Zwischenkapitel 1
Auftritt Orpheus and the Sirens
Erstes Lied der Sirenen : Sysiphos
Einst war der eitle Sysiphos der König von Korinth.
Er log und stahl, verführte gar Laertes spähtre Braut.
Er nahm sie sich und machte ihr ein heldenhaftes Kind,
Wo er doch selbst ein Schurke war, dem keine Seele traut.
Den Herrn der Welt, den Donnergott, erzürnte er aufs Blut
Weil er verriet, dass dieser Bock Aigina erlag.
Drum schickte Vater Zeus den Tod, zu bringen Höllenglut.
Doch Sysiphos hielt Thanatos in einem Eisensarg.
Mit einem Mal starb niemand mehr, die Welt war Zombieland,
Da kam der Kriegsgott Ares bald zum dummen Sysiphos
Besiegte ihn und löste schnell des Todes Zauberband.
Der Sysiphos, der üble Lump erhielt den Todeskuss.
Im Tartaros der Unterwelt, plagt man das Sünderpack.
Für Sysiphos fiel Hades bald die schlimmste Strafe ein.
Nicht Streckbank oder Galgenstrick, auch nicht den Prügelsack,
Nur ewge Arbeit, sinnentleert, ein Mann, ein Hang, ein Stein
Bis Rollobot 3000 kam, so fies kann Strafe sein.
Kapitel 2: Dionysische Freuden
Eine Kneipe .
Sysiphos, Tantalos, Prometheus, Arno, Dionysos, einige Danaiden, darunter Autonoe
DIONYSOS: Noch einen?
SYSIPHOS: Klar, spielt ja eh keine Rolle, oder?
DIONYSOS: Bitte sehr.
SYSIPHOS: Einen schönen Laden hast du hier. Hübsch und einladend, nicht wie dieser Dreck da draußen. Ich sage dir, mit dem ganzen Tartaros geht’s langsam vor die Hunde. Erst schmeißen sie einen raus und dann muss man sich von einem Mixer anhören, man wäre eine faule Sau, die gar nicht arbeiten will! Dabei will ich!
TANTALOS: Prost Alter, auf die Arbeit.
SYSIPHOS: Was ist denn mit dir los?
TANTALOS: Noch einen, Dionysos !
DIONYSOS: Denkst du nicht du hast schon genug, Tantalos?
TANTALOS: Genug? Genug? Gibt es so was überhaupt? Genug? 3000 Jahre hab ich versucht zu schlucken, ich hab es wirklich versucht. Ich hab mich abgerackert, aber es war nie genug. Es war einfach nie genug. Noch einen!
DYONYSOS: Sie haben ihn rausgeschmissen. Ineffizienz, hieß es.
TANTALOS: Ineffizienz! Die spinnen doch, Ineffizienz. Das war doch Kunst, das sollte doch so sein!
DIONYSOS: Seine Aufgabe war es, an einen Baum gebunden in einer Quelle zu stehen und nach Wasser zu lechzen, aber sie haben die Stelle weggekürzt.
SYSIPHOS: Weggekürzt?
DIONYSOS: Einsparungen, man kann sich dieses Kulturzeug nicht mehr leisten. Die vermeintlich Unnötigen werden weggestrichen. Das geschieht jetzt überall. Was glaubst du warum ich eine Kneipe aufgemacht habe, mein Theater wird auch nicht mehr subventioniert.
TANTALOS: Zu teuer, sagen sie, ich bin ihnen zu teuer geworden. Warum machen sie die Unterwelt nicht ganz dicht, wenn das alles zu teuer wird. Einfach den komplette Drecksladen schließen und dann stirbt halt keine Sau mehr. Dass die da oben dann in Menschenmassen ersticken, kann denen hier unten ja scheißegal sein. Noch einen!
SYSIPHOS: Da trinke ich mit, Alter. Wirklich nicht zu fassen, was sich diese Bosse raus nehmen. Erst schikanieren sie uns mit ungesunder Knochenarbeit und dann werfen sie uns weg wie Abfall. Ich dachte schon, ich wäre ein Einzelfall.
DIONYSOS: Ein Einzelfall? Wo denkst du hin: Siehst du den Kerl da drüben? Das ist Prometheus. Sein Job war es, an einer Felswand zu hängen und sich von einem Adler die Leber fressen zu lassen.
SYSIPHOS: Iiiih.
DIONYSOS: Ja, aber es war sein Job und dann kam dieser Herakles an, dieser Fatzke vom mittleren Management, und sagte dem armen Kerl, er würde nicht mehr benötigt.
SYSIPHOS: Nicht mehr benötigt? Ist der Vogel tot?
DIONYSOS: Nein, irgend so eine Firma stellt wohl jetzt ein spezielles Adlerkraftfutter her. Das ist gesünder als jeden Tag Leber und es entstehen keine Reinigungskosten.
TANTALOS: Es lebe der Fortschritt!
SYSIPHOS: Und jetzt säuft er sich hier die Hucke voll? Ohne Leber?
DIONYSOS: Na, eine besondere Leuchte ist er nicht, unser Prometheus.
