Friday, May 25th 2012, 11:01pm UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

Posts: 66 wcf.user.activityPoints: 405

1

Monday, July 4th 2011, 12:18am

Verwitterung in der Sauna

„Hier ist die Luft unglaublich feucht“, japste Helena in die Runde der triefenden Dampfsaunagäste. Ein Hustenanfall ging von Mund zu Mund und hallte dabei immer lauter im Gewölk. „Ohh“, keuchte ihr Mann. Gelegentlich grabschte sich ein jeder hastig an die Ohren, um sich zu versichern, dass es viel zu heiß ist. „Nehme Reißaus!“, brüllte ein dünner, purpurner Kopf und verschwand. Die Tür öffnete sich für einen Schweißtropfensturz. Der frische Luftzug starb noch auf der Stelle.

Die Gemüter wurden weich und schäumten aus den Poren. Es war viel zu heiß. Aber niemand traute sich, auf die Bremse zu treten. Ein bisschen mehr Schweiß geht immer. Helena griff die glitschigen Arme ihres Mannes und küsste ihn. Lang und feucht, und deshalb auch laut, als wären sie für diesen Moment allein. Ein Drang nach Speichel war entbrannt. Wer keinen hatte, musste gehen. Die Sauna verwitterte. Dann stieß auch ein junger, blonder, grätiger Mann seine Zunge in Helenas Mund.

Alle flutschten ineinander, liebten sich wie Geier und Kadaver. Sie brachen sich die Knochen und verteilten ihren Schweiß in jeden Winkel. Das hallende Gestöhne war unerträglich. Nach einer Weile hingen fast alle kauernd in der Ecke und sahen den letzten noch bei ihrer Entladung zu. Sie trauten sich nicht auszusteigen. Niemand würde je aussteigen. Zerklüftet von Angst hielten sie wie eine Fehlgeburt im Angesicht des Lebens inne. Einer hielt die Tür auf. Der frische Luftzug starb noch auf der Stelle.
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Chepre

Moderator

Date of registration: Aug 22nd 2008

Posts: 1,416 wcf.user.activityPoints: 7,695

Location: Gießen

Occupation: Student

2

Monday, July 4th 2011, 12:33am

hallo, Daniel

es ist komisch. es ist grotesk, wenn das das richtige Wort ist, und man fühlt sich ein bisschen beschämt beim Lesen.
aber ich mag deinen Stil - ich finde, du kannst gut erzählen und formulieren, auch wenn ich eigentlich kein Geschichtenleser bin hier im Forum.

Gruß
Chepre
Du kannst gehn, aber deine Kopfhaut bleibt hier.

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

3

Monday, July 4th 2011, 8:11am

hier hast du,w as mir bei deinem anderen text gefehlt hat: die ideen und verendeten bilder greifen ineinander und bilden ein großes ganzes;
schöne geschichte;

die brechenden knochen sind ein bisschen unnachvollziehbar, vor allem weil sie aus dem kontext gerissen nicht näher verfolgt werden!

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Jule

Master

Date of registration: Jun 1st 2008

Posts: 533 wcf.user.activityPoints: 3,305

Location: Marburg

Occupation: Student

4

Monday, July 4th 2011, 11:29am

Hallo Daniel,

diese Geschichte ist für mich (fast) durchweg gelungen, zum Inhalt möchte ich gar nicht viel sagen, er ist klar formuliert, bietet Freiraum zu Interpretationen, ist in sich aber trotzdem schlüssig und stringent. Wie erik auch sagt, es bildet ein rundes Ganzes.
Besonders gut gefallällt mir auch die Wiederholung des sterbenden frischen Luftzuges am Ende.

Sprachlich und erzählerisch finde ich diese Stellen besonders gelungen:
„Nehme Reißaus!“, brüllte ein dünner, purpurner Kopf und verschwand. Die Tür öffnete sich für einen Schweißtropfensturz.
Alle flutschten ineinander, liebten sich wie Geier und Kadaver.
Zerklüftet von Angst hielten sie wie eine Fehlgeburt im Angesicht des Lebens inne.
Diese Stellen stechen für mich besonders im Text hervor, wie kleine Juwelen. Sie sind ausgezeichnet formuliert und bilden im Text sprachliche Höhepunkte, ich finde es wirklich klasse!

