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machtwort

Unregistered

1

Tuesday, January 23rd 2007, 12:09am

Das bist nicht du

Die Augen als einziges Zeugnis von Dir,
das Spuren von Leben noch zeigt.
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir,
dein sterbender Wille - er schweigt.

Das einzige Streben, das übrig dir bleibt,
ist wie ein verzehrender Tanz.
Der dich mit sich dreht, dir den Körper entleibt,
entzieht dir die Selbstachtung ganz.

Ach könntest du dich nur durch meinen Blick sehn,
dein Hungertod stürbe sofort.
So könntest du schön wie du bist neu entstehn,
aus dem so geschundenen Ort.

Die Hülle, die du zu zerstören versuchst,
ist wie ein Gefängnis für dich.
in dem du die Gitter und Mauern verfluchst,
sie anschreist und denkst "das bin ich".

Inspira

Unregistered

2

Tuesday, January 23rd 2007, 9:31am

RE: Das bist nicht du

Guten Morgen machtwort!

Dieser Text gefällt mir auf Anhieb. Du lässt offen, um was für ein Problem es sich tatsächlich handelt. Es gibt ja so viele, bei denen ich ähnliche Gedanken hatte, wie Du sie hier auf Papier gebracht hast.
Es könnte sich natürlich auf den ersten Blick um Magersucht handeln. Aber wie bei den meisten Deiner Gedichte kann es auf den zweiten Blick mehr sein...
Menschen, die aus den verschiedensten Gründen ihre Selbstachtung aufgeben und sich gegen den Körper oder gegen sich selbst wenden, gibt es genug...
insofern finde ich es gut, wenn das Gedicht hier für Interpretation offen bleibt.

Verrätst Du mir trotzdem Deinen Anstoß zum Entstehen der Zeilen?

Einen schönen Dienstag wünscht Inspira

farion

Professional

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Location: Drachenhort

Occupation: Hausdrache

3

Tuesday, January 23rd 2007, 12:44pm

RE: Das bist nicht du

Hallo Machtwort,

Dein Gedicht lässt mich ein wenig neidisch werden, da ich mich mal an einem ähnlichen Text versuchen wollte. Deine Wortwahl und Formulierungen sind von hoher Kraft. Inhaltlich musste auch ich spontan wie Inspira an Magersucht denken.
Wobei selbiges nur ein Symtom unter Vielen für das Missverhältnis zum eigenen Körper ist. Insofern hättest du für meinen Geschmack auch etwas allgemeiner sein können. Der "Hungertot" zeigt mir etwas zusehr in die Magersuchtrichtung. Wobei ich ihn hier sogar auch als Hunger nach der Selbstachtung interpretieren würde. Aus Mangel an Selbstachtung zu verhungern ist in dem Fall wieder eine starke Metapher.
Die letzte Strophe stellt einen gelungenen Klimax da.

Naja... ich habe keine besonderen Verbesserungsvorschläge zur Hand, ich fürchte, du wirst dich heute mit einem Lob begnügen müssen. ;)

Liebe Grüße
Farion
Omnipräsenter Orthodoxer Orthografie Oligarch

Rune

Professional

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4

Tuesday, January 23rd 2007, 1:39pm

Auch ein dickes Lob von mir. Mich hat dieses Gedicht sehr bewegt. Deine Bilder sind ausdrucksstark und brennen sich einem ins Hirn. Gleich den ersten Satz mit den Augen finde ich besonders stark, vielleicht hätte der nicht gleich das Gedicht einleíten sollen. Andererseits ist das auch eion schönes Brett vorm Kopf. Der Vergelich mit einem Gefängnis ist sehr legitim, so sehen die Betroffenen es meist, und nicht nur die, auch die jenigen, die sich spirituell befreien (oder so). Die 3. Strophe finde ich aber fast schon überflüssig, so leid es mir tut und so schön sie ist, aber es klingt nach dem obligatorischen: lass mich dich retten. Das müsste meines Erachtens nicht sein und das Gedicht würde ohne dem ebenso gut auskommen. Was ich aber besonders gut finde, ist, dass du nicht mit dem Finge auf Menschen zeigst und sagts: auch du kannst es schaffen, den Kreislauf zu druchbrechen. Dieses Unterschwellige gefällt mir sehr viel besser.

