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konn0r

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1

Friday, November 11th 2005, 4:45pm

Ballast

Ein feines Relief in tiefen, schweren Farben,
Die Furchen tiefer, Stück um Stück.
Ich fühle, spüre nochmals meine tiefsten Narben
Und heule voller Wut und Glück.

Die Zeitenwinde schleifen unaufhaltsam,
Ich spüre, wie Vergang'nes erodiert.
Ich taste blind, wild, fahrig und gewaltsam
Wie jemand, der sein Innerstes verliert.

Doch drüben in der grauen Dunkelheit,
Da ist man frei und leicht ohne Ballast.
Ein leeres Blatt fliegt auf dem Hauch der Zeit,
In der ein glatter Teil zum Ganzen passt.

-
Änderungen vorbehalten

Date of registration: Feb 3rd 2005

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Occupation: Werkzeugmacher

2

Thursday, November 17th 2005, 10:34am

RE: Ballast

Quoted

Original von konn0r
Ballast

Ein feines Relief in tiefen, schweren Farben,
Die Furchen tiefer, Stück um Stück.
Ich fühle, spüre nochmals meine tiefsten Narben
Und heule voller Wut und Glück.

Die Zeitenwinde schleifen unaufhaltsam,
Ich spüre, wie Vergang'nes erodiert.
Ich taste blind, wild, fahrig und gewaltsam
Wie jemand, der sein Innerstes verliert.

Doch drüben in der grauen Dunkelheit,
Da ist man frei und leicht ohne Ballast.
Ein leeres Blatt fliegt auf dem Hauch der Zeit,
In der ein glatter Teil zum Ganzen passt.


Hallo konn0r

Dein Gedicht entführt mich in das weite Dickicht eines fremden Novemberwaldes, bei Dämmerung, die fast schon Nacht ist. Mit den Augen des lyr.Ich bin ich ziellos umhergelaufen und strauchle nun im Astwerk eines umgestürzten Baumes, stütze mich ab an der rauhen Borke des darniederliegenden Stammes und lese, wie eine Offenbarung aus plötzlich verständlich gewordener Blindenschrift, mein tiefstes Weh und meine geheimsten Sehnsüchte aus dem Tasten meiner Handflächen.

Gebannt suche ich den ganzen Stamm bis in die Kronen hinein zu entschlüsseln und eine Angst überkommt mich dabei, er könne verwittern, morsch und brüchig werden, noch bevor ich ihm das letzte Geheimnis entreiße. Zermahlen da nicht schon Borkenkäfer den Bast von Innen? Werden mir wichtige Informationen von fremden Spechten abgespalten, bevor ich sie entziffern kann? Kurz, ganz kurz, hadere ich mit dem Gedanken: Warum kann es denn keine Birke sein, für mich Augenmenschen? Eine Birke mit schnell entzifferbarem schwarz-weiß-Kontrast auf papierartiger Rinde. Warum muss ich mir, sehenden Blicks, alles so mühsam ertasten und erarbeiten? Warum bin ich mit diesem tiefgefurchten Steinbuchenrelief geschlagen?
Stop.

Ist wirklich dies die Intention des Autors? Bezieht sich das Glatte, mühlos Ablesbare, auf die birkenbleiche, aschengleiche Struktur einer Baumrinde? Etwas das man gar nicht streicheln oder anfassen darf, nur optisch geniessen, da es sonst zerfleddert, zerfällt und in Bruchteilen, wie Haarschuppen davonfliegt, weg vom Ballast der Stämme, bei jedem Hauch: ja, das fast schwerelose Gegenteil von Ballast.

Ich weiß es nicht. Die Intentionen des Autors sind mir, an der Stelle angelangt, ziemlich gleichgültig. Diese drei Strophen führen vielmehr ein Eigenleben. Alles Vorherdagewesene, an-der-Entstehung-beteiligte wird somit überflüssig.

Ich ziehe es vor, weiter in diese Verse einzutauchen, Verse die mir erzählen von Zeit, Ballast und leeren Blättern, halte aber alle weiteren, frisch aufkommende Gedankengänge für mich - genieße einfach
und danke dafür.

