Friday, May 25th 2012, 10:50am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

shuya

Trainee

Date of registration: Dec 23rd 2011

Posts: 32 wcf.user.activityPoints: 205

1

Monday, January 30th 2012, 12:04am

verdrängung

der gedanke der mir, lichterloh brennend oder strahlen, lichtsiebe
dass mir kindheit entgegen, die brandung / keiner funktion mehr
bedacht, mit / nichts belehrendes, kein fingerzeig der mutter oder
die weihnachtsgeschenke so offensichtlich auf dem wandschrank versteckt
ein ungeniertes spiel mit meiner neugier, dass mir selbige verleidete
fand ich viel später erst heraus. ich habe erinnerungen an das reh in meiner
küche, fast vergraben, wie es hilflos, in ewige überraschung gefroren
mich anstiert als solle ich es retten vor meinem fleischer von papa
seine messer sind immer scharf, er teilt knochen und gewebe und auf den
brettern, für fleisch die, dass ich allabendlich essen sollte, manchmal fand
ich, er heilte dann los an mir vorbei ins bad, ein stück finger dort, neben
den stolzen messern. ein stück finger vor dem abendessen.

vadim hat sich um-
gebracht

die pistole, welche er auf fotos immer so stolz in die kamera zeigte,
meine zitternden hände, dass seine liebe zu mir ihn überwältigen könnte
und er abdrückt, kam mir oft. dieses mädchen, ich habe ihren namen irgendwo
aufgeschrieben habe ich, sie schlief mit ihm, ist aber auch tot mittlerweile.
alles in allem bleibt nicht mehr viel von ihnen übrig ausser ein paar anekdoten
von bukowski und kerouac, die ich in sentimentalen barkbankbesäufnissen
vor mir herschiebe, wie unerledigte aufgaben. glaube ich fest an das was
ich mich selbst nenne, eine identifikation von mir weg zur marke hin einem
sozialisierten branding. meine angst vor gegenwärtigkeit
das profil zu verlieren
ich mache mich - extern - zu einem gemüse
oder woher rührt dieser mangel an dramatik, den ich in der gegenwart verspüre
dass alles auf gerade einmal die nötigsten emotionen reduziert und im vergleich
zu einem kinobesuch so ausgekühlt wirkt. in meiner wohnung zieht es,
ich zünde mir eine zigarette an um den winter zu vertreiben, ein gängiges ritual
welches ich so selbstverständlich betreibe, dass ich es fast schon gar nicht
mehr wahrnehme. dass mir auch alles so unbeholfen aus dem mund fallen muss
dieses rinnsal an worten, so sorgsam zurückgekämpft, nie oder nein, selten
aber sorgfältig ausfomuliert. wie ermüdend ich auf mich wirke, mit diesem
verquerulantem selbstbild von weltschmerz auf dem rücken.
mein herz hat ein leck und es rinnen wahllos teilhaftigkeiten oder halbwahr-
heiten in meinen magen. klavki sagte, bevor er starb sagte oliver,
mein geist ist ein magen.
tropfen welche ich in ihre bestandteile seziere, neurotisch oder euphorisch
auf der suche nach einer weltformel, die mir das alles erklärt, wie man
die konstruktion fallen lässt, nicht irgendwie sondern einfach ist, bis man
keine festen eigenschaften mehr hat, nur gegenwärtige und dass alles nur jetzt
passiert. weil ich vor jahren eine tür, eine echt, öffnete und der geruch
von verbranntem menschenfleisch wieder da war und alles tagelang so latent
danach roch, dass ich nichts mehr essen konnte ohne zu kotzen oder laura
die sagte, ich liebe dich, das heisst ich liebe dich und nicht ich will dich
dass mir das alles so scheisse nah ging, dass ich aus reflex schon wie betäubt
war. ich erinnere mich an einen keller im krieg und dass der krieg öffnungs
zeiten hatte und um achtzehn uhr war die straße leer und die schweine kamen
überall waren da schweine, und in deutschland tauben überall, dunkel und hell
irgendetwas mit einer melone war da noch und affen die mich angreifen, ein
kleiner weisser tiger mit dem ich mich kabbele und der film reisst im kino
stille weicht raunen, unerwartetes beeindruckt, EINE LANDMINE er führt mich
da war auch nichts dabei: der zug hielt an und fuhr nicht mehr weiter.
irgendwie war man dann da drin, nicht? das kann immer mal passieren: der zug
hält an und.. fährt nicht mehr weiter.

WE ARE SORRY; THERE IS WAR OUTSIDE; FIGHTING; THIS TRAIN CAN NOT GO ON
PLEASE LEAVE IMMEDEATLY.

was das so? habe ich englisch sprechen können, mit fünf sechs oder vier ich
kann mich nicht erinnern wann oder wo das war. schwer einzuschätzen
(ob ich in meinem drang mich auszudrücken eher for- oder demoliere.
dieses gewaltpotential dass zu einer art kreativer energie wird ich habe
angst es einzubüssen wenn ich mich nur mal damit auseinandersetze also eine
so mächtige und beeindruckende besonderheit zu verlieren nicht mehr vielgespalten
zu sein dann farblos und unwahrnehmbar bis ich verschwinde dass das
prisma, welches mich zerreisst notwendig sei, zum erhalt meiner selbst.)