Anders als Erik, finde ich die brechenden Knochen nicht unnachvollziehbar. Wie Chepre ja schon gesagt hat, ist die Geschichte grotesk und die brechenden Knochen bilden da den Gipfel dieser Orgie.
Ich finde sie auch nicht aus dem Kontext gerissen, meiner Meinung nach bildet dieser Abschnitt
"Alle flutschten ineinander, liebten sich wie Geier und Kadaver. Sie brachen sich die Knochen und verteilten ihren Schweiß in jeden Winkel. Das hallende Gestöhne war unerträglich. Nach einer Weile hingen fast alle kauernd in der Ecke..."
ein rundes Bild. Bereits das "Geier und Kadaver" leitet die Groteske und Übertriebenheit der Szene ein. Die gebrochenen Knochen folgen dem und ich finde, man kann sie sich gut im Zusammenhang denken.

Noch zwei klitzekleine Verbesserungsvorschläge:
"...um sich zu versichern, dass es viel zu heiß ist" --> m.E. ist "dass es viel zu heiß war"
"Das hallende Gestöhne war unerträglich." --> "Gestöhn" anstatt "Gestöhne" klingt meiner Meinung nach rhythmisch besser und fügt sich somit besser in den Lesefluss ein. Aber das ist eine subjektive Kleinigkeit.

lg!

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

5

Monday, July 4th 2011, 11:52am

um knochen ins spiel zu bringen muß man sie nicht unbedingt brechen und wenn ja, muß am nach einem selbigen einschnitt die geschihte anpassen; das ist hier nicht pasiert; die knochen die plötzlich brechen verändern in keinsterweise die erzählstrukturen; es geht heiter weiter; selbst wenn es als höhepunkt angenommen wird, pass t es nicht in die haltung des erzälers, die man nach wie vor als übersteigerung aufgrund eines unbehagens/entsetztens deuten kann; brechende knochen sind keine übersteigerung - gebrochene knoche sind gebrochene knochen und somit wird die position des erzählers verwässert; was macht der dort im kontext?
das hallende gestöhn war unetrträglich schrammt übrigens auch an die position des erzählers und lässt den leser fragend zurück: was machst du dort; es ist dafür keine andeutung zu finden! ein haar in der suppe!

das mit dem gestöhn-rhythmus musst du mir erklären, das verstehe ich nicht;

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Jule

Master

Date of registration: Jun 1st 2008

Posts: 533 wcf.user.activityPoints: 3,305

Location: Marburg

Occupation: Student

6

Monday, July 4th 2011, 12:07pm

Warum sollten brechende Knochen die Erzählstrukturen verändern? Sie sind als ein Faktum der Orgie einfach beschrieben. Es entsteht diese krasse, übertriebene Orgie und dabei werden die Knochen gebrochen, Punkt. Ich sehe da keinen Grund, warum man da irgendwas "anpassen" müsste.

"brechende knochen sind keine übersteigerung - gebrochene knoche sind gebrochene knochen und somit wird die position des erzählers verwässert;"

Also ich finde schon, dass gebrochene Knochen während einer Sexorgie eine Übersteigerung sind. ;)
Was meinst du ferner mit der "Position des Erzählers"? Der Erzähler ist wohl unverkennbar auktorial, aber warum sollten die brechenden Knochen nicht in seine Position passen? Die Beschreibung des Geschehnisses ist zwar mit so etwas wie Erzählerkommentaren gespickt, z.B., dass das Gestöhne unerträglich war, aber die brechenden Knochen sind als bloße Beschreibung zu sehen, ein Geschehnis. Das hat m.E. nichts mit einer "Position des Erzählers" zu tun, zumal eine Position eines auktorialen Erzählers nicht durch die Beschreibung der Geschehnisse gerechtfertigt wird, sondern nur durch seine Haltung gegenüber der Geschehnisse (z.B., dass das Gestöhne unerträglich war).


