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Raul

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1

Sunday, July 17th 2011, 6:43pm

Lola Montez

Prolog:

Lola Montez, die Geliebte König Ludwigs I. von Bayern, kommt nach einem Spaziergang mit der Dogge Turk in ihr Palais in der Münchener Barerstraße Nr. 7 zurück. Ludwig I. besucht sie dort wie gewohnt zwischen 17 Uhr und 22 Uhr, ist etwas besorgt über wiederholte Tumulte in der Stadt und meidet die großen Straßen. Die Stadt ist wegen Lola in Aufruhr und schüttelt über den liebestollen bayrischen König den Kopf. Der wartet vor dem Palais sehnsüchtig auf seine Mätresse. Er möchte Unruhen vermeiden, ist aber seiner Liebe hoffnungslos verfallen. Man schreibt das Jahr 1847, im Oktober.

1. Akt

1. Aufzug 1. Szene

Lola:
Sie, der Herr. Eure Majestät wartet wie ein reuiger Hund vor meinen Toren?
König Ludwig I.:
Mein Herz schmerzt ohne sie. Sie bringen in der Stadt alles und alle durcheinander. Aber Ihr Tanz ist von einer Offenbarung, die mich zu frevelhaften Äußerungen verleiten könnte. Sie sind mir gotthafte Sünde.

(Man tritt in die Villa ein.)

Lola:
Ein König mir zu Füßen. Übertreiben Sie nicht und trinken Sie mit mir ein gutes Glas. Diese Stadt verdient ihren Rausch. Ich muss nahezu immer lachen. Sehen Sie auch diese Neid erblassten Kreaturen, die mir unflätige Worte nachschmeißen? Was ist denn gegen Spaß zu sagen?
König Ludwig I.:
Sagen Sie mir, dass Sie nur mich lieben. Sagen Sie es mir bitte! Man hört so viel.
Lola:
Sie glauben dem Geschwätz Ihrer Untertanen? Sie sind so mächtig. Eine Handbewegung reichte, Ihnen den Mund zu verbieten. Muss ein Herr nicht zeigen, dass er Herr ist? Was ist ein Diener ohne seinen Herren? Haben Sie eine Pyramide schon einmal auf ihrer Spitze stehen sehen?
König Ludwig I.:
Was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Wen soll ich verhaften lassen? Ich tue alles. Ich will Ihnen beweisen, dass es mir ein Ernst ist.
Lola:
Als Gräfin von Landsfeld steht mir nicht mehr zu, als meine Liebe Ihnen gibt. Ich weiß Ihre Gefühle zu schätzen. Doch wird es nicht so sein, dass ich als alte Schachtel von Ihnen später in irgendein Regal abgestellt werde? Ist es nicht der Gang der Natur? Männer sind Narren ihrer selbst. Solange der Spuk anhält, sind sie ihren Gefühlen gegenüber devot. Aber was, wenn eine Frau den furchtbaren Ausuferungen der Natur nicht standhält?
König Ludwig I.:
Wie können Sie nur an ein Altern denken? Sie altern nicht, bleiben frisch und agil. Ihre Tanzschritte haben die Leichtigkeit einer windgetriebenen Wolke. Ihr Körper ist die Vollendung des Paradieses auf Erden. Was ist dagegen Politik? Was ist dagegen ein König? Eine solche Grazie wie Sie…ich…ich…

(Der König schmeißt sich mit einer schwungvollen Bewegung an Lolas Körper, sinkt danieder und küsst ihr die Knöchel.)

Lola:
Sie beschämen mich ganz, mein König. Aber sagen Sie nichts gegen die Politik. Ich selbst brauche rechtschaffene Männer wie die des Corps Palatia. Echte Burschen eben. Die Straßen sind in diesen Tagen nicht mehr sicher. Überall wird von Freiheit geschwafelt.
König Ludwig I.:
Diese Freiheitsrufe sind mir zuwider. Ich weiß, wovon Sie reden, meine Schöne. Man erhöht die Brotpreise, und das Volk begehrt gleich auf. Man erhöht die Bierpreise. Der Mob schreit. In meinem Königreich braucht es gegen diese französischen Unsitten eine harte Hand. Aber auch ein harter Mann sucht die Muße der Schönheit, verneigt sich vor ihr. Verstehen Sie das?
Lola (lächelt verführerisch):
Ich verstehe Sie. Die Disziplin erschöpft sich in schwachen Stunden. Werden Sie mich immer lieben?

(Der König kommt wieder aus der Hocke, setzt zu einer Umarmung an.)


König Ludwig I. (mit ungläubiger Miene):
Wie können Sie das fragen?

(In diesem Augenblick klopft es an der Tür, und der 1. Kommandant der königlichen Leibgarde Wieler tritt ins Zimmer.)

Wieler:
Entschuldigen Sie, Eure Majestät. Ein Bote des Rates lässt sich nicht abweisen, möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Aber nicht hier. In einer Stunde bei Ihnen in Ihrer Residenz.
König Ludwig I. (ärgerlich):
Lässt sich das Geschäft nicht aufschieben? Der Rat ist mir eine Last.
Lola:
Des Königs Pflichten gehen vor. Darf ich Sie morgen wieder begrüßen? Vielleicht mit ein wenig mehr Reiz?
König Ludwig I. (entzückt):
Sie dürfen, Sie dürfen. Ich freue mich. Leicht wie ein Schmetterling macht mich diese Aussicht.

Tritt ab.

Lola (lächelnd für sich):
Was ist das Leben für ein Tanz? Der eine geht, der andere kommt gleich. Ludwig hier, Peissner da. Es ist mir ein Vergnügen, denn ich habe nur ein Leben. Einen Mann habe ich nicht. Es reicht mir nicht. Und dieses gewöhnliche Landvolk, das noch nie eine Zigarre gesehen hat, erstaunt mich immer wieder. Warum soll einer Frau nicht gleichermaßen Vergnügen zustehen wie den Männern? Ich bin ihre Sehnsucht, entfache ihre Lust. Was soll ich tun? Mich wie in Indien mit dem Schicksal eines Mannes verbrennen lassen? Das Leben einer Frau ist mehr wert als der Schatten eines Mannes. Ich lebe, will leben.

Raul

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2

Monday, July 18th 2011, 1:16pm

1. Aufzug 2. Szene

Lola erwartet den jungen Studenten Peissner, verrichtet in ihrem Schlafgemach die Toilette und unterhält sich mit ihrer Hausdame Marie.

Marie:
Ist es der Gräfin recht, wenn ich ein wenig an Ihr Haar zupfe? Die eine oder andere Locke sitzt nicht wie sie sollte.
Lola:
Unterstehen Sie sich, Zofe! Was Sie tun dürfen, ist, mir eine ordentliche Zigarre zu holen. Die Locken liegen ausgezeichnet.
Marie (eingeschüchtert):
Freuen Sie sich schon auf den Herrn Studenten?
Lola:
Die Wallung kommt mit der Jugend. Der Bursche Peissner ist in Ordnung. Da sitzt wenigstens Blut in den Adern. Finden Sie ihn nicht auch eine gute Partie?
Marie:
Darf ich’s sagen?
Lola:
Warum frage ich Sie sonst, Dummchen! Schwadronieren Sie nicht zu lange!
Marie:
Alles in allem ein hübscher, strammer Bursche, der Herr Peissner.
Lola:
Nicht wahr? Mir ist’s, als erfinde mich dieses München neu. Ich bin weit herumgekommen in der Welt. Ich habe allerlei Elefanten gesehen, Tiere wie Menschen (lacht laut). München beginnt mir zu gefallen. Man muss die Männer um den kleinen Finger zu wickeln wissen, liebe Marie. Dazu fehlt es Ihnen leider. Dafür braucht es Klasse. Die Welt liegt mir zu Füßen. Könige, Militärbedienstete, Künstler. Dieser Komponist in Dresden, wie hieß er gleich noch – ah – der Franz Liszt war ganz verrückt nach mir.
Marie (bewundernd):
Ich kenne unseren verehrten König Ludwig. Die Leute sagen, der ist beinahe schon zu Ihrem Hofnarr geworden.
Lola:
Die Leute reden zu viel. Der König weiß die Strenge des Geschäfts zu schätzen. Sie sind mir doch keine Verräterin, Marie, die wie die Leute auf der Straße dumm von Freiheit schwadroniert?

(Ein lautes Klopfen an der Tür verrät die Ankunft Peissners. Der geht bei Eintritt geradlinig auf Lola zu, umarmt sie und küsst sie wild.)

Peissner:
Was macht die Unanständigkeit, mein Weib?
Lola (zu Marie gewandt):
Zofe, lassen Sie uns nun allein! Sie sind mir noch zu jung, um den Sünden ins Auge zu schauen.

