3. Akt
Eurystheus, Herkules, Megara, Ta-Mit, Homer, Tairesias, Priester,
Homer: Nun kam der Held an eine Wegesgabel,
Vom eignen Mute wie im Rausche noch
Und sah zwei Frauen dort in holder Pracht.
Die eine glicht der Nacht mit ihren Schatten.
Die andre glühte weiß, der Sonne gleich.
Und als er dort stand, zwischen diesen Schönen,
umgarnte gleich die Mohrin seine Brust:
„ Komm mit mir Recke, in die Welt der Lüste,
dir sollen Glück und Wonne ewig sein“
Die andre aber sprach aus frommer Ferne
„Mein Weg ist schwierig und von wenig Freude,
er ist dir noch zu Lebzeit kaum von Nutzen
und führt durch Qual und stete Plackerei.
Doch gehst du ihn auch tapfer bis zum Ende,
dann Herkules bist du von Herzen frei“
Eurystheus: Bravo! Bravo!
Allgemeiner Applaus
Eurystheus: Ich bin begeistert Homer, das hast du eben gerade hingeschrieben?
Homer: Nur ein kleiner Einfall, den ich dem inspirierenden Gespräch mit Herkules
zu verdanken habe.
Ta – Mit: Wirklich wundervoll, Griechenland hat phantastische Dichter. Du wirst einmal ein großer werden, das fühle ich.
Homer: Zu viel, zu viel.
Ta-Mit: Aber wie entscheidet sich Herkules? Wie geht es weiter? Wählt er die Lust oder
die Tugend?
Eurystheus: Gute Frage! Wie ist denn das Herkules, was wählst du? Weiber oder Kneckebrot?
Herkules: Natürlich die Tugend, immer die Tugend, das weißt du doch
Eurystheus: lacht Meine Freunde, ich will diese Gelegenheit nutzen und unser wundervolles Fest offiziell eröffnen. Wir feiern heute vielerlei Glück. Herkules ist zurück gekehrt, unser von ganz Griechenland bewunderte Held. Er war auf dem Olymp, wo sonst kein Sterblicher Zugang hat, und besiegte dort, zusammen mit den Göttern, das scheußliche Heer der Titanen. Ich hoffe, dass er uns allen gleich noch davon erzählen wird, ich brenne geradezu darauf diese Heldentaten zu hören.
Wir sind ein kleines Land und nicht immer sind wir frei von Sorgen gewesen. Nicht immer konnten wir Feste feiern, wie dieses hier, nicht immer ist es uns möglich gewesen alle Mäuler zu stopfen. Als ich die Krone übernahm, bestand unser Reich aus ein paar kargen Dörfern im Wald und bis auf etwas Viehzucht gab es praktisch nichts, wovon wir leben konnten. Heute sind wir das reichste Land Griechenland und das haben wir zum Einen den großen Taten des Herkules zu verdanken, zum Anderen aber auch der treuen Partnerschaft Ägyptens. Als ich vor Jahren diese Bündnis einging, ahnte ich aber noch nicht, welch großer Segen dadurch über uns kommen würde. Wir haben unsere Freunde mit Brot und Holz versorgt und sie uns dafür mit Reichtum und Sicherheit. Und wenn ich heute die Botschafterin Ta-Mit an unserer Tafel sitzen sehe, dann sehe ich keine Fremde mehr, sondern eine von uns. Ich will euch nicht langweilen mit einer endlosen Rede, ich mache es kurz, ich lasse die Katze aus dem Sack: Ich, Eurystheus, König von Mykene habe beschlossen das wertvolle Bündnis mit Ägypten auf eine innigste Ebene zu heben. Ich nehme Botschafterin Ta-Mit, die Nichte des Pharaos, zur Frau!
Allgemeine Begeisterung
Megara: Nein wie schön, das ist ja wundervoll!
Herkules: Glückwunsch Cousin, die ist ein Feger.
Priester: Fabelhaft, die Götter werden entzückt sein, von dieser Vereinigung der Völker.
Homer: Erlaubt mir darüber eine Ode zu dichten
Eurystheus: Danke euch allen, in diesem Sinne: Das Fest ist hiermit eröffnet! Feiert, schmaust, und stoßt auf Herkules und Ta-Mit an, euren Helden und eure zukünftige Königin
Jubel, alle stoßen an, eventuell Tänze, einzelne Gruppen bidlen sich.
