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Undine

Trainee

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1

Monday, January 3rd 2011, 2:49pm

bewilligte paradiese

das schöne der bewilligten paradiese:
dosengier und signifikanten
lallen ( like hölderlin). abgefüllte
damen in suspekter pose
träumen in milch fettfreie flausen unter
der frustgrenze.
in schmollmondnächten: fit for fantasy.
das rauschen der aquafilter, wellen all
chi long
licht jogging, feenfaktor zehn.
hinter der himmelsgardine mit dem
käthchensaum von heil
bronn sah ich in löchriger optik
zwischen den jeans, schwarze
strümpfe und mieder
waren gleiten
ein dress you up
script
golden wie der schmuddelige gral
der paarship algorithmen.


Hazel

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2

Tuesday, January 4th 2011, 1:43am

Das ist ein sehr interessantes Gedicht. Deine Wortneuschöpfungen und Vieldeutigkeiten reizen ungemein. Man merkt, dass du dich in einem großen Vokabular eingenistet hast, mit dem du auch frei und gekonnt spielen kannst. Die Fremdsprachenwörtermontage passt ebenfalls überall super und lässt die Eindrücke umso mehr durcheinanderrauschen. Ganz gut gefallen mir auch deine Klangbildungen (vor allem in den Alliterationen), "lallen like hölderlin" - cool :D

Jetzt versuch ich mal kurz zu erklären, was mich an dem Gedicht stört, um danach drauf zu kommen, dass dies vielleicht der beste Teil daran ist :) :

Das ganze Gedicht erscheint mir erstmal als ein Flickenteppich, bei dem ich wenig Anhaltspunkte für einen allgemeineren Sinn finde. Signifikanten, den Herrn Hölderlin und Kleist kenn ich noch gut aus dem Studium.. unter Paaralgorithmen könnte ich mir so einen Partnerschaftstest vorstellen.. Dosengier .. naja.. in Bayern sagt man veraltet noch gerne mal "Dose" zum weiblichen Geschlechtsorgan, andererseits liegt es schön nahe bei Dosenbier.. hier würd ich beides zusammen wirken lassen. Das Wort "Flausen" ist alleine schon so vieldeutig und schwierig zu definieren.. vielleicht etwas wie "schmutzige Anwandlungen".. und was ist jetzt "chi long"... ich hab grade gegoogelt.. irgend eine Marke aus China wirds wohl nicht sein.. Ich kenn noch aus Filmen den "Chi-Drachen"-- aber das long dann.. keine idee.. dann fällt wieder auf "long licht".. langwelliges licht? davor wellen.. passt nicht 100%ig.. all-chi wie alki.. es vermischt sich alles, nirgends kommt ein wirklich klares Bild durch.
Und dann steht da am Ende ein Titel: bewilligte paradiese.. Na, wo ist denn da nun das Paradies.. Ein Paradies mit Partnerschaftstest am Ende, gute Nacht. fit for fantasy.. Wenn ich dazu träumen muss, wirds kein Paradies nicht sein.
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Und genau das ist das Schöne an dem Gedicht: Es gehen einem die Eindrücke nie aus.. ich könnte ewig so weiterschreiben.. Das Einzige, was man wirklich dingfest machen könnte, wäre eine klare Erotik-Isotopie, die man fast in jedem Vers bekräftigen könnte. Das bewilligte Paradies dann plötzlich als Lusthaus, als sinnloses Glashaus voll Alkohol und Sexualität. Eine unglaubliche Anstauung von Perversitäten, die freigesetzt werden. Auch das eigentlich so brave Käthchen sitzt am Ende mit herab gelassenem Miedern da. Alles wirkt irgendwie konstruiert und aufgesetzt. (Schmollmondnacht, feenfaktor, himmelsgardine, dress you up, usw.)
Und deshalb letztendlich wieder gut: Es soll vielleicht wie ein Chaos wirken, in dem eben nur noch Eindrücke existieren (es ist ja alles künstlich produziert und illusorisch verändert). Wir selbst schauen heute oft in die Welt und können so vieles nicht mehr komplett begreifen, analysieren und bewerten, genau wie in diesem Gedicht, das mich in einen richtigen Rausch zieht, der mich am Schluß nur ein Gefühl auskotzen lässt.. so eine ungefähre Vorstellung.

Fazit: Ich für mich lese das Gedicht als eine Kritik an der heutigen Sexualität und der berechnenden Vermarktung dergleichen. Mit Sicherheit nur eine persönliche Leseweise, denn das Werk ist, wie betont, unglaublich facettenreich lesbar.

Liebe Grüße,
Stefan

P.S.: Heute morgen erst aufgefallen: Warum hast du das Gedicht denn in die Werkstatt gepostet?
Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.

Undine

Trainee

Date of registration: Aug 1st 2010

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Location: Im Norden

3

Thursday, January 6th 2011, 5:25pm

hallo stefan,

vielen dank für deine ausführlichen gedanken und einwände! es freut mich sehr, daß du damit etwas anfangen konntest (während du selbst, soweit ich das bisher sehen konnte, eher die traditionell gebundene form bevorzugst).


