So, hier meine versprochene Kritik:
Die Augen als einziges Zeugnis von Dir,
das Spuren von Leben noch zeigt.
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir,
dein sterbender Wille - er schweigt.
xXxxXxxXxxX
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Formal hast du dich an meine Vorlage gehalten, welche ich gerade für dieses Thema natürlich sehr sinnvoll halte, da sie für mich die Lücken- und Knochenhaftigkeit gut ausdrückt.
Einzig bei den Reimen hast du was verändert, nämlich einen Kreuzreim eingebaut. Der sorgt für mehr klangliche Dichte, wodurch der Text noch ein wenig Runder und harmonischer wirkt. In wie fern das zum Thema passt müsste man sich überlegen, da du aber sowieso zu sehr kräftigen klangvollen Bildern neigst ist es wohl nur passend dies auch mit dem Reim zu unterstützen.
Halten wir uns erst mal nicht länger mit der Form auf, die ist gekonnt und das reicht :
Inhaltliche Zusammenfassung dürfte klar sein, und auch die Motivation wie sich aus unserem Gespräch ja ergab: Ziel ist es ein Gedicht über eine selbstzerstörende Krankheit so zu schreiben, so dass der humane Aspekt und das psychische Innenleben, nicht aber die körperlichen Gelüste im Vordergrund stehen. Es soll also kein forderndes Gedicht mit körperlichen Argumenten sein, sondern eher ein Bittendes mit psychischer Unterstützung.
Ich gebe den Kollegen recht, dass man hier nicht nur Magersucht lesen muss, aber ich nehme es dennoch als Aufhänger, weil dies ja unser beide Inspirationsquelle war.
Gehen wir direkt an den Text:
Die Augen als einziges Zeugnis von Dir,
das Spuren von Leben noch zeigt.
Der Text fängt sehr wortgewaltig an. Hochsprache wie "Zeugnis" drücken gleich eine erhabene Stimmung aus, die reichlich pathosgeschwängert ist, was sich dann natürlich durch die zweite Zeile und die Aussage, dass nur noch die Augen Leben enthalten kulminiert.
Was aber soll ausgedrückt werden?
Nehmen wir den Magersuchtansatz, wird es klar: Der Körper erscheint so leblos, was man getrost mit dürr übersetzten kann, dass nur noch die Augen überhaupt lebendig wirken. Der Rest ist eher tot, oder um zu präzisieren, skelettartig.
Prinzipiel ist das ein tolles Bild, aber ich mache hier ja eine Feinkritik und will daher auch alles von beiden Seiten betrachten.
Fragwürdig ist für mich hier die massive Übertreibung. " Spuren von Leben": Das heißt doch , dass wirklich sonst nicht an der Gestallt des lyrischen Dus in irgend einer Weise Lebendig wirkt, würde sogar implizieren, dass sich das lyrische Du nicht einmal bewegt.
Natürlich ist das überzogen betrachtet, aber das Provoziert das leicht überzogene Bild nun einmal.
Wenn man verabsolutiert kommt man leicht an einem Punkt wo man mehr gesagt hat als man vielleicht wollte.
Hier wird jetzt alles möglich vom Drogenrausch während dem Goldenen Schuss bis zum Selbstmordversuch, und das vor allem wegen der Übertreibung. Das ist sowohl gut wie auch schlecht, je nach dem was du erreichen willst. Ist dein Thema Magersucht, könnte das Bild zu stark sein, geht es dir um das Bild des Brechens an sich Selbst, egal mit welcher Methode ist es super, kann aber auch leicht zu beliebig werden, dass aber muss der Folgetext entscheiden.
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir,
dein sterbender Wille - er schweigt.
Zeile drei und vier habe ich lange nicht begriffen bis mir das klar Wurde, das "Sie" die Augen sind. Ich stand da ziemlich auf dem Schlauch, was aber einzig mein Fehler ist. Prinzipiel gefällt mir das Bild sehr gut, reichlich pathetisch schon wieder aber gut, nur mag mir das Wort Entfleischung nicht behagen. es ist mir zu hochtrabend zu kräftig und dominiert die Aussage zu stark. Der Rest deines Wortschatzes ist sehr weich und tragend, Entfleischung hingegen grob und einhämmernd. Ich sehe allerdings das es hier wenig alternativen gibt.
Die Aussage ist natürlich toll. In den Augen des Dus sieht das Ich die Spuren der Selbstzerstörung, in Zeile vier wird dann deutlich, dass das wenige Aufbegehren und der Wille zum Leben verkümmert sind.