Gruß
Alcedo

Gram

Unregistered

3

Thursday, November 17th 2005, 12:35pm

RE: Ballast

Endlich lese ich mal was von Dir!
Ich bin beeindruckt, da soll mal einer sagen, wir Metaller hätten kein Gespür für Poetisches. Die Metrik scheint mir auf den ersten Blick perfekt:

xXxXxXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxXxXxXx
xXxXxXxX

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX (ohne müsste da auf der zweiten Silbe betont werden)
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX

Okay, perfekt ist vielleicht das falsche Wort, da es ja eh im Auge des Betrachters liegt. Abwechslungsreich und ungezwungen ist das Metrikschema auf jeden Fall, wenn Du mich fragst.
Inhaltlich geht es, glaube ich, um die verstreichende Zeit und verblassende Erinnerungen. Um den Schmerz, der damit verbunden ist, geht es offensichtlich auch.
Das Teil gefällt mir sehr gut!

konn0r

Professional

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Occupation: Student

4

Friday, November 18th 2005, 2:52am

Ich danke euch beiden für das Befassen mit dem "Teil" (klingt weniger hochtrabend als "Werk" @ gram :D) und freue mich, dass es euch gefällt :)

Die verschiedenen Auslegungen finde ich immer wieder spannend, aber vor allem fasziniert mich, wie verblüffend plausibel und stringent Gedichte auf verschiedenen Interpretationsebenen ihre Wirkung entfalten können. Da lerne ich als Autor immer noch dazu und werde durch die Inspiration, die mein Gedicht dem Leser verliehen hat, wieder selbst inspiriert. Dieses Eigenleben der Strophen, dass du, Alcedo, in deinem Kommentar so schön beschrieben hast, ist wohl der eigentliche Zauber der Lyrik. Ich bin übrigens noch nie so schön "kritisiert" worden, was weniger damit zu tun hat, dass das keine konstruktive Beurteilung, sondern vielmehr ein Kommentar fernab jeder Metrikwühlerei und Versdemontage ist, dafür danke ich dir.

Biggy

Schlafende Lärmerin

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5

Friday, November 18th 2005, 9:08am

RE: Ballast

Hi konn0r,

mich erinnert dein Gedicht an einen Menschen, der sein altes Tagebuch nach langer Zeit wieder einmal aufgeschlagen hat und nun entdeckt, dass er einerseits tiefe Wunden vom Leben davon getragen hat und andererseits- zum Glück und Unglück vieles von dem schon vergessen hat.
Schade, weil auch glückliche Momente dem Vergessen anheim gefallen sind und schön, da die schmerzvollen Momente auch verblassen.
Das lyrische Ich durchlebt alles noch einmal...und ist auch ein wenig erschlagen von seiner Reise in die Vergangenheit. Es spürt, wieviel sich schon ereignet hat, dass sich die Lebensuhr unaufhaltsam weiter dreht, wird wehmütig.
Die Erkenntnis, dass mein sein ganzes Leben wie eine schwere Bürde überall mit hinschleppt- egal wohin man geht, führt zur Sehnsucht nach dem Jenseits, wo sich alles in Luft auflöst und wo man unbeschwert sein könnte.
Das leere, unbeschriebene Blatt zeugt davon, dass das lyrische Ich dennoch auch optimistisch auf sein irdisches Dasein blickt- es gibt noch viel zu entdecken, es werden weiter Kinder geboren und die Welt steht nicht still, wenn es auch manchmal so aussieht. ;)

Gern gelesen!
Danke!
Liebe Grüße
Biggy

@Alcedo: Deine Interpretation finde ich auch sehr poetisch!

This post has been edited 1 times, last edit by "Biggy" (Nov 28th 2005, 12:39pm)


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6

Monday, November 28th 2005, 12:27pm

Quoted

Original von konn0r
wie verblüffend plausibel und stringent Gedichte auf verschiedenen Interpretationsebenen ihre Wirkung entfalten können ... Dieses Eigenleben der Strophen, ist wohl der eigentliche Zauber der Lyrik.

das hast du schön gesagt und es deckt sich mit meinem Empfinden.

Ausserdem freut es mich sehr, wenn mein Kommentar als Gegenteil von Versdemontage empfunden wird.
Wegen solchem "Ballast" bin ich schließlich hier im Forum.

Gruß
Alcedo

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