(Marie verlässt den Empfangsraum. Lola und Peissner gehen zum Kaminzimmer)

Peissner:
Dabei sind Sie selbst erst sechsundzwanzig, gute Dame, und eine Eva, die zu verführen weiß. Wären Sie doch nur nicht gegen die Freiheit, für die ich so sehr kämpfe.
Lola (lacht, schmiegt sich an Peissner):
Ich bin gerade so gegen die Freiheit, wie ich sie für meine Freiheit brauche. Haben Sie vergessen, welche Ehre Sie mit mir haben? Sie wissen, dass Ihr lächerlicher König bereits seit längerem wie ein Faden um meinen Finger wandert. Freiheit? Ich bin da nicht anders wie der gemeine Mensch. Herrscht die Revolution, bin ich revolutionär. Noch aber ist es nicht so weit.
Peissner:
Ich habe verstanden. Sie sind Ihr eigenes Regime. Ein Staat im Staate. Unsereins kämpft nach Hambach und Frankfurter Wachensturm noch immer für Freiheit und Mitbestimmungsrechte. Ich befürchte, eine Frauengeschichte passt mir in diesem Bemühen gerade so gar nicht.
Lola (lockert die Schnüre ihres Korsetts):
Sie enttäuschen mich, Peissner. Mich eine Frauengeschichte zu schimpfen, ist eine Beleidigung, die Sie nur mit stürmischer Leidenschaft wieder gut machen können. So denn…

(Nach zwei Stunden verlässt Peissner die Villa. Gerade rechtzeitig, um nicht König Ludwig zu begegnen)

Lola (schnell zurechtgemacht, etwas verwundert über die frühere Ankunft des Königs):
Eure Majestät. Können Sie denn gar nicht ohne mich?
König Ludwig I.:
Sie wissen, wie sehr ich Ihnen verfallen bin. Sie warten so treu auf mich. Das Volk redet schlecht über sie. Kennt es Sie? Kennt es die Wollust, die ich verspüre, wenn ich an Ihren Busen verweile. Kennt es die Verantwortung eines Königs? Es ist leicht von Freiheit zu schwafeln. Aber die Menschen sind nicht mündig, sie zu leben.
Lola:
Wie Recht Sie haben. Nur wenigen Auserwählten ist es beschieden, die Verantwortung in die eigene Hand zu nehmen. Sie erlauben mir eine Zigarre?
König Ludwig I. (lacht laut auf):
Wie könnte ich Ihnen je etwas abschlagen, Geliebte?
Lola:
Haben Sie schon vom Philosophen Bertrand gehört? Man sagt, er stachele die Studenten in der Stadt auf. Aber niemand weiß seinen genauen Aufenthaltsort. Vielleicht ist es ja mein Reiz, der ihn aus seinem Loch holt?
König Ludwig I. (besorgt):
Meine Lola. Lassen Sie sich doch nicht auf Landesverräter ein, die nur aufwiegeln wollen! Es ist die Sache des Staates, mit diesen Verbrechern umzugehen. Und glauben Sie mir, dass meine Gnade hart genug ist, um diese törichten Unruhestifter in die Schranken zu weisen. Jetzt ist aber genug der Politik. Ich möchte mit meiner Muse nicht über die Staatsräson reden. Sollten wir beide nicht viel mehr den Schönheiten des Lebens zugetan sein?
Lola:
Wie wahr der König spricht.

(Nach Stunden verlässt auch der König die Villa wieder. Lola verzieht sich in ihr Schlafgemach und heckt für sich einen Plan aus.)

Lola (bei sich) :
Wie wäre es, wenn ich diesen Bertrand zu mir einlade? Ich könnte seine Standhaftigkeit prüfen. Immerhin sagt man, er sei ein kluger Geist. Die Revolution sei ihm auf Grund hugenottischer Vorfahren ins Blut gelegt worden. Und er sehe die Zukunft voraus wie kaum ein anderer. Was wird er mir sagen? Was für ein Mann ist er? Peissner wird mir helfen, ihn zu treffen. Aber besser bei mir als in der Stadt. Der König darf nichts gewahr werden.

Raul

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3

Monday, July 18th 2011, 4:30pm

1. Aufzug 3. Szene

Peissner hat den Kontakt zum Philosophen Bertrand hergestellt. Der hat Lolas Einladung angenommen, wird durch seinen burschenschaftlichen Kameraden Peissner zu Lolas Villa geführt. Man schreibt den Monat November des Jahres 1847. Lola bittet Peissner, mit dem Philosophen allein sprechen zu dürfen. Nach einer flüchtigen und kühlen Begrüßung begeben sich Lola und Bertrand ins Kaminzimmer.

Lola:
Das mit den französischen Namen setzt mir immer zu, Herr Bertrand. Ist’s Ihr Vorname oder Nachname?
Bertrand:
Tut es was zur Sache, meine Dame? Sie wollten mich so dringend sprechen?
Lola (ganz beleidigt):
Und kein Wort zu meiner Schönheit? Was ist’s für ein Feingeist, der nicht einen Buchstaben auf ein Kompliment verwettet?
Bertrand:
Was ist schon Schönheit? Mir scheint’s, Sie verwenden zu viel Energie auf etwas Vergängliches. Wir stehen vor entscheidenden Tagen. Bekommen Sie denn gar nichts mit?
Lola:
Sie maßen sich an, mich dumm zu wähnen? Ich könnte Sie auf der Stelle…
Bertrand:
Tun Sie’s, und Sie zetteln einen nächsten Aufstand in der Stadt an. Ist die Geschichte um Minister von Abel noch nicht genug gewesen? Sie lassen ja wirklich keine Geschichte aus. Allein das hat mich interessiert. Was ist’s für eine Frau, die in der Oper nicht einmal für den König aufsteht? Vielleicht will mich ja doch noch der Gedanke, dass hierhinter ein wahrhaft revolutionärer Geist wohnt, der für die Sache zu gewinnen ist.
Lola:
Mit der Revolution ist’s wie mit der Schönheit. Sie ist ebenfalls vergänglich.
Bertrand (reißt verwundert die Augen auf):
Sieh’ an, sieh’ an! Ganz so dumm scheinen Sie doch nicht zu sein. Ich verstehe zwar nicht, warum die Männer reihenweise auf Sie verfallen, aber ein Quäntchen hat Ihnen Gott doch im Kopfe hinterlassen.
Lola:
Ihre Frechheit und Kühnheit ist kaum zu ertragen. Aber sei’s drum. Man sagt, Sie sehen die Zukunft voraus. Stimmt’s? Was sehen Sie bei mir?
Bertrand:
Ärger!
Lola (enttäuscht und wütend):
Mehr nicht? Wie kommt es eigentlich, dass Sie mit brotloser Kunst ein so jämmerlicher Träumer geblieben sind? Wie alt sind Sie schon? Und was hat es auf sich mit Ihrer Revolution?
Bertrand:
Es ist Ihr gutes Recht zu beleidigen. Antwort für Antwort. Aber mich werden Sie mit Ihrem unterschwellig herrischen Ton und Ihrer aufreizenden Art nicht zu verbiegen wissen. Spielen Sie weiter mit den vielen dummen Menschen! Aber mich lassen Sie von nun an in Ruhe. Ich möchte nicht weiter meine Zeit für ein billiges Schwätzchen vertun.
Lola:
So warten Sie doch! Ist die Revolution nicht eine Illusion von Fantasten? Schauen Sie sich doch die Geschichte an. Sie ist voll von Revolutionen, eine blutiger als die andere. Was hat es gebracht? Der Mensch steckt zu viel Hoffnung in unverrichtete Dinge und am Ende siegt doch das herrschende System.
Bertrand:
Und weiter?
Lola:
Sie wissen, wie ich zu dem König stehe. Und dennoch will ich nicht leugnen, dass ich Sympathien für die Sache hege. Sie sehen ja, wie wenig mich das Geschwätz der Leute interessiert. Ich habe genug von der Welt gesehen, um zu wissen, dass Meinungen leicht mit dem Winde fliegen. Heine musste nach Frankreich fliehen. Es herrscht eine gefährliche Stimmung im Wort. Andere Geister halten sich mit dem System bedeckt. Wie wollen Sie ohne Worte umstürzen? Der Knecht bleibt an der Scholle gebunden.
Bertrand:
Sapere aude. Sie kennen das? Der Geist ist aus der Flasche. Die Metternichs, Habsburger und Wittelsbacher bekommen ihn nicht wieder hinein. Ist eine Idee geboren, lebt sie fort, ganz unabhängig von ihren Verfechtern. Eine Idee ist stärker als der Mensch. Sie lebt über Jahrtausende fort, hat sie einmal das Licht der Welt entdeckt.
Lola:
Aber wie lebt sie fort, unsere Idee? Sie krümmt sich, verbindet sich mit anderen Ideen, wird zu etwas anderem, schwächt sich im Kern wieder und wieder selbst. Es ist wie mit einem Fluss. An der Quelle ist der Fluss noch rein. Schauen wir auf seine Mündung, sehen wir bereits viel Schmutz im Wasser.
Bertrand:
Sie zweifeln mir zu sehr. Ihr Fluss ist ein gutes Beispiel. Sind die Menschen an der Reinheit der Quelle interessiert, werden Sie aus Überzeugung dafür sorgen, dass er auch bis zur Mündung rein bleibt.
Lola:
Sie übersehen die Wankelmütigkeit des Menschen, Monsieur. Sie haben Hugenottenblut, wie ich hörte. Sie müssen doch sehr wohl wissen, was Menschen treibt und vertreibt. Der Mensch ist eine Bestie, allen voran die Männer.
Bertrand:
Und die Frauenzimmer nicht?
Lola (grinst, wirft die rechte Hand abwertend nach unten):
Wir Frauen? Was bleibt uns schon in Zeiten, da die Männer die große Politik bestimmen, Kriege führen und sich das nehmen, was ihnen nach dem Gesetz des Stärkeren zusteht. Ein wenig weibliche Verführung benebelt den Geist des Mannes. Ich habe dabei eine große Lust, die Wirkkraft der Unordnung zu beobachten. München gefällt mir außerordentlich.
Bertrand:
Das, was Sie meinen, ist Revolution. Sie leben die Ihre. Mich aber interessiert, was danach kommt. Eine kalkulierte Zeit der Unordnung, ja, das ist gewollt. Aber dann muss sich die neue Idee im System setzen. Die Französische Revolution dauert an. Sie wird sich bald endgültig durchsetzen.
Lola:
Ich sehe die schwarz-rot-goldenen Farben, wenn ich mit meiner Dogge durch die Straßen flaniere. Die Studenten reden von Einheit und Freiheit. Sie reden von einer neuen Bürgerlichkeit. Vergessen Sie, dass der Deutsche Bund aus neununddreißig Einzelteilen besteht. Dahinter stecken mächtige und eitle Könige und Fürsten. Und dahinter noch einmal so viele Thronfolger. Sie sind mir zu naiv mit Ihren Ideen.
Bertrand:
Der Zweifel ist das Mittel jedes herrschenden Systems. Sehen Sie nicht, dass Herrschaft immer auf Zweifel an Veränderungen gegründet ist. Mir will nicht in den Sinn, warum der gemeine Bürger nicht ebenso viel Anstand haben sollte wie die da oben. Ich sage Ihnen auch, dass die Besitzverhältnisse ungerecht sind. In Preußen diskutiert man schon über eine Landreform. Aber mir scheint, hier im Süden ist’s ein wenig konservativer. Doch auch hier hat der Tag die gleiche Sonne.
Lola:
Der Plausch mit Ihnen ist etwas anderes, mein Bertrand. Sie sind so gar nicht der männliche Umgang, den ich sonst pflege.
Bertrand (schüttelt lachend den Kopf):
So? Und wie würden Sie Ihren sonstigen Umgang beschreiben? Unangenehm? Dann lassen Sie’s doch einfach. Eine Frau, die mit Zigarre durch München läuft, ist stark genug, sich lästige Männer vom Hals zu halten. Oder ist’s Ihnen doch nicht so unangenehm wie Sie vorgeben?
Lola:
Sie sind Philosoph und verstehen doch so wenig, Bertrand. Für die Freiheit muss man Unfreiheiten in Kauf nehmen. Im Krieg kann eine Frau nicht gewinnen. Im Spiel aber ist sie klüger. Fast dachte ich, alle Männer seien so hoffnungslos dumm. Kommen Sie doch wieder, Bertrand! Wann immer Sie Lust haben. Oder besser morgens in der Frühe. Abends, da kann das Haus hier voll sein.

