich
für irgendwen, der sich daran erfreute.
Auch wir sind mit dem Neusten vis-à-vis
und dealen mit der heißersehnten Beute,
es bohrt uns langsam Löcher in die Knie.
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Es bohrt uns langsam Löcher in die Knie,
doch keiner weiß, wie tief sie wirklich sind.
Von Browsern weiß hingegen jedes Kind,
und jedes Alter schätzt die Utopie
des zweiten Frühlings. Irgendwo im Chat
verbeißt sich ein Gebiss mit Gegensätzen.
Dem Hightechalltag sich zu widersetzen:
ist nicht mehr möglich, kräht das Internet.
Auf einem Banner blinken stetig Zeichen,
nebst Glücklichsein ins Kleinste komprimiert,
da bleibt kein Platz für irgendwelche Trauer!
Es geht nur vorwärts! Manchmal drangsaliert
uns Angst die Spam-Mails könnten uns erweichen,
denn Spammer fürchten keine Feuermauer.
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Denn Spammer fürchten keine Feuermauer,
das ist der Psalm des Neusten Testaments
(Gebote eines flüchtigen Moments),
natürlich elektronisch und genauer
als jede Bibel. Huldigen wir diesen,
solange er dem Terror widersteht,
der in uns wohnt, weil nichts zugrunde geht,
erfreuen uns sogar die Analysen
des letzten Sommers, den wir sonst nicht mochten.
Es war so heiß. Verklebte Silhouetten
in jeder Gegend, doch in grauser Parodie
verschonten uns die Hexen, die uns kochten,
sie prügelten den Satz in die Gazetten:
ein Dialer nährt die Plattenindustrie.
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Ein Dialer nährt die Plattenindustrie
(verdienen wollen schließlich auch die Sänger).
Der Fiskus macht die langen Arme länger,
und in den Duldern bricht man Hysterie
mit aller Härte wie ein Sturm die Äste.
Derweil ein Wurm sich durch die Hirne frisst
und Krieg heraufbeschwört, wo keiner ist,
im Glauben, jener eine sei das Beste.
Für die Gesellschaft sprechen nicht sehr viel.
Der Rest wird nicht gefragt und überstimmt.
Mit aufgesetztem Hochgefühl
getimt. Der Countdown läuft. Nur mit Raketen
gibt uns die Politik, was sie sich nimmt.
Das Leben hängt an Leitungen und Drähten.
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Das Leben hängt an Leitungen und Drähten.
Computer kontrollieren die Frequenz,
ein Mausklick reicht und unsre Existenz ...
da hilft dann auch kein vorsorgliches Beten.
(Im Garten aber denke nicht daran,
wenn sich die Sonne um den Nacken windet,
die Ferne hinter trautem Krach verschwindet
und Dämmerung hereinbricht irgendwann,
dass sich die Unbeschwertheit nie verbraucht.)
Sie machen heimlich dich zum Außenseiter
und gängeln dich mit dem geheimen Code,
bis dir die Ruhe in die Knochen kraucht.
Doch letztlich geht’s auf Friedhöfen noch weiter;
verkabelt wird die Webcam mit dem Tod.
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Verkabelt wird die Webcam mit dem Tod,
gezoomte Materiale virtuell
befingert und erprobt, rein informell
natürlich. Nebenbei ein Pausenbrot
und immer der Gedanke: alles weiß
Geheimnisse, die keiner wissen sollte.
Warum der Tote nicht mehr leben wollte,
gibt bald nicht nur die Sterbeakte preis.
Der Überdruss allein ist schuld daran,
auch daran, dass wir nach und nach verfetten,
das rächt sich sicher irgendwann.
Die Masse wälzt sich schnaufend durch die Betten
und zählt sich immer noch zu den Ästheten.
Bald platzen alle Wülste aus den Nähten.
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Bald platzen alle Wülste aus den Nähten,
dann platzt die ganze Welt gleich hinterher.
Ihr Blut, das Öl, treibt jetzt schon durch das Meer,
gestapelt zwischen Plastik und Pamphleten,
Zerbombtem und Elektroschrott und Gift,
hineingezwängt in oxydierte Fässer.
Superbia morst über die Gewässer:
die Welle kommt, da es uns nicht betrifft,
gewöhnen wir uns lieber an Idyllen,
zerreden die Natur mit unsrer Weisheit
und folgen duldend ohne eignen Willen
der Masse in die nahgelegne Eiszeit,
umgehen leise jedwedes Verbot,
und manchmal lacht mit uns ein Idiot.
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Und manchmal lacht mit uns ein Idiot,
den wir missachten, weil er nichts bedeutet
(sonst hätten wir ihn sicher ausgebeutet,
oder fühlten uns von ihm bedroht).
Wir deuten jede seltsame Verrenkung
mit angewidert distanziertem Blick
und stöhnen dann erleichtert: welch ein Glück
es ist, normal zu sein. Doch die Beschränkung
belebt erst unsre Werte. Die Spitale
sind weiter mit Geschwüren dekoriert.
Damit das Alter nicht ins Leere stiert,
erwidern wir bisweilen die Signale
und glauben, dadurch schwänden die Probleme,
am Rande der zerfallenden Systeme.