Tairesias: Ich gratuliere Homer, du hast dich diesmal wirklich selbst übertroffen. Mit welcher Kunstfertigkeit du hier das wahre Wesen des Herkules eingefangen hast, wirklich atemberaubend. Wenn man deine Beschreibung und den echten Kerl nebeneinander stellen würde, ich wüsste nicht was das Original ist und was das Imitat.
Homer: Mach dich nur lustig du Schandmaul, du weißt genau, dass ich keine Wahl habe. Würde ich hier meine wahre Meinung über Herkules vortragen, könnte ich mir die zwei Geldstücke auch gleich selbst auf die Augen legen.
Tairesias: Deswegen sage ich dir ja die ganze Zeit du solltest diesen unsinnigen Beruf lieber sein lassen, außer du bist damit zufrieden ein Instrument der öffentlichen Meinung zu sein. Es gibt keine Wahrheit außer der Zukunft und die ist so finster und hässlich, dass es sich nicht lohnt, über sie zu schreiben.
Homer: Ich weiß nicht, wer der widerlichere Zyniker ist, du oder Herkules.
Tairesias: Jetzt beleidigst du mich aber. Ich natürlich, ich habe Jahrzehnte lange Übung. Außerdem täuschst du dich in Herkules. Er ist gerade kein Zyniker, das ist ja sein Problem. Er sieht die Dummheit und Sinnlosigkeit unseres Treibens und geht daran zugrunde. Er tut so, als wäre es ihm egal, aber wäre dies der Fall, würde er einfach Spuren und sich nicht weiter darum kümmern, statt sich kindisch zu sträuben und alles noch schlimmer zu machen. Lass dir das gesagt sein, mein lieber Schreiberling: Wer in dieser Welt zwanghaft nach etwas Gutem sucht, verliert letztlich auch noch sich selbst.
Homer: Und da genau irrst du dich gewaltig, du Kaffesatzleser. Der Kern jedes Menschen und damit jeder Geschichte ist gut und schön. Es mag nicht immer so aussehen und wenn man Leuten wie dir und Herkules begegnen, zweifelt man daran, aber letztlich gibt es nichts, was von Grund auf schlecht oder böse ist. Der Antrieb der Menschen ist immer ein positiver, ist stets der Versuch voran zu kommen und etwas zu verbessern. Wenn sie dabei scheitern und Schlimmes geschehen lassen, dann ist das Tragik, aber nicht böse. Nur wenn man von vornherein alles für Übel und Schlecht erklärt und die Menschen aufgibt, bevor sie versuchen konnten etwas zu ändern, ist das schlecht. Menschen wie du sind es, die die Welt so hoffnungslos erscheinen lassen. Aber weißt du was, es ist euch nicht mal übel zu nehmen, ihr seid nur zu bedauern, denn in Wahrheit beweist ihr nur, dass ich recht habe. Das ihr aufgebt und das Leben als sinnlos abtut, zeigt letztlich nur eure Enttäuschung und eure verborgene Erwartung, dass die Welt gut sein sollte. Jeder Mensch, so verloren er auch scheint, trägt Hoffnung in sich und so lange das so ist, gibt es auch Hoffnung.
Nimm Megara beispielsweise. Diese arme, liebenswürdige Frau, die sich klein und unscheinbar macht und sich erniedrigt, damit ihr idiotische Mann nicht wütend auf sie wird und ja nicht denkt, sie könne glücklich sein, wo er es nicht ist. Sie lässt sogar ihre Talente und ihr Schönheit verkommen, damit sie nicht über ihn und seine Armseligkeit hinausragt. Sie tut das, weil sie den festen Glauben daran hat, dass tief in Herkules ein guter Kern steckt, ein echter Held, der sich kümmert und der etwas verändern kann. Sie gibt sich vollkommen auf, in der Hoffnung ihn dadurch besser zu machen und vielleicht wäre das sogar möglich, wäre er nicht so vollkommen verbohrt und selbstgerecht.
Weißt du, es findet sich in allem die Schönheit der menschlichen Güte, selbst in euren bösen zynischen Abgesängen.
Tairesias: Du hast die Frau kaum fünf Minuten gesprochen und glaubst schon all das über sie sagen zu können?
Homer: Das würdest du nicht verstehen. Zwischen manchen Menschen gibt es eben eine besondere Verbindung. Solche Menschen verstehen und erkennen sich in dem Moment, da sie sich begegnen.
Tairesias: Du bist nicht nur ein Dummschwätzer sondern auch noch ein liebestoll. Na gut, dann wollen wir mal sehen, wo du die Schönheit der menschlichen Güte in der Geschichte findest, die jetzt gleich folgt. Hey Herkules, erzähl uns doch von deinen Abenteuern auf dem Olymp.
