Friday, May 25th 2012, 9:48am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

1

Thursday, January 5th 2012, 8:04pm

Fremdschämen in der Lustoase

Dienstag

Arjeta versuchte nicht zu lachen. Sie versuchte, sich auf den Regen zu konzentrieren, der rhythmisch gegen das Fenster schlug. Auf das Flackern der kaputten Lampe über dem Bett. Das eingewachsene Haar am Oberschenkel, welches ständig juckte. Alles andere, nur nicht den alten Mann, der vor dem Bett auf allen Vieren kroch, dabei ihr Höschen über den Kopf gezogen hatte und Geräusche machte, als wäre er eine trächtige Sau. Es fiel ihr schwerer, als man denken sollte.
Dardan hatte keine solchen Probleme wie Arjeta. Er konnte vor der Videoübertragung in dem kleinen Kämmerchen im Erdgeschoss sitzen und ungehemmt lachen, ohne dabei zu befürchten, einen gut zahlenden Stammkunden vor den Kopf zu stoßen. Dies wiederum hätte Konstandin verärgert. Und Konstandin gehörte nicht zu jenen Menschen, die man leichtfertig verärgerte.
Atjeta versuchte also ernst zu bleiben, während der Alte weiterhin mit ihrem Höschen über dem Kopf so tat, als würde er sich im Dreck suhlen. Arjeta hofte, er würde sich nicht allzusehr vergessen und auf den Boden urinieren, wie es schon einige Male vorgekommen ist. Das fand sie nicht so lustig. Eher widerlich. Unsagbar widerlich, wenn sie ehrlich war.
„Grunz du Schwein.“, rief Arjeta und rammte dem alten Mann den Absatz ihres linken Pumps in die Rippen. Nicht zu hart. Damit es keine blauen Flecken gab. Aber doch so fest, dass der Alte es spürte und zu quieken begann. Dreißig Minuten später war die Show vorbei. Ohne dass Arjeta den Alten tatsächlich hätte anfassen müssen. Das erledigte er alles selber. Er wollte nur, dass man ihm dabei zusah. Ihn hin und wieder schalt und schlug. Das war alles. Nur Lachen. Das mochte er nicht.
„Lach mich ja nicht aus.“, hatte er zu Arjeta gesagt, als er bei ihrer ersten Termin nackt vor dem Bett stand. Arejtas Strumpf über Augen und Nase gezogen. Etwas in seiner Stimme teilte Arjeta mit, dass es tatsächlich besser wäre, nicht zu lachen. Etwas Hartes. Unerbittliches. Etwas, das verriet, dass dieser Mann das Befehlen gewohnt war. „Du kannst alles zu mir sagen, was du willst. Du kannst mich schlagen. Du sollst mich sogar schlagen. Aber lach mich nicht aus.“ Arjeta dachte an Konstandin. An sein Lächeln. Die vielen, weißten Zähne, die er im Mund trug. Die Drohungen, die sie verhießen. „Du dumme Sau.“, schrie sie. „That´s the spririt.“, der Alte klatschte und ließ sich dann auf alle Viere sinken um zu grunzen.
Dardan beobachtete neidisch den silbernen Mercedes, der vom Parkplatz des „Pascha“ fuhr. Er beobachtet Arjeta dabei, wie sie sich duschte. In den anderen Zimmern war Flaute. Nicht ungewöhnlich für Dienstag Abends. Die Mädchen saßen alle an der Bar und tranken Soda aus ihren Sektflöten. Es war kurz vor elf. Wenn bis zwei kein Kunde mehr kam, hatte Dardan die Erlaubnis vom Chef, den Laden dichtzumachen.
„Na du bist aber eine süße Schweinehirtin. Und so süsse Titchen. Wenn das mal nichts ist!" verkündete Dardan über die Gegensprechanlage des Zimmers, als er sah, dass Arjeta aus dem Badezimmer kam. „Fick dich.“, formten die stummen Lippen des Mädchens auf dem Bildschirm und Arjeta streckte Dardan den Mittelfinger in die Kamera, die so hinter der Wandverkleidung angebracht war, dass die Kunden sie nicht bemerkten. „Das kannst du dir nicht leisten Schätzchen. Nicht einmal mit dem dicken Trinkgeld von dem Macker eben. Komm lieber runter und schau, dass du wieder auf deinen Posten kommst, du kleine Schlampe. Du bist hier schließlich nicht im Urlaub. Und bring die Scheine mit.“
Arjeta und Dadan waren Jugendfreunde. Er hatte ihr den Posten im Pascha verschafft. Klar, er hatte sie angelogen, als er sie aus ihrer Heimatstadt geholt hatte. „Komm nach Wien.“, hatte er am Telefon verkündet. „Ich habe hier einen tollen Job für dich, als Hausmädchen bei einer reichen Familie. Damit kannst du die gesamte Familie in Trush ernähren.“
Als sie dann ankam, hatte er ihr den Reisepass weggenommen. Hatte sie zu Konstandin gebracht, der sie vergewaltigt hatte und ihr dann seine Initialen mit dem Messer in den Oberschenkel schnitt.
„Hey.“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, nachdem er fertig gewesen ist. „Spürst du das? Ich liebe dich so sehr, dass ich jedem zeigen will, dass du zu mir gehörst. Na. Ist das etwa nichts? Und merke dir eines: enttäusche mich nicht. Wer weiß, wozu ich mit einem gebrochenen Herzen fähig wäre.“
Trotzdem war Arjeta Dardan nicht mehr böse. Nicht wirklich. Das Leben hier fand sie mittlerweile nicht so schlecht. Sie hatte sich daran gewöhnt. Was blieb ihr auch anderes übrig? Fliehen stand außer Frage. Konstandin hatte gedroht, ihre Familie töten zu lassen, wenn sie floh. Sich umbringen? Das hatte sie hinter sich. Hat nicht funktioniert. Schlussendlich verstand sie sich gut mit den anderen Mädchen. Sie konnte sich jede Menge Kleider und Schmuck kaufen. Dinge, von denen die Frauen zuhause nur träumten. Sie schickte ihrer Familie jede Woche Geld. Geld, welches sicherstellte, dass ihre Mutter und ihre beiden kleinen Brüder zu essen hatte. Und Medizin, wenn sie krank wurden.
„Kommst du jetzt?“, wiederholte Dardan in das Mikro.
„Te qifsha nonen“, flüsterte Arjeta und war froh, dass Dardan sie nicht hören konnte.
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

2

Friday, January 27th 2012, 3:54pm

uuuunnnddd stop;
ichh atte schon beim Schreiben das Gefühl, dass ich mich der Geschichte vom falschen Blickwinkel nähere die falschen Felder beleuchte und die falschen Figuren einsetze; ich versuche es jetzt Mal anders; die Geschichte soll die gleich werden, das wie versuche ich diesmal mit etwas mehr selbsterfahrung und adäquaterer form zu spicken;

und, versuch die zweite;

1.

Ich sitze auf der Anhöhe und betrachte verwaschene Silhouette der Stadt. Ich denke, dass es an der Zeit ist, eine Ich Geschichte zu erzählen. Das mit dem Anfang fällt mir nur etwas schwer. Ich weiß nicht genau, wo und wie ich ihn setzen soll. Aber wenn ich sie jetzt nicht erzähle, dann kommt gar nichts mehr. Und irgendetwas muss doch noch kommen. Etwas außer Winter. Ich denke, ich beginne mit dem Winter.
Der Winter ist auch nicht mehr, was er mal war. Keine verschneiten Landschaften. Keine Schneemänner und zugefrorene Seen. Sogar die Vogelhäuser, die ihn den kahlen Zweigen hängen sind nur leere Holzschachteln ohne Bewohner. Schaukeln sacht im kalten Wind. Ohne all diese Dinge ist der Winter nur eine graue Masse aus sich ähnelnden Lichtverhältnissen. Dunkel und kalt. Vor Weihnachten leer und verlogen. Zu Weihnachten Magenschmerzen, weil ich zu viel gefressen habe. Und jetzt im Jänner vor allem still und verlassen.
Jeder Morgen im Winter beginnt für mich mit einer Frage: Lohnt es sich wirklich, heute aufzustehen? Hinauszugehen? Was versäume ich, wenn ich es nicht tue? Und weil ich die Antwort darauf kenne und mich mittlerweile auch etwas davor fürchte, lasse ich diese Frage zumeist unbeantwortet. Stehe rasch auf, bevor ich den Zeitpunkt versäume, ab dem es dann unmöglich wird, das Bett zu verlassen. Unterdrücke die Versuchung, mich heute krank zu melden. Zuhause zu bleiben und den ganzen Tag lang durch die schmutzigen Scheiben zu starren, an den welken Zweigen des Rhododendrons vorbei, auf die Fassade des hellbraunen Hauses auf der anderen Straßenseite, die still vor sich hin bröckelt und dabei das kahle Ziegelwerk darunter offenbart.
Verzeihen sie bitte, wenn ich sie jetzt schon langweile. Ich weiß schon, dass Geschichten sich tunlichst vor dem lamentieren hüten sollten. Vor dem eintönigen Dahinplätschern, während sich der Ich-Erzähler unverstanden und unglücklich durch die Welt quält, und ihm eine einfache Erkenntnis fehlt: Ich bin nichts Besonderes, in meinem Bestreben, besonders zu sein. Ich bin wie alle anderen auch. Aber ich verspreche, dass noch etwas anders kommt, außer diesen trüben Aussichten und einfarbigen Kontemplation. Es muss ja auch notgedrungener Weise noch etwas anders kommen, sonst wäre diese Ich Geschichte hier zu Ende, bevor sie begonnen hat. Wäre es kaum wert, erzählt zu werden. Wäre noch nicht Mal eine Geschichte, sondern nicht mehr, als diese Winter heutzutage, die es kaum noch wert sind, Winter genannt zu werden.
Ich bin also einsam. Soviel haben sie bestimmt mitbekommen, in meinen ersten Ausführungen. Wobei einsam nicht ganz das Wort ist, das wirklich beschreiben könnte. Ich bin verzweifelt. Ich denke oft an den Tod. Mir fallen jeden Tag unzählige Dinge ein, die ich noch erleben möchte, bevor ich sterbe. Verblasse. Bevor es so ist, als wäre ich nie hier gewesen. Auch wenn das zugegebenermaßen momentan meine Vorstellungskraft übersteigt, dieses nie hier gewesen sein. Immer wenn ich daran denke, wie sich das wohl anfühlen könnte, entschlüpft mir die Vorstellung und wird verdrängt von dem kalten Gefühl der nackten Panik, die mich würgt.
Ich bin Mitte Dreißig. Mein halbes Leben liegt hinter mir. Und war jetzt nicht so toll, nüchtern betrachtet. Zumindest nicht so, wie man sich das allgemein vorstellt, wenn man noch um die zwanzig ist und große Träume hat, von dem, was man werden wird, was man erleben wird. Nichts davon ist eingetreten. Keiner dieser Träume hat sich erfüllt. Und das, obwohl man mir nicht vorwerfen kann, dass ich nicht fest genug daran geglaubt hätte. Nicht dafür gearbeitet hätte. Und ich spreche jetzt nicht von den Träumen, die von Anfang eher unwahrscheinlich und aus der Luft gegriffen wirkten. Die als unerfüllbare Jugendträume abgetan werden könnten. Nein, ich spreche durchaus auch von den einfachen, schlichten Dingen. Den Dingen, die sich alle Menschen wünschen. Bei denen jeder das Gefühl hat, er hätte sie verdient. Liebe zum Beispiel. Geborgenheit. Eine Familie.
Okay. Es ist jetzt wohl an der Zeit tatsächlich mit der Geschichte zu beginnen, bevor sie gänzlich das Interesse verlieren. Der Winter ist kalt, das Leben ist hart. Wir haben verstanden. Also Schluss damit. Ich habe ja jetzt, den Anfang, der mir so schwer fiel. Es ist Winter. Meine letzte Freundin hatte ich vor fünf Jahren. Ich hasse meinen dummen Job, der meine Wohnung bezahlt und mich satt macht. Ich bin genau wie Sie. Oder wie jemand den Sie kennen. Jemand, von dem Sie im Normalfalle keine Geschichte lesen würden. Aber täuschen Sie sich nicht. Diese Geschichte könnte Sie durchaus interessieren.
Vor drei Monaten war ich das erste Mal bei einer Prostituierten. Da war es Oktober. Noch Herbst. Aber auch schon ziemlich trüb und dunkel. Suela. Gekostet hat es mich dreihundert Euro und viel von meiner Selbstachtung. Davor hatte ich fast fünf Jahre keinen Sex. Es war also an der Zeit, auch wenn ich dafür bezahlen sollte. Aber das ist nicht wirklich der Anfang, das ist die Kulisse, wenn sie so wollen. Viel wichtiger ist die Tür, die dieser Besuch in mir aufgestoßen hat. Und warum es nicht möglich ist, sie wieder zu schließen, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt.
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

findefuchs

Intermediate

Date of registration: Dec 14th 2010

Posts: 109 wcf.user.activityPoints: 580

3

Friday, January 27th 2012, 6:32pm

Hi,

Vorschlag:

Versuch 1: Piaf - Milord Titel

Versuch 2: Lediglich die letzten vier Zeilen. Textkörper

Das genügt und sagt auch alles.