Das ganze Gedicht erscheint mir erstmal als ein Flickenteppich, bei dem ich wenig Anhaltspunkte für einen allgemeineren Sinn finde.


mein wort für das von dir verwendete "flickenteppich" ist assoziationstorso, deshalb steht es hier in der werkstatt, weil ich es als skizze sehe, die zwar etwas ganzes ergibt, die ich aber unbefriedigend finde, was auch mit der position des lyrischen ichs zusammenhängt und der, milde ausgedrückt: grammatikalischen holprigkeit des 2. teils. mir fällt aber z.z. leider noch keine bessere lösung ein. vielleicht hätte jemand noch eine anregung dazu...

"dosengier": den bezug (im bayerischen) zum weiblichen geschlechtsorgan kannte ich als norddeutsche natürlich nicht (gefällt mir auch nur in konnotativer verbindung zum text) - ich hatte tatsächlich die nähe zu dosenbier im sinn, als eine art (billig)konsummüllgegenbegriff zu begehren.

das wort "flausen" ist sicherlich antiquiert. schwer vorstellbar, das es noch häufig benutzt wird von jüngeren, aber wegen mangelnder alternativen und der alliteration habe ich es hineingenommen.

"das rauschen der aquafilter/ wellen all/ chi long" du hast recht, es ist eine unstimmige verbindung - ich habe " qi gong" und " wellen all night long" zusammengezogen, im kopf eine plätscherne, hergestellte wellness(schwimmbad)atmosphäre, die eigentlich dadurch ironisiert werden sollte, daß rausch (von rauschen) und harmonisierendes chi nicht zusammengehen. überrascht war ich von deinem brückenschlag von all/chi zu all/ ki (je nachdem wie man qi/chi ausspricht), das hatte ich gar nicht bedacht - aber die achillesferse bleibt eben "chi/long).


Und dann steht da am Ende ein Titel: bewilligte paradiese.. Na, wo ist denn da nun das Paradies.. Ein Par"adies mit Partnerschaftstest am Ende, gute Nacht. fit for fantasy.. Wenn ich dazu träumen muss, wirds kein Paradies nicht sein.

;). ich bin mir unschlüssig, ob ich den titel nicht doch weglassen sollte, es scheint mir eher eine verlegenheitslösung, eine zeile aus dem text zu verwenden.

Und genau das ist das Schöne an dem Gedicht: Es gehen einem die Eindrücke nie aus.. ich könnte ewig so weiterschreiben..

danke für das schöne kompliment!


Das bewilligte Paradies dann plötzlich als Lusthaus, als sinnloses Glashaus voll Alkohol und Sexualität. Eine unglaubliche Anstauung von Perversitäten, die freigesetzt werden. Auch das eigentlich so brave Käthchen sitzt am Ende mit herab gelassenem Miedern da.

das käthchen im gedicht hängt leider noch als saum an einer gardine und ich habe noch keine
ahnung, wie es da wegkommt...

soweit erst mal.

liebe grüße,

undine

Kjub

Trainee

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Posts: 23 wcf.user.activityPoints: 140

4

Friday, January 7th 2011, 3:48pm

Guten Tag Undine

Klasse finde ich das nebeneinander von Abgerocktem & Niedlichem, archaischer und moderner Sprache und wie der Blaufilter von Erotik bis Pornografie changiert. Das haste echt gut hingekriegt, Hut ab.

Quoted

lallen ( like hölderlin). abgefüllte/ in schmollmondnächten: fit for fantasy. / golden wie der schmuddelige gral der paarship algorithmen.

Das sind meine rauszitierten Lieblinge. Am allerbesten aber ist der Vers mit Schmollmondnächte. Allein dieser lolitahafte Neologismus beflügelt schon, und der locker über die Zunge gehende 3er-Stabreim ist wie ne Startrampe .... (bald danach aber schwierig: eben der achillesvers.) ich mein lyrik muss das nicht können, find ich, alles klarstellen und so. da darf ruhig was unaufgelöst und unauflöslich bleiben. hat ja auch einen reiz, so ein stoppschild. chi long, hm. vllt findet auch irgendwann jemand eine sinnvolle lesart dafür?

Quoted

sah ich in löchriger optik
zwischen den jeans, schwarze
strümpfe und mieder
waren gleiten
ein dress you up
script


Den Teil musste ich mal so quoten, weil das ist ja so eine schöne optische anmutung, das passt so fein zum inhalt. Hier ist der Grammatik-Holperer, aye? Also außer diesem Bezug-problem habe ich sonst nichts gefunden. Wehe, da ist noch woanders was! :D

Wobei ich beim nochmaligen rübergucken schon meine, du solltest den Achillesvers in Drachenblut baden oder so. Das ist echt schade, wie der der der da den Fluss rausnimmt.
Sehr gelungenes Ende, also auch inhaltlich: Wenn die Algorithmen das sagen, dann nehm ich den eben. Hätt ja schlimmer kommen können oder so oder was denkt man da? Auf jeden Fall zwei Zeilen, auf die sich das hinarbeiten lohnt, wenn ich das mal so prosaisch sagen darf.
Du bist den Themen treugeblieben, blue symbolic und bits und signifikanten & co, und es ist auch so fein sprachspielerisch, das ist eine tolle Mischung. - Das letzte (und einzige andere, das ich kenne) war indes eingängiger.
Vorschläge zu machen ist bei so einer engen Verflechtung der Bilder und so einer individuellen Sprachwahl sauschwer, find ich. Das ist sowieso bei Lyrik schwierig. Aber wenn mir noch was einfällt, sag ichs.

Bis dann
Kjub

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