Alles in allem ist es besonders gelungen und daher aml wieder ein Kompliment an dich. Solch kritische Themen liegen dir, denke ich.

Gern gelesen und Kommentar aus den Fingern gesaugt, weil eigentlich sprchlos vor staunen.

Rune
"Wie verächtlich gehen die Herrscher über Worte hinweg, die den Krieg verdammen, wie gelangweilt die Intellektuellen, weil diese Worte weder originell noch neu sind. Aber sie werden gelten, solange wir Kriege führen.
[...] Keine Zwerge auf den Schulter von Riesen werden wir sein, sondern ein Volk von Riesen, die einander viel zu schnell über den Kopf wachsen- aber wenn es drauf ankommt, schlagen wir einander den Schädel ein wie in den dunklen Zeitaltern."

Frank Schätzing >Tod und Teufel<

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Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

5

Tuesday, January 23rd 2007, 4:32pm

hallo Machtwort,
zu ´kritischen Gedichten´ habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis -
erhobene Zeigefinger stechen mir beim Lesen ins Auge, das tränt und brennt, so dass sich das Erfassen des Textes mehr auf den Tastsinn beschränken muss.

Deine Verse beschränken meinen Lesegenuss in keinster Weise.
Du zeigst ein eindringliches Bild, mit einer Sprache, die berührt, in ihrer Lebendigkeit. Das gefällt mir sehr - du bleibst in deinem dir eigenen, starken Ausdruck, bildest Wortfelder, die spannend und unverbraucht sind, und die Konsequenz in Form und Reim natürlich wirken lassen.

Vom Interpretieren lasse ich hier gerne die Finger. Ich kann die Färbung deiner Verse unmittelbar aufnehmen, begreifen und mich von ihnen berühren lassen, und das immer wieder auf´s Neue...

wenn du jetzt noch der Interpunktion gerecht werden würdest,
oder vielleicht ganz auf sie verzichten könntest, wäre ich rundum glücklich ;)


ich komme wieder

mlg

Kali
Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

SnowyOwl

Trainee

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6

Tuesday, January 23rd 2007, 8:57pm

Hallo,

Ich kann mich da wirklich nur anschließen..ein sehr schönes Gedicht.
Beim Lesen kam mir auch der Gedanke an Magersucht..wegen dem Hungertod, aber beim Weiterlesen hatte auch ich das Gefühl, dass es sich ebenso gut um ein anderes Thema handeln könnte.
Was ich sehr schön und gelungen finde, ist die Überschrift..dass viele im Spiegel etwas anderen zu sehen meinen, und sich deshalb hassen..und oftmals ben auch selbst verletzen (in welcher Art und Weise auch immer).

Zur formalen Gestaltung: Schöner Lesefluss, gute Reime, sehr sehr starke Bilder und Formulierungen. Einige werden vllt die Inversionen bemängeln, aber persönlich hatte ich damit nie ein Problem.

Gern gelesen :)
"Der Tod ist ein Versprechen, welches uns bei der Geburt mit auf den Weg gegeben wird."

ruelfig

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7

Tuesday, January 23rd 2007, 9:55pm

RE: Das bist nicht du

Liebes Machtwort,
ich leide mit, an dem, was zu erleiden du gefunden hast.
Mach dir keine Gedanken über fehlende Satzzeichen, die finden sich schon.
Bedrückt, R
Gegenismen

Marot

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Location: bei dir zuhause, wenn du willst, weiblich bist und Sommersprossen hast

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8

Wednesday, January 24th 2007, 3:24pm

So, hier meine versprochene Kritik:

Quoted

Die Augen als einziges Zeugnis von Dir,
das Spuren von Leben noch zeigt.
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir,
dein sterbender Wille - er schweigt.

xXxxXxxXxxX
xXxxXxxX
xXxxXxxXxxX
xXxxXxxX

Formal hast du dich an meine Vorlage gehalten, welche ich gerade für dieses Thema natürlich sehr sinnvoll halte, da sie für mich die Lücken- und Knochenhaftigkeit gut ausdrückt.
Einzig bei den Reimen hast du was verändert, nämlich einen Kreuzreim eingebaut. Der sorgt für mehr klangliche Dichte, wodurch der Text noch ein wenig Runder und harmonischer wirkt. In wie fern das zum Thema passt müsste man sich überlegen, da du aber sowieso zu sehr kräftigen klangvollen Bildern neigst ist es wohl nur passend dies auch mit dem Reim zu unterstützen.

