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psychronicon

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1

Tuesday, June 21st 2005, 5:07pm

Ist die Haikuform zeitgemäß?

Ist die klassische Form des Haiku noch zeitgemäß?

Hat sich nicht auch die Natur in den letzten zweihundert
Jahren geändert?

Müssen wir den lyrischen Begriff der Natur in der japanischen
Dichtung heute nicht viel mehr mit gesellschaftlichem Bezug
anwenden?

Ist nicht mit Natur vielmehr unsere Umgebung gemeint, die
anders als zu Basho's und Issa's Zeiten nicht mehr nur
aus "Natürlichem", sondern aus Straßen, Autolärm, Computern und
dergleichen besteht?


Wohin sollte sich das moderne Haiku entwickeln?

Welche Elemente der Haikuform sind euch wichtig?


Liebe Grüße
Dennis

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Nitrogenium

Lyrisches Licht

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2

Wednesday, June 22nd 2005, 12:37am

Hallo, psychronicon.

Deine Frage ist durchaus berechtigt, doch betrifft sie viele Gedichtformen aus den alten Zeiten. Man kann sich auch die Frage stellen, ob es heute noch Sinn macht, ein Sonett zu schreiben. Und in der Tat macht es Sinn, nur müssen sich Inhalt und Aufbau verändern.

Ich glaube, das trifft auch auf das Haiku zu. Heute ein Haiku zu schreiben ganz nach altem Brauch wäre in meinen Augen weltfremd, wenngleich eine nette Spielerei.
Man musss die Natur unter einem neuen Blickwinkel betrachten, genau wie der Mensch heute ein anderes Verhältnis, einen anderen Blick für die Natur hat. Doch genau das Haiku eignet sich doch exzellent dafür, die Natur aus einer völlig neuen Perspektive dem Leser zu zeigen. Vielleicht ist es auch nötig, dafür die Form des Haiku abzuwandeln, oder das Haiku mit dem Senryu zu verschmelzen- da der Mensch heute von künstlich geschaffenen Dingen hauptsächlich geprägt wird, nicht von der Natur.

Nette Frage, ich werde die nächsten Wochen etwas experimentieren :)

Liebe Grüße,
Nitro
"Ich wollte das schönste aller Leben führen, und jetzt hab ich sowas!"
Albert Weber

Wichtige Fäden auf gedichteforen.de

psychronicon

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3

Wednesday, June 22nd 2005, 11:48am

Hallo Nitro,

Eigentlich wollte ich damit so ein bischen die
Diskussion anregen, um möglicherweise einen
Konsens, wie ein zeitgemäßes Haiku nach Auffassung
der Mitglieder dieses Forum aussieht, zu erarbeiten.

In letzter Zeit hab ich viele Beiträge gesehen, wo
auf der einen Seite versucht wird, nach klassischem Ideal
ein Haiku zu verfassen und ein Kommentar Kritiken
enthält, die eher nach einer modernen Haiku-Auffassung
Gültigkeit haben und noch stärker umgekehrt.

Ich dachte wir erarbeiten hier in Form einer Diskussion
eine gemeinsame Wissensgrundlage, die ein bischen über
eine einfache Formendarstellung hinausgeht.

In Japan wird diese Diskussion schon seit fast 100
Jahren geführt.
Es steht vor allem Dingen im Mittelpunkt immer
die Definition der Natur.
Da sollten wir vielleicht auch ansetzen.
Was ist Natur?

Liebe Grüße
Dennis

barfly

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4

Wednesday, June 22nd 2005, 12:32pm

ja ich finde deine frage und deinen ansatz sehr gut und interessant.
es macht keinen sinn, wenn jemand ein haiku hier reinstellt und jemand anderes kritisiert dieses, mit völlig anderen prämissen.

bei der frage, was ist natur und in wieweit der traditionelle modifiziert werden könnte, muss man sicher gucken, was damals bezugsinhalte der natur waren.
also wenn du von strassen, autolärm sprichst. müsste man gucken, ob es in der damaligen zeit ein äquivalent gab.
wurde zum beispiel über kutschengequitsche und staubigen strassen gedichtet? allerdings wäre dies nur ein archiolgischer prozess. letztendlich würde sich nichts wandeln, in dem sinne, dass es nur eine fortsetzung eine konsequente entwicklung wäre. von der kutsche zum auto.
man könnte es auch als genealogischen prozess auffassen. dadurch, dass sich der mensch im laufe der jahre immer mehr von der natur entfremdet hat. ist ein silberfisch im badezimmer heutzutage natürlich, weil es eventuell zur lebenswelt der menschen gehört, ach wenn die auf abstrakterweise entfremdend ist?

Marot

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5

Wednesday, June 22nd 2005, 1:59pm

Ich verschiebe es mal in die werkstatt, welche ja als Diskusionsplattform auch gedacht ist :) es gibt diesbezüglich übrigens einen referenzfaden in welchen glauen ich auch ein spezialist sich zu wort meldet. ich suche gleich den link

haiku-werkstatt
Geld ist teuer!