SYSIPHOS: Und was ist mit den Mädels da drüben?
DIONYSOS: Die Kleine in der Mitte gefällt dir, nicht wahr? Lass bloß die Finger weg. Das sind die Danaiden. Die haben alle ihre Männer auf dem Gewissen. Die letzten dreitausend Jahre waren sie Wasserabfüllerinnen in einer Fabrik. Sie mussten Wasser in einen löchrigen Krug füllen.
SYSIPHOS: Und was ist passiert?
DIONYSOS: Was wohl, man hat den Krug flicken lassen. Wasser ist eine kostbare Ressource geworden. Man muss ökologisch damit umgehen.
SYSIPHOS: Nicht zu fassen, jetzt ist schon die Umwelt wichtiger als Arbeit
DIONYSOS: Naja, wichtig und richtig ist das ja schon.
SYSIPHOS: Ich dachte Arbeit ist das halbe Leben
TANTALOS: Und die andre Hälfte auch.
SYSIPHOS: Genau, so bin ich erzogen worden. Ich weiß gar nicht, was das alles soll. Warum der ganze Fortschritt, wenn er uns nur Scherereien bringt? Wenn Fortschritt bedeutet, dass wir alle vor die Hunde gehen, nutzen uns die geretteten Eisbären auch nichts.
Ach was solls. Ich versuch mal mein Glück bei der Kleinen.
TANTALOS: Viel Erfolg. Noch einen, Dionysos.
SYSIPHOS: Hey Süße, ich fühle mit dir.
AUTONOE: Soll das ein Anmachspruch sein? Sei lieber vorsichtig, ich habe meinem Mann den Kopf abgehackt.
SYSIPHOS: Ich habe eine versprochene Frau geschwängert und dann den Tod in Ketten gelegt, jeder hat so seine dunklen Flecken.
AUTONOE: Ich bin Autonoe.
SYSIPHOS: Mich nennt man Sysiphos.
AUTONOE: Ich habe von dir gehört.
SYSIPHOS: Nur Gutes, hoffe ich.
AUTONOE: Sie sagen, du hast dich mit Zeus angelegt und dass du ein Schwein und Verführer bist.
SYSIPHOS: Also wirklich nur Gutes. Stehst du auf Schweine und Verführer?
AUTONOE: Kommt auf das Verhältnis an.
SYSIPHOS: Verhältnis?
AUTONOE: Darauf, wie viel Verführer im Schwein steckt.
SYSIPHUS: Willst du es herausfinden?
AUTONOE: Erzähl mir von dir!
SYSIPHOS: Immer dieses Gerede. Ich war der König von Korinth, dann Steineroller und jetzt bin ich arbeitslos.
AUTONOE: Und ehrlich!
SYSIPHOS: Sinnlos das zu verheimlichen, außerdem weiß ich, dass es dir nicht anders geht. Wir haben viel gemeinsam. Wir wurden beide verraten und verkauft.
AUTONOE: Ach weißt du, ich bin eigentlich froh, dass sie es getan haben.
SYSIPHOS: Froh? Die haben dir deine ganze Existenz weggenommen, einfach so und du freust dich darüber?
AUTONOE: Wenn meine ganze Existenz darin bestand, Tag für Tag wie eine Idiotin zu schuften, kann es damit nicht so weit her gewesen sein.
SYSIPHOS: Der Mensch muss doch arbeiten.
AUTONOE: Warum?
SYSIPHUS: Weil, äh, was?
AUTONOE: Warum soll ich den ganzen Tag Wasser abfüllen, obwohl mein Job eigentlich unnötig ist. Warum sollst du dich beim Steinerollen abplagen, wenn das auch Maschinen erledigen können?
Dieses ganze Konstrukt der Arbeit, diese Notwendigkeit, die da erschaffen wird, ist überhaupt nicht existent. Das ist doch alles nur eine dumme Erfindung, um uns unter Kontrolle zu halten. Arbeit, so wie uns das hier vorgegaukelt wird, ist vollkommen unnütz. Arbeit muss doch einen Sinn machen, sie muss doch jemandem nutzen, findest du nicht?
SYSIPHOS: Naja, sie nutzt doch der Wirtschaft.
AUTONOE: Scheinbar ja nicht, sonst würden sie uns wohl kaum ersetzten. Und das meinte ich auch nicht. Sie muss dem Menschen nutzen. Sie muss uns doch voranbringen.
SYSIPHOS: Arbeit schafft Menschenwürde.
AUTONOE: Du bist so naiv, das ist irgendwie süß. Menschenwürde schafft Arbeit. Und eine Arbeit die wirklich menschenwürdig ist, muss auch Menschenwürde schaffen. Was das Abfüllen von Wasser in einen löchrigen Krug und das Rollen von Steinen mit Menschenwürde zu tun hat, muss man mir erst mal erklären.
SYSIPHOS: Du siehst schön aus, wenn du dich aufregst.