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Am Rande der zerfallenden Systeme
fehlt ein Impuls, der uns hier noch erhält,
erstarb doch jede Hoffnung. Es verstellt
das „Muss“ die Möglichkeiten. Und die Häme
der Welt durchdringt selbst rätselhafte Stätten.
Sie mahnt uns immer wieder, bald pauschal:
im Gegenwind wirkt jeder Himmel fahl!
und führt uns längst an unsichtbaren Ketten.
Begnügen wir uns dennoch mit den Fakten,
den rationalen (und doch relativen).
Uns fehlt die Zeit. Die Sehnsucht zu den Akten!
Und jene Akten sammelt in Archiven!
Was übrig bleibt, verstaubt in den Vitrinen:
der skizzenhafte Aufbau der Ruinen.
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Der skizzenhafte Aufbau der Ruinen,
gedeutet unter zeitgemäßem Wahn;
die kalkulierte Zukunft scheint vertan.
Wir aber müssen immer noch für sie verdienen
und lächelnd vorwärts stolpern, mohnberauscht
die Langeweile abermals bekriegen,
mit viel mehr Mohn uns weiter selbst belügen,
denn wissen wir zuletzt: wir sind belauscht.
Wie lange schon, lässt sich nicht nachvollziehn,
und keiner weiß, für wen sie spionieren.
Doch hab’ ich das Gefühl, ich kenne ihn.
Sie tun’s vielleicht, um sich zu amüsieren,
und geben sich ihm hin mit Haut und Haar:
dem User mit dem bunten Avatar.
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Der User mit dem bunten Avatar
nahm sich das Leben, als ich ihn entdeckte
und so bei ihm den Eindruck wohl erweckte,
dass ich sie nicht verstünde, die Gefahr,
die ihn umgab, für die er sich verschenkt’.
Ich grub ein Loch auf einem großen Acker,
sah seine Tätowierung. „Motherfucker“
stand auf dem Hals, den er sich ausgerenkt.
Ein kleines Kind sah mir bedächtig zu,
wie jenen ich, bald wie in Trance, verscharrte,
der Richter war und Henker. Kein Tabu
gibt es nun noch, für das ich mich noch schäme.
Ihr ähnelt mir, (wenn ich auch nichts erwarte):
wir lieben, aber tadeln das Extreme.
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Wir lieben, aber tadeln das Extreme,
zum Beispiel, wenn sich andre selbst verstümmeln,
beginnt die halbe Welt, sie anzuhimmeln,
weil’s doch en vogue ist, unter der Bohème
zu sein, rebellisch, allen Konventionen
zu trotzen; ein gelebter Widerspruch ...
Was macht da schon ein weitrer Knochenbruch,
wenn’s die Bewunderer naiv belohnen.
Dabei ist alles doch nur Illusion.
Was uns da ködert, ist nicht von Bestand,
die Einsamkeit der Menschen ist es schon,
bleibt diese auch für viele unerkannt.
Die Meisten tragen sie in ihren Mienen,
bekümmert schauend hinter den Gardinen.
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Bekümmert schauend hinter den Gardinen,
so harrt der Dichter auf den Untergang
und tastet sich an einer Welt entlang,
die ihm entfremdet ist. Sogar im Grünen
erinnert nichts an einfachere Zeiten,
denn hier ist alles minutiös gesät
und so sehr eingeengt, wie’s eben geht.
Verpönt: das Große. Das für Ewigkeiten
gemachte wird doch kurzerhand verdächtigt.
Die Angst vorm Gestern liegt noch in der Luft.
Und keiner meint von sich, er sei berechtigt,
daran etwas zu ändern. Jahr für Jahr
geht so dahin, der Dichter in die Gruft,
mit einer Message, die nie eine war.
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Mit einer Message, die nie eine war,
verreckten schon so manche Terroristen,
die andern machen Jagd auf Zivilisten,
mit ihrer heldentodverfickten Schar.
Was soll’s, wir nehmen diese Schicksalsschläge
längst teilnahmslos zur Kenntnis, Vater Staat
wird uns gewiss beschützen, der Etat
dafür schröpft uns viel mehr, verbaut die Wege.
Viel schlimmer sind die Kapitalverbrechen,
wer dafür nicht die Todesstrafe fordert,
gehört geradewegs zurückbeordert!
Das Schlimmste aber können wir nicht rächen,
und dabei ist wohl jeder auf ihn sauer:
der Herr ist wohl der schlimmste Filmeklauer.
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Der Herr ist wohl der schlimmste Filmeklauer.
Es bohrt uns langsam Löcher in die Knie,
denn Spammer fürchten keine Feuermauer.
Ein Dialer nährt die Plattenindustrie.
Das Leben hängt an Leitungen und Drähten,
verkabelt wird die Webcam mit dem Tod.
Bald platzen alle Wülste aus den Nähten,
und manchmal lacht mit uns ein Idiot.
Am Rande der zerfallenden Systeme:
der skizzenhafte Aufbau der Ruinen,
der User mit dem bunten Avatar.
Wir lieben, aber tadeln das Extreme,
bekümmert schauend hinter den Gardinen,
mit einer Message, die nie eine war.