Heilige Johanna der Schlachthöfe / Bertholt Brecht

psychronicon

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6

Wednesday, June 22nd 2005, 2:17pm

Hi,

Ja, ich geh absolut mit Dir (Barfly ) konform. Aber genau bei diesen
Ansätzen besteht die Schwierigkeit.
Wenn wir mal das 17. bzw. 18. Jahrhundert als Hochphase
des klassischen Haiku nehmen, finden wir kulturell und
gesellschaflich einen enormen Einfluß des Zen-Buddhismus
vor. Gerade bei den Dichtern dieser Zeit finden wir ganz
stark das Besinnen auf innere Werte und eben auf die Natur.
Auslöser der Dichtung ist also eher die Spiritualität und
die Natur ist als das Medium zu verstehen.
Heute sucht man wohl vergeblich nach einer vergleichbaren
Spirtualität in der Gesellschaft.

Was uns also geblieben ist, ist das Medium der klassischen
Dichtung und als Grundlage könnte vielleicht gerade diese
Entfremdung dazu dienen.
Das Beispiel mit dem Silberfisch erscheint mir da extrem
passend.(auch Dein Pseudonym eignet sich wohl, um ein Haiku daraus
zu machen,Barfly ;) )

Inwieweit würde es dann Sinn machen, den Menschen in ein Haiku zu integrieren?
Quasi das Zentrum eines Haiku in Richtung Mensch zu verschieben?
Was ist mit Aspekten wie Jahreszeitenbindung? Sind die trotzdem noch sinnvoll?

@Marot
Der verlinkte Faden enthält im wesentlichen nur Informationen
zu der klassischen Haiku-Form. Mit diesem Gespräch hier versuche
ich mehr das Augenmerk auf die Entwicklung des Haiku in
der Neuzeit zu lenken und damit eher einiges des Gesagten
(in dem von Dir verlinkten Faden) zu diskutieren, vieleicht sogar
anzuzweifeln. Trotzdem danke für den Hinweis.


Liebe Grüße
Dennis

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Marot

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7

Friday, June 24th 2005, 9:23pm

Genau deswegen hab ich ihn ja angegeben , als informationsquelle damit man hier mit dem nötiugen wissen diskutieren kann, nicht als Konkurenz zudeinem hoch interessanten Faden :)
Geld ist teuer!

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hera dam

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8

Saturday, June 25th 2005, 8:37pm

RE: Ist die Haikuform zeitgemäß?

Hallo!
Zur Frage "Was ist Natur", Haiku's über "Natürliches" habe ich - ohne meine kürzlich veröffentlichten Haikus im Gedichteforen.de darauf zu münzen, nun eine vorläufige, eigene Antwort.

Es ergab sich, dass ich diese Form (Wetterwechsel Haiku's) brauchte um mir Gedanken zu holen über ein zu schreibendes Gedicht (Buchhaltung zu Basho IV). Ich habe dabei an die Form des Haiku gedacht und weniger an die strengen Regeln, weil mir scheint, dass ich die Gemütsverfassung und den Humor der Japaner zwar gerne entgegennehme, mich aber anders ausdrücken würde, zu einem ähnlichen Thema.

Die Beschäftigung mit dem Haiku gibt meinen Inhalten eine gedrängte "Kunstnatur", sie zwingt meine Gedanken auf Essentielles. Sie ergibt auch "eine Kunstnatur-Stimmung" in der sich verschieden Gestimmtes aufhalten kann oder zueinander Bezug nehmen kann. Diese darüberliegende Stimmung/Idee/ Aussage zu schaffen erscheint mir die höchste Kunst.

Ich denke nicht, dass das Japanische Haiku aus blossen Naturstimmungen und Gedankenblitzen besteht, sondern aus einer umgesetzten Sinneswahrnehmung, welche über die Reaktion, den ersten Gedanken des Menschen hinaus die Zusatzleistung der Klärung der (in Silben und Zeilen genau bestimmten) also kunstreichen Fassung verlangt unter Einbezug aller schon bekannten Haiku's. Die Persönlichkeit und Auffassungskraft des Dichters schimmert immer durch, nach einiger Lektüre konnte ich z.Bsp. gut tippen, von welchem Autor das gerade Gelesene stammt. Das Haiku hat eine "Kunstnatur", die im Bezug der Verse zueinander lebt, daraus hervorspricht. Das Interessante ist, dass der meditative, "scheinbar langsame" Mensch keine Experimente macht (sein Universum ist fix), sondern uns einheitlich erscheint, die zerrissene westliche Natur hat wohl auch deshalb Schwierigkeiten.

Dies sind Gedanken, keineswegs Urteile, zu den Schwierigkeiten mit dieser Form, die ich versuche derzeitig zu meistern.

hera
hera dam©

Meine Privat-Lektüre (Juli 2010):

Arthur Honegger "Die Fertigmacher"
Robert Gernhardt "Was das Gedicht alles kann: Alles"
"Komische Geschichten" versch. AutorInnen, Aufbau Verlag
Urs-P. Twellmann "Arbeiten mit Holz"


Elytis "Orientierungen", p. 122:
"Deute, strebe, begreife:
Auch von hinten besehen
Bin ich der gleiche"

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psychronicon

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9

Monday, June 27th 2005, 12:47pm

Hallo Hera,

Der Begriff "Kunstnatur" erscheint mir, wenn wir von einