@ NTSR: Hmm ... 'n bißchen einseitige Kost, Toby, oder?
Meine "Tipps" ... sozusagen die "Spitzen" meiner Lieblingslektüren, die ich guten Gewissens anempfeheln kann
(soweit ich's kann, chronologisch geordnet):
Friedrich von Logau: "366 Sinn-Gedichte"
Die knapp gereimten Epigramme dieser Aphorismen-Sammlung sind so witzig, frech und geistreich ... auch heute immer noch mit großer Bereicherung und Erheiterung zu lesen!
Eine echte Perle der Barockliteratur!!
Jonathan Swift:"Gullivers Reisen" (Orig.: "Gulliver's Travels")
Das ist kein Kinderbuch!!!!!!!!!!!!!!
Sondern eine teilweise bitterbitterböse Polit- und Gesellschaftssatire.
Es hat Daniel Defoes Kompagnon-Werk "Robinson Crusoe" eines voraus: Es ist witzig!
Jean Paul:"Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz zu Auenthal. Eine Art Idylle" . - -
![:]](wcf/images/smilies/pleased.gif)
Wer könnte dem braven Schulmeisterlein Wutz jemals widerstehen, der es einmal kennengelernt hat?
DAS ist doch einmal ein
Role Model für die heutige Zeit!
(Soviel zum Thema Naivität, Welt-Sicht und Umgangston ...

)
Man sollte viel mehr Jean Paul lesen, hatte bereits Hermann Hesse angemahnt - und daran hat sich bis heute nix geändert.
Es muss ja nicht gleich die ganze "Loge" sein - aber deren (wirklich kurzer: gerade mal 40 Seiten) Idyllen-Nachsatz zum "Wutz" lohnt allemal!!
"Nachtwachen".Von
Bonaventura.
So steht's auf dem Titel eines der rätselhaftesten und faszinierndsten (und witzigsten!!) Bücher der Frühromantik.
Autor: nur ein (umstrittenens) Pseudonym.
Das Buch über den Nachtwächter und Totengräber ist voller Schwarzem Humor und ironisch verpackter (Lebens-)Philosophie. Königlich!
Wilhelm Busch:
Tja, was nimmt man da jetzt ... am ergiebigsten wäre wohl
"Die fromme Helene"; in einem solchen Dichter-Forum hier muss man eigentlich den
"Tobias Knopp" empfehlen; ich mag seeehr gerne den
"Heiligen Antonius von Padua". Alles so geistreich und spitzzüngig in Wort und Bild!
Gilbert Keith Chesterton:"Zur Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer missachteter Dinge" (Orig.: "The Defendant")
Eine köstliche und streitbare Essaysammlung vom Autor der Pater-Brown-Geschichten (die natürlich ebenfalls empfehlenswert sind!! [wenn man über manche "Zeittrübung" hinwegsieht]). Chesterton war einer der geistreichsten Kulturtheoretiker Englands, gleichgewichtiger Gegenpol zu seinem Intimfeind G. B. Shaw - die Feuilletonschlachten zwischen den beiden müssen Geisteswitzorgien ohnegleichen gewesen sein!
Und wer die Demut, Kitschfiguren, unüberlegte Gelübde und Gerippe so eloquent "verteidigt", den muss man lesen!!
Franz Kafka:alles an Kurz- und Kürzestprosa
-- no comment --
Julien Green:"Leviathan" (hat im frz. Orig. wohl denselben Titel)
Spielt in der gleichen Liga wie Kafka, Proust und Pessoa ...
Aus einer Kritik: "Wer Geduld hat, entdeckt, dass sich hinter der Langeweile von Provinznestern ein höllisches Gefängnis verbirgt. Winzigkeiten kündigen grausame Veränderungen an. Banale Gespräche brechen wie eine Springflut herein. Kleine Gesten geraten monströs. Sie sind Vorboten von mörderischen Katastrophen ... "
Hermann Hesse:"Siddharta"
Doch. Tatsächlich. Ich stehe für Hesse ein!
Für mich sein "rundestes" Buch. Hat zwar nicht ganz die Vielfalt und Weite des "Steppenwolf", ist aber (poetisch) schlüssiger - sozusagen die ausgewogene, "erwachsenere" Version des immer noch packenden "Demian".
Raymond Chandler:"Der lange Abschied" (Orig.: "The Long Goodbye")
Für mich als Krimi-Fan ist Chandler der Größte! Es gibt durchaus interessante Nachfolger in seinen Fußstapfen - aber an das Buch reicht keiner ran - imho.
Henry Miller:"Schwarzer Frühling"
Der verkannte Henry - ein Radikalhumanist!!
Wer ihn nach der Lektüre dieser Erzählungssammlung immer noch in eine Ecke mit Bukowski stellt, hat nix kapiert! Seine "Romane" (so man sie denn überhaupt so nennen kann) sind natürlich essentiell -- aber hier finde ich manches besser auf den Punkt gebracht, unwiderstehlich authentischer (ich geb's zu: Ich bin Kurzprosafan).