Eurystheus: Gute Idee Tairesias, wir warten begierig darauf, deine Heldentaten zu hören, Herkules.
Herkules: Da gibt es nichts zu sagen. Lasst uns von etwas anderem Reden.
Eurystheus: Nein, so kommst du uns nicht davon. Ta-Mit freut sich so darauf von deinem Heldenmut aus erster Hand zu hören.
Ta-Mit: Ja erzähle von euren Götter, ich bin so gespannt.
Priester: Preise die Götter, berichte von ihrem Glanz
Herkules: Bedrängt mich nicht
Eurystheus: Nun stell dich nicht an, erzähl! Ich befehle es!
Herkules: Du befiehlst? Nun gut, dann höre. Leer sind die Hallen des Olymp, verweißt und grau. Da ist keine Spur von Zeus, bis auf den Donner, keine Zeichen von Apollo bis auf Sonne. Das gigantische Monument auf dem Olymp, ist nicht als Stein und Staub.
Priester: Lüge! Die Götter wachen auf dem Olymp über uns, sie halten das Heer der Titanen ab, sie schützen uns vor dem Chaos!
Herkules: Es gibt keine Titanen und auch die Götter gibt es nicht. Da ist kein Recht, keine Ordnung die es zu verteidigen gäbe. Wir sind alleine Priester, ganz alleine!
Priester: Lüge! Blasphemie! Ich verlange, dass er zum Schweigen gebracht wird.
Eurystheus: Herkules...
Herkules: Jetzt soll ich schweigen? Ihr wolltet doch unbedingt, dass ich berichte.
Hört weiter: Als ich vor diesen leeren Hallen stand, sah ich in einem Winkel einen Höhleneingang. Dort war ein winziger Tempel verborgen und ich trat ein. Ein einziger Mönch saß dort auf einer Kuhhaut und betete. Ich fragte ihn, wo die Götter seien und er antwortete mit trauriger Miene: Die seien fort gegangen. Als ich fragte wohin, wusste er nichts zu sagen. Warum sie fort gegangen waren, wusste er aber. Sie hatten auf Opfer gewartet, aber schon seit Jahrhunderten keine erhalten. Sie hatten gewartet auf ihrem Berg und den Priestern befohlen für sie die Gaben der Menschen einzutreiben und die hatten genickt und beteuert, sich redlich Mühe zu geben, den Menschen aber ginge es schlecht und sie könnten nichts erübrigen. Die Götter verstanden das und wollten den Menschen nichts nehmen, was sie zum Leben brauchten. Doch während sie warteten, hungerten sie opferlos in ihrer Festung. So wurden sie schwächer und schwächer, bis sie es nicht mehr ertrugen und hinab blickten auf die Welt. Als sie erkannten, dass die Menschen in Saus und Braus lebten und die Priester alle Opfer und Schätze, die für die Götter bestimmt waren, für sich behalten hatten, wurden sie so zornig, dass sie beschlossen, das Menschengeschlecht zu vernichten. Aber die Götter hatten Jahrhunderte gehungert, sie waren zu schwach, sich jetzt noch zu wehren. Ohnmächtig, flohen sie und waren nicht wieder gesehen. Du hast mich losgeschickt, Priester, um den Göttern zu helfen die Titanen zu besiegen, aber die Titanen, das sind wir!
Priester: Das ist unerhört, Verleumdung, Verrat. Das wird ein Nachspiel haben!
Herkules: Sei nicht beleidigt, bleibe noch. Lass und noch etwas Plaudern. Zum Beispiel darüber, was mit den Ganzen Opfergaben passiert ist, die ihr einbehalten habt.
Priester ab
Eurystheus: Das hast du mal wieder prima hin bekommen. Ich gratuliere.
Herkules: Jetzt habe ich Durst.
Eurystheus: Nun gut, alle raus. Ihr könnt draußen weiter feiern. Nur Herkules bleibt.
Alle ab bis auf Herkules und Eurystheus
Eurystheus: Du bringst mich noch ins Grab
Herkules: Prost!
Eurystheus: Warum tust du so etwas? Die Feier war so schön.
Herkules: Ihr wolltet doch unbedingt wissen, was sich zugetragen hat.
Eurystheus: Ja, aber doch nicht die Wahrheit.
Herkules: Du bist noch viel zynischer als ich.
Eurystheus: Was sagst du zu meiner Hochzeit?
Herkules: Die Frau nutzt dich aus und das weißt du.
Eurystehus: Ja, das tut sie wohl, aber nicht mehr als ich sie!
