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Andvari

Intermediate

Date of registration: Jan 29th 2005

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1

Monday, August 15th 2005, 10:04am

Kummergarten

Kummergarten

Du legtest eine Decke traumgetränkter Weiher,
ein reines Band, auf braches Niemandsland,
und hülltest es in einen feinen Schleier,
der sich im Sein verfing und uns verband.

Doch deine lichten Lebenstropfen sanken
durch tote Erde, die nur fruchtbar schien,
und trafen schliesslich auf Granitgedanken,
um zu verdunsten - in Gefühlskopien.

Versetz dem Leid - dem nie erhörten Warten,
den letzten Dolch, bevor dein Licht verweht!
Verlass mit letzter Kraft den Kummergarten,
der kalt und leblos meine Kreise dreht!

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2

Monday, August 15th 2005, 4:09pm

Hallo Andvari,

aus metrischer Sicht durchaus ein ansprechendes Werk, dass inhaltlich jedoch schwer zu durchdringen ist, was auch daran liegt, dass du einige semantisch unlogische Verse erstellt hast.

S1V1: Was ist eine Decke traumgetränkter Weiher? Ich kann eine traumgetränkte Decke nachvollziehen oder eine Decke in einem traumgetränkten Weiher, was sich jedoch semantisch von ersteren komplett unterscheiden würde, aber eine Decke traumgetränkter Weiher? Man kann es natürlich als Genitiv sehen, was implizieren würde, dass die Decke aus traumgetränkten Weihern besteht, jedoch ist das schwer ersichtlich.

Strophe 2:
Ich versuch's mal ganz nüchtern. Wenn also die Lebenstropfen durch die tote Erde sinken und dann erst auf Granitgedanken stoßen, frage ich mich doch, was die Gedanken unter der Erde machen? Wieso hast du die Gedanken unter die Erde geschickt und wieso sind sie dann auch noch aus Granit? Es könnte natürlich sein, dass das zeigen soll, dass die Gedanken verkümmert und nicht mehr zu gebrauchen sind, aber sie deswegen unter die Erde zu packen, halte ich für eine eigenartige Metapher. Dass die tote Erde fruchtbar ist, ist ein Paradoxon, das ebenfalls Absicht sein könnte, aber auch verwirrt. Wenn die Erde tot ist, kann sie doch nicht mehr fruchtbar sein? Wenn die Erde tot ist, dann ist sie zu nichts mehr gebrauchen, ist überdüngt, oder es wurde falsch darauf angebaut (ohne Brache), so dass der Boden wertlos (tot) ist. Wie soll darauf noch etwas blühen?
Die Gefühlskopien sind ein schickes Kompositum, aber ich kann nichts mit ihnen anfangen. Worauf beziehen sie sich? Ist die tote Erde eine Gefühlskopie und wenn ja, wovon denn? Eine Gefühlskopie der Gefühle, die das lyrische Du empfindet? Ich weiß es nicht.

Strope3:
Jetzt sprichst du von Leid. Welches Leid? Anscheinend empfindet das lyrische Du Leid und das lyrische Ich will dem lyrischen Du helfen, dass Leid zu mindern. Nur welches Leid empfindet es? Ein Leid über ein unerfülltes Leben, eine schreckliche Vergangenheit, oder ein Leid über eine wortlose Einsamkeit, die das lyrische Du nicht erfassen kann? Du sagst es mir leider nicht.
Das Warten kann hier nun das Warten auf die Erlösung von welchem Leid auch immer sein.
S3V2: Wie kann Licht verwehen? Das ist eine sehr kühne Metapher, aber bei längerer Betrachtung aber gelungene Metapher. Das verwehende Licht bezeichnet hier somit die aufziehende Dunkelheit, die das lyrische Du zunehmend umgibt.
S3V4: Hier implizierst du, dass sich das lyrische Ich ebenfalls im "Kummergarten" befindet. Somit erzeugst du hier eine gewisse Ambivalenz. Auf der einen Seite rät das lyrische Ich dem lyrischen Du, den Kummergarten zu verlassen und sich wahrscheinlich wieder der Sonnenseite des Lebens zu zuwenden. Es sorgt sich also um das lyrische Du. Auf der anderen Seite befindet sich das lyrische Ich selbst im Kummergarten, wodurch es sehr selbstlos wirkt und sich anscheinend vordergründig um die Probleme anderer kümmert. Was die eigenen Probleme angeht, so verschweigt es diese. Mir fällt hier sofort der Film "Die fabelhafte Welt der Amelie" ein. Kennst du den Film? Auch hier ist die Protagonistin selbstlos und kümmert sich vornehmlich um die Probleme ihrer Mitmenschen.
Aber auch hier befindet sich eine eigenartige Formulierung. Wenn du bereits von Kreisen sprichst, musst du dann noch erwähnen, dass sie sich drehen? Merkt man denn überhaupt den Unterschied, ob sich Kreise nun drehen oder nicht? Und was sind denn die Kreise des lyrischen Ichs? Ist dem lyrischen Ich schwindlig? Kommt das durch den Kummergarten? Fragen über Fragen, die das Gedicht leider nicht beantwortet, aber vielleicht dem Verständnis des Gedichtes dienen könnten.