(Bertrand verabschiedet sich, verlässt das Kaminzimmer, erblickt im Gang die Hausdame Marie und blinzelt)

Bertrand (leise flüsternd):
Und Sie arbeiten unter diesem Weib?
Marie (ebenfalls leise):
So übel ist sie nicht.
Bertrand:
Ich hab’s bemerkt. Aber klug und unberechenbar doch. Das macht’s schwierig. Bis bald!

Raul

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4

Tuesday, July 19th 2011, 9:03am

1. Aufzug 4. Szene

Lolas Hausdame Marie, die Studenten Folkner und Wolfram schmieden in der Villa in Lolas Abwesenheit einen Plan, wie sie der zunehmenden Hungersnot abhelfen können. Die Missernten und die Verarmung des einfachen Volks haben in den Städten zu Verteuerungen und Rationierungen von Lebensmitteln geführt. Die Prunksucht des Königs treibt die Bürger unterdessen mehr und mehr in Wut.

Folkner:
Unser Philosoph Bertrand ist ein Schwätzer. Er tut leider nichts. Das geschliffene Wort ist die intelligenteste Form der Ablenkung. Was ist ein Mensch ohne Tat und Tatkraft. Nichts als Worte dieser Tage. Wir müssen etwas tun.
Wolfram:
Ich stimme dir zu. Die Stadt ist voller Gelehrter, während der König weiter seine prachtvollen Paraden fährt. Die Dame hier nimmt weiter Schenkungen entgegen und bezirpst nun noch einst anständige Kameraden. Der Peissner ist ein faules Ei.
Marie:
Die Lebensmittel werden immer teurer. Die Dame des Hauses hält mich immerhin aus. Aber was sie allein an Parfüm verwendet. Sie tanzt gern für sich allein, die Dame. Ich habe ein Auskommen mit ihr. Aber ich sehe, was Verschwendung anrichtet. Ich mag’s nicht mehr sehen. Da draußen hungern die Menschen und hier geht teures Parfüm verschütt.
Folkner:
Ihre Haut wird dabei ebenso runzeln wie die unsrige. Was ist sie für eine, die Dame?
Marie:
Sie ist im Grunde nicht so übel. Eine Frau wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie ist klug und weiß sich zu behaupten. Ob sie sich gewinnen lässt, wage ich zu bezweifeln.
Wolfram:
Hast du’s denn schon versucht? Sie wäre vielleicht ein Weg, die Sache unblutig zu lösen. Wir brauchen endlich eine Freiheit der Gerechtigkeit.
Folkner (in abfälligem Ton):
Mir scheint, du hörst den Kameraden nicht zu. Die schwafeln fortwährend von Politik und meinen nur sich dabei. Lass sie erst einmal in Amt und Würden! Dann streichen auch die die Sorgen der Bürger mit einem Wisch vom Tisch.
Wolfram:
Du bist heute zu schlecht aufgelegt, Folkner. Und warum sollte Lola uns nicht helfen können? Näher am König kann man nicht sein.
Folkner (schüttelt ungläubig den Kopf):
Du willst von der größten Verschwenderin die Lösung? Denke an Marie Antoinette. Diese Dame hat die Französische Revolution erst ausgelöst.
Marie:
Ihr beide seid nicht besser wie die, über die ihr abfällig sprecht. Lola verschwendet Parfüm, ihr eure Worte. Was hilft’s den Menschen da draußen? Überlegt euch lieber, wie die Teuerungen anzuhalten sind.
Wolfram:
Wer bestimmt denn die Preise? Der König hat überall seine Finger. Er nimmt mehr als ihm zusteht und sorgt damit für Verknappung.
Folkner:
Wie können wir unentdeckt plündern? In Tübingen hat man’s gemacht. Man hat Vorräte geplündert, bevor ein Corps das unterbinden konnte.
Marie:
Die Menschen werden sich früher oder später ohnehin das nehmen, was ihnen zusteht. Ich will’s unterdessen nicht so weit kommen lassen. Wie ist’s, wenn ich mich der Dame doch einmal vorsichtig annähere?
Wolfram (reißt eine Hand in die Luft):
Und ich weiß einige Kornkammern der Stadt. Gut gefüllt für die fetten Bäuche der Prunksüchtigen.
Folkner (frohlockend):
Dann lasst uns da ein Loch schlagen, damit abspecken kann, wer’s nötig hat.

(Folkner und Wolfram ziehen ab, Bertrand betritt hingegen wenige Minuten später die Villa und findet Marie allein vor.)

Bertrand:
Die gute Dame lädt ein und ist dann außer Haus?
Marie:
Sie ist’s gewohnt, ihren eigenen Sinnen nachzugehen. Hat ein Philosoph wie Sie nicht gelernt zu warten?
Bertrand:
Dafür müsste man schon wissen, worauf. Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich hier soll.
Marie:
Mit einer einfachen Magd wie mir wollen Sie’s sicher nicht bewenden lassen, oder?
Bertrand:
Wer ist Dame, wer ist Magd? Wer ist Herr, wer ist Diener? Sie sind in meinen Augen eine ebenso große Verführerin wie die Grande Dame des Spiels hier. Das Verführerische am Spiel ist immer seine Fortsetzung bis zum Ende. Einmal angefangen hört der Spielende nicht mehr auf.
Marie:
Sie meinen Ihre Männergeschichten? Mich können Sie da gar nicht meinen.
Bertrand:
Sie führen ein anderes Spiel, Mademoiselle Marie. Ich sehe es Ihren Augen an. Sie sind für eine einfache Magd zu gebildet.
Marie:
Ihr Klugheit in Ehren, Monsieur. Aber sehen Ihre Augen nicht manchmal mehr als da ist?
Bertrand:
Die Musik, die dieser Tage gespielt wird, verrät viel über die Zeit.
Marie:
Sie lenken ab, Monsieur Bertrand. Übrigens weiß hier wirklich keiner, ob es Ihr Vorname oder Nachname ist.
Bertrand (reißt die Augen auf):
Oder ob es mein wirklicher Name ist?
Marie:
Sie verlachen mich mit Ihrer Verwirrung. Ich weiß nicht genau, wofür Sie eigentlich stehen.
Bertrand:
Für die Menschen, meine Dame, für die Menschen. Das ist nicht immer einfach, aber es hilft mir beim Blick in den Spiegel.
Marie (erzürnt):
Hinter großen Worten verbergen sich selten große Männer. Männer, die mehr im Leben hier riskiert haben, mussten den Bund verlassen. Auch Ovid hat im Exil die schönsten Liebesgedichte geschrieben. Gestorben ist er an Einsamkeit.
Bertrand (spöttisch):
Sie und eine einfache Magd? Ich habe noch nie eine Magd kennen gelernt, die den Namen Ovid aussprechen kann.
Marie:
Sehen Sie, sehen Sie, mein Herr. Jetzt denken Sie doch wieder in den überkommenen Kategorien der Ständegesellschaft. Und Sie wollen der geistige Anführer einer Revolution sein? Beginnen Sie erst einmal bei sich.
Bertrand (demütig):
Habe ich’s nicht immer gewusst? Das schwache Geschlecht führt die stärkeren Waffen. Richten Sie der Dame aus, dass ich nicht umsonst hier gewesen bin und statt Ihrer eine ebenso kluge Dame sprechen durfte. Le plaisir le plus délicat est de faire celui d'autrui. Es war mir ganz eine Ehre.

Raul

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Wednesday, July 20th 2011, 9:53am

1. Aufzug 5. Szene

Folkner und Wolfram kommen mit ihrem Freund Peissner in Lolas Villa zusammen. Sie treffen zum ersten Male auf die Grande Dame persönlich. Lola lacht Folkner und Wolfram aufreizend spöttisch an. Marie serviert im Kaminzimmer Getränke. Man schreibt das Jahr 1847, der Monat November geht dem Ende zu.