Herkules: Ach?
Eurystheus: Mit Ägypten an unserer Seite sind wir unbesiegbar in Griechenland. Ich gebe vor, ich wolle die Freiheit bewahren und lasse mich von ihr verführen. Dadurch bekomme ich die Frau und das denkbar engste Bündnis mit der größten Macht der Welt. Ich muss nur still liegen und mich dumm stellen.
Herkules: Du bist schon ein grandioser Stratege und was machst du, wenn die Ägypter unser Reich einfach schlucken. Vielleicht fühlt sich die süße Ta-Mit ja zur Königin berufen und denkt sich, ohne deine breiten Schultern ließe es sich freier Atmen.
Eurystheus: Sie brauchen mich, ich bin der einzige legitime Herrscher.
Herkules: So lange du ihr keinen Sohn schenkst!
Eurystheus: Und du nennst mich zynisch! Aber du vergisst etwas entscheidendes. Dich selbst. So lange du über mich wachst, traut sich niemand an mich heran. Selbst der Pharao fürchtet sich vor dir.
Herkules: Du verlässt dich zu sehr auf mich. Du und alle anderen.
Eurystheus: Manche sind eben geboren, um Probleme zu lösen.
Herkules: Du schuldest mir im übrigen noch Geld
Eurystheus: Für was?
Herkules: Für den Kampf gegen die Titanen.
Eurystheus: Ich dachte es gab keinen Kampf. Die Titanen, dass sind wir, schon vergessen?
Herkules: Verdammt noch mal, ich will mein Geld.
Eurystheus: Ich habe es schon für das Fest und deine Staue ausgegeben.
Herkules: Ich wollte beides nicht
Eurystheus: Was brauchst du überhaupt Geld, ich zahle all deine Rechnungen.
Herkules: Gewisse Vergnügungen sind teuer.
Eurystheus: Gut, ich bezahle dich für einen neuen Job. Ich leg sogar eine Prämie drauf, wenn du deine Arbeit gut machst.
Herkules: Was für ein Job?
Eurystheus: Nichts besonderes, nur ein paar Monster erschlagen.
Herkules: Was für Monster?
Eurystheus: Sie treiben sich auf den Feldern herum und stören die Bauern bei der Aussaht. Eine Lappalie, aber jemand muss das eben in die Hand nehmen.
Herkules: Du würdest nicht mich schicken, wenn es eine Lappalie wäre. Wie viele Monster?
Eurystheus: Was weiß ich, ein paar.
Herkules: Ich kenne diesen Gesichtsausdruck! Wie viele?
Eurystheus: Wahrscheinlich alle.
Herkules: Wie alle?
Eurystheus: Na, alle Monster eben. Der Wald wurde versehentlich abgeholzt und nun scheint es als tummelten sich die Kreaturen eben auf den Feldern. Sie fressen die Bauern und zerstören das ganze Land. Die Menschen flüchten in die Stadt.
Herkules: Deswegen war es so voll auf den Straßen. Und wie stellst du dir das vor? Was soll ich alleine ausrichten?
Eurystheus: Du bist Herkules, dir fällt schon was ein!
Herkules: Das ist deine Antwort auf alles, oder?
Eurystheus: Du bist der Held und Helden retten den Tag.
Herkules: Nein, ich mache es nicht!
Eurystheus: Nicht schon wieder. Dann bezahle ich dich eben auch für den letzten Auftrag. Wenn der Neue erledigt ist.
Herkules: Das ist mir egal. Ich helfe dir nicht mehr.
Eurystheus: Was soll das heißen?
Herkules: Seid du König bist scheuchst du mich herum, von Aufgabe zu Aufgabe, von Kreatur zu Kreatur. Ich habe schon mehr erschlagen, als ich zählen kann und dabei macht es nicht einmal Spaß.
Eurystheus: Spaß? Wer hat gesagt, dass es Spaß machen soll? Es ist deine Pflicht!
Herkules: Meine Pflicht? Ich habe mehr für dich getan als irgend wer sonst, ohne mich wärst du längst kein König mehr, ohne mich hätten die Ägypter dich längst überrollt. Ich habe meine Pflichten zu genüge erfüllt.
Eurystheus: Ich meinte die Pflicht dem Volk gegenüber. Sie schauen zu dir herauf, die hoffen auf deine Hilfe. Du hast die verzweifelten Menschen in den Straßen gesehen. Mittellos, heimatlos. Sie stehen vor den Toren des Palastes und der Tempel und beten um Rettung, aber sie sind nicht ganz und gar Hoffnungslos, denn sie wissen es gibt Herkules, ihren Helden, der sie von den Monstern befreien wird. Du bis es den Menschen schuldig!