---------------------------------------------------------------------------------------------
hierbei handelt es sich um einen auszug einer semesterarbeit für mein kunststudium,
die arbeit selbst war natürlich deutlich umfangreicher, beinhaltet ein buch und umfasst noch diverse interviews
ich habe sie nie fertig gestellt und das material ist circa 2-3 jahre alt, das hier ist die erste seite des 40-seitigen buchs.

Hazel

Moderator

Date of registration: Sep 14th 2003

Posts: 802 wcf.user.activityPoints: 4,445

Location: München

Occupation: Germanistik-Student

2

Monday, January 30th 2012, 2:09am

Ich wollte es gerade schon verschieben. Es geht schon in starke Prosarichtung, auch wenn sehr viele lyrische Elemente eingebaut sind. Überleg dir vielleicht nochmal selbst, ob diese Kategorie die richtige für deinen Text ist.

Ich habe an vielen Stellen Rechtsschreibfehler beim Überfliegen gesehen. Heute geh ich aber nur noch ins Bett. Gute Nacht und bis Morgen :-)
Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.

findefuchs

Intermediate

Date of registration: Dec 14th 2010

Posts: 109 wcf.user.activityPoints: 580

3

Monday, January 30th 2012, 3:32pm

Hallo shuya,

interessant wäre zu erfahren, was das Thema dieser Arbeit war. Geht es darum darzustellen, wie ein (Kriegs-)Trauma einen Menschen zur multiplen Persönlichkeit aufspaltet, um auf vielen Ebenen am Trauma vorbei zu agieren und einen Überlebensversuch zu machen?
Das stelle ich mir in der Länge sehr interessant vor, auf der Bühne besonders, aber es wäre auch den Versuch wert, es stringent zu verdichten und als Lyrik auszuarbeiten. So, wie der Text dasteht, gebe ich Haze recht, der lyrische Anfang verliert sich. Auch ein Verzahnen der Switches zur jeweils anderen Persönlichkeit des Hauptakteurs, stelle ich mir als wichtigste Aufgabe des Textes vor (falls ich richtig liege und es stimmt mit der multiplen Persönlichkeit). Ich sehe sie, zumindest für mein Empfinden, bereits interessant angelegt.

Soweit. Nur einige Einstiegsgedanken.

finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

shuya

Trainee

Date of registration: Dec 23rd 2011

Posts: 32 wcf.user.activityPoints: 205

4

Monday, January 30th 2012, 4:26pm

experimentell an dem text ist vermutlich die arbeitsweise, der das buch zugrunde liegt.
der titel verdrängung ist zugleich das thema,
die arbeit besteht wie oben gesagt aus einem buch, mehreren interviews, einer vertonung des buches als hörbuch (unterlegt mit einem antiken spinett, dass an einen gitarrenverstärker angeschlossen war und auszügen vom bbc radio)
sowie einer performativen lesung, die im abschluss statt gefunden hat
- dem theater war das ergebnis schon sehr nahe.

die arbeitsweise:
der text, alle texte,
wurden ohne abzusetzen, ohne pause oder nachdenken und ohne korrekturen
an der schreibmaschine getippt
eventuelle illustrationen mit der typografie wurden ebenfalls im schreibfluss über abkleben
die arbeit mit letrasets oder über durchdrucke bewerkstelligt (diese sieht man dann natürlich hier nicht)

alle texte sind autobiografisch und behandeln, wirr und zeitlich unsortiert, erinnerungen, ängste oder gedanken
denen ich im alltäglichen leben seit jahren keinen raum lasse und die mich daher nicht beschäftigen
sondern beeinflussen.
das ding kann als eine art tagebuch meiner konfrontation damit betrachtet werden.

- interviews wurden ohne thematischen rahmen geführt (kann mal eins hochladen bei bedarf)
es gab keinerlei vorgaben für die interviewten, oder mich, es gab auch keine fragen
sogesehen waren es also eher gespräche, mit unklarem ausgang.


@finde
du hast einen weiteren text aus dem buch schon gelesen und kommentiert.
Für J.
dieser hier ist auch im selben prozess entstanden und unkorrigiert sowie ohne veränderung von mir abgetippt worden.

über eine verdichtung denke ich auch schon länger nach
ich habe hunderte solcher seiten hier rumfliegen
und gerade beim packen für meinen umzug locker 300 weggeworfen (unser papiermüll muss besonders interessant gewesen sein letzte woche.)
ich ziehe das in erwägung und sollte ich etwas produzieren, wird es auch definitiv in andere kategorien als die der experimentellen lyrik fallen

hier noch einen, den ich irgendwann mal digitalisiert habe und der den etwas wüsten ansatz vielleicht besser illustriert:

Quoted

it all catches up on you when you slow down"

mein trippelschritt
stakkkkato
die zerwürfnisse & anwendungsbereiche
'outrace the speed of pain'
schmelztiegel ERINNERUNG
die konzentration meiner worte
fühle mich ausgeschlachtet in der letzten
zeile
alles kommt zurück
vom trip in die entropie
und jedes zerbrochene glas wird wieder zusammenwachsen
zusammen wachsen,
das hat uns geprägt,
die ähnlichkeit in der wahl der gedanken und im
fehlen von persönlichkeiten,
genüsslich haben wir pfirsiche gestohlen in einem sommersterben
haben wir die blätter und dornen von unserer kleidung gerupft
uns zierlich zu betten, im angenehmen erschöpfen aller kräfte
verlägen wir uns da
hätten wir
täte das hier jetzt wohl mehr weh
nicht wahr?
(kein leben geht zu weit)

ich glaube daran, alles was uns ausmacht kann nur sterben sein
fehlt uns doch der raum für entwirrung
kenne ich mich auch nicht besser als du selbst mich nennst bei namen
oder dankbarkeit, kosewörter

alles führt zurück auf den widerstand
gedankenvenen
wie strom zu lindern
das herausnehmen aller widerstände aus der platine ästhetik
das denken endgültig aufzugeben
das ich nicht als eine wunde sehen
sondern als chance begreifen
wäre das auflösen
aller struktur
lass uns chaos gewähren
den zusammenhang der koordinate entheben
hiesse nie wieder angst davor, auseinander zu fallen
sinn ergibt sich nie forciert
beständigkeit ist keine regel

alles löst sich auf.

shuya

Trainee

Date of registration: Dec 23rd 2011

Posts: 32 wcf.user.activityPoints: 205

5

Monday, January 30th 2012, 4:34pm

Quoted

es gelingt mir nicht
meinem wortschatz eine alternative abzuringen
für zeit.
es ist eine ruhige suche
wie auf opium
müde
aber angeregt
oder interessiert zumindest.
ich sah einen verhungernden hund
gleichgültig im müll wühlen
es schien gleichzeitig sinn zu machen
essen zu suchen
während es keinen sinn ergab.
ich wäre ihm gern nachgetrottet
hätte ihm
ein wenig zugesehen
beim sterben
aber er ging mir zu langsam
oder starb nicht schnell genug

Quoted

bücher gilben mir in den fingern
vergeht zeit nach
dem nämlichen prinzip
mein herzschlag als takt
formt dehnt
meine gefühle
oder der satz stumpf
in die szene genuschelt
wie verkappt
zwischen wollen und machen
gibt es einen ort
namens trotz

mein herz
ein metronom
diktiert
mir die taktung in den pausen
wo keine zeiger drehen
hebe ich meine innere stimme
gibt es einen ort
dem ich raum lasse.

Quoted

die nahtstelle gottes, im universum hier zwischen haaren im wind
muss doch irgendwo etwas aufzureissen sein, diese betörenden speichel
fäden zwischen ihren zähnen, der offene mund so wenig angriffsfläche
irgendwo muss da doch nocht etwas sein.
irgendwo da muss doch
die nahtstelle des universums die zwischen herbstblättern muss doch
eine lösung damit alles fällt im detail der wand rauhfaser ein beständig
es suchen einer damit ich endl ich
die nahtstelle göttlichen wirkens da muss doch irgendwo
etwas sein eine wo ich meine hände reinbrechen und das alles
die nahtstelle göttlichen wirkens im universum überall muss der
zugenähte nabel die narbe göttlichen schaffens wo alles eine nährlösung
irgendein dogma die antwort muss doch etwas sein dass ich

ich muss dir doch irgendwie helfen.
uswuswuswusf

so, zum thema verdichten und hier wirds ja spannend
auszüge, vorschläge,
besonders starke bilder, die nach mehr, die nach zusammenhang und verbesserung und ein wenig brüten
schreien?
gibt es irgendwo einen moment, der euch sehnen lässt, ein wort, eine zeile, einen absatz,
es, sie, ihn woanders im dafür geschaffenen oder essieihn bettenden kontext noch einmal zu sehen?

wenn ja, ich werds gern versuchen
und die bruchstücke meiner erinnerung
in hübsche gewänder kleiden.

findefuchs

Intermediate

Date of registration: Dec 14th 2010

Posts: 109 wcf.user.activityPoints: 580

6

Tuesday, January 31st 2012, 6:31am

Guten Morgen,

so ganz spontan sehe ich einen dicken, roten Faden und das ist ein einziges "Trotzdem".
Sinngemäß schreibst Du irgendwo im Text: "alles, was uns ausmacht ist sterben" und auch "zwischen wollen und machen

gibt es einen ort

namens trotz". Genau. Denken, so viel denken, wie das Gehirn überhaupt hergibt, das Gehirn ausquetschen, auslaufen lassen, verbiegen, zermartern, sich stetig fragen, andere fragen, Hauptsache einen Versuch unternehmen, das "Warum" des Sterbens" zu ergründen und damit die skurrile Idee am Leben zu erhalten, vielleicht ein Gegenmittel aus dem Hirn zu pressen...das ist m.E. die Kernaussage all dieser Fragmente, welche dann auch als Grundlage für eine verdichtete Version dienen könnte. Nur mal so, muss ja nicht stimmen...

finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

Similar threads

wcf.user.socialbookmarks.titel