Was meinst Du?

finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

4

Saturday, January 28th 2012, 7:42am

hallo findefuchs;

danke fürs kommentar, du musst aber bitte ein bisschen weiter ausholen, sonst bleibt mir der eine oder andere inhal selbigens verschlossen;

meinst du, dass ich die position der letzten vier zeilen an den anfang verschiebn soll und dann den restlichen textkörper einfüge? oder meinst du, dass ich nur die letzten vier zeilen nehme und dann mit der eigentlichen geschichte beginnen soll?

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

findefuchs

Intermediate

Date of registration: Dec 14th 2010

Posts: 109 wcf.user.activityPoints: 580

5

Sunday, January 29th 2012, 10:18am

Hallo Erik,

guten Morgen. Was mir als Leserin an dieser Geschichte auffällt, ist, dass Du zwar Figuren auf die Bühne schickst und sie handeln lässt. Hier endet jedoch weder Versuch 1, noch Versuch 2, sondern Du beginnst, die Handlungen zu werten, indem Du sie für den Leser rechtfertigst, erklärst, was zu diesem Handeln führte, damit implizierst, dass es nicht "normal" ist, was widerum dem Leser eine ganz bestimmte Moralvorstellung unterstellt. Das bedeutet, Du legst Dich und Dein Publikum extrem fest und holst die Protagonisten schnell wieder in das zurück, was Du glaubst, dass die Leser und Du für akzeptable Verhaltensweisen halten, right?
So, was ich sagen möchte: M.E. ist es interessanter, Figuren handeln zu lassen und Punkt. Zeig einfach, was sie tun, nicht mehr, nicht weniger. Dann bleibt sehr viel Raum. Du könntest also beide Versuche bis zu den Erklärungen stehen lassen, oder Du bist so kühn, meinem Vorschlag zu folgen, tatsächlich nur einen Titel und die letzten 5 Zeilen zu nehmen. Damit hättest Du eine stark verdichtete Geschichte, in der auch alles drinsteckt. Nur muss man sich dort die beiden Seiten denken - und das widerum ist eleganter, als die Details vorgeführt zu bekommen. Letztlich darf der Leser sich dann auch eine eigene Meinung bilden, frei von der bislang enthaltenen, vorgefertigten Moralvorstellung.

Gruß finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

6

Sunday, January 29th 2012, 11:12am

Hallo findefuchs;

Da mitdem Leser in den Kontakt zu treten ist nicht unbedingt uninteressant. Dass man im allgemeinen die Figuren nur spielen lässt und sie nicht den Kontakt zum Rezipienten suchen um sich auf keinen Leser festzulegen ist klar (wobei auch schon lange andereWege gegangen werden). Dass ich ein bisschen gewürfelt habe, und dem Leser Moralvorstellungen unterjuble ebenso. Wobei ich das natürlich im Laufe der Geschichte progressiv veranstalten würde und den Kontakt zum Leser ebenso ändern würde (eben auch eine gefärbte Beziehung des Lesers zur Figur so zu erzeugen - die in Symphatie und Antipathie niederschlagen kann) in Inhalt und Art und Vorurteil, wie die Entwicklung der Figuren voranschreitet oder eben ach nicht.

Die Geschichte sitzt nach wie vor nicht, auch das ist mir klar. Ich werde sie wahrscheinlich noch öfter schütteln müssen, bevor ich das habe, was ich will. Das ist auch der Grund, warum ich oberflächlich eine so leicht zu behandelnde Geschichte gwählt habe mit Milieu und so.

Ich seh diese Geschichte auch nicht unbedingt als etwas, was fertig und zwangsmässig gut werden muss. Sondern etwas Experimentelles (habe ich oben geschrieben) in dem ich dieses und jenes versuchen kann/werde und dann schaue, was das genau für Auswirkungen hat. Eben auch mich als Former der Gecshichte ein bisschen auszuspielen versuche.

Deinen Vorschlag werde ich deshalb nicht aufgreifen, da wäre ja dann das Ding fertig und ich könnte nicht mehr damit spielen :)
Ausserdem hätte ich diese Art der Geschichte soweiso anders aufgezogen.

Danke für dein Kommentar. Work in progress!

mfg
Erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

wcf.user.socialbookmarks.titel