Herkules: Ich erzähle dir mal etwas von den Menschen! Kennst du Ödipus?
Eurystheus: Der König von Theben, natürlich.
Herkules: Das war, bevor er sich die Augen ausstieß! Er ist der Sohn des Lajos, des vorigen Königs. Als Ödipus noch ein Säugling war Weihsagte das Orakel, er werde einst den eigenen Vater töten und seine Mutter heiraten. Aus Angst und Aberglaube, lies Lajos seinem eigenen Sohn die Versen durchbohren und ihn in der tiefsten Wildnis aussetzten, zwischen all den Kreaturen, die jetzt dein geliebtes Mykene bedrohen. Er tat es einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich auch nur zu schämen.
Durch pures Glück überlebte der Kleine und wurde von einem Bauern aufgezogen. Jahre später dann, traf der Herangewachsene auf einem Waldweg einen Reisenden, dem er den Weg nicht frei geben wollte. Im Streit erschlug er den Mann, seinen eigenen Vater, König Lajos, reiste weiter nach Theben, überlistete dort die Sphinx, wurde König und nahm die Witwe des Lajos zur Frau. Die eigene Mutter. Als er den Frevel erkannte, stieß er sich die Augen aus, als ob das noch irgendjemandem nützen würde.
Eurystheus: Das kann nicht sein, du musst dich irren.
Herkules: Ich sprach ihn auf dem Weg hier her, den alten verkrüppelten Irren. Wahnsinnig ist er geworden, plappert von Blutschande und blickt blind und dumm aufs Meer hinaus. Was die Menschen auch tun, es endet stets in einer Tragödie. Wir sind für das gute Ende nicht gemacht und deshalb lohnt es sich auch nicht dafür zu kämpfen. Ein Geschlecht, dass die eigenen Kinder dem Verderben überantwortet, hat eine Rettung nicht verdient
Eurystheus: Aber wir sind nicht so wie die, Herkules. Unser Großvater hat das Kindsopfer abgeschafft.
Herkules: Wogegen die Priester und das Volk seit Jahrzehnten protestieren. Wach auf Eurystheus, die Ernten sind schlecht, deine Monster bedrohen die Bauern. Bald werden die Massen schon wieder nach Opfern schreien.
Eurystheus: Du kannst das stoppen. Es liegt in deiner Macht, jeglichen Schaden von uns abzuwenden. Du musst nur hingehen und die Monster erschlagen und alle sind glücklich.
Herkules: Ich mach es nicht!
Eurystheus: Hast du eigentlich eine Vorstellung, was auf dem Spiel steht?
Herkules: Nicht die Geringste
Eurystheus: Ganz genau. Wenn die Bauern nicht auf die Felder können, geht die Ernte verloren. Dann hungern die Menschen und die Lieferungen nach Ägypten müssen ausgesetzt werden. Ich habe das Getreide höchstpersönlich versprochen. Ich habe Ta-Mit mein Ehrenwort gegeben.
Wenn ich es breche beleidige ich den Pharao, Ta-Mit heiratet mich nicht und das wiederum heißt, dass wir unsere Günstlingstellung verlieren.
Dann hältst auch du die Ägypter nicht mehr von Griechenland ab und dann wird es hier weder Monster noch Menschen geben!
Herkules: Womit all Probleme beseitigt wären! Bis auf die Ägypter natürlich, aber die werden es auch noch schaffen, sich zu ruinieren.
Eurystheus: Wie kann man so zynisch sein?
Herkkules: Wie kann man es nicht sein, mit so einen Cousin? Schau dich doch um in deinem wunderbaren Königreich! Du hast den Karren doch selbst in den Dreck gefahren. Ich zieh ihn dir nicht heraus. Mir reicht es. Erschlag deine Monster selbst. Sei einmal ein Mann. Aber das kannst du ja nicht, weil du ein Feigling bist.
Eurystheus: Sag das noch mal, sage das zu deinem König
Herkuels: Du bist ein erbärmlicher Feigling. Du bist nur König, weil ich dir immer geholfen habe. Weil ich deine Gegner besiegt und die Zweifler zum Schweigen gebracht habe. Frag doch dein Volk, die hätten mich viel lieber zum Herrscher.