Halten wir uns erst mal nicht länger mit der Form auf, die ist gekonnt und das reicht :

Inhaltliche Zusammenfassung dürfte klar sein, und auch die Motivation wie sich aus unserem Gespräch ja ergab: Ziel ist es ein Gedicht über eine selbstzerstörende Krankheit so zu schreiben, so dass der humane Aspekt und das psychische Innenleben, nicht aber die körperlichen Gelüste im Vordergrund stehen. Es soll also kein forderndes Gedicht mit körperlichen Argumenten sein, sondern eher ein Bittendes mit psychischer Unterstützung.
Ich gebe den Kollegen recht, dass man hier nicht nur Magersucht lesen muss, aber ich nehme es dennoch als Aufhänger, weil dies ja unser beide Inspirationsquelle war.

Gehen wir direkt an den Text:

Quoted

Die Augen als einziges Zeugnis von Dir,
das Spuren von Leben noch zeigt.


Der Text fängt sehr wortgewaltig an. Hochsprache wie "Zeugnis" drücken gleich eine erhabene Stimmung aus, die reichlich pathosgeschwängert ist, was sich dann natürlich durch die zweite Zeile und die Aussage, dass nur noch die Augen Leben enthalten kulminiert.
Was aber soll ausgedrückt werden?
Nehmen wir den Magersuchtansatz, wird es klar: Der Körper erscheint so leblos, was man getrost mit dürr übersetzten kann, dass nur noch die Augen überhaupt lebendig wirken. Der Rest ist eher tot, oder um zu präzisieren, skelettartig.
Prinzipiel ist das ein tolles Bild, aber ich mache hier ja eine Feinkritik und will daher auch alles von beiden Seiten betrachten.
Fragwürdig ist für mich hier die massive Übertreibung. " Spuren von Leben": Das heißt doch , dass wirklich sonst nicht an der Gestallt des lyrischen Dus in irgend einer Weise Lebendig wirkt, würde sogar implizieren, dass sich das lyrische Du nicht einmal bewegt.
Natürlich ist das überzogen betrachtet, aber das Provoziert das leicht überzogene Bild nun einmal.
Wenn man verabsolutiert kommt man leicht an einem Punkt wo man mehr gesagt hat als man vielleicht wollte.
Hier wird jetzt alles möglich vom Drogenrausch während dem Goldenen Schuss bis zum Selbstmordversuch, und das vor allem wegen der Übertreibung. Das ist sowohl gut wie auch schlecht, je nach dem was du erreichen willst. Ist dein Thema Magersucht, könnte das Bild zu stark sein, geht es dir um das Bild des Brechens an sich Selbst, egal mit welcher Methode ist es super, kann aber auch leicht zu beliebig werden, dass aber muss der Folgetext entscheiden.

Quoted

Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir,
dein sterbender Wille - er schweigt.

Zeile drei und vier habe ich lange nicht begriffen bis mir das klar Wurde, das "Sie" die Augen sind. Ich stand da ziemlich auf dem Schlauch, was aber einzig mein Fehler ist. Prinzipiel gefällt mir das Bild sehr gut, reichlich pathetisch schon wieder aber gut, nur mag mir das Wort Entfleischung nicht behagen. es ist mir zu hochtrabend zu kräftig und dominiert die Aussage zu stark. Der Rest deines Wortschatzes ist sehr weich und tragend, Entfleischung hingegen grob und einhämmernd. Ich sehe allerdings das es hier wenig alternativen gibt.
Die Aussage ist natürlich toll. In den Augen des Dus sieht das Ich die Spuren der Selbstzerstörung, in Zeile vier wird dann deutlich, dass das wenige Aufbegehren und der Wille zum Leben verkümmert sind.