Lola:
So viel ungestüme Jugend um mich. Was studieren Sie alle in diesen Tagen? Was Revolution heißt?
Folkner (ganz verzaubert von Lolas Ausstrahlung):
Sie wissen das Wort zu führen.
Wolfram:
Die Menschen leiden. Sie kennen die Umstände. Was denken Sie darüber?
Lola:
Was kann ein König für Missernten? Was haben Missernten mit der Einheit und Freiheit zu tun? Frei ist die Natur. Der Mensch? Sehen Sie nicht, dass Eure Majestät stets falsche Ratgeber um sich herum hatte. Ich möchte gar nicht von diesem von Abel sprechen. Der Mensch ist nicht frei, wird nie frei sein.
Peissner:
Diese Hofflüsterer waren immer das Schicksal eines Staates. Meistens sind es Narren gewesen, die sich an den Tischen von Kaisern und Königen nur den Wanst vollgeschlagen haben.
Folkner:
Interessant, was du sagst, mein Freund. Ein Hofstaat als fette Leibgarde.
Lola:
Leibgarde? Sie sprechen es aus, junger Mann. Etwas, was mir mit Ihnen vorschwebt.
Folkner:
Was meinen Sie genau?
Lola:
Ich kann für die Alemannia noch aufrechte Burschen gebrauchen. Sie wissen doch, wovon ich rede. Sie wissen doch, dass ich mich eingeschrieben habe.
Wolfram:
Welche Ziele sind dahinter? Ich fühle mich in der Corps Palatia gut aufgehoben. Warum sollte ich Ihnen als Leibgarde dienen?
Folkner:
Mein Freund ist ein wenig langsam im Kapieren. Ich bin jederzeit bereit. Die Stimmung in der Stadt ist, wie sie ist.
Wolfram:
Wenn’s der Sache dient, so zählen Sie auch auf mich.
Lola:
Weiß man immer so genau, wofür etwas dient? Eine Frau mit Größe wägt ab, wartet zu, wo die Herren bereits zum Florett greifen. Die Provokation muss man beherrschen, meine Herren.
Peissner:
Meine Freunde. Ihr seid aufgenommen im Corps. Was andere reden, sollte Revolutionäre nie interessieren.

(Marie, die vor der Tür mitgehört hat, tritt ein.)

Marie:
Darf es für die Gräfin und die Herren noch etwas zu trinken sein? Das Palavern macht doch sicher durstig.
Lola:
Meine Marie. Sie kennen leider nicht den Unterschied zwischen Palavern und Reden. Sie sind mir eine Hausdame. Seien Sie glücklich darüber, dass ich Sie sieze. Das ist für Sie Rang genug. Aber gesellen Sie sich dazu. Sie sollen ja nicht dumm sterben. Und was soll mir nun noch passieren? Meine Leibgarde ist nun beinahe komplett.
Marie:
Es freut mich, wie die Gräfin sich allmählich Ihren eigenen Staat aufbaut. Ich bin so stolz auf Sie.
Folkner (verlegen):
Es ist ja vielleicht auch im Wohl der Menschen. Ein Diener kann schnell zum Herren werden. Dafür müssen kluge Menschen, Frauen wie Männer, zusammenfinden.
Peissner:
Du hast es erfasst. Ihr beide seid mir feine Kameraden. Blitzgescheit.
Marie:
Wie schaffen Sie es, Gräfin, immer so standhafte Burschen zu gewinnen?
Lola:
Was Sie nach außen vorgeben, müssen Sie auch sein. Ich wecke die Aufmerksamkeit der Menschen, gebe ihnen ein flüchtiges Bild von Freiheit, das sie zugleich empört und fasziniert. Ich bin viel herumgereist und habe mir angewöhnt, überall meinen Duft zu hinterlassen. Das ist besser als die Gewöhnlichkeit des Sterbens.
Peissner:
Von uns wird man später auch reden. Ich spüre, dass hier etwas Großes passiert.
Wolfram:
In Ihrer Anwesenheit, Gräfin, fühle ich allmählich auch meine Bestimmung. Es ist das, was Sie sagen. Sie zu schützen bedeutet die Freiheit zu schützen. Ist das nicht eine urrevolutionäre Forderung?
Marie:
Als Hausdame gebührt es sich für mich nicht, über Freiheit zu reden.
Lola (schmunzelt spöttisch):
Halte ich Sie denn als Sklavin?
Marie:
Keineswegs, meine Gräfin. So war das nicht gemeint. Ich stelle gerade nur fest, dass mir diese Gespräche zu hoch sind. Ich verstehe ihren Inhalt nicht und widme mich doch lieber wieder meinen eigentlichen Aufgaben. Palavern Sie weiter, lassen Sie sich nicht stören!

(Marie tritt aus dem Zimmer, wütend und enttäuscht. Stunden später betritt König Ludwig die Villa.)

Lola:
Eure Majestät hat Sorgen. Ich sehe es Ihnen an.
König Ludwig I. (stöhnt):
Die Menschen auf der Straße grüßen nicht mehr anständig. Ich will Sie züchtigen, aber sie sind wie ein aufgestacheltes Wespennest. Meine ehemaligen Ministerialen agieren gegen mich. Und ein Gedicht, das ich Ihnen widmete, misslang mir.
Lola:
So brauchen Sie den Trost eines treuen Weibs. Aber ein Mann sind Sie schon noch?
König Ludwig I.:
Das will ich Ihnen gern auf der Stelle beweisen.
Lola:
Ach, lassen Sie! Heute passt es mir gar nicht und morgen auch nicht.
König Ludwig I.:
Wie können Sie nur so grausam zu mir sein? Wissen Sie meine Gefühle überhaupt nicht zu schätzen?
Lola (lacht laut):
Immer diese Leier! Finden Sie sich als König nicht selbst manchmal erbärmlich? Gehen Sie doch wieder aufrecht! Dann wird Ihnen auch wieder das zuteil, was Sie sich wünschen. Herren mit weichem Händedruck können keinen Staat regieren.
König Ludwig I.:
Was sagen Sie da?
Lola:
Sie schwächeln mir zu sehr, Majestät. Und das in einem Moment, da das Land Männer braucht. Ihre Freiheit ist auch die meine. Aber ich sehe dunkle Wolken am Horizont, und da verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen frei sage, dass mich der König in dieser Stadt nicht mehr beschützen kann. Gehen Sie also nun. Ich möchte Sie in den nächsten Tagen nicht sehen.

Raul

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Thursday, July 21st 2011, 10:13am

1. Aufzug 6. Szene

Lola, Bertrand und die Hausdame Marie führen ein Zwiegespräch über Freiheit, Macht und Gerechtigkeit. Marie ist dabei nur auf ausdrücklichen Wunsch Bertrands im Kaminzimmer zugegen.

Lola:
So denn, mein Philosoph. Erzählen Sie mir etwas über Ihre Vita. Man hört so viel und weiß so wenig über Sie. Mir scheint’s, wir teilen hier ein gemeinsames Schicksal.
Bertrand:
Was ich heute bin, war ich gestern nicht. Was wir morgen sind, können wir nie wissen. Ist die Vergangenheit nicht uninteressant? Der Bürger steht im Wandel. Er hat über Jahrhunderte gegen die Vormundschaft des Adels und des Klerus gekämpft. Ich bin als einzelne Person doch nicht wichtig. Was meinen Sie, Frau Marie?
Marie:
Sie erlauben einer einfachen Hausdame das Wort? Ich stehe hier als Dienerin meiner Herrin gegenüber und soll über Freiheit schwadronieren?
Bertrand:
Ja sind wir denn noch in jakobinischen Zeiten?
Lola (etwas ärgerlich):
Ach, was! Sprechen Sie nur, meine Marie, sprechen Sie nur!
Marie:
Freiheit fängt mit dem Wort an. Sie, Gräfin, sind ein gutes Beispiel dafür, wie auch Frauen das freie Wort führen können. Aber ist das die Regel in unseren Zeiten? Was nicht einmal gestandenen Männern zugebilligt wird, ist Frauen umso mehr prohibiert. Ich denke in Schritten. Und da sehe ich durchaus welche.
Bertrand:
Nun kommen Sie! In Ihnen steckt ein kluger Geist. Trauen Sie sich!
Marie (nun ganz aufgeweckt):
Kennen Sie die Geschichten aus Tausenduneine Nacht? Ein König im fernen Osten ist so erschrocken über die Untreue seiner Gattin, dass er sie töten lässt. Er befiehlt daraufhin seinem Wesir, ihm von nun an jede Nacht eine neue Jungfrau zuzuführen, die dann am nächsten Morgen umgebracht wird. Die Tochter des Wesirs mit Namen Scheherazade möchte Gattin des Königs werden, um das Morden zu beenden. Sie beginnt dem König nächtens spannende Geschichten zu erzählen und hört jeweils an den spannendsten Stellen auf. So rettet sie Tag für Tag ihr Leben und das anderer Frauen.
Lola (unruhig):
Was wollen Sie damit sagen? Was hat es auf sich mit dieser Geschichte?
Bertrand:
Ja, was möchten Sie damit sagen? Ich verstehe Sie nicht.
Marie:
Ist Scheherazade als Frau frei? Sie spricht frei, aber ist Sie frei?
Lola:
Sie tut’s für sich und andere. Sie war frei in ihrer Entscheidung, also ist sie frei.
Bertrand:
Moment, nicht so voreilig, meine Gräfin. Ich ahne, worauf Fräulein Marie hinaus möchte. Sie sagten ja selbst zu Beginn, dass die Freiheit mit dem Wort anfängt. Wenn etwas anfängt, ist es noch nicht zu Ende. So wenig wie die Geschichte, die diese Scheherazade Nacht für Nacht abbricht. Etwas fehlt der Freiheit also. Was ist es Marie, was ist es?
Lola (ungehalten):
Lieber Bertrand! Werden wir hier wirklich unsere wertvolle Zeit mit diesen verwirrenden Geschichten meiner Hausdame verplempern? Die Frau diente immer eben der Unterhaltung. Was ist dran?
Bertrand:
Bitte, Gräfin Lola. Lassen Sie sie reden! Sonst geht es mir noch wie diesem König.
Marie:
Sie haben es erfasst, Monsieur Bertrand. Scheherazade ist frei und nicht frei. Ihr Leben liegt in der Macht des Königs. Je länger sie ihre Geschichten erzählt, desto mehr könnte sie sich einbilden, das Spiel im Griff zu haben. Aber das entscheidende Quäntchen Macht fehlt ihr. Sie hat keine Macht über ihr Leben, ist abhängig von ihrer Erzähl- und Verführungskunst und der launischen Gunst des Königs.
Lola (wird zunehmend unruhiger):
Wollen Sie damit sagen, dass gute Unterhaltung die Freiheit nur kurz ausleiht? Wollen Sie mir sagen, dass meine Freiheit hier womöglich nur ausgeliehen ist? Wollen Sie mir das als meine Dienerin sagen?
Bertrand:
So weit ich es sehen kann, sind wir noch im fernen Osten. Aber die Gräfin liegt nicht ganz falsch mit ihrem Einwurf. Was hat die Geschichte mit den Zuständen hier zu tun?
Marie:
Tag für Tag hören wir die Menschen über Freiheit reden, über den Bürger, der endlich mitbestimmen will. Es fehlt an Macht. Aber es fehlt noch an mehr. Es fehlt Gerechtigkeit.
Lola:
Liebe Marie. Sie bestimmen das Gespräch hier in einer ziemlich unangemessenen Weise. Ich weiß nicht, was Sie uns sagen wollen. Jedenfalls würde ich es nun vorziehen, wenn Sie das Kaminzimmer verließen.
Marie (demütig):
Ich entschuldige mich, Gräfin. Verzeihen Sie mir meine übermütigen Worte.