Eurystheus: Ach daher weht der Wind. Das alte Thema, dass ich der Ältere bin. Du kannst es nicht verwinden jemandem zu dienen und siehst lieber zu wie alles zu Bruch geht. Aber ich sage dir jetzt mal was! Es gibt kein größeres Glück auf der Welt, als das du zu spät gekommen bist. Du sagt ich bin ein schlechter König, du sagst ich bin selbst Schuld an der Misere, aber schau dich doch mal an. Du bist doch zu dumm zum gerade ausschauen. Du schaffst es ja nicht einmal in deinem eigenen Haus Ordnung zu schaffen. Ich habe gesehen wie deine Frau den Dichter angeifert. Wahrscheinlich fickt sie mit ihm und ich kann es ihr nicht verdenken. Die halbe Zeit bist du bei den Huren, die andere Hälfte besoffen. Ja, die Leute wollen dich als König, aber nur, weil sie nicht wissen, was für ein Ungeheuer du bist.
Herkules: Halts Maul oder ich...
Eurystheus: Oder was? Da haben wir es wieder. Wie sollst du den herrschen, du, der für jedes Problem immer nur zwei Antworten kennt. Es ignorieren oder kaputt schlagen. Mir reicht es langsam dich immer hofieren zu müssen, immer betteln zu müssen, dass du deine Arbeit tust. Du bist der Held, es ist deine Aufgabe uns zu helfen.
Herkules: Niemand hat mich je gefragt, was ich sein will. Ich habe nicht darum gebeten.
Eurystheus: Ich habe auch nicht darum gebeten König zu werden, aber ich bin es, weil es eben keinen Anderen gibt, der es machen könnte. Ja ich bin kein guter Herrscher, ich verstehe die halbe Zeit kaum was ich mache, aber ich versuche es wenigstens. Dir hingegen ist immer alles leicht gefallen. Du hast eine Gabe, die Leute bewundern dich dafür. Es ist dir bestimmt der größte aller Helden zu sein, aber du machst nichts daraus.
Herkules: Vielleicht will ich ja Bauer sein, oder Dichter. Vielleicht habe ich ja gar keine Ziele und will einfach nur meine Ruhe. Ich brauch keine Statuen und ich will keine Bewunderung. Ich will auch deine Krone nicht. Ich will kein Herrscher sein und kein Held. Ihr könnt mich nicht zwingen etwas zu tun, was ich für vollkommen unnötig halte, weil es eh keine Hoffnung gibt. Die Welt ist ein riesige Kloake, die irgend ein Ungetüm in den Kosmos gekotzt hat und wir müssen uns darauf herum plagen, bis wir sterben. Ich will dabei wenigstens meinen Spaß. Ich habe nichts mit dir und deinem Königreich zu tun. Erschlag deine Monster selbst. Aber ich sage dir, dass es sinnlos ist. Schlage den Kopf eines Monsters ab und es wachsen ihm gleich drei neue. So lange es Menschen auf der Welt gibt, wird es auch Ungeheuer geben
Will abgehen.
Eurystheus: Halt! Wenn du jetzt gehst sind wir geschiedene Leute.
Herkules hört nicht.
Eurystheus: Das wirst du bereuen! Ich schwöre dir, das wirst du bereuen!
Herkules ab.
Auftritt Ta-Mit
Ta-Mit: Ein angenehmer Zeitgenosse, dein Cousin.
Eurystehus: Du hast uns belauscht?
Ta-Mit: Es ist unfassbar wie er mit dir spricht. In Ägypten würde eine Untergebener, der sich dem Pharao gegenüber so respektlos verhält, ohne Umschweife den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen werden.
Eurystheus: Ja, wir Griechen sind Barbaren.
Ta-Mit: Du darfst dir das nicht gefallen lassen, sonst tanzt dir bald der letzte Bauer auf der Nase herum.
Eurystheus: Ich bin das gewohnt, so macht er es mir schon seit unser Kindheit. „Ich will nicht, ich kann nicht, gib mir den Kuchen, sonst mach ich es nicht.“ Um jede Kleinigkeit macht er ein riesiges Theater.
Ta- Mit: Ich glaube, er meint es ernst
Eurystheus: Unsinn. Er braucht die Aufmerksamkeit, sonst nichts. In zwei Stunden steht er reumütig auf der Matte.
Ta-Mit: Und wenn nicht?
Eurystehus: Die Frage stellt sich nicht.
Ta-Mit: Aber die Frage deiner Autorität stellt sich sehr wohl. Kein Wunder, dass in Griechenland jeder macht, was er will, wenn die Herrscher nicht einmal ihre Verwandtschaft in den Griff bekommen. Der Pharao wird nicht erfreut sein, wenn er hört das sein Schwager eine Marionette ist.