Fazit: In den ersten beiden Strophen hast du teilweise recht ungelenke Formulierungen, was es mir erschwerte, einen Sinn darin zu erkennen. Allein in der letzten Strophe sehe ich eine Abhandlung eines Problems. Hier ist es die Bitte, sich nicht unterkriegen zu lassen und jedem Problem die Stirn zu bieten. Es gibt immer eine Lösung, wenn man es will. Selbstmitleid stürzt dich nur tiefer in's Leid. Und wenn ich dieses Fazit aus der letzten Strophe ziehe, gefällt mir dein Gedicht auch. Wenn ich die ersten beiden Strophen auf die letzte hätte beziehen können, hätte es mir vielleicht sogar noch mehr gefallen. ;)

Liebe Grüße

Hojaro

Andvari

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3

Monday, August 15th 2005, 5:57pm

Hallo Hojaro!

Zunächst mal: Ich finde Audrey Tatou einfach hinreissend und wenn ich ihre Rehaugen sehe schmelze ich glatt dahin. In „Le fabuleux déstin d’Amelie Poulain“ ist sie einfach umwerfend...

Äehm, also da sind wir uns offensichtlich einig. Bei meinem Gedicht sieht dies offenbar schon ein wenig anders aus ;). Ob du’s nun glaubst oder nicht: ich war doch tatsächlich der Meinung, dass sich die Aussage des Textes dem Leser recht klar darlegt. Ein gigantischer Irrtum, wie ich an deinen ausführlichen Erläuterungen und den Fragen ablesen kann. Vielen Dank schon mal dafür.

So wie ich das sehe, entstehen eigentlich alle deine Widersprüche aus der Grundmetapher in Strophe 1 (natürlich recht blöd für mich ;)) . Deshalb sage ich mal was dazu (ich find’s zum Glück nicht mal so peinlich, Überlegungen zum Text darzulegen...) und versuche meine Welt der Strophe 1 kurz zu darzulegen:

Zur Syntax: Ich lese es so, wie du es bei deiner Genitiv-Bemerkung andeutest

Das lyr. Du legte eine Decke, die aus traumgetränkten Weihern besteht, auf braches Niemandsland. Diese Decke legte sich wie ein schmales Band auf das weite brache Land und hüllte es in einen Schleier (z.B. feuchter Nebelschleier - passend zu den Weihern), der sich im Sein (d.h. im Leben) der beiden Protagonisten verfing und sie verband.

Was hier offensichtlich zu hermetisch daherkommt (würde mich interessieren, ob es jedem Leser so ergeht) sind die Bilder „traumgetränkte Weiher“ und das „brache Niemandsland“. Ich hatte vermutet, dass V4 die Richtung vorgeben würde: Der Schleier des lyr. Du hat sich im Leben der Beiden verfangen und sie verbunden. Ich dachte, es würde den Schluss nahe legen, dass die „taumgetränkten Weiher“ des lyr. Du (z.B. Lebensträume) das Leben in das karge Niemandsland (in die Gefühlswelt) des lyr. Ich brachten.

Also das brache Niemandsland (als Hauptmetapher) könnte z.B. für die Gefühlswelt des lyr. Ich stehen.

Übrigens, in Strophe 2 steht ja: tote Erde, die nur fruchtbar schien, löst dies deinen Widerspruch nicht auf?

Mmm, würde mich interessieren, ob sich dadurch (wie ich vermute) viele Fragen verflüchtigen. Ich habe eine komplette persönliche Sicht zum Gedicht geschrieben (das mache ich häufig, um zu sehen ob das Ganze wenigstens für mich konsistent ist ;)), aber die lasse ich lieber hier mal weg. Ich kann sie ja im Notfall reinkopieren ;).

Wäre wirklich schön, wenn du dich noch mal kurz äussern könntest.

Herzlichen Dank für deine Intensive Beschäftigung mit dem Text und deine Rückmeldung

Gruss

Andvari

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4

Monday, August 15th 2005, 7:32pm

Erneutes Hallo,

Ähem ich fand Tautou ebenfalls bezaubernd, ich glaube jeder fand sie bei "Amelie" bezaubernd, nech? ;) Hast du den neuen Film mit ihr gesehen, hoppla ich wollte nicht abdriften vom Ursprungsthema. :D

Einige meiner Fragen sich tatsächlich geklärt, zumindest jene in der ersten Strophe und der scheinbare Widerspruch in der zweiten Strophe, den ich tatsächlich nicht bemerkt habe. Jetzt ist mir einiges klarer geworden. Nur die Fragen in der dritten Strophe bezüglich des Leides sind noch nicht beantwortet, aber das hängt auch von der Interpretation ab, nicht vom semantischen Verständnis. Hier liegt es also an mir.

Übrigens, du kannst ja deine Ansichten mal hereinstellen, deine Intention würde mich schon interessieren. Lass es ein Notfall sein. :D

Grüße,

Hojaro

Andvari

Intermediate

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5

Tuesday, August 16th 2005, 11:12am

Hallo Hojaro,

Den „neuen“ Film mit A. Tatou habe ich (noch) nicht gesehen. Ich habe ein wenig Angst, dass mein illusorisches Bild von Ihr zerplatzen könnte ;)

Ich mach’ nun mal genau das, was eigentlich verpönt ist: ich gebe meine eigenen Interpretationsansätze wieder.

Ich denke, der Autor hat (gleichberechtigt mit allen anderen Lesern) auch das Recht, darzulegen, wie er sich den Text einverleibt - nur ist dies dann nicht die „richtige Aussage“ des Gedichtes, sondern einfach eine mögliche unter sehr vielen. Also los:

Strophe 1 siehe oben – snip – (lyr. Ich ~ brachliegendes Niemandslansland, lyr. Du überzieht das Leben des lyr. Ich mit seiner Decke aus „traumgetränkten Weihern“)

Strophe 2

Doch deine lichten Lebenstropfen sanken
durch tote Erde, die nur fruchtbar schien,
und trafen schliesslich auf Granitgedanken,
um zu verdunsten - in Gefühlskopien.

Die hellen, lebensspendenden Tropfen (Bildebene: z.B. Tropfen der Weiher, die in den Boden sickern) sinken tief in die (Gedanken-)Welt des lyr. Ich und durchdringen sie. Sie treffen aber nur auf tote Erde, die für das „Du“ lediglich für fruchtbar gehalten wurde.
Da die Erde für die Gefühls- und Gedankenwelt des lyr. Ich steht, wird hier durch die tote Erde, die Granitgedanken (steinern, kalt, hart) und die Gefühlskopien die Unmöglichkeit der Beziehung beschrieben. Es scheitert am lyr. Ich. An dessen Unfähigkeit, jemandem (dem lyr. Du) echte Gefühle entgegenzubringen (Gefühlskopien), an dessen unveränderlichen Härte und den versteinerten Gedanken und daran, dass die Gefühlswelt des Ich „tot“ ist.
So lösen sich „Lebenstropfen“ des Du auf – sie verdunsten und vermögen den Zustand des „Ich“ nicht zu verändern.

Strophe 3

Versetz dem Leid - dem nie erhörten Warten,
den letzten Dolch, bevor dein Licht verweht!
Verlass mit letzter Kraft den Kummergarten,
der kalt und leblos meine Kreise dreht!

Die Lage wird in S1 und S2 durch das lyr. Ich geschildert. Das „Ich“ nimmt sich selbst also als unfähig wahr, Gefühle dem anderen gegenüber zu offenbaren – es sieht sich selbst als tote Erde und es hält sich selbst für den Grund allen Übels. Es hat das „Du“ in den „Kummergarten“ gezogen, der wie ein Teufelskreis das Leben des Ich bestimmt (seine Kreise dreht).
Es fleht daher das „Du“ an, sich zu befreien und den Kummergarten des lyr. Ich zu verlassen.
Die Bitte verlassen zu werden sehe ich hier nicht als selbstlose Tat, sondern als Resignation.
Ein „Ich“ also das aufgegeben hat.

Man kann es sicher auch ganz anders lesen, aber für mich ist es so irgendwie schlüssig ;). Ich begann mit einer kleinen Geschichte, habe diese verdichtet und verbildlicht und in eine Form gebracht. Vielleicht war dies hier eine bildliche Überdosis und das Ganze ist zu sehr chiffriert...

Freundlichen Gruss

Andvari

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6

Wednesday, August 17th 2005, 1:31pm

Hallihallo,

ich bin ehrlich gesagt überrascht über deine Deutung deines Gedichtes. Ich kann ja nur die dritte Strophe mit meiner Deutung vergleichen, doch schon da tun sich ja teilweise wahre Abgründe zu meiner Deutung auf. Ich hätte vielleicht das lyrische Du mehr in meine Deutung mit hineinbringen sollen, so dass es nicht so einseitig (nur aus der Sicht des lyrischen Ichs) wirkt.
Auch die Deutungen der ersten und zweiten Strophe sind logisch und gut gesetzt. Das tut mir jetzt ein bisschen Leid, das ich in diesen beiden Strophe gar nichts deuten konnte, da sie mir zu chiffriert waren. :(
Ich habe vielen Dank für diese Deutung, ich sehe also, was noch möglich gewesen wäre. ;)

Liebe Grüße

Hojaro

Andvari

Intermediate

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7

Wednesday, August 17th 2005, 7:15pm

Hallo,

Ich sollte vielleicht dem Gedicht ein metaphorisches
Dechiffrier- und Übersetzungsbüchlein beifügen ;)

Gruss und herzlichen Dank für die Auseinandersetzung

Andvari

therzi

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8

Sunday, August 21st 2005, 10:41pm

Hallo Andvari, :)


hier also meine Analayse zu Deinem Kummergarten; ich habe die Interpretation zuvor nicht gelesen, um mir den Spaß nicht zu verderben; sollte ich etwas wiederholen, so bitte ich um Nachsicht. Vorab sei gesagt, dass mir das Gedicht sehr gefällt und dass es Spaß gemacht hat, sich damit so nahe zu beschäftigen. Es ist von den verwendeten Formen und seinem Inhalt anspruchsvoll, aber es stellt inhaltlich nicht vor allzu große Rätsel, so dass es für mich ein Lesegenuss ist.


Die Form:

(Bis auf eine Ausnahme) Fünfhebiger Jambus mit abwechselnd weichen und harten Kadenzen. Das bewirkt, dass die Verse sich nicht zu sanft, dafür fließend rhythmisch lesen lassen. Das Ende der einzelnen Strophen hallt nach (durch die harte Kadenz und den optischen Abstand), aber es verbindet sich gleichzeitig auch im Alternieren ( X…x) sehr gut mit der nächsten Strophe. Gefällt mir.

Metrik mit Anmerkungen zu positiv Aufgefallenem z.B. Gleichklängen und Lautwiederaufnahmen oder sinnverwandten Worten:

xXxXxXxXxXxXx (die eine Hebung stört nur optisch!) Du - Decke = Konsonantenaufnahme
xXxX|xXxXxX band – brach – land; sehr schön! (kurzes Zögern, weil eine Hebung fehlt, s.o., dadurch Zaesur beim Komma)
xXxXxXxXxXx reines (V2) feines
xXxXxXxXxX sich – sein und verfing – verband;
sanfter Strophennachklang durch die weiche Wortwahl

xXxXxXxXxXx Doch- deine und Licht – Leben; sehr schön; tropfen - lässt die Stimmung sinken und findet sich in sanken, gut gemacht
xXxXxXxXxX durch – Doch (V1) schien – licht (V1) - fruchtbare Erde ist ein gutes Bild
xXxXxXxXxXx trafen und Granit; sehr gut gemacht, viel Reibung; hartes schliesslich
xXxXxXxXxX(x) (da kann man sich streiten) um – zu – dunst, Klang wird sehr hart , knallige K im letzten Wort
dunkler „knorriger“ Strophennachklang

xXxXxXxXxXx das erste Wort ist angenehm hart; hörten - warten, sehr schön
xXxXxXxXxX den – Dolch; synästhetisches Licht verweht, fein (unschöne Konstruktion bei Dolch)
xXxXxXxXxXx Kraft (knackig) - Kummergarten
xXxXxXxXxX kalt (ist auch kalt) – Kreise

Reim: ABAB CDCD EFEF ausnahmslos sauber, Niemandsland/verband und schien/~kopien fallen angenehm auf, ob wohl ich eigentlich ko-pi-en sagen würde…

Zum Inhalt:

Quoted

Kummergarten


Der Titel ist ein feines Wortkonstrukt, das gleich auch die Tendenz des Gedichts sehr schön umreißt. Ich denke an Trauerweiden und an Efeu und an dunkelgrün. Die Kombination von Kummer und Garten lässt automatisch auch an Jammer denken, das finde ich gut gemacht.

