Das Wetter, so herrlich sonnig wie es zuvor die Tage war, hielt auch heute an. Ich entschloss mich, (da Anna letzten Abend, wie ich vermute, als ich schlief ohne Antwort sich davonschlich) kurzerhand die Burg P. – die keine zwei Stunden von hier entfernt auf einem Hügel lag, allein zu besichtigen. Als die Sonne im frühen dämmernden Morgen hinter den Hügeln zum Vorschein trat und die Gegend erleuchtete, die in stiller Ruh gleichmäßig lag; und als dann der über den Abend aufkommende und über die Erde sich niedergelegte Nebel, der im Sonnenscheine sich vom Boden gar langsam verflüchtigte, vor meinen Augen schwamm, und als ich in einem Atemzug die frische, klare und reine Morgenluft einsaugte; so war es mir, als ob ich in Wahrheit noch schlafen und träumen würde, weil ich keine Erinnerung daran hatte, jemals so einen Morgen mit ganzer Seele gefühlt zu haben. Ich glaubte in ihm den willkommenen Gruß zu erkennen, den Tag nach meinem Plan zu machen, dadurch ich in meinen Absichten, nach der Burg zu gehen, bestärkt wurde. Ich kann mich nicht an einen Tag erinnern, an dem mir die ganze Herrlichkeit und Schönheit der Natur so offensichtlich ins Auge schien. Es mag wohl keine zwei Stunden vergangen sein, als ich den Berg erreichte, und den Weg betrat, der nach oben zu der Burg führte. Ich mochte gewiss eine Einviertelstunde hinauf mich bemüht haben; und wie steil es hinauf ging, das magst du mir nachfühlen, denn ich kam vor das Tor, ganz außer Atem. Zwei Türme hatte die Burg, die eher nach einer Ruine aussah, die im Ganzen allerdings sich gut gehalten habe. Ich betrat den Hof und fand da eine Gesellschaft vor, die Tee trank und Kuchen aß und sich bei bester Laune vergnügte. Ich setzte mich an einen freien Tisch, und bestellte bei der feinen Dame eine Erfrischung. Ich guckte so umher, ohne an etwas festzuhalten, und war auch bald in den Gedanken vertieft. Anna! – war der Gedanke, dem ich unaufhörlich folgte, und der mich doch immer im Kreise laufen ließ. – Die gnädige Dame unterbrach meinen Gedankenfluss, als sie kam, und das kühle Bier neben mich stellte. Das Bier schmeckte vorzüglich gut, und es war erfrischend wohl. Kaum hatte ich auch das Bier leer getrunken, so lockte mich bald die Vorstellung, wie die Aussicht wohl vom Turm aus sei. Es ging die Treppen aufwärts, um zur Turmspitze zu gelangen. Johann, du hättest selbst diesen Anblick vom Turm aus in die Weite sehen müssen, um dir das verständlich zu machen, welchen Genuss ich unter den Betrachtungen hatte. Wenn unten im Tal die Wälder und Dörfer und aneinandergereihte Felder und Wiesen, in dem kleinen Maßstab vor meinem Auge lagen, und ich doch bemerkte, wie dieses so planmäßig und geordnet nebeneinander stand, wie sorgfältig an den Straßenrändern, die Gefahr vorbeugend, die Bäume abgehauen wurden, und wie doch alles das sich an mein Auge drängte; dieses Ganzes, das in einem Augenblick lag, und weil gerade alles keine Bewegung hatte, kam mir das wie ein fein gemaltes Bild vor eines Künstlers, das ich gerade betrachte, und das meine Sinne täuschte. – Und doch! – war’s nicht auszusprechen, mit keinem Ton und keinem Wort, was für eine Wirkung das alles auf mich hatte. –
Ein verliebtes Pärchen, wie ich es an allerlei intimen Dingen sah, kam herauf und gesellte sich neben mich. Es fiel mir auf an dem jungen Mann, die schöne und bewusst kombinierte Mode, die er trug, und deshalb Geschmack verriet. Er trug braune Haare und an ihm war eine gesunde Blässe zu sehen. In seinen Augen, wie ich es sehen konnte, lag eine Traurigkeit und eine Sehnsucht, wie ich sie noch nie zusammen gehen gesehen; außerdem wechselten sich auch noch widersprüchliche Kräfte darin, die aber merkwürdigerweise in wechselseitiger Wirkung in einem angenehmen Leuchten in der Iris wie Sterne am Nachthimmel aufgingen. Die Blässe war der jungen Frau auch anzusehen, und unter ihren so fröhlichen Augen, lagen im Widerspruch die Ringe in einer schwachen bräunlichen Farbe, die auf eine Müdigkeit, die sich über ein Jahrzehnt fortzog, hin deutete. An der angenehmen freudvollen und schnell daher redenden Stimme der jungen Frau sowohl als auch an der ruhigen und nach den richtigen Worten suchenden des jungen Mannes, wie ich es im Gespräch heraushörte, da er etwas langsamer sprach als sie, glaubte ich zwei Studenten vor mir zu haben. Sie beide wurden mir mehr und mehr interessant, denn die junge Frau war so heiter als keine andere, und so lauschte ich bewusst hin, und war neugierig zu erfahren, worüber sie wohl sprachen. Mein erster Eindruck über die beiden bestätigte sich, wie ich die beiden reden hörte über den allgemeinen Bau der Burg, und insbesondere über die Vermessung derselben. Es fiel bald das Thema über die Beschaffenheit der Burg und die Qualität der Steine; und bald suchten sie sich jene abgelebten Zeiten zu vergegenwärtigen, und das Bild von der vergangenen Zeit, das ein jeder ganz anders in seinem Geist hatte, trachteten sie durch eigene Vorstellungen sich gegenseitig zu ergänzen. Ich hätte mich nur allzu gern zu ihnen gestellt und mit ihnen Worte gewechselt. Es ward mir schwer mich von dem Anblick der Beiden zu trennen. Ich stieg wieder hinab und nahm den gleichen Weg wider zurück, den ich hergekommen war. Wie ich die Straße so zügig entlang schritt, fiel mir stets das vergnügte Pärchen ein, und ich konnte nicht um das Gefühl des Neides umhin, das in mir aufkam, weil ich mich so gern an deren Stelle mit Anna gesehen hätte. Ach Johann, wohin ich auch mit der besten Zuversicht mich entschließe zu gehen, werde ich, kurz oder lang, doch immer auf Annas Fehlen aufmerksam gemacht;und ist dieses Missverhältnis, dieses Leid in meinem Leben nicht vielleicht wie das berühmte Haar in der Suppe?