eine eitle Leidenschaft
Palastbote: Husch! Knecht, der Gast kommt! Eil’ hinaus und trag das Gepäck! Willst du nicht hören, was machst du so Fratzen?
Knecht: Bezahltest du mich gerecht, ich eilte schon hinaus.
Palastbote: Soll ich die Peitsche ziehen?
Knecht (leise): Möge Allah dich verschlingen, Grausamer.
(Drei Kamele kommen an, Byron steigt hinab)
Knecht: Mein Herr, ich trage das Gepäck hinein.
Palastbote: Seien sie unser ehrenwerter Gast, Lord Byron. Der Sultan möchte ihre Bekanntschaft machen, wie er von der Ankunft des Adligen, eines englischen Lords gehört, ließ er gleich alles anordnen, sie zu empfangen. Ich, Abdullah El Farrat, stehe zu ihren Diensten. Möchten sie mich begleiten.
Byron: Sie wissen nicht, welch’ Freude das für mich ist. Gehen wir.
Palastbote: Knecht! Sattel die Kamele! Wir wollen fort. Die Knechte sind nicht mehr das, was sie mal waren. Selbst die Peitsche fürchten sie nicht mehr. Soll ich dir Beine machen!?
(Beide ab)
Knecht: Eil’ da, eil’ dort, mach’ das, mach dies, wenn Allah mich zu einem Knecht wollte auserwählen, was soll ich machen?
(Geht ab)
(Im Palast, einem Frauenzimmer, Prinzessin und zwei Schwestern)
Prinz. Ich hörte die Palastwachen plaudern, dass ein englischer Lord kommen wird. Habt ihr ihn gesehen? Wie sieht er aus?
Sarifa: Ich sah ihn nicht, noch hörte ich seine Stimme. Ich kenne ihn ganz und gar nicht. Ich hörte aber Gerüchte, seine Augen seien so dunkelblau wie ein tiefblauer See, und seine Haare, so dunkel wie die Nacht.
Marifa: Und ich hörte aus den Münder der Reisenden, die hier auf dem Markte verkehren, dass des Fremden Haut, so wie die Farbe des Mondes sei.
Prinz. Ich will ihn mir ansehen, diesen Lord. (Geht ab)
Sarifa: So aufgeregt kenn’ ich sie nicht, so voller Neugier, sah ich sie noch nicht. Warten sie Prinzessin! (Beide ab)
(Im Thronsaal, viele Palastwachen, Prinzessin, Sultan, die zwei Schwestern )
Palastbote: Allah sei gepriesen. Mein Gebieter, das ist Lord Byron.
Sultan: Von fernen Landen kommst du her, ich heiße dich willkommen, sei mein Freund. Du stammst von adligem Blut, an deinen kleinen Händen und an den kleinen Ohren erkenn’ ich’s. Im Palast ist ein Zimmer für dich gerichtet. Bleibe so lange du magst.
(Byron überreicht dem Sultan Tabak und eine Pfeife als Geschenk)
Byron: Ist das des Sultans Tochter, die mich da mit glänzenden dunkel brauen Augen blickt?
Sultan (dreht sich zur Prinzessin): Das ist meine Tochter Leihla, die Zierde des Palastes. Die Oase in der Wüste.
Byron: Welch’ Augen! Welch’ Augen! Ist ihr Gesicht auch so schön, wie ihre Augen?
Sultan: Es ist den Frauen verboten, in Anwesenheit der Männer, den Schleier vom Gesicht zu lösen. Keusch und Unschuldig sind unsere Frauen, und bleiben solange, bis ein ehrenwerter Gatte, um deren Hand bittet. Meine Leihla ist der Stern am Himmel. Ein Leuchtfeuer, den ich nur dem Reichsten und dem ehrwürdigsten Manne hergebe.
Byron: Ich verstehe. Ich bitte vielmals um Entschuldigung, ich habe nicht geahnt, was in dem Lande für welche Sitten herrschen.
Sultan: Zeigt meinem Gast sein Zimmer. Kleidet ihn in ein Gewandt, wir wollen bald zu Abend.
Palastbote: Lord Byron, bitte folgen sie mir. Ich zeige ihnen das Zimmer.