Über die Satzkonstruktion an sich müsste man aber noch mal Sprechen:

Die Augen als einziges Zeugnis von Dir, dass Spuren von Leben noch zeigt

Hier Hätte man darauf folgenden einen Nebensatz erwartet der erklärt was die Augen machen, aber du bringst statt dessen ein Satzende und fängst dann neu an:
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir, dein sterbender Wille - er schweigt.

Und das nur, um die Metrik zu retten. Das verwirrt ein wenig. Wenn man nicht genau hinschaut merkt man es nicht, aber beim zweiten Blick ist es doch unübersehbar, dass hier der Anschluss fehlt.
Nicht schlimm, aber ich wollte es mal aufzeigen.


Quoted

Der einzige Wille, der übrig dir bleibt,
ist wie ein verzehrender Tanz
.

Hm an sich super, vor allem der verzehrende Tanz ist ein tolles Bild. Tanz als Sinnbild für Erotik passt sehr gut in die Magersuchtsymbolik hinein. Klasse!
Aber, (ja ich habe immer eins parat :D) ich würde nicht " Wille" schreiben. Erstens hattest du den ja schon gerade, was den zweiten unterdrückt, weil der Parallelismus hier auch nicht Formecht durchgeführt wird und der Magersuchtswahn auch nicht wirklich mit „ Wille“ verwechselt werden sollte. Das ist eher eine Sucht und keine bewusste, rationale Entscheidung. Ich würde etwas anderes suchen, das mehr auf das Gefühl zielt. „ Sehnsucht“ wäre zum Beispiel denkbar.

Quoted

Der dich mit sich dreht, dir den Körper entleibt,
entzieht dir die Selbstachtung ganz
.

Sehr fein. "entleibt" ist dann auch wieder deine Sprache und passt viel besser als entfleischt.
Einzig kann man ,wenn man unbedingt will, ab dieser Stelle langsam bemängeln das der pathetische Grundton selbstverständlich und damit ein wenig einlullend wirkt, aber das wäre dann schon eine Stilkritik. Letztlich ist das wohl auch deine Art, so kraftvoll zu schreiben.

Von der Aussage der vierten Zeile muss man sich allerdings Fragen, ob da wirklich die Selbstreflektion vorrausgesetzt werden kann.
Wenn du von entzogener Selbstachtung sprichst musst du ja voraussetzen, dass die Person tatsächlich reflektiert, dass ihre Magersucht zerstörerisch ist, und genau daran krankt es ja bei vielen Damen.
Hier kommt jetzt genau der Punkt den ich bei meinem Gedicht angeführt hatte zu tragen:
Ein Werk das so Tief in die Seelenwelt einer Magersüchtigen einsteigen will wie deines muss auch irgendwo eine Referenz haben. Ich für mich könnte die Frage wie sehr hier Reflektiert wird bei magersüchtigen schlecht beantworten und würde eher auf wenig Reflektion tippen, du beantwortest es gegenteilig, wodurch man dann der Dame natürlich die Frage des „Warums“ stellen müsste. Geht es nicht eigentlich gerade um Selbstachtung bei der Abhungerung? Also um die These: „Ich bin schöner und fühle mich wohler wenn ich dünn bin“ Warum sollte sie dann also, wenn sie merkt das ihre Selbstachtung verlustig geht weiter Hungern? Ich denke, dass dies wahrscheinlich Typabhängig ist, denn ich habe auch schon gehört das Frauen durchaus wissen das es falsch ist es aber dennoch nicht ändern können. Deswegen ist so ein Text für meine Begriffe nur für einzelne Adressenten sinnig.

Quoted


Ach könntest du dich nur durch meinen Blick sehn,
dein Hungertod stürbe sofort.