Quoted


Du legtest eine Decke traumgetränkter Weiher,
ein reines Band, auf braches Niemandsland,
und hülltest es in einen feinen Schleier,
der sich im Sein verfing und uns verband.

Mich stört die Überlänge des ersten Verses etwas. Er hemmt nicht wirklich, da er ja als erster Vers dort steht, und ich verstehe, dass es sonst schwierig gewesen wäre, den schönen Reim Weiher/Schleier in dieses Gedicht zu bringen und das wundervolle Bild der „traumgetränkten..“, aber vielleicht fällt Dir da noch etwas besseres ein?
Die Verbildlichung ist sehr stimmungsvoll, das lyr. Du schafft es, das brache Niemandsland, also (die Gedankenwelt) des lyr. Ich mit einem Zauber zu überziehen, der die Leben der beiden damit verbindet. Diese Welt des lyr. Ich’s scheint bisher niemand erreicht zu haben (Niemandsland). Dass diese Berührung erfolgreich ist sagt das „im Sein verfangen“. Die traumgetränkten Weiher, die als eine Decke genutzt werden, gefallen mir sehr. Einerseits lassen sie auf volle Gedankenseen schließen, andererseits lassen sie auch an Augen erinnern. Und sie schaffen es, dass mit dem ersten Vers eine Morgenstimmung aufkommt. Die Grundstimmung ist hier eher besinnlich positiv.

Quoted


Doch deine lichten Lebenstropfen sanken
durch tote Erde, die nur fruchtbar schien
und trafen schliesslich auf Granitgedanken,
um zu verdunsten - in Gefühlskopien.

Sofort wird die positive Haltung, mit der ich hier ankomme, von dem “doch“ gebrochen, mit einem einzigen Wort. Das Bild der befruchtenden Weiher wird umgekehrt, denn die Tropfen sinken ein, um an der verhärteten Welt des lyr. Ich’s zu scheitern. Die sichtbare Oberfläche (Erde) der Innenwelt des lyr. Ich’s sei nur eine Tarnung. Die Lebhaftigkeit nur Täuschung, es sei eigentlich tot. Und so können die Gedanken und Gefühle des lyr. Du nichts ausrichten und verpuffen an dieser Härte. Die Gefühle, die vom lyr. Ich wohl gezeigt wurden sind nur Kopien, waren nicht echt.

Quoted


Versetz dem Leid - dem nie erhörten Warten,
den letzten Dolch, bevor dein Licht verweht!
Verlass mit letzter Kraft den Kummergarten,
der kalt und leblos meine Kreise dreht!

Hier stört mich der „Dolch“ etwas, er verweist zwar auf den Dolchstoß, das aber so direkt, dass nun der „~stoß“ da auch stehen sollte.
Der Abschluss ist ein trauriger und bittet das Du zu gehen. Und doch: ;) Hier wird wirklich gejammert. Behauptete doch eben noch das lyr. Ich, es sei verhärtet und echter Regung nicht fähig, so bettelt es hier. Nicht um sich (jedenfalls nicht direkt) aber es fordert das lyr. Du auf, um der eigenen Rettung wegen die Welten des lyr. Ich’s schnell zu verlassen, bevor es sich weh tut. Damit (auch wenn es „kalt und leblos“ ist) hat sich aber das lyr. Ich verraten. Es fühlt sehr wohl mit und zeigt es hier. Ich bin und bleibe Romantikerin und schließe mit dem Gedanken, dass steter Weihertropfen den Granitstein sehr wohl höhlen könnte.

Insgesamt ein Gedicht, dass es schafft, den Kummergarten des Titels schön weiter auszumalen und eine trauriger, verzweifelte Selbstsicht auf das lyr. Ich bietet. Etwas für traurige Stunden, es sei denn man heißt Anke und liest immer etwas Positives heraus. Die gewählten Klänge unterstützen die jeweiligen Stimmungen sehr gut, weiche Konsonanten für die erste Strophe. Härtere Konstruktionen für die beiden anderen. Auch die Lautketten gefallen mir sehr gut, sie geben dem ganzen einen zusätzlichen Halt und verleihen den Worten auch innerhalb der Verse Wiedererkennungscharakter. Ein wirklich schönes Gedicht.


Sehr gern „seziert“ ;),
liebe Grüße
Anke
therzi - the painter

Die Malerei ist stumme Poesie, die Poesie blinde Malerei. (Leonardo da Vinci)

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