(Beide ab)
Byron: E ist gewiss, dass des Sultans Tochter ein Engel sei. Nach den Augen zu urteilen, kann und muss nur ein schönes Gesicht sich hinter dem Schleier verbergen! Ich ahne es, ich fühle es!
Palastbote: Lassen sie von diesen Gedanken ab. Man kann sie dafür hängen! Man hat nicht nur ein Mann deshalb hängen müssen.
Byron: Was sagen sie, sie mussten hängen!
Palastboten: Mein Gebieter verbietet alle Gedanken, die seine Tochter betreffen – einmal, da hat er einem tüchtigen Soldaten, der sich in seine Tochter verliebt gehabt, die Augen mit einem Messer blind gemacht.
Byron: Er hütet sie wohl wie die Henne das Ei.
Palastbote: Was sie da reden, kann ihnen am Ende noch den Kopf kosten. Ich würde sie ungern am Seile hängen sehen.
Byron: Keine Frau der Welt bewegt mir das Herz. Es ist kalt und eisern.
Jene Blicke sind nichts mehr, als erloschene Sterne.
Palastbote: Da ist ihr Zimmer – kleiden sie sich um, und wenn die Sonnen untergegangen, dann ist’s Zeit herunter zukommen, mit dem Sultan zu speisen. Kommen sie pünktlich. Der Sultan sieht es ungern, wenn eingeladene Gäste unpünktlich erscheinen.
Byron: Seien sie versichert, ich bin von blauem Blute. Ich halte mein Wort. Ich komme.
(Gehen ab)
(Byron allein im Zimmer, werft sich gegen das Bett):
O, diese Augen! Ich laufe Gefahr gehängt zu werden! Da, bald, gehe ich mit dem Sultan speisen, und da werde ich sie wieder sehen, sie, deren Schönheit sich hinter einem Schleier versteckt hält! Sind nicht ihre tieffarbigen Augen Beweis genug, welch’ himmlischen Lippen sich noch verbergen müssen, welch’ Spitznäschen unter dem Geheimnisvollen sich noch verbirgt? O noch! noch! denk’ ich nur dran! Was unter dem Seidengewand noch alles blüht – alles reift! Birnen! Süße Birnen! Zwei davon! Der Nabel, der sie von der Mutter trennte, hinein in die Welt, zu mir! – und die Hüften, die zarten Schenkel einer Araberin! Die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen. O ich fühle diese Lust, diesen Drang in der Brust, dieses Weib zu verschlingen! O erfühle ich mir nicht den Wunsch, ich gehe zugrunde! Zugrunde, an Lust und wildem Trieb!
Ich verfluche den Mann! Jeden Mann! Mich! Mich! Ist’s ihm doch angeboren, dass er nicht Ruhen kann, da wo die Schönheit vor seinen Augen flaniert! Ihr wollt’ mich deswegen hängen! Dass ich meiner Natur folge! Aber wie soll’ ich’s anstellen – den Tag darauf noch am Leben zu sein? Gott, ich weiß es nicht. Vor ihrem Angesicht dann zu sitzen, unter ihren Augen essen zu müssen, die auf mir ruhen, mich beobachten werden, alle meine Bewegungen folgen werden. Ich weiß es nicht. Und dann, wenn ich einmal meine Augen hebe, in die ihrige blicke, zufälligerweise sie einander sich begegnen – O was dann! Was dann!?
(Sinkt in den Kissen)
(Speisesaal)
Sultan: So hab’ ich’s gern! Sie kommen pünktlich. Setzten sie sich neben mich. Speisen sie was ihr Herz begehrt! Scheuen sie sich nicht! Greifen sie zu!
Byron: Soll’ ich sie bei Wort nehmen?
Sultan: Sie müssen unbedingt die Kamelschenkel nehmen. Gießen sie Skorpionsaft drüber. Es wird ihnen schmecken.
Byron: Verzeiht mir die Frage, die Frauen am Tisch, ist’s ihnen verboten den Schleier beim Essen abzulegen.
Sultan: Die Frauen führen das Essen unter den Schleier zum Mund – das Gesicht bleibt weiterhin bedeckt – oder sie möchten in das Zimmer gehen und dort ihre Speisen zu sich nehmen, wo einem Mann keinen Zutritt erlaubt ist, da sind sie frei und dürfen sich nach belieben bewegen und nach belieben unterhalten.