Ich finde einfach, "Gestöhn" klingt besser. Vielleicht, weil es dann von der Betonung her wie das Ende des davorigen Satzes ist und somit weniger einen Bruch darstellt und sich im Lesefluss einfach besser anfühlt. "Gestöhn war unerträglich" --> x Xx Xx Xx, "Schweiß in jeden Winkel" --> Xx Xx Xx.
Für mich hört sich das einfach besser an, aber das ist ja subjektiv. Da gibt es nicht großartig was zu erklären, zumindest nicht mehr, als ich es hier tue und kann.

lg

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

7

Monday, July 4th 2011, 12:57pm

Quoted

zumal eine Position eines auktorialen Erzählers nicht durch die Beschreibung der Geschehnisse gerechtfertigt wird, sondern nur durch seine Haltung gegenüber der Geschehnisse

du wiederholst,was ich gesagt habe;
gut, jule, nachdem ich hier nicht wieder endlos um nix diskutieren will, belassen wir es dabei;
les dir meinen beitrag nochmal durch, vielleicht findest du ja trotzdem was drinnen, was du gebrauchen kannst;

netter text, daniel; denk über das was ich gesagt habe nach; es war die reaktion eins lesers; was du damit anstellst weißt du sowieso selber am besten;

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

Posts: 66 wcf.user.activityPoints: 405

8

Monday, July 4th 2011, 1:28pm

Danke Chepre für die netten Worte.

Auch dir Julia, vielen Dank. Auch für deine Anmerkungen. :) Ich weiß nicht, ob man um des Tempus willen schreiben muss, dass sie sich versicherten, dass es viel zu heiß ist, oder zu heiß war. Letzteres klingt etwas, als würde es die Geschichte schon zu sehr abschließen. Aber wenn das notwendig ist, werde ich das verbessern. "Gestöhn" klingt auch gut, vor allem metrisch, da hast du recht. Aber es klingt semantisch eher nach einem kurzweiligen Stöhnen, und nicht nach einem wilden "Rumgestöhne". Ich will eher letzteres ausdrücken. Vielleicht kann man ja an der übrigen Formulierung etwas ändern, um die Metrik zu verbessern?

Danke Erik, dass dir dieser Text besser gefällt. Das Haar in der Suppe kommt mir etwas komisch vor. Für mich war der Text eine reine Beschreibung dessen, wie die Saunagäste auf die Flucht der fiktiven Person, die einen purpurnen Kopf hat, reagierten. Dass er Reißaus nahm, ist für sie ein Ereignis von höchster Feigheit. Sie strotzen sich dagegen und flüchten selbst in einen grotesken Stolz, länger schwitzen zu können, sei es auch noch so übertrieben heiß. Es entsteht eine Orgie, weil der Stolz sich in allen Anwesenden fortpflanzt um zum Übermut zu gelangen, und er verdirbt die Gemüter dabei über den Weg der totalen Hemmungslosigkeit bis zum Elend. Es soll vielleicht sagen, dass es auch vernünftig sein kann, einmal Reißaus im Leben zu nehmen, auch wenn die Menge die Umstände ganz anders wertet und daher mit selbsterhebender bis hin zu genüsslicher Stigmatisierung reagiert. Für mich wirkt dieser Genuss oft dem Leben als solches (frischer Luftzug) abgewandt, wodurch ich Bilder wie Geier, Kadaver, gebrochene Knochen und Fehlgeburt verwendet habe. Die gebrochenen Knochen passen für mich in das Zerklüftete hinein, bei aller Lust verlieren sie auch ihren Körper, wie er war. Es gibt eine Position des Lesers ganz am Ende.

Dennoch nehme ich etwas aus deinen Kommentaren mit,

lg
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Similar threads

wcf.user.socialbookmarks.titel