(Marie verlässt das Kaminzimmer.)

Lola:
Sehen Sie, Bertrand, wie schnell man vom Kern der Sache abkommt, wenn Randfiguren sich aufdrängen! Lassen Sie uns zu der wesentlichen Politik kommen. Was denken Sie über den König?
Bertrand:
Eine Frage, die Mut für die Antwort braucht, Gräfin. Ich sehe nicht ganz den Sinn Ihrer Frage.
Lola:
Und ich sehe nicht, wie ein Mensch, der die Philosophie betreibt, so mutlos sein kann.
Bertrand:
Ich will Ihre Neugier gerne bedienen. Später. Aber lassen Sie sich doch erst einmal ausfragen. Sie haben in England und Indien gelebt. Und woanders. Überall, wo Sie gegangen sind, haben Sie Scherben hinterlassen.
Lola:
Scherben? Wie kommen Sie denn darauf? Da hätte es zuvor ja etwas Heiles und Ganzes geben müssen, Was ist denn heute noch heil und ganz?
Bertrand:
Sie lassen sich nicht durchschauen, meine Gräfin. Sie lenken ab, reden sich heraus und verschieben die Themen so wie Sie wollen. Sie sind eine gekonnte Unterhalterin, ganz wie diese Scheherazade. Aber Vertrauen schenken kann ich Ihnen nie ganz. Sagen Sie mir, woran es liegt?

Lola:
Vielleicht weiß ich selbst nicht, wie ich an Ihnen bin. Mit den anderen Männern ist’s was anderes. Vielleicht müssen wir uns mehr Zeit nehmen. Vielleicht wissen wir beide dann, wie wir miteinander stehen.
Bertrand:
Ganz wie Sie wünschen. Ich komme jederzeit gerne wieder. Aber lassen Sie mir diese Marie dazu kommen. Ich denke, sie kann uns noch allen behilflich sein. Eine kluge Hausdame, die Sie da haben.
Lola:
Meinetwegen. Ich erwarte Sie morgen zur gleichen Uhrzeit. Au revoir!

Raul

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7

Friday, July 22nd 2011, 10:09am

1. Aufzug 7. Szene

Bertrand, Peissner, Folkner und Wolfram treffen sich konspirativ in Lolas Villa und führen in deren Abwesenheit ein hitziges Streitgespräch über die Vorgehensweise eines geplanten Aufstandes. Man schreibt das Jahr 1847 im Monat Dezember.

Bertrand:
Nichts geht voran in dieser jämmerlichen Stadt.
Folkner:
Vielleicht gibt es zu viele Schwätzer und zu wenige Männer der Tat?
Wolfram:
Vielleicht, lieber Freund, ist einer der Gemeinten gerade unter uns?
Bertrand:
Eine Tat ohne Köpfchen ist so viel Wert wie eine Klinge ohne Spitze.
Peissner:
Aber meine Freunde haben doch Recht. Eine Führung will bei dir, Bertrand, doch niemand mehr erkennen. Ich sehe keinen Plan von dir, keine Absicht. Jedes Wort ist über, die Zustände bleiben unterdessen. Dabei setzt man in dich wegen deines französischen Blutes so viele Hoffnungen.
Bertrand:
Die Zeit, meine Freunde, die Zeit ist unser Feind. Wir warten alle auf den rechten Zeitpunkt, sehen, wie der König wackelt. Und doch ist die erste Spitze, die sich nach vorne traut, schnell stumpf gemacht. Das spüren wir doch alle.
Folkner:
Wir sind hier in dem Haus, in dem der König täglich einkehrt. Wir beschützen die Dame. Was spricht eigentlich dagegen, dem König hier im Haus den tödlichen Stich zu versetzen?
Wolfram:
Alles, mein Guter, alles spricht dagegen. Unser Schwur auf die Sicherheit Lolas würde ihren und unseren Tod bedeuten.
Peissner:
Maximilian würde eingesetzt werden und unsere Freunde bis zum Lebensende verfolgen.
Bertrand:
Die Revolution wäre dahin. Die Stimmung im Volk würde mit einem feigen Meuchelmord am König umschlagen. Seht, Freunde, das ist's, was ich meinte. Nicht eine Person stürzt den König. Und nicht der König allein ist Grund der Revolution. Für die Sache wäre so nichts gewonnen. Worum geht es uns denn?
Folkner (lacht zu den anderen):
Der Schwätzer wird es uns sicher sagen.
Bertrand:
Lästere nur, mein Freund. Wenn du in diesem Haus nur einen Finger an der Klinge ansetzt, werde ich dir rechtzeitig die Hand abschlagen. Hüte dich!
Folkner (aufgebracht):
Du magst mit Worten töten können, mit der Klinge nicht. Ich will dir zeigen, wie das Florett zu führen ist.

(Peissner sieht Folkner das Florett ziehen und stellt sich dazwischen.)

Peissner:
Beruhigt euch jetzt alle! Der König wird laut lachen, wenn er sieht, wie seine Gegner sich im Vorfeld abschlachten. Dabei haben wir doch mit Lolas Nähe zum König eine gute Partie, um die Sache zu drehen.
Wolfram (prustet laut los):
Zunächst einmal hast du eine gute Partie.
Bertrand:
Freund Peissner hat Recht. Ich sehe auch, wie die Hausdame Marie noch eine wichtige Rolle spielt. Beide übrigens sehr kluge Frauen. Allein bei der Gräfin weiß ich noch nicht so recht, wie ich bin.
Folkner:
Jetzt hüte aber deine Zunge! Eine Unverfrorenheit in Abwesenheit der Dame hier so zu reden.
Bertrand:
Freund Folkner schneidet mir das Wort. Wie sieht denn deine Revolution aus? Mund halten, wenn du es so willst?
Peissner:
Die Gräfin ist in Ordnung, Bertrand.
Bertrand:
Ich warne nur jeden hier. Wir sollten uns nie von dem Sturz ablenken lassen. Der rechte Zeitpunkt ist dann da, wenn alle Ministerialen streiken, der König keinen Schutz mehr hat. Wir brauchen daher über Lola Informationen. Nur über sie erfahren wir, was hinter den Kulissen stattfindet. Vielleicht lässt sich Marie mit einer Liaison zum Kronprinzen Maximilian noch gewinnend einsetzen. Sie hat ja durchaus Reiz und Intelligenz. Was meint ihr?
Wolfram:
Eine vortreffliche Idee, wenn ich nicht selbst ein Auge auf die Schöne geworfen hätte. Vergessen wir das!
Folkner (lacht):
So kommt es raus, Freunde. Das Herz eines jungen Burschen verhindert die Revolution.
Wolfram:
Marie gehört nicht zum Spiel, Folkner. Wie dumm muss man sein, das Gewicht einer Frau für eine ganze Revolution zu wiegen.
Peissner:
Ich finde die Idee unseren Freundes Bertrand gar nicht schlecht. Man sagt, dass er die Schönheit der Künste zu schätzen wisse. Dann weiß er auch die Schönheit einer Frau zu schätzen.
Wolfram:
Er ist mit einer Preußin liiert. Er wird es nicht wagen.
Folkner (grinst):
Muss sie’s denn wissen?
Bertrand:
Wir müssen jedenfalls mehr vom Hof wissen. Wir spüren doch alle, dass die Kräfte des Königs stündlich sinken. Er gibt sich für Lola hin, schreibt lächerliche Gedichte für sie.