Byron: So – so –
Leihla: Schmeckt ihnen das Essen Lord Byron?
Byron: Schmatz – schmatz – köstlich! (Leckt sich die Finger)
(Gegen elf Uhr endet das Essen und die Mehrheit geht ab zu den Zimmern, Byron geht in sein Zimmer.)
Byron: Wie sie mich die ganze Zeit angesehen! Wie ich unter dem Spiegel der Seele, ihren Augen, mein Abbild erblickte, mich in ihnen wieder und wieder fand! Können Augen dem Herzen Ketten legen!? Können sanftvolle Blicke die Worte ersetzen, die der Mund sonst redet? O ich bin verloren! In die Seelengrund, ach in den Abgrund meiner Seele sind ihre Blicke hinab gestiegen und haben Licht in das unheimliche Dunkel gebracht. Die Feuerflamme, die da in meinem Innern für sie glüht, so halb geheim, so halb klar! Sie hat gewiss in meinen Augen lesen können, was ich empfinde! Verraten die Augen nicht eines Menschen Absichten? Der Blick, wie er sich stellt, nicht die Seele? O ich bin verloren! Sie hat mich verraten an die Wachen! Sie werden gleich kommen! Ich muss weg, muss fort –
(Byron klettert aus dem Fenster hinauf zum Dach, erblickt die Tochter des Sultan von einem Fenster aus, auf den er geklettert und bleibt davor.)
Byron: Hat mich der Allah in meiner Unruhe fortgetrieben, dies’ Geschenk vor meinen Augen zu empfangen? Sie lässt den Schleier fallen, ich sehe ihr Gesicht. Ach, noch schöner ist es, als in meinen Träumen. O Träume, die zur Wahrheit werden! Was soll ich tun Allah? Führe mich! Führe mich! Tue mit mir was du willst! Ich lege mein Schicksal in deine Hände.
(Byron betritt das Zimmer)
Byron: Beste! Schreie nicht! Ich will dir nichts! Ich bringe ein Geschenk, direkt von Allah.
Leihla: Du hast mein Gesicht gesehen.
Byron: Und ich gäbe alles der Welt, es weiterhin sehen zu dürfen!
Leihla: Du wirst gehängt.
Byron: Ich hänge schon, nicht am harten schroffen Seil, sondern an den Banden der Liebe.
Leihla: Ach, ich werde weich – höre auf – ich muss die Wachen rufen.
Byron: Und dein Geschenk? Sollen mich die Wachen herausprügeln, ohne dass du, mich angehört, was ich für dich habe?
Leihla: Was ist es, nun, nun, ich halte es nicht aus – was sagt dein süßer Mund –
Byron:
Dein Mund ließ hier den heißen Kuß zurück,
Und bleiben soll er dort,
Bis ich ihn einst zu schönrem Glück
Heimtrag' an seinen Ort.
Dein Scheideblick, so liebevoll,
Mag neue Liebe schaun;
Doch deine feuchten Wimpern soll
Nie Gram um mich betaun.
Kein Pfand begehr' ich, das der Schmerz
Mit Tränen einsam tränkt;
Kein Angedenken braucht ein Herz,
Das immer dein gedenkt.
Auch schreiben will ich nicht, - ein Blatt
Faßt all die Liebe nicht;
Ach, Worte sind nur leer und matt,
So lang das Herz nicht spricht.
Bei Tag und Nacht, in Wohl und Weh,
Trag' in dem Herzen ich
Die Liebe, die ich nie gesteh',
Und blute still um dich.
© Byron
Leihla: Was quälen sie mich! So wunderschön ist’s – wie Balsam fühlte es sich an auf meiner Seele.
Byron: Nun kannst du die Wachen rufen!
Leihla: Nicht so laut, mein Liebster, nicht so laut, dass ja dich niemand hört.
Byron: Ist mir die Freiheit der Lohn?
Leihla: Ich gewähre dir den Kuss für deine Freiheit.
Byron: Und nun geht’s mir wie immer, ich Knecht, wo ich mich retten könnt’, stürze ich mich tiefer in Gefahr.
(c) Babac