AUTONOE: Das Problem ist, dass die meisten Arbeiten, die den Menschen wirklich dienen, nicht rentabel sind. Man plackt sich ab und kann kaum menschenwürdig leben, während man versucht Menschenwürde zu schaffen.
ARNO: Hey Süße, du hast vollkommen recht. Arbeit, das ist so was von Quatsch! Ich hab noch überhaupt nie richtig gearbeitet.
SYSIPHOS: Wer bist denn du?
ARNO: Ich bin der Arno!
SYSIPHOS: Und von was lebst du, wenn du nicht arbeitest?
ARNO: Ich kriech vom Amt!
SYSIPHOS: Ach, so einer bist du, so ein Sozialschmarotzer. Unsere Steuergelder gehen für faule Schweine wie dich drauf! Hart arbeitende Leute schuften sich den Buckel krumm, damit du dir ein schönes Leben auf der Couch machen kannst.
DIONYSOS: Schönes Leben? Denkste. Der Kerl lebt vollkommen vereinsamt in einer Zweizimmerwohnung und macht den ganzen Tag nichts anderes als seine Bude putzen und in die Klotze zu starren. Die einzige Freude die der hat, ist saufen. Der hockt hier praktisch jeden Abend. Nennst du so was ein schönes Leben?
ARNO: Ich bin zufrieden!
SYSIPHOS: Und das ist nicht ok!
AUTONOE: Warum nicht, soll er leiden? Geht’s dir dann besser?
SYSIPHOS: Er soll arbeiten!
AUTONOE: Es gibt doch gar nichts zum Arbeiten, deswegen sind wir ja hier. Soll er doch zuhause sitzen und glücklich sein. Wenn er das mit diesem mickrigen Satz kann, ist das schon fast bewundernswert.
SYSIPHOS: Aber das verhöhnt das System.
AUTONOE: Vielleicht hat es das System ja verdient.
ARNO: Genau, im Übrigen geht das jetzt auch nicht mehr, sie kürzen mir meinen Satz. Aber das ist auch egal, weil ich eh abhaue.
AUTONOE: Wohin?
ARNO: Hast du es nicht gehört? Im Elysium bekommt jeder einen Satz, absolut jeder, bedingungslos. Und der ist sogar besser als der hier.
AUTONOE: Elysium? Aber das ist doch nicht für alle, oder?
ARNO: Doch, es kann für alle sein. Wir müssen nur wollen. Kommst du mit?
SYSIPHOS: Verpiss dich du Hippie, deine komischen Phantasien will hier keiner hören.
ARNO: Ich habe ja nicht mit dir geredet.
SYSIPHOS: Sie gehört zu mir, also verschwinde.
ARNO: Ist ja gut, ich geh ja schon.
Arno ab
AUTONOE: Ich gehöre also zu dir.
SYSIPHOS: Ich mag dich.
AUTONOE: Du magst mich? Du hast doch kaum verstanden, was ich vorhin erklärt habe.
SYSIPHOS: Nicht wirklich, gebe ich zu. Arbeit ist schlecht oder so, hast du glaube ich behauptet. Ich bin nicht so clever, ich bin ein Steineroller, aber ich mag wie du redest.
AUTONOE: Und was ist das jetzt für eine Anmache?
SYSIPHOS: Entwaffnende Ehrlichkeit. Funktioniert es?
AUTONOE: Vielleicht…
SYSIPHOS: Tanzen wir?
AUTONOE: Du führst.
SYSIPHOS: Natürlich.
Sie tanzen und die Bühne räumt sich. Nur die beiden, Tantalos und Dionysos bleiben. Autonoe und Sysiphos küssen sich, dann schlafen sie miteinander. Er schläft ein, sie löst sich von ihm und geht. Sysiphos erwacht
SYSIPHOS: Was für eine Nacht.
DIONYSOS: Meine Kneipe ist kein Puff.
SYSIPHOS: Hey, ich habe dir nur gehuldigt.
DIONYSOS: Genau wie der da. Hat die ganze Nacht durchgesoffen.
TANTALOS: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
SYSIPHOS: Und wo ist sie?
DIONYSOS: Was denkst du denn? Weg, diesem Arno nach, ins Elysium.
SYSIPHOS: Wirklich jetzt?
DIONYSOS: Dachtest du, mit so einer Anmache bekommst du was für die Ewigkeit? So sind die Mädels von heute, Spaß ist das eine, Zukunftsplanung das andere.
SYSIPHOS: Schlampe!
DIONYSOS: So ist das mit den Weibern, man muss ihnen was bieten können.
SYSIPHOS: Bieten, bieten, der biet ich was. Ich lass diese Kündigung nicht auf mir sitzen, ich hol mir meinen Job zurück! Die Bosse werden schon sehen, was sie davon haben mich rauszuschmeißen. Ich zettle einen Aufstand an, ich mache denen ihre Unterwelt zu Hölle! Los Tantalos du kommst mit.
TANTALOS: Yes, we can!
SYSIPHOS: Tantalos!
TANTALOS: Jaja, bin gleich da, nur noch einen.
Geld ist teuer!
Heilige Johanna der Schlachthöfe / Bertholt Brecht