Eurystheus: Du meinst, wenn er hört, dass er nicht seine Marionette ist. Im übrigens bin ich dem Pharao keine Rechenschaft schuldig.
Ta- Mit: Aber mir, deiner besorgen Verlobten, die sich bald schon in deine Obhut begeben möchte.
Eurystehus: Was soll das jetzt schon wieder heißen?
Ta-Mit: Ich habe zugestimmt die Frau des Königs von Mykene zu werden, nicht die des Dienstboten des Herkules.
Eurystheus: Du verstehst die Lage nicht. Herkules und ich kennen einander. Es ist nicht das erste Mal, dass er mir eine solche Szene macht. Er braucht das für sein Ego und ich lasse ihn gewähren, weil er sich jedes Mal besinnt. Wenn ich Druck mache, stemmt er sich nur dagegen und alles wird nur noch schlimmer.
Ta-Mit: Er ist dein Untertan, es ist seine Pflicht zu helfen. Du musst ihn zwingen, schon des Exempels wegen! Das Land ist offensichtlich in einer Notlage, die Menschen sind verzweifelt und schreien nach Rettung. Herkules hat sich über deine Herrschaft lustig gemacht und er hat recht. Was für ein König lässt sich in Zeiten der Not von seinem Vasallen schikanieren? Willst du, dass die Leute denken ihr Schicksal läge nicht in den Händen ihres legitimen Führers, sondern in denen, eines selbstgefälligen Säufers?
Eurystheus: Es ist mir egal was das Volk denkt. Sie fordern seit Jahren Herkules als Führer, aber es nutzt ihnen nichts. Der König bin ich.
Ta-Mit: Bis Herkules sich entschließt dich ab zusetzten. Schwache Herrscher halten sich nicht lange auf dem Thron.
Eurystheus: Herkules hat gar kein Interesse zu herrschen.
Ta-Mit: Das hörte sich aber anders an. Und sein Blick erst. So sieht einer aus, der sich zu Höherem berufen fühlt. Ich wette darauf, es ist ihm langweilig geworden, einfach nur der Held zu sein. Er möchte neben der Bewunderung auch noch die Macht kosten, deshalb testet er aus, wie weit er gehen kann.
Eurystheus: Er ist viel zu dumm zum Herrschen.
Ta_Mit: Weiß er das auch?
Euryetheus: Rede mir nichts ein.
Ta-Mit: Das muss sich gar nicht, du bist so dumm nämlich nicht.
Eurystheus: Schluss jetzt, lass uns schlafen gehen.
Ta-Mit: Ich muss Briefe schreiben.
Eurystheus: Schon wieder?
Ta-Mit: Der Pharao muss wissen, dass sich die Lieferung verzögert, das wird ihn nicht freuen. Außerdem muss ich ihn von der Möglichkeit in Kenntnis setzten, dass sie niemals kommen könnte. Für diesen Fall, muss natürlich für meine Rückkehr nach Ägypten gesorgt werden.
Eurystheus: Ich dachte, du liebst mich?
Ta-Mit: Ich liebe den König von Mykene. Wenn du das bist, beweise es!
Ta-mit ab.
Eurystheus: Schlampe!
Ta-Mit kommt zurück
Ta-Mit: Das habe ich gehört. Und eins noch: Wenn du Herkules dazu bringen willst, zu tun was du von ihm verlangst, musst du ihm einfach nur das nehmen was ihm am wichtigsten ist. Dann wird er spuren.
Eurystheus: Und wie soll ich bitte schön den ganzen Wein Griechenlands entsorgen?
Ta-Mit ab
Auftritt Priester
Priester: Mein König, ihr müsst mich anhören
Eurystheus: Jetzt nicht, ich bin Müde.
Priester: Die Sache duldet keinen Aufschub. Das Volk ist aufgebracht und kurz vor der Revolte.
Eurystheus: Wie bitte?
Priester: Sie haben von Herkules blasphemischen Reden gehört und drängen nun zum Palast. Einige haben Fackeln dabei.
Eurystheus: Wie haben sie denn davon erfahren?
Priester: So etwas spricht sich herum.
Eurystheus: Ja, dafür hast du gesorgt, nicht war?
Priester: Ich bin ein Diener der Götter und der Menschen.
Eurystheus: Genau. Dann sag mir doch du frommer Diener was die Bauern wollen.
Priester: Sie fordern das Herkules bestraft wird! Sie glauben, er ist schuld am Erscheinen der
Monster!