Peissner (spöttisch):
Lola hat ihm neulich gar für ein paar Tage die Tür gewiesen. Der hat gewinselt wie ein Hund.
Bertrand:
Trotzdem reicht das nicht. Vergesst nicht. Ihr könnt den stärksten Ast eines Baumes abschneiden. Lasst ihr die Wurzeln, wird sich nichts ändern. Wir haben das Volk nur auf unserer Seite, wenn es ihm danach auch besser geht. Ich höre, dass Preußen über eine Landreform diskutiert. Die neue Wirtschaft im Westen sprießt. Die Arbeit mit Kohle frisst ihre Hände und laucht ihren Geist aus. Gehen die Leute vom Land in die neuen Städte, suchen sie Arbeit. Dann ist’s vorbei mit revolutionären Gedanken.
Folkner:
Das ist aber weit weg von Bayern.
Peissner:
Aber nahe genug, um auch hier den Geist zu erschlaffen. Ich stimme Bertrand zu. Der Bürger muss endlich zu seinem Recht kommen und auch von dem profitieren, was er schafft. Und wenn es dem Volk nach der Revolution nicht besser geht, ist alles schnell dahin.
Wolfram:
So warten wir weiter zu, feiern das Fest und hören, wie die Sache sich entwickelt. Nebenbei machen uns noch die Kameraden zu schaffen.
Peissner:
Die beruhigen sich schon wieder.
Bertrand:
Ich schlage vor, wir treffen uns von nun an wöchentlich hier.
Folkner:
So sei es, mein Freund. Im Reden bist du ja geübt.

(Die Gruppe zieht unverrichteter Dinge ab.)

Raul

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8

Saturday, July 23rd 2011, 10:58am

1. Aufzug 8. Szene

Bertrand sucht das Gespräch mit Lola und wartet bereits eine Stunde in der Villa auf die Dame. Marie leistet ihm Gesellschaft.

Marie:
So ist’s im Leben, Herr Bertrand. Ein Warten, und nichts ergibt sich von allein. Die Dame lässt sich Zeit.
Bertrand:
Warten. Meinetwegen. Was sind diese Momente schon gegen den trägen Fortlauf der Geschichte? Mir scheint, die Zeit will mich und meinen Geist nicht.
Marie:
Zweifel? Der Herr hat Zweifel? Dann ist er ein Philosoph. Was versprechen Sie sich von der Dame? Erst Peissner, jetzt Sie?
Bertrand:
Sie unterschätzen mich, kluge Frau. Die Fleischeslust sollen andere leben.
Marie:
Und was leben Sie? Die Gräfin ist durchaus fasziniert von Ihnen. Ich habe schon andere stolze Männer gesehen, die hier weich wurden. Ist es nicht das, was mit dem Manne schicksalsträchtig verbunden ist?
Bertrand:
Sie stellen gute Fragen, Fräulein Marie. Aber derer zu viele. Haben Sie auch Antworten?
Marie:
Nun, ich sehe einen Mann vor mir, der mit sich ringt. Er ist angetan von der Gräfin, gibt es sich nur nicht zu. Die Revolution in seinem Kopfe zerfällt allmählich, und am Ende wird da ein gebrochener Wille stehen, der die Leibeigenschaft zu einer Frau der eigenen Freiheit bevorzugt. Antwort genug? Oder warum scharwenzeln Sie wie eine launische Katze Tag für Tag um die Villa hier?
Bertrand:
Ist’s Ihnen genug? Dann gehe ich. Sie verstehen nichts von einem starken Willen, sind doch einfacher als ich gedacht habe.
Marie:
Mir ist’s einerlei, ob Sie hier sind oder nicht. Ich habe die Höflichkeit als Form gelernt. Wer Menschen die Maske entzieht lebt gefährlich. Ich will nicht weiter forschen.
Bertrand:
Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass ich wegen der Gräfin täglich hier bin?
Marie:
Sollten Sie wegen meiner hier sein, was ich für verwegen und frech hielte, ändert’s nichts an der Sache meiner Behauptung. Manchmal ist die Wahrheit eben einfach. Ich sehe die jungen Burschen, wie Sie sich verbiegen und sich noch vorgaukeln, es gehe um eine große Sache. Spätestens hier fallen alle männlichen Eitelkeiten der guten Dame vor die Füße. Dadurch ist für den Bürger auf der Straße kein Brot gewonnen. Die Völlerei der oberen Truppe geht dagegen weiter.
Bertrand:
Erzählen Sie mir, welche Scheherazade Sie in dem ganzen Stück spielen.
Marie:
Sie möchten Antworten? Sie bekommen Antworten. Tag für Tag. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen möchten. Die Dame sieht es unterdessen nicht gern, wenn Sie nicht im Mittelpunkt steht. Sie pflegt für gewöhnlich gegen zehn Uhr das Haus für einen Spaziergang zu verlassen. Dann ist’s Zeit für uns. Ich will Ihnen nun einen Anfang geben und breche gerade so ab, wie es Scheherazade getan hat.
Bertrand:
Sie wissen zu unterhalten, gute Marie.
Marie:
Ich bin eine Dame aus gutem Hause. Sie vermuteten es schon. Im Kleide einer Magd. Die Täuschung hilft den Menschen, ihr Spiel zu spielen.
Bertrand:
Ihre Anstellung hier ist ein Spiel? Ein Spiel hat ein Ende, und das immer.
Marie:
Wir sind aber am Anfang. Ich kenne die höfischen Sitten nur zu gut. Ich bin hier, weil…
Bertrand:
Weil?
Marie:
Nun höre ich doch die Gräfin kommen. Wie schade. Da müssen Sie morgen schon wieder kommen.

(Lola betritt das Kaminzimmer, Marie verlässt umgehend das Kaminzimmer.)

Lola (lacht):
Guter Bertrand. Hat Ihnen meine Zofe wieder eine Scheherazade erzählt?
Bertrand:
Lassen wir die Hausdame. Ich bin heute hier, um endlich zu erfahren, wie Sie zu den Dingen stehen?
Lola (abfällig):
Welch eine Begrüßung? Ist Ihr Kopf wieder zu voll, Bertrand?
Bertrand:
Das heilige Fest steht an. Da geht’s um die Wahrheit.
Lola (spöttisch):
Das ist mir ja ganz neu. Seit wann geht es in der Religion um Wahrheiten? Die Religion ist ebenso eine Täuschung wie die neue Philosophie. Ich glaube nicht, ich weiß nicht, aber ich bin. Wie kann das sein, mein treuer Hausgeist?
Bertrand:
Wenn Sie das Leben eines Tieres zum Vorbild nehmen, kann das sein. Wenn Sie auf sich als Mensch etwas halten, redeten Sie nicht so. Mit Ihnen und der Revolution ist also keine gemeinsame Sache zu machen. Ich spür’s.
Lola:
Sie glauben wirklich, dass ich die Hand verrate, die mich füttert? Interessant. Warum denken Sie so?
Bertrand:
Ich halte Sie für eine kluge und mächtige Dame. Wer den König im Griff hat, vermag vielleicht mehr. Was, wenn Ihre Freiheit ohne Fütterung auskäme? Was, wenn Ihr Privileg zum Privileg vieler kluger Menschen würde? Was wäre dabei? Fürchteten Sie dann um Ihre besondere Stellung? Wären Sie dann nicht mehr die Diva, die Sie überall aufreizend lässig vorgeben zu sein?
Lola:
Ein Philosoph sind Sie, ein Narr dazu. Ich weiß nicht, was Sie bemüßigt, mich Diva zu nennen. Ich bin Lola Montez und gebe nichts anderes vor zu sein. Ich habe schon viele Winde drehen sehen. Mein Kopf ist mir mehr Wert als eine abstrakte Spinnerei. Seien Sie froh, dass ich Sie nicht wegen Hochverrat anzeige. Ich lasse Ihnen das freie Wort. Aber bemächtigen Sie sich nicht meiner. Ich komme schon auf Sie zu, wenn ich etwas vom Umsturz wissen will. Können wir uns nicht über andere Themen unterhalten?
Bertrand:
Für heute befürchte ich nicht. Ich gehe. Aber ich komme wieder, denn so übermutig, wie Sie heute sind, sind Sie nicht aller Tage.

Raul

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9

Tuesday, July 26th 2011, 2:41pm

1. Aufzug 9. Szene

Der Philosoph monologisiert im Gastzimmer der Villa Lolas in Abwesenheit der Dame das Problem der Trägheit.

Bertrand:
Wie funktioniert diese Welt? Was macht sie so bequem? Was lässt sie so erstarren? Überall finden sich Anhänger der Revolution. Die Köpfe sind voll davon. Und doch geschieht nichts. Ist es Angst? Nein. Wäre es Angst, so würde die Angst mit den revolutionären Idealen und dem Glauben an sie ausgelöscht werden können. Ist es mangelnder Glaube in die Ideen? Das scheint mir möglich. Niemand weiß, was danach kommt, und die Jakobiner lehren uns, dass aus dem Chaos neue und noch schlimmere Schreckensherrschaften entstehen können. Was hat die Französische Revolution gelenkt? Ein Strohfeuer war sie. Ich verzweifele. Welche Revolution hat sich zum Guten gewendet? Der Bürger ist bis auf den heutigen Tage von der Politik und von der Herrschaft ausgespart geblieben. Er strebt nach Emanzipation, aber ist er selbst emanzipiert? Ist es nicht eine fixe Idee, zu glauben, dass die Mündigkeit des Einzelnen einen gleichen Geisteszustand zeigt? Fürwahr, es gibt kluge und dumme Menschen. Zu den dummen und klugen Menschen können Könige, Priester, Adelige und Bürger gehören. Herrschaft braucht mehr als dynastische Launen des Schicksals. Aber wer wählt aus, wer dumm und wer klug ist? Wer bestimmt dies? Mir scheint es beinahe, als öffneten wir Revolutionäre die nächsten Tore der Willkürlichkeit. Was sagt unser Freund Schopenhauer? Er verneint eine Revolution des Bürgers. Er bleibt damit den Herrschenden verhaftet. Aber ist sein Misstrauen nicht berechtigt? Mir wird unwohl, wenn ich die blökenden Massen die Straßen entlang ziehen sehe und weiß, dass sie gerade so schreien, wie ihnen zumute ist. Mal ist es die Nation, mal die Freiheit. Was denn nun? Beides zusammen? Ha, da wäre jeder frei, die Nation zu verraten. Meine Freunde haben Recht. Aus mir will keine überzeugende Idee heraus. Ich kann nicht Dinge lenken, wenn ich die Zügel nicht kenne und keine Richtung einschlage. Herrschaft. Immer geht es um Macht und Herrschaft. Der Teufel ist dabei in uns.
Nicht der von Gott auserkorene Teufel. Der Mensch ist ein Teufel. Er sieht immer nur sein Brot, nie das der anderen. Wie soll er so das Ganze erkennen? Mich verlässt die Kraft. Die jungen Burschen verzetteln sich in Liebschaften, und jeder Standhafte wird verlacht. Ohne klare Idee kein Glaube. Ohne Glaube kein Umsturz. Was hat mir seinerzeit dieser alte Mann zu Frankfurt gesagt? Du bist dir die größte Illusion. Ja, ich bin mir eine Illusion. Ich mit meinem französischen Blute. Als wenn das zur irgendetwas verpflichte. Die Zugehörigkeit zu einem Land heißt nichts, verspricht nichts. Mein Werk, das nie eins war, ist Einbildung. Mein Sinn ist dahin.