Jetzt aber negierst du selbst wieder, sie Würde sich reflektieren können und da erscheint es dann auch wieder logischer.
Sie kann Ihren Hungertod eben gerade nicht erkennen, sie reflektiert ihn nicht und deshalb macht sie auch weiter.
Ein Tolles Bild dieser sterbende Tod, eindringlich und knallig. Dein bestes hier wie ich finde.
Aber was nun ist deine aussage? Reflektiert sie und verliert dadurch ihre Selbstachtung, oder tut sie es nicht und verliert ihr leben?
Ich denke da müsstest du eine Entscheidung treffen.

Quoted

So könntest du schön wie du bist neu entstehn,
aus dem so geschundenen Ort.

Wieder sehr schön, vor allem die Betonung auf „ schön wie du bist“ was ich für eine wichtige Aussage halte, auch wenn sie natürlich wie Kalaidoskop andeutete ein wenig Fordernd wirkt aber das muss bei dieser Art Gedicht auch sein.
Weniger gefällt mir der „Ort“. Das ist mir zu rational dem Reim unterworfen.
Den Körper in deinem gefühlsdichten Wortschatz als Ort zu bezeichnen funktioniert nicht, dafür warst du die ganze Zeit zu emotional um jetzt so ein abstraktes unpersönliches Bild zu bringen.
Außerdem impliziert Ort, dass der Körper hier nur ein Platz ist auf dem sich etwas abspielt, eine Kulisse sozusagen, in diesem speziellen Fall ist der Körper aber wichtiger Bestandteil der Problematik.
Ich würde dringend eine andere Lösung suchen.


Quoted

Die Hülle, die du zu zerstören versuchst,
ist wie ein Gefängnis für dich.

An sich wieder ein tolles Bild, auch wenn man sich die Frage stellen müsste, ob das Lyrische Du tatsächlich versucht sich zu zerstören. Wenn es um Magersucht geht und das habe ich ja als Grundvoraussetzung für meine Analyse genommen trifft das nämlich wohl weniger zu. Die Motivation der Magersüchtigen ist es ja den ekligen Körper schöner zu machen
Ginge es um SVV würde das Bild schon eher passen, aber da war mir die Metaphorik der Zeilen davor zu deutlich Richtung Magersucht.
Hier haben wir dann wieder das Problem, dass ich am Anfang angedeutet habe:
Meine Kollegen haben allesamt die Eigenschaft des Werkes gelobt, nicht hundertprozentig nur eine Sache anzusprechen und prinzipiell ist das auch eine gute Sache, aber versucht man mehre Problematiken einzubeziehen, kommt man auch schnell in die Verlegenheit es mit unterschiedlichen Motivationen zu tun zu haben.
Sicherlich werden Therapeuten jetzt sagen, dass SVV und Magersucht in ihrem Grundaufbau ähnlich sind und auch nicht selten gleichzeitig vorkommen können, aber es gibt dennoch wie ich das als Laie einschätze grundsätzliche Unterschiede , vor allem im Verhältnis zum Körper. Wenn du hier diesen Zerstörungsaspekt einbaust, kommst du also leicht in die Verlegenheit der Magersucht nicht mehr ganz gerecht zu werden. Ich würde dir raten dich für eines zu entscheiden, um auch genau bleiben zu können, denn du musst ja auch mal überlegen, wenn du ein solches Gedicht einer Betroffenen geben würdest, hätte sie in einem solchen Satz sofort die Möglichkeit dir zu widersprechen und damit die Glaubwürdigkeit deiner Zeilen anzufechten. Das Thema ist zu wichtig um ungenau sein zu dürfen.

Quoted


in dem du die Gitter und Mauern verfluchst,
sie anschreist und denkst "das bin ich".


Das passt jetzt wieder viel besser. Die Sehnsucht nach Schönheit und der Eckel vor dem eigenen Körper.
Das offene, ein wenig wahllose Ende irritiert mich allerdings. Da gibt es nichts Abschließendes, was wohl auch wieder gut ist, aber dennoch bleibt man ratlos zurück. Was ist seine Botschaft fragt man sich.
Ich würde dir raten die vierte Strophe und die Dritte umzutauschen, weil sich die dritte besser als Abschluss eignet.

