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Raul

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1

Friday, November 18th 2011, 10:08am

Martin Opitz - Ach Liebste laß uns eilen

Martin Opitz, (1597-1639)

Ach Liebste / laß vns eilen /
Wir haben Zeit:
Es schadet das verweilen
Vns beyderseit.
Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn fuß für fuß:
Das alles was wir haben
Verschwinden muß.
Der Wangen Ziehr verbleichet /
Das Haar wird greiß /
Der Augen Fewer weichet /
Die Brunst wird Eiß.
Das Mündlein von Corallen
Wird vngestalt /
Die Händ' als Schnee verfallen /
Vnd du wirst alt.
Drumb laß vns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht /
Eh' als wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.
Wo du dich selber liebest /
So liebe mich /
Gieb mir / das / wann du giebest /
Verlier auch ich

Zur Anmerkung: Der Dichter ist schon seit längerem tot.

Wer kann hier etwas mit dem Mündlein von Corallen anfangen? Danke schon einmal für jede Anregung.

rivus

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2

Friday, November 18th 2011, 11:02am

hi raul,
danke für dieses feine :)!
ach corallen versprechen so viel, mal sind sie beeren, mal brot, mal kettenhemd. am ende sind sie das riff, mit denen die alten lieder fortklingen. das mündlein von korallen lebt das süße fort, aber es stirbt auch, wenn es nichts lebendiges mehr um / in und aus sich spüren darf. korallenmythen sind überall u. auch hierwo blühen und vergehen sie ;)
grüßle rivus

Raul

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3

Saturday, November 19th 2011, 2:22pm

Hallo rivus,

danke für deine Worte. Das Mündlein der Korallen steht wohl für Liebeslippen. Seit Petrarca gab's für die Frauen ein Schönheitskatalog, Metaphern dafür, was als schön galt. So schlecht ist dieses barocke Zeugs wirklich nicht. Gewöhnungsbedürftig, aber dann geht es.

Gruß Raul

rivus

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4

Sunday, November 20th 2011, 3:20pm

ja raul und danke für deine "liebeslippen" .... aber mir gefällt das alte, zumal ich gern in der zeit reise ;)

gruß rivus

Chepre

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5

Sunday, November 20th 2011, 5:21pm

ohne jetzt kunst- bzw. lyrikhistorisch bewandert zu sein -
man kann's vielleicht auch einfach als Synonym für sehr schöne, dem lyrischen Ich im übertragenen Sinn teure Lippen lesen. die rote Koralle war und ist ja auch heute noch ein beliebtes und nicht ganz günstiges Schmuckobjekt.
ich meine das Motiv auch in einem der Shakespeare-Sonette gelesen zu haben. frag mich nur nicht, in welchem... :|
Du kannst gehn, aber deine Kopfhaut bleibt hier.

Raul

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6

Sunday, November 20th 2011, 6:16pm

Hallo Chepre,

vielen Dank für deinen Hinweis. Das hat mich echt weiter gebracht. Das Sonnet 130 gibt's jetzt dazu. Der Dichter ist ja auch schon tot. :)

SONNET 130

My mistress' eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red than her lips' red;
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.
I have seen roses damask'd, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.
I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound;
I grant I never saw a goddess go;
My mistress, when she walks, treads on the ground:
And yet, by heaven, I think my love as rare
As any she belied with false compare.


Aber zurück zu Opitz und die Zeit des Barocks. In einer Zeit, in der Kriege und Hass wüteten, ist es für mich schon beeindruckend, wie der Mensch im Kontrast dazu den Fokus auf Schönheit und Ästhetik wirft. Aber so funktioniert das wohl mit der Literatur. Sie baut und braucht Gegenentwürfe zur eigenen Gegenwart. Ich habe mich auch immer gefragt, wie Hermann Hesse inmitten des 2. Weltkriegs so ein Werk wie "Das Glasperlenspiel" verfassen konnte. Vielleicht es also gar nicht so falsch, wenn die Menschen heute sich Lady Gaga zuwenden. Hat doch auch etwas Ironisches in unserer heutigen Zeit. :D Ich darf ja als einzelner noch für mich entscheiden, und daher sage ich Opitz. Meinetwegen auch Kleist, wenn ich mich mal an seinen Wahnsinn gewöhne. :)

rivus

Professional

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7

Sunday, November 20th 2011, 7:27pm

hi raul

zur ergänzung: korallenlippen, korallenmündlein steht auch für lebendigkeit. korallen stehen ebenso für stärke aus vielen einzelnem und sie sind so groß, "wundengroß" [nach Benn). so könnten korallenlippen auch für das blut der ahnen stehen, auf den lippen, auf dem mündlein erscheint sozusagen das leben der ahnen. sie werden auch als wunde vom körper vom du gesehen. die lippen/das mündlein können/kann nicht mehr sprechen, aber die ahnen kommen mit dem schweigen auf korallenweise doch noch nachhaltig zum vorschein. doch hier wird das mündlein ungestalt. es verliert sein lebendigkeit und hoffiert die angst vor dem vergehen, ganz nach der art von paul cézanne, "beeile dich, alles verschwindet"!


grüße rivus