(In diesem Moment klopft es an der Tür, und Bertrand erblickt Marie.)

Bertrand:
Gute Dame, Sie kommen im Augenblick höchster Selbstzweifel. Hat es was zu bedeuten?
Marie:
Fabulieren Sie nicht allzu sehr, Bertrand. Wo bleiben Sie? Man erwartet auf dem großen Platz an der Marienkirche Ihre Rede?
Bertrand:
Meine Rede? Ja, wie denn, was denn?
Marie:
Eine Reihe von jungen Burschenschaftlern hat sich endlich getraut, den König öffentlich zu provozieren. Noch sind’s zarte Versuche. Man braucht Sie, großer Bertrand. Man hat mich geschickt, Sie zu holen. Ihr Augenblick ist gekommen. Das ist der Lauf der Geschichte. Für alles gibt es den rechten Moment. So kommen Sie! Der Platz füllt immer mehr an.
Bertrand:
Marie, Marie. So lassen Sie doch! Ich befürchte, es braucht einen klügeren Geist wie mich. Es ist nicht mein Moment. Was sind schon Reden? Denken Sie doch an Hambach! Ein Saufgelage war’s später. Mit jedem Schluck mehr verlor sich der Verstand. Was soll ich denn sagen? Verspricht der Umsturz denn mehr als jetzt ist? Oder ist es bloße Wichtigtuerei?
Marie:
Wie können Sie bloß so reden? Ohne Anfang kein Ende. Die Menschen hungern und leiden noch zu still. Eine laute und kluge Stimme, die Trost spendet, das ist’s, was es braucht. Wie können Sie, hinter dem so viel Hoffnung steht, in diesem Augenblick zerbrechen. Wenn die Philosophie wirklich nur die Kunst des Zweifelns ist, dann ist die Revolution keine Philosophie. Dann ist die Philosophie nur sprachgewaltige Ohnmacht. Es braucht in diesen Tagen klare Gedanken. Ich verstehe Sie nicht und bin tief enttäuscht, wenn Sie sich jetzt verweigern.
Bertrand:
Ihre Hoffnung ist eine Bürde für mich, Marie.
Marie:
Jede Hoffnung baut auf Vertrauen in Mutige. Sie sind’s, Bertrand, ganz gewiss.
Bertrand:
Was schwebt Ihnen hinter diesem Aufstand vor, Marie? Sagen Sie es endlich. Mit den Geschichten von Scheherazade sind wir nicht ganz weit gekommen. Ihr Rätsel ist nicht gelüftet. Sagen Sie mir, was Sie so feurig antreibt. Sagen Sie es mir!
Marie:
Nicht jetzt. Das muss warten. Aber ich verspreche Ihnen, Sie werden es gewahr. Nun kommen Sie zum Platz!

Raul

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10

Thursday, July 28th 2011, 3:52pm

Intermezzo zum 2. Akt

Der Philosoph Bertrand kündigt eine Rede auf dem Marienplatz an. Viele Menschen haben sich auf den Platz versammelt und erwarten seine Worte. Lola ist unter den Anwesenden und hat ihrem neuen Hausfreund kurz zuvor deutlich gemacht, dass er nach dieser Rede keine erwünschte Person mehr in ihrem Hause sei. Man schreibt das Kalenderjahr 1848 und den Monat Januar in seinen letzten Tagen. Es herrscht winterliche Kälte und doch sind Menschen gekommen, um den bekannten Stadtphilosophen zu hören.

Bertrand (hebt die Stimme laut an):

Ihr Versammelten hier, Burschen, aufrechte Männer, Landsmannschaften,

ihr seid gekommen, um zu hören, wie es ist dieser Tage. Allenthalben hört man von Aufständen im Bund. Die Menschen wollen die Nation. Sie gründen Vereine, reden in Zirkeln über die Politik, aber haben Sie eine Stimme? Haben wir eine Stimme? Allzu verdeckt wie Kriminelle agieren wir, suchen Verbündete, während uns argwöhnisch Ministeriale des Königs beobachten, feige intrigieren und uns wie Vieh in Schach halten wollen. Ist das die Freiheit, von der wir träumen? Versammlungen über Versammlungen verkünden unterdessen landesweit den Willen des Volkes. Der Bürger möchte einen Grundrechtekatalog. Wir sind frei und wollen endlich mitbestimmen. Diese kleinstaatliche Fürsterei ist uns zuwider, wenige Bäuche sind satt gefüllt, während das Volk draußen vor den Palästen hungert. Einigkeit, Recht und Freiheit. Das ist die Losung der Zukunft, damit alle teilhaben können am politischen Schicksal. Ich fordere nicht die Absetzung des Königs. Unsere Exzellenz König Ludwig mag seinen Platz behalten. Ich fordere aber, dass sich unsere Exzellenz wie jeder einem Recht unterordnet, das für alle da ist. Unsere Ideale lassen sich mit keiner Peitsche austreiben. Wir stehen hier nicht in der Kälte, um willenlos zuzuschauen, wie alle Sitten weiter verkommen. Wie kann einer über alle herrschen, ohne selbst an ein Recht gebunden zu sein? Es braucht gültige Regeln für alle. Unser Aufstand ist nicht dazu da, alles in Frage zu stellen. Unser Aufstand ist dazu da, die richtigen Fragen zu stellen. Wie kann einer mehr wert sein als der andere? Das geht nur in einem Staate ohne Recht. Ja, aber das sind wir! Bürger ohne Recht.

(Lauter Applaus, die Menschen auf dem Platz schreien und jubeln. Manche tanzen sich warm. Hinten bricht eine Schlägerei zwischen zwei Burschenschaftlern aus, die sofort unterbunden wird. Es dauert, bis der Redner wieder Ruhe findet.)

Wir hungern daher in dieser Rechtlosigkeit. Wir leiden mit der Nation, die schon längst Wirklichkeit in unseren Köpfen ist. Wir verachten niemanden, nicht den König, nicht die Magd. Vor dem Recht aber müssen alle gleich sein. Ich kann nicht länger zusehen, wie das Schicksal einer großen Nation in den Händen weniger liegt. Etliche kluge Köpfe weilen schon verbannt im Ausland, leiden unter der Ächtung einer Herrschaft, die sich über Jahrhunderte immer nur ihr Recht herausgenommen hat. Sie leiden als Deutsche. Der Deutsche Bund ist keine Einheit, sondern die Fortführung der Fürstenstaaten. Der Deutsche Zollverein ist die fürchterliche Betäubung eines Bürgerwillens, der letztlich doch unaufhaltsam den Weg in die Einheit findet. Es sind die Kornkammern der Fürsten, die davon profitieren. Kennen unsere Oberen Hunger? Kennen sie Hunger? Lasst euch von einem Franzosen mit hugenottischen Vorfahren sagen:
Das, was in Frankreich gescheitert ist, wird hier gelingen. Die Hugenotten hat man vertreiben können. Wer aber regiert wen, wenn alle Bürger des Landes vertrieben sind? Keine Herrschaft ohne Masse. Die Fürsten und Könige des Bundes können sich dem Lauf der Geschichte nicht widersetzen. Es ist jetzt unsere Zeit. Die Tradition in allen Ehren. Aber was ist sie, wenn die Menschen sie nicht mehr tragen? Es gibt kein Recht der Tradition. Auch die Dynastie ist kein solches Recht. Die Wittelsbacher stellen über Jahrhunderte in ganz Europa Könige. Was schert es uns aber, wenn die Menschen unter diesem Geschlecht nicht frei sind?
Jetzt fragt ihr euch vielleicht, was Freiheit ist? Freiheit ist das Vermögen, den eigenen Verstand nutzen zu dürfen. Ich vertraue auf die Klugheit des Bürgers genauso wie auf die Klugheit eines Königs. Nein, ich vertraue der Klugheit der vielen Bürger sogar viel mehr. Er hat Interessen wie der König. Aber er muss diese Interessen unter dem einen Recht in Einklang mit vielen Bürgern bringen. Daher ist es an der Zeit, hier in Bayern mit einer Nationalversammlung zu beginnen, die das Recht formuliert. Aber der Weg muss bis nach Preußen weitergehen.

Einer aus der Menge tut sich hervor, schreit:
Gut gesprochen, Bertrand, aber nach Preußen kriegt mich keiner hin. Das ist doch nicht, was wir wollen, das eine Dach mit dem anderen austauschen.

(Die Menge pflichtet ihm bei, ein Stimmenwirrwarr bricht aus. Es dauert, bis Bertrand antworten kann.)