Über die Satzkonstruktion an sich müsste man aber noch mal Sprechen:
Die Augen als einziges Zeugnis von Dir, dass Spuren von Leben noch zeigt
Hier Hätte man darauf folgenden einen Nebensatz erwartet der erklärt was die Augen machen, aber du bringst statt dessen ein Satzende und fängst dann neu an:
Sie sprechen von deiner Entfleischung zu mir, dein sterbender Wille - er schweigt.
Und das nur, um die Metrik zu retten. Das verwirrt ein wenig. Wenn man nicht genau hinschaut merkt man es nicht, aber beim zweiten Blick ist es doch unübersehbar, dass hier der Anschluss fehlt.
Nicht schlimm, aber ich wollte es mal aufzeigen.
Der einzige Wille, der übrig dir bleibt,
ist wie ein verzehrender Tanz
.
Hm an sich super, vor allem der verzehrende Tanz ist ein tolles Bild. Tanz als Sinnbild für Erotik passt sehr gut in die Magersuchtsymbolik hinein. Klasse!
Aber, (ja ich habe immer eins parat

) ich würde nicht " Wille" schreiben. Erstens hattest du den ja schon gerade, was den zweiten unterdrückt, weil der Parallelismus hier auch nicht Formecht durchgeführt wird und der Magersuchtswahn auch nicht wirklich mit „ Wille“ verwechselt werden sollte. Das ist eher eine Sucht und keine bewusste, rationale Entscheidung. Ich würde etwas anderes suchen, das mehr auf das Gefühl zielt. „ Sehnsucht“ wäre zum Beispiel denkbar.
Der dich mit sich dreht, dir den Körper entleibt,
entzieht dir die Selbstachtung ganz
.
Sehr fein. "entleibt" ist dann auch wieder deine Sprache und passt viel besser als entfleischt.
Einzig kann man ,wenn man unbedingt will, ab dieser Stelle langsam bemängeln das der pathetische Grundton selbstverständlich und damit ein wenig einlullend wirkt, aber das wäre dann schon eine Stilkritik. Letztlich ist das wohl auch deine Art, so kraftvoll zu schreiben.
Von der Aussage der vierten Zeile muss man sich allerdings Fragen, ob da wirklich die Selbstreflektion vorrausgesetzt werden kann.
Wenn du von entzogener Selbstachtung sprichst musst du ja voraussetzen, dass die Person tatsächlich reflektiert, dass ihre Magersucht zerstörerisch ist, und genau daran krankt es ja bei vielen Damen.
Hier kommt jetzt genau der Punkt den ich bei meinem Gedicht angeführt hatte zu tragen:
Ein Werk das so Tief in die Seelenwelt einer Magersüchtigen einsteigen will wie deines muss auch irgendwo eine Referenz haben. Ich für mich könnte die Frage wie sehr hier Reflektiert wird bei magersüchtigen schlecht beantworten und würde eher auf wenig Reflektion tippen, du beantwortest es gegenteilig, wodurch man dann der Dame natürlich die Frage des „Warums“ stellen müsste. Geht es nicht eigentlich gerade um Selbstachtung bei der Abhungerung? Also um die These: „Ich bin schöner und fühle mich wohler wenn ich dünn bin“ Warum sollte sie dann also, wenn sie merkt das ihre Selbstachtung verlustig geht weiter Hungern? Ich denke, dass dies wahrscheinlich Typabhängig ist, denn ich habe auch schon gehört das Frauen durchaus wissen das es falsch ist es aber dennoch nicht ändern können. Deswegen ist so ein Text für meine Begriffe nur für einzelne Adressenten sinnig.
Ach könntest du dich nur durch meinen Blick sehn,
dein Hungertod stürbe sofort.
Jetzt aber negierst du selbst wieder, sie Würde sich reflektieren können und da erscheint es dann auch wieder logischer.
Sie kann Ihren Hungertod eben gerade nicht erkennen, sie reflektiert ihn nicht und deshalb macht sie auch weiter.
Ein Tolles Bild dieser sterbende Tod, eindringlich und knallig. Dein bestes hier wie ich finde.
Aber was nun ist deine aussage? Reflektiert sie und verliert dadurch ihre Selbstachtung, oder tut sie es nicht und verliert ihr leben?
Ich denke da müsstest du eine Entscheidung treffen.
So könntest du schön wie du bist neu entstehn,
aus dem so geschundenen Ort.