Eurystheus: Herkules? Wie kommt ihr den darauf?
Priester: Sie glauben, es ist eine Strafe, weil Herkules die Götter herausgefordert hat.
Eurystehus: Da fragt man sich, wie sie auf diese Idee kommen
Priester: Nun es ist nur nahe liegend. Die Götter strafen uns für seine Eitelkeit.
Eurystheus: So ein Unsinn, sie strafen uns für unser aller Eitelkeit, vorausgesetzt sie haben irgendetwas damit zu tun! Wie auch immer, was erwarten sie jetzt von mir?
Priester: Ein Opfer!
Eurystheus: Ach?
Priester: Anderen falls werden die Götter nicht ruhen und immer mehr Monster schicken und die Bauern werden das nicht mehr dulden. Sie holen sich das Opfer, wenn es sein muss mit Gewalt.
Eurystehus: Zum Priester Das hast du dir sauber ausgedacht. Du verfluchte Natter, ist dein Hass auf Herkules so groß, dass du eine Revolte dafür riskierst.
Priester: Ich schütze nur den Glauben.
Eurystheus: Ich weiß wo hin das führen soll, aber du kannst es gleich vergessen. In meinem Königreich wird niemand geopfert und ein nützlicher Krieger schon gar nicht!
Priester: Bei den Göttern, ihr habt das falsch verstanden. Ich will ihn gar nicht tot sehen. Ich will ihm nur eine Lektion erteilen. Er soll Demut lernen
Eurystehus: Was meinst du damit.
Priester: Seine Tochter...
Eurystheus: Hast du vollkommen den Verstand verloren? Wenn du glaubt ich erlaube, dass meiner Großnichte auch nur ein Haar gekrümmt wird, hast du absolut nichts verstanden. Niemand wird geopfert, so lange ich hier Herrscher bin und du kannst froh sein, dass dies auch auf dich zutrifft, denn sonst würde ich dich auf der Stelle aufspießen, alleine dafür, dass du es wagst, so eine Forderung zu stellen.
Prietser: So hört doch zu, ihr missversteht...
Eurystheus: Raus! Und zwar schnell!
Priester: Niemand will das Kind wirklich opfern. Wir tun nur so, um Herkules in Angst und Schrecken zu versetzten.
Eurystheus: Was soll das heißen?
Priester: Herkules ist ein zynischer Menschenfeind ohne jeglichen Respekt vor den Göttern und ihren Priestern. Selbst für euch hat er nur Spott übrig. Er hat in den Menschen Zweifel an der Ordnung der Welt gesät.!
Eurystheus: Komm zu Sache.
Prietser: Wir kündigen an, seine Tochter zu opfern, wenn er seinen Frevel den Göttern gegenüber nicht öffentlich bereut und sich demutsvoll vor uns Priestern und natürlich vor euch beugt. Das wird den Bauern die Machtverhältnisse verdeutlichen und ihren Glauben an eine positive Zukunft stärken.
Eurystheus: Du bist ein Genie!
Priester: Zu viel der Ehre, es war nur ein bescheidener Einfall. So bekommen wir den Respekt zurück, den wir verdienen.
Eurystheus: Unsinn, dein Plan ist Quatsch, aber ich weiß jetzt wie ich ihn kriege. Jetzt habe ich ein Mittel! Aber es ist riskant! Ich muss mich beeilen. Um diese Zeit ist er noch in der Kneipe und Megara schläft sicher schon tief und fest. Wachen!
Eurystheus ab Priester ab
Auftritt Tairesias
Tairesias: Hm? „Das hat er nicht vorausgesehen: Gestern, am frühen Morgen, wurde der Seher Tairesias, von der Magd S. (25) aus M. tot in seiner Palastkammer aufgefunden. Nach Aussage der Gerichtsmediziner handelte es sich um einen Selbstmord durch Erhängen. Seine Motive sind unklar, ein Abschiedsbrief wurde auch nicht gefunden. Man vermutet diese fatale Verschlimmerung seiner bekannten Depression geht auf die tragischen Vorfällen im Zusammenhang mit der königlichen Familie zurück. Ein guter Freund meint: „Tairesias hat die Machtlosigkeit seines Allwissens letztlich Zugrunde gerichtet.“
Ganz Griechenland trauert nun um seinen berühmten und verdienten Hellseher. Wie soll das Land diese schweren Zeiten ohne seine Führung nur überstehen?“
Was für ein Drecksblatt!
Zerreißt die Zeitung und geht ab.
Geld ist teuer!
Heilige Johanna der Schlachthöfe / Bertholt Brecht