Bertrand:
Wenn ihr Bayern so wollt wie bisher, müsst ihr euch auch mit der Kleinstaaterei begnügen. Das ist keine Lösung. Oder was hat es auf sich mit eurem Begehren? Ist es echt? Oder verstecken sich hinter Worten Unglaube und Mutlosigkeit? Ich will nicht glauben, dass aufrechte Menschen vor uns umsonst hingerichtet oder ausgewiesen wurden. Ich will nicht glauben, dass der Kleingeist unter euch das große Ganze taumeln lässt. Ein Weg hat viele Abzweigungen, bei denen viele verloren gehen können. Entweder gehen wir einen oder keinen Weg gemeinsam. Ich werde diesen Weg gehen. Wenn ihr mich hier nur zu Unterhaltung herbeigerufen habt, bin ich der falsche Mann. Ihr seid das Volk. Spreche ich nicht für euch, so ende ich hier. Hat einer bessere Ideen, so soll er hervortreten und diese verkünden. Ist ihm ein Frauenzimmer lieber als die Politik, so soll er schleunigst wieder unter seinem Rock kriechen. Feiglinge braucht diese Nation nicht länger. Steht aufrecht zu eurem Recht und bekennt euch friedlich zu euren Idealen. Die Zeit ist gekommen, dem Wort Taten folgen zu lassen. Von nun an werde ich jeden Donnerstag hier sprechen, sofern man mich lässt. Wenn die Truppen des Königs kommen, so lasse ich mich gefangen nehmen, mich hinrichten. Diese Worte an euch aber bleiben. Entweder ihr steht zu mir und zu den Idealen oder ihr verkriecht euch wieder in euer kleines Leben. Dann aber lasst die Posaunen auch gleich zu Hause. Und noch etwas. Ein kluger Geist geht mit Beispiel voran. Er braucht keine Waffen, denn er hat das Wort. Ich glaube an die Klugheit des Bürgers und vertraue darauf, dass die Gewalt vom Aufstand ferngehalten wird. Wir tun es nicht dem König gleich, denn das würde bedeuten, dass wir sein Unrecht mit Unrecht beantworten. Unsere Einheit und Freiheit bewährt sich nur, wenn wir mit lautstarken Worten protestieren. Der Protest zerfällt aber mit jeder Faust und mit jedem Schuss. Geht jetzt und beratet euch, wo auch immer. Ihr seht mich nächsten Donnerstag hier wieder.

Raul

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11

Friday, August 5th 2011, 2:13pm

2. Akt

1. Aufzug 1. Szene

Der bayrische König Ludwig I. erwartet Lola Montez in seiner Münchener Residenz. Gerüchten zufolge soll Lola sich den burschenschaftlichen Protestlern angeschlossen haben. Man schreibt den Februarbeginn des Jahres 1848.


Ludwig I. (für sich):
Mich will das Gefühl, als habe ich einen Dolch im Rücken. Manchmal schmerzt er mich, manchmal kitzelt es mich. Die Leute am Hof reden und reden, ich will’s nun genauer erfahren. Ein Weib mit diesem Mut hat es nicht nötig zu lügen. Ich liebe die Kunst, ich liebe Gedichte und doch finde ich alles in einem formvollendet in dieser Frau. Lola. Ich spüre, wie sie mich herabstürzt. Aber was ist schon Schicksal? Ich sehe sie tanzen, vor meinen Augen, jeden Tag. Meine Sehnsucht erlischt nicht, sucht ihre Nähe und ihre abweisende, kühle Hand bringt nur neuerliches Verlangen in mir hervor. Ich kann die schönsten Paläste haben, die Residenz hier führt Barock und Rokoko, ganz wie mir beliebt, und doch ist die Sehnsucht immer woanders. Sie frisst mich auf, ist wie ein Kannibale, nie satt. Das Leben ist ein ständiges Hungern. Was wissen die Leute da draußen schon vom Hungern? Es ist ein seelisches Hungern. Was flüsterte Goethe mir im Jahre 1827 zu seinem 78. Geburtstag gleich noch zu? Es gibt keinen Faust auf der Welt, der Gretchens Schicksal bestimmen kann. Wie wahr. Was uns anzieht, ist so fern, und auch noch so dichterische Worte vermögen es nicht, eine Brücke zu bauen.

(Ein Hofdiener klopft an, kündigt Lola Montez und führt sie anschließend in die Wohnräume Ludwigs I. ein.)

Ludwig I.:
Ich grüße Sie, meine Gräfin. Es ist ein Freuen, Sie wieder hier zu sehen.
Lola:
Den Eindruck hatte ich auf dem Weg hierhin nicht. Ihre Residenzadministration weiß wohl nicht mehr, wie man eine Dame begrüßt. Überall ein Stirnrunzeln, eine Unlust zu grüßen. Mein König wird alt und pflegt scheinbar einen lockeren Umgang.
Ludwig I.:
Nun, es ist, weil doch allenthalben Geschichten über Sie die Runde machen. Sie seien die Rädelsführerin der Aufständischen, träfen sich täglich mit diesen lächerlichen Revolutionären und führten eine eigene Leibgarde.
Lola:
Aber das wissen Sie doch alles, Eure Majestät. Ich bin so revolutionär, wie es mir dient. Warum sollte ich von Ihnen abfallen, von einem so galanten Herren, der Frauen mit Worten zu umgarnen weiß? Es sind doch alles noch Kinder, diese Burschen. Glauben Sie mir, ich habe für Kinder nichts übrig.
Ludwig I.:
So ist’s Gerede der Leute. Ich habe es mir gleich gedacht. Sie schwätzen den ganzen Tag. Hungerten sie, wie sie immer vorgeben, würden sie nicht so schwätzen können. Und diese Burschenschaftler sind am schlimmsten. Sie haben keine Ideen außer die der Zerstörung. Dieser Bertrand redet dummes Zeug, ist ein Taugenichts. Meine Truppen hätten ihn längst ergreifen und einsperren sollen. Ich habe gestern veranlasst, einen Suchtrupp loszuschicken. Seine Reden am Donnerstag sind jetzt genug. Er wiegelt die Leute auf.
Lola:
Er ist alles in allem ein gescheiter Mann, aber doch zu zahm, um Ihnen, Majestät, gefährlich werden zu können. Oder sagen wir so. Er besitzt die Dummheit des Klugen, der an die heilende Wirkung seiner Predigten glaubt. Ich glaube nicht mehr an die Kraft der Worte. Der Marienplatz soll beim letzten Mal schon leerer gewesen sein. Und was sind schon Worte? Sie werden von einem Kontinent zum anderen verschickt, aber die Erde dreht sich weiter.
Ludwig I.:
So verachten Sie auch meine Werke?
Lola:
Ach, bei Ihnen ist’s was anderes. Sie spielen damit und herrschen zugleich. Sie spielen ohnehin mit allen.
Ludwig I.:
Merkwürdig, dass ich dasselbe über Sie denke, Gräfin.
Lola:
Dann hoffen wir, uns verdirbt niemand unser Spiel hier. Wie gedenken Sie mit den Tumulten umzugehen?
Ludwig I.:
Ich werde mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln die Aufrührer aufspüren und ihnen den Prozess machen. Unsere Herrschaft hat eine lange Geschichte. Was meine Residenz repräsentiert, steht über allem. Ich kann diese Ideen von Freiheit und Gleichheit nicht verstehen. Die Menschen sind doch Wölfe untereinander, brauchen ein Leittier. Wie können Sie wilde Tiere ohne Zucht und Ordnung bezähmen? Ich habe schon etliche in den Kerker werfen lassen, war so gnädig, ihnen die Todesstrafe zu erlassen. Was erwartet man mehr von mir?
Lola:
Unsere Freiheit ist nicht teilbar. Hat der eine sie, begehren andere sie auch. Sie nehmen das nicht ernst. Aber was ist, wenn die Leute auf der Straße in breiter Zahl die Freiheit einer Unordnung wirklich erkennen, sich an ihrer Macht berauschen und noch mehr Unheil anrichten? Ich bin kein Mensch mit Ängsten, aber ich sehe dunkle Wolken am Horizont, Eure Majestät.
Ludwig I.:
Aber dunkle Wolken verziehen sich auch wieder. Man muss dem Regen standhalten. Mein Geschlecht hat eine mehrere Jahrhunderte alte Tradition. Wir sind mehr als einmal nass geworden und haben uns gut gehalten. Ein Stamm wächst eben doch gesünder wie kleine unterschiedliche Äste hoch oben in den Wipfeln.
Lola:
Sie strotzen ja vor Zuversicht. Das gefällt mir. Aber der Abfall Ihrer Ministerialen hat Ihnen auch noch andere Feinde in der Stadt eingebracht.
Ludwig I.:
Müssen wir über Politik reden? Ich möchte vielmehr über Sie sprechen, über Ihre Anmut und Ihre Grazie. Warum verführen Sie uns Männer so?
Lola:
Ist es nicht so, dass die Männer sich vielmehr selber verführen? Sie haben ein Bild von mir. Sie laufen diesem Bild ständig nach. Stellen Sie sich vor, ich würde mich ganz plötzlich in eine alte, schrumpelige Hexe verwandeln. Sie würden mich vom Hof jagen.
Ludwig I.:
Ich würde Sie auch dann lieben.
Lola:
Stellen Sie sich vor, ich wäre eine zentnerdicke Frau.
Ludwig I.:
Ich würde Sie dennoch lieben.
Lola:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten mich nie tanzen gesehen.
Ludwig I.:
Ich liebte Sie auch dann. Ich habe viele schöne Gedichte gelesen und noch mehr prunkvolle Bauten, aber Sie sind das sonderbarste Glück für mich, das mir je begegnet ist.
Lola (lacht):
Sie sind unheilbar krank, und ich werde nun gehen und den Arzt rufen lassen.

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