Hallo Andvari,
hier also meine Analayse zu Deinem Kummergarten; ich habe die Interpretation zuvor nicht gelesen, um mir den Spaß nicht zu verderben; sollte ich etwas wiederholen, so bitte ich um Nachsicht. Vorab sei gesagt, dass mir das Gedicht sehr gefällt und dass es Spaß gemacht hat, sich damit so nahe zu beschäftigen. Es ist von den verwendeten Formen und seinem Inhalt anspruchsvoll, aber es stellt inhaltlich nicht vor allzu große Rätsel, so dass es für mich ein Lesegenuss ist.
Die Form:
(Bis auf eine Ausnahme) Fünfhebiger Jambus mit abwechselnd weichen und harten Kadenzen. Das bewirkt, dass die Verse sich nicht zu sanft, dafür fließend rhythmisch lesen lassen. Das Ende der einzelnen Strophen hallt nach (durch die harte Kadenz und den optischen Abstand), aber es verbindet sich gleichzeitig auch im Alternieren ( X…x) sehr gut mit der nächsten Strophe. Gefällt mir.
Metrik mit Anmerkungen zu positiv Aufgefallenem z.B. Gleichklängen und Lautwiederaufnahmen oder sinnverwandten Worten:
xXxXxXxXxXxXx (die eine Hebung stört nur optisch!) Du - Decke = Konsonantenaufnahme
xXxX|xXxXxX band – brach – land; sehr schön! (kurzes Zögern, weil eine Hebung fehlt, s.o., dadurch Zaesur beim Komma)
xXxXxXxXxXx reines (V2) feines
xXxXxXxXxX sich – sein und verfing – verband;
sanfter Strophennachklang durch die weiche Wortwahl
xXxXxXxXxXx Doch- deine und Licht – Leben; sehr schön; tropfen - lässt die Stimmung sinken und findet sich in sanken, gut gemacht
xXxXxXxXxX durch – Doch (V1) schien – licht (V1) - fruchtbare Erde ist ein gutes Bild
xXxXxXxXxXx trafen und Granit; sehr gut gemacht, viel Reibung; hartes schliesslich
xXxXxXxXx

x) (da kann man sich streiten) um – zu – dunst, Klang wird sehr hart , knallige K im letzten Wort
dunkler „knorriger“ Strophennachklang
xXxXxXxXxXx das erste Wort ist angenehm hart; hörten - warten, sehr schön
xXxXxXxXxX den – Dolch; synästhetisches Licht verweht, fein (unschöne Konstruktion bei Dolch)
xXxXxXxXxXx Kraft (knackig) - Kummergarten
xXxXxXxXxX kalt (ist auch kalt) – Kreise
Reim: ABAB CDCD EFEF ausnahmslos sauber, Niemandsland/verband und schien/~kopien fallen angenehm auf, ob wohl ich eigentlich ko-pi-en sagen würde…
Zum Inhalt:
Kummergarten
Der Titel ist ein feines Wortkonstrukt, das gleich auch die Tendenz des Gedichts sehr schön umreißt. Ich denke an Trauerweiden und an Efeu und an dunkelgrün. Die Kombination von Kummer und Garten lässt automatisch auch an Jammer denken, das finde ich gut gemacht.
Du legtest eine Decke traumgetränkter Weiher,
ein reines Band, auf braches Niemandsland,
und hülltest es in einen feinen Schleier,
der sich im Sein verfing und uns verband.
Mich stört die Überlänge des ersten Verses etwas. Er hemmt nicht wirklich, da er ja als erster Vers dort steht, und ich verstehe, dass es sonst schwierig gewesen wäre, den schönen Reim Weiher/Schleier in dieses Gedicht zu bringen und das wundervolle Bild der „traumgetränkten..“, aber vielleicht fällt Dir da noch etwas besseres ein?
Die Verbildlichung ist sehr stimmungsvoll, das lyr. Du schafft es, das brache Niemandsland, also (die Gedankenwelt) des lyr. Ich mit einem Zauber zu überziehen, der die Leben der beiden damit verbindet. Diese Welt des lyr. Ich’s scheint bisher niemand erreicht zu haben (Niemandsland). Dass diese Berührung erfolgreich ist sagt das „im Sein verfangen“. Die traumgetränkten Weiher, die als eine Decke genutzt werden, gefallen mir sehr. Einerseits lassen sie auf volle Gedankenseen schließen, andererseits lassen sie auch an Augen erinnern. Und sie schaffen es, dass mit dem ersten Vers eine Morgenstimmung aufkommt. Die Grundstimmung ist hier eher besinnlich positiv.
Doch deine lichten Lebenstropfen sanken
durch tote Erde, die nur fruchtbar schien
und trafen schliesslich auf Granitgedanken,
um zu verdunsten - in Gefühlskopien.
Sofort wird die positive Haltung, mit der ich hier ankomme, von dem “doch“ gebrochen, mit einem einzigen Wort. Das Bild der befruchtenden Weiher wird umgekehrt, denn die Tropfen sinken ein, um an der verhärteten Welt des lyr. Ich’s zu scheitern. Die sichtbare Oberfläche (Erde) der Innenwelt des lyr. Ich’s sei nur eine Tarnung. Die Lebhaftigkeit nur Täuschung, es sei eigentlich tot. Und so können die Gedanken und Gefühle des lyr. Du nichts ausrichten und verpuffen an dieser Härte. Die Gefühle, die vom lyr. Ich wohl gezeigt wurden sind nur Kopien, waren nicht echt.
Versetz dem Leid - dem nie erhörten Warten,
den letzten Dolch, bevor dein Licht verweht!
Verlass mit letzter Kraft den Kummergarten,
der kalt und leblos meine Kreise dreht!
Hier stört mich der „Dolch“ etwas, er verweist zwar auf den Dolchstoß, das aber so direkt, dass nun der „~stoß“ da auch stehen sollte.
Der Abschluss ist ein trauriger und bittet das Du zu gehen. Und doch:

Hier wird wirklich gejammert. Behauptete doch eben noch das lyr. Ich, es sei verhärtet und echter Regung nicht fähig, so bettelt es hier. Nicht um sich (jedenfalls nicht direkt) aber es fordert das lyr. Du auf, um der eigenen Rettung wegen die Welten des lyr. Ich’s schnell zu verlassen, bevor es sich weh tut. Damit (auch wenn es „kalt und leblos“ ist) hat sich aber das lyr. Ich verraten. Es fühlt sehr wohl mit und zeigt es hier. Ich bin und bleibe Romantikerin und schließe mit dem Gedanken, dass steter Weihertropfen den Granitstein sehr wohl höhlen könnte.
Insgesamt ein Gedicht, dass es schafft, den Kummergarten des Titels schön weiter auszumalen und eine trauriger, verzweifelte Selbstsicht auf das lyr. Ich bietet. Etwas für traurige Stunden, es sei denn man heißt Anke und liest immer etwas Positives heraus. Die gewählten Klänge unterstützen die jeweiligen Stimmungen sehr gut, weiche Konsonanten für die erste Strophe. Härtere Konstruktionen für die beiden anderen. Auch die Lautketten gefallen mir sehr gut, sie geben dem ganzen einen zusätzlichen Halt und verleihen den Worten auch innerhalb der Verse Wiedererkennungscharakter. Ein wirklich schönes Gedicht.
Sehr gern „seziert“

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liebe Grüße
Anke