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findefuchs

Intermediate

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1

Tuesday, January 24th 2012, 8:53pm

Kraut

Bussarde kreisen über harten Winterfeldern.
Der Frost plastiniert krausen Kohl,
um den Krähen stolzieren,
bis hin zu gefrorenen, kahlen Stellen am Rain
bist du vor den Tieffliegern in die Hocke gegangen
in deinem verwaschenen Tellerrock -
hast flugs den damit bedeckten Kohl gehamstert,
um uns über den Winter zu bringen.
Kleine kahle Stellen blieben im Feld zurück,
vertraute, fast heilige Inseln -
meine Hand war so warm in deiner
verfluchten Schublade liegt kein Dosenöffner,
nichts drinnen
auf dem Küchentisch steht eine Dose Rotkohl.
Verschlossen.
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

Babac

Master

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2

Tuesday, January 24th 2012, 10:24pm

hallo findefuchs,

weg mit dem rotkohl in der dose und her mit dem naturprodukt, dieser hat noch echten geschmack :-) ich hätte da noch einen vorschlag, ich weiß aber nicht, ob's dir gefällt, oder ob's zum gedicht überhaupt dazu gehört. was würdest du halten, wenn man aus dem kohl, ein weißkohl machen würde? und dann hätte ich noch eine sache, folgende nämlich: "um den Krähen stolzieren" wenn ich mich nicht irre, dann ist dieser satz im aufbau grammatikalisch nicht ganz richtig oder? oder ich habe es nicht richtig gelesen.
ansonsten ein schönes starkes bild.

grüße,
babac

findefuchs

Intermediate

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3

Wednesday, January 25th 2012, 6:26am

Moin Babac,

danke für Deinen Kommentar. Ich freue mich darüber. Sagst Du mir, warum Weißkohl, statt Rotkohl? Meinst Du, der Weiße würde die Reinheit dieses Seelenbildes stärker transportieren?
Bitte stups mich noch auf die Stelle, welche Du als falsche Grammatik entdeckt hast. Ich möchte sie gerne ausbessern.

Schönen Tag und Gruß

finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

Babac

Master

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4

Wednesday, January 25th 2012, 9:06am

hmmm...jetzt, wo der abend vorbei ist, der nächste tag angebrochen ist, sehe ich, dass alles seine ordnung hat...zum zweiten anliegen würde ich sagen: durchaus.

grüße,
babac

Perry

Lyrisches Licht

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5

Wednesday, January 25th 2012, 11:12am

Hallo finde,

ein wenig bringt mich der Text in die karge Zeit der Kriegsjahre, in denen so mancher froh war auf den abgeernteten Feldern noch Verwertbares zu finden. Das LI könnte ein Kind sein, dass die Mutter dabei beobachtet.
Was mich etwas aus dem Bild wirft, ist der Schluss mit dem Dosenöffner und der Rotkohldose, der die Szene für mich irgendwie kippt, bzw, ad absurdum führt (gewollt?), weil es unnötig erscheint, vereisten Kohl zu holen, wenn Dosenkohl vorhanden ist. Einzige Erklärung für mich wäre, dass sich die Mutter nicht mehr ganz zurecht findet.
LG
Perry
PS: Der Tellerrock ist ein schönes modisches Bild, das aber nicht so ganz zur Jahreszeit und "Feldarbeit" passt.

Hazel

Moderator

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6

Wednesday, January 25th 2012, 1:24pm

Ich schließe mich hier Perry voll und ganz an. Ich dachte auch erst an ein (Nach)kriegsszenario und war dann ein wenig hilflos mit der Rotkohlsdose. Diese knochige, notdürftige Atmosphäre am Anfang hat sehr viel Tiefe, die sich nach hinten in einer eher oberflächlichen Satire verliert. Du könntest ja mal als komplett anderes Gedicht ein anderes Ende suchen, dass die Stimmung beibehält. Würde mich sehr interessieren :-)

Liebe Grüße, Hazel
Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.

findefuchs

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7

Wednesday, January 25th 2012, 4:25pm

Hallo zusammen,
@babac: Da bin ich aber froh, dass ich gerade mal noch so bestanden hab'! Grüßle und danke für Dein Nachspüren.

@Perry: Du liest die Zeit heraus, die ich heraufbeschwören wollte. Es freut mich, dass ich meine Intension dem Leser transportieren konnte. Der Tellerrock jedoch: Doch, ich glaube, dass meine Urgroßmutter einen Solchen hatte. Ich erinnere einen enormen Radius, der wie mit dem Zirkel gezogen war, wenn sie so hockte. Es war kein modisches Teil, ein Alltagsrock...,

@Hazel
danke auch Dir für Deinen Kommentar, der besonders im ersten Teil der Stimmung des Textes genau nachspürt. Diese Stimmung war und ist nicht zu halten. In ihrem Verlust liegt ihr Geheimnis und gerade der Schock über das Verwaistsein, macht die szenische Rückblende so schmerzlich und die Gegenwart so skurril.

Gruß finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

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8

Thursday, January 26th 2012, 12:58am

...bleibt blaukraut

Entfremdung in der spätkapitalistischen Warenflut: Der Kohl steht auf dem Tisch, nicht kalt, nicht gefroren, keine Todesangst, kein Sichdurchschlagen. Aber die metallene Dose macht auch den Supermarktkohl unerreichbar, wenn man keinen Dosenöffner hat.
Bei aller Kälte: war damals die Hand warm in deiner; heute - schimpf ich mit dir: kauf doch einfach mal nen neuen Dosenöffner für die verfluchte Schublade jetzt!

Bei mir ist es übrigens auch immer der Rotkohl, den ich mit der Großelterngeneration assoziiere. :)
Hat ja auch den Beinamen Blaukraut (siehe Titel: "Kraut"); Rot/Blau sind mit warm/kalt assoziiert, die ja im Gedicht auch ne Rolle spielen... Das Blaukraut kommt natürlich auch toll mit Brautkleid, und das hat ja auch schon wieder was mit dem Tellerrock zu tun!
Viel Raum für neue Bedeutung also... Sprich: bitte lass es Rotkohl sein!

Nach "Küchentisch": käme bei mir kein Komma; bei dir: nur, wenn's bewusst so sein soll... ;)

Oliver T

findefuchs

Intermediate

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9

Thursday, January 26th 2012, 6:19am

Hallo Oliver,

Ja. Rotkraut bleibt Rotkraut, bleibt, was es war, behält die warme ( = rote ) Kraft, innere Bezüge heraufzubeschwören, die im Heute metallisch verschlossen und somit unzugänglich sind. Du hast meinen Gedanken sehr treffend nachgespürt. Danke für Deinen Kommentar - und klar, das Komma nach dem Küchentisch muss weg. Ich hab's gleich verbessert.

Gruß

finde
Auch wenn die Katz' gerade einen Kanarienvogel gefressen hat, kann sie deshalb dennoch nicht singen.

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