Flannery O'Connor:"Die Weisheit des Blutes" (Orig.: "The Wise Blood")
Eine US-Südstaaten-Autorin ... mich hat dieser bitterlich sarkastische Roman von 1952 über einen psychologisch sich zuspitzenden religiösen Fanatismus gepackt und umgehauen!
(Sollte heute vielleicht wieder mehr denn je empfohlen werden!)
Boris Vian:Gesammelte Erzählungen
Vian steht als Existenzialist immer im Schatten von Sartre und Camus; dabei steht er eigentlich ganz wo anders - mit seinem surrealistisch-bissigen Humor. Die Erzählungen finde ich
noch interessanter als seine durchaus interessanten Romane und Theaterstücke.
Nicht zu vergessen: seine
"100 Sonette"!
Alfred Bester:"Tiger! Tiger!" (Orig.: "The Stars My Destination")
Ein Science Fiction-Klassiker. Der Plot hat zwar zugegebenermaßen Schwächen - aber dafür sind (typo)graphische Elemente
Konkreter Dichtung in den Text konstitutiv integriert - und das in einem "Unterhaltungsroman" von 1956!!!!!!
Ist übrigens eine nette intertextuelle Spielerei mit dem
Grafen von Monte Christo.
Da wir gerade bei Science Fiction sind:
Douglas Adams:"Per Anhalter durch die Galaxis" (Orig.: Hitchhiker's Guide to The Galaxy )
... selbstverständliche die komplette Trilogie in vier Bänden, die fünf Bücher umfasst.
Das ist für mich kein Gag-Sammelsurium, sondern enthält versteckt unheimlich viele philosophische Blitzlichter ... ähnlich wie die Filme (und Bücher) von Woody Allen und die Cartoons von Gary Larson.
Ladislav Fuks:"Herr Theodor Mundstock" (Orig.: "Pan Theodor Mundstock")
Aus'm Klappentext: "Im kargen Interieur der Dachstubenwohnung, allein mit seinem Schizophrenie-"Schatten" Mon, die wenigen Drähte zur Außenwelt des Prager Judenviertels zum Zerreißen gespannt, verwirklicht Herr Theodor Mundstock seinen ungeheuerlichen Plan: Er trainiert den Holocaust."
Für mich die beste Darstellung der psychischen Grenz-Situation eines verfolgten und bedrohten Juden in jener Zeit (aber ich habe auch die anderen Bücher von Fuks zu diesem Thema noch nicht gelesen).
Greil Marcus:"Mystery Train" (auch US-Orig.-Titel)
Nicht nur die Werbung sagt: DAS BESTE BUCH, DAS JE ÜBER ROCKMUSIK GESCHRIEBEN WURDE.
Ich sag das auch.
Ist ein großer Essay über die Hintergründe, Mentalitäten und Entstehungsgeschichte des Rock, spannendst geschrieben!!
Fortan sieht die Welt anders aus ...
John Berger - kein bestimmtes Buch, sondern der Mann als "Gesamtkunstwerk":
Lyriker, Romancier, Essayist, Dissident, Maler, Grafiker, Kunstgeschichtler, politischer Philosoph, einsiedlerischer Bergbauer
Und als eingefleischter Comic-Fan muss ich wenigstens ein Werk nennen - jeweils der europ. und der amerik. Tradition:
Jacques Tardi:"Adeles ungewöhnliche Abenteuer" (Orig.: "Les Aventures Extraordinaires d'Adele Blanc-Sec")
Tardi ist superb - sowohl die grafische Qualität seiner Zeichnungen als auch die erzählerische seiner verqueren Stories aus dem Paris der Jahrhundertwende!!
Alan Moore / Dave Gibbons:"Watchmen - Die Wächter"
Damit sind die Superheldencomics endlich WIRKLICH erwachsen geworden. Das ist große Erzählkunst.
Von Alan Moore auf gleicher Höhe ist
"V wie Vendetta"; hier find ich Lloyds Grafik noch interessanter als Gibbons - aber "Watchmen" ist von der Wirkung her nicht zu toppen!
Aktuell lese ich
Kurt Vonnegut:"Time Quake" (dt.: "Zeitbeben") ... das Buch hat gute Chancen, in diese Liste aufzusteigen!
Man könnte noch manches nennen ...
"Außerordentlicher" Spezial-Tip:
André Bretons
"Anthologie des Schwarzen Humors".
Hier hat der Surrealisten-Papst quer durch die Literaturgeschichte lohnende Perlen ausgegraben - Texte von Swift und Lichtenberg über Baudelaire, Poe und Lewis Carroll bis hin zu Dali und Leonora Carrington, die sein Konzept des "Schwarzen Humors" belegen, das Makabres mit (Proto-)Surrealistischem verbindet.
Manch tolle Anregung zu weiterer Lektüre!
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