Fazit:
Ich wahr jetzt sehr erbsenzählerisch in meiner Betrachtung, aber ich hoffe was ich zum Ausdruck bringen wollte ist angekommen. Der Text gefällt mir ausgesprochen gut. Er ist feinsinnig, verfügt über eine grandiose Sprache, die richtig geniale Momente in sich birgt und will moralisch eindeutig das Richtige. Dennoch kann ich mich nicht ganz Rückhaltlos meinen Vorrednern anschließen, dass es nichts zu bemängeln gäbe. Einzelne Gedanken sind noch nicht konsequent verfolgt, hier und da hat man das Gefühl das die Formulierungen zu hastig gewählt wurden und den Reimen unterworfen sind und letztlich hätte man sich mehr Entschlusskraft bei der Aussage gewünscht.
Das sind aber Peanuts. Der Text ist super, gehört zweifellos zu den Besten hier, aber er geht noch besser, vor allem von dir.
Ich hoffe meine Kritik brachte Freude, danke fürs Lesen
Gruß marot
Geld ist teuer!

Heilige Johanna der Schlachthöfe / Bertholt Brecht

machtwort

Unregistered

9

Saturday, January 27th 2007, 10:12am

Wow, ihr Kritikmonster!!!

Hallo Ihrs!

Danke für Eure Antworten, ich glaube auf Fragen und Verbesserungsvorschläge
gehe ich in der Antwort auf Marots Kritik ein, deshalb hier nur ein Danke!

@Kaleidoskop:
schön, daß Du wieder da bist......
Meine Fähigkeit zur korrekten Interpunktion sind relativ beschränkt,
da ich finde, daß es sich hier nicht empfiehlt, ganz zu verzichten,
wäre ich dankbar für Hilfestellungen in Punkt & Komma-Angelegenheiten....

So, jetzt kommt der Teil, der unangenehm ist, wer erklärt schon gerne in
aller Ausführlichkeit die eigenen Texte.....also...


.......Hallo Marot!

Zuallererst mal danke für diese Kritik, die in Puncto Ausführlichkeit
nichts zu wünschen übrig lässt.
Kommen wir direkt zur Sache, das Gedicht ist spontan als Reaktion
auf Die Sperrholzdryade entstanden und da war es tatsächlich
meine Absicht das gleiche Thema, nur aus einer anderen Perspektive
zu behandeln.
Da jetzt schon mehrere Leute gesagt haben, daß sie es nur durch einzwei
Formulierungen dem Thema Magersucht zugeordnet haben gefällt mir der
Gedanke, es zugunsten einer universellen Deutbarkeit zu bearbeiten
und noch etwas daran zu frickeln.

Quoted

Es soll also kein forderndes Gedicht mit körperlichen Argumenten sein, sondern eher ein Bittendes mit psychischer Unterstützung.


Ich hatte eine Erzählerposition im Auge, die hilfloser Zeuge eines
Selbstzerstörerischen Prozesses wird, ohne eingreifen zu können,
ein geliebter Mensch richtet sich aus einem destruktiven Mißverhältnis
zwischen Wunsch und Wirklichkeit zugrunde.
Wo ich Dir direkt Recht gebe, ist die "Pathosschwangerschaft", die viele
meiner Texte mit eher resignativem Inhalt befällt, wobei ich immer versuche,
es nicht allzusehr triefen zu lassen,......

Quoted

Fragwürdig ist für mich hier die massive Übertreibung. " Spuren von Leben": Das heißt doch , dass wirklich sonst nicht an der Gestallt des lyrischen Dus in irgend einer Weise Lebendig wirkt, würde sogar implizieren, dass sich das lyrische Du nicht einmal bewegt.


Spuren von Leben sehe ich als Reste von Lebenswille, ein Hauch von Verstehen
wohin die Selbstzerstörung führt, ein Funke von "was mach ich denn da?"....
Ein verwirrter Blick, der sagt, es hat keinen Zweck, lass mich, hilf mir, mir gehts gut, verschwinde.
Daher auch der "sterbende Wille", er ist nur noch im Ansatz da und hat längst
nichts mehr zu melden.

Die "Entfleischung" ist ein Wort, daß sowohl bei der Magersucht, als auch bei
anderem SVV, eine Dramatik hat, die ich als drastisch, aber bezeichnend empfinde.
Die widerholte Verwendung von "Wille", hat mich gar nicht so gestört, bis Du sie
bemängelt hast (grrrr) jetzt muss ich mich um eine Alternative bemühen, denn da hast Du
wohl Recht....

Quoted

....und der Magersuchtswahn auch nicht wirklich mit „ Wille“ verwechselt werden sollte. Das ist eher eine Sucht und keine bewusste, rationale Entscheidung.


Die Sucht, ist ein Feld, auf dem ich mich aus eigener Erfahrung leider gut auskenne,
und die hat mir gezeigt, daß es ab einem bestimmten Zeitpunkt, zwar keine
bewusste Entscheidung mehr ist, ob man sich dem mit allen üblen Konsequenzen hingibt,
aber ein Rest vom Hauch einer Ahnung eines blassen Schimmers von Problembewusstsein
ist immer noch da und regt sich von Zeit zu Zeit.
Dein Einwand mit der doppelten Verwendung von "Wille" reicht mir jedoch aus,
um es zu ändern, danke dafür...

Quoted

Aber was nun ist deine aussage? Reflektiert sie und verliert dadurch ihre Selbstachtung, oder tut sie es nicht und verliert ihr leben?
Ich denke da müsstest du eine Entscheidung treffen.


Zuerst einmal denke ich, ich werde mich von dem Hungertod zugunsten eines etwas
weniger spezifischen Bildes trennen müssen, aber auch wenn der durch anderes ersetzt
würde, bleibt die Betrachtung die selbe und meine Entscheidung ist schon getroffen:
Das "lyr. Du" geht zugrunde, mit allen Widersprüchen, es gibt rudimentäre Reste
von "gesunder" Selbstwahrnehmung, die den Prozess jedoch (vielleicht) nicht mehr
aufhalten können.

Quoted

Weniger gefällt mir der „Ort“. Das ist mir zu rational dem Reim unterworfen.
Den Körper in deinem gefühlsdichten Wortschatz als Ort zu bezeichnen funktioniert nicht, dafür warst du die ganze Zeit zu emotional um jetzt so ein abstraktes unpersönliches Bild zu bringen.
Außerdem impliziert Ort, dass der Körper hier nur ein Platz ist auf dem sich etwas abspielt, eine Kulisse sozusagen, in diesem speziellen Fall ist der Körper aber wichtiger Bestandteil der Problematik.
Ich würde dringend eine andere Lösung suchen.


Da ist der Punkt, wo ich massiv widerspreche, denn ich habe ganz bewusst getrennt,
zwischen dem Körper als "Behälter" der den Ansprüchen des darin wohnenden Geistes
nicht mehr genügt und eben diesem Geist.
Der Körper als Ort, der vom darin gefangenen Menschen geschunden wird, im
Pathologischem Bestreben, diesen Zwanghaft zu "optimieren".
Die Eigentliche Schönheit des Menschen, Gedankenwelt usw., werden vom Selbst nicht
mehr erkannt.
Diese Trennung funktioniert bei anderer Thematik als der Magersucht sicher nur bedingt,
aber das krieg ich glaube ich noch präziser...
Das Sehen durch den Blick des "Lyr Ichs" meint hier den Blick der die Schönheit
beschreibt, die schon vorhanden ist, jenseits von gestörter Selbstbetrachtung der
gemeinten Person. Insofern also kein Reim, dem der Inhalt geopfert wird.
Diese Störung wird im letzten Vers deutlich, "das bin ich" zeigt den Irrtum, daß das was
im Spiegel zu sehen ist, das ist was den Menschen ausmacht...ich finde dem ist nicht so,
aber bin wie alle nicht immun gegen die Ideale von Schönheit und Jugend, die uns
vorgehalten werden....
Ich danke Dir für die Erbsenzählerei und das abschliessende Kompliment.

Liebe Grüße: machtwort

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