Wieder sehr schön, vor allem die Betonung auf „ schön wie du bist“ was ich für eine wichtige Aussage halte, auch wenn sie natürlich wie Kalaidoskop andeutete ein wenig Fordernd wirkt aber das muss bei dieser Art Gedicht auch sein.
Weniger gefällt mir der „Ort“. Das ist mir zu rational dem Reim unterworfen.
Den Körper in deinem gefühlsdichten Wortschatz als Ort zu bezeichnen funktioniert nicht, dafür warst du die ganze Zeit zu emotional um jetzt so ein abstraktes unpersönliches Bild zu bringen.
Außerdem impliziert Ort, dass der Körper hier nur ein Platz ist auf dem sich etwas abspielt, eine Kulisse sozusagen, in diesem speziellen Fall ist der Körper aber wichtiger Bestandteil der Problematik.
Ich würde dringend eine andere Lösung suchen.
Die Hülle, die du zu zerstören versuchst,
ist wie ein Gefängnis für dich.
An sich wieder ein tolles Bild, auch wenn man sich die Frage stellen müsste, ob das Lyrische Du tatsächlich versucht sich zu zerstören. Wenn es um Magersucht geht und das habe ich ja als Grundvoraussetzung für meine Analyse genommen trifft das nämlich wohl weniger zu. Die Motivation der Magersüchtigen ist es ja den ekligen Körper schöner zu machen
Ginge es um SVV würde das Bild schon eher passen, aber da war mir die Metaphorik der Zeilen davor zu deutlich Richtung Magersucht.
Hier haben wir dann wieder das Problem, dass ich am Anfang angedeutet habe:
Meine Kollegen haben allesamt die Eigenschaft des Werkes gelobt, nicht hundertprozentig nur eine Sache anzusprechen und prinzipiell ist das auch eine gute Sache, aber versucht man mehre Problematiken einzubeziehen, kommt man auch schnell in die Verlegenheit es mit unterschiedlichen Motivationen zu tun zu haben.
Sicherlich werden Therapeuten jetzt sagen, dass SVV und Magersucht in ihrem Grundaufbau ähnlich sind und auch nicht selten gleichzeitig vorkommen können, aber es gibt dennoch wie ich das als Laie einschätze grundsätzliche Unterschiede , vor allem im Verhältnis zum Körper. Wenn du hier diesen Zerstörungsaspekt einbaust, kommst du also leicht in die Verlegenheit der Magersucht nicht mehr ganz gerecht zu werden. Ich würde dir raten dich für eines zu entscheiden, um auch genau bleiben zu können, denn du musst ja auch mal überlegen, wenn du ein solches Gedicht einer Betroffenen geben würdest, hätte sie in einem solchen Satz sofort die Möglichkeit dir zu widersprechen und damit die Glaubwürdigkeit deiner Zeilen anzufechten. Das Thema ist zu wichtig um ungenau sein zu dürfen.
in dem du die Gitter und Mauern verfluchst,
sie anschreist und denkst "das bin ich".
Das passt jetzt wieder viel besser. Die Sehnsucht nach Schönheit und der Eckel vor dem eigenen Körper.
Das offene, ein wenig wahllose Ende irritiert mich allerdings. Da gibt es nichts Abschließendes, was wohl auch wieder gut ist, aber dennoch bleibt man ratlos zurück. Was ist seine Botschaft fragt man sich.
Ich würde dir raten die vierte Strophe und die Dritte umzutauschen, weil sich die dritte besser als Abschluss eignet.
Fazit:
Ich wahr jetzt sehr erbsenzählerisch in meiner Betrachtung, aber ich hoffe was ich zum Ausdruck bringen wollte ist angekommen. Der Text gefällt mir ausgesprochen gut. Er ist feinsinnig, verfügt über eine grandiose Sprache, die richtig geniale Momente in sich birgt und will moralisch eindeutig das Richtige. Dennoch kann ich mich nicht ganz Rückhaltlos meinen Vorrednern anschließen, dass es nichts zu bemängeln gäbe. Einzelne Gedanken sind noch nicht konsequent verfolgt, hier und da hat man das Gefühl das die Formulierungen zu hastig gewählt wurden und den Reimen unterworfen sind und letztlich hätte man sich mehr Entschlusskraft bei der Aussage gewünscht.
Das sind aber Peanuts. Der Text ist super, gehört zweifellos zu den Besten hier, aber er geht noch besser, vor allem von dir.
Ich hoffe meine Kritik brachte Freude, danke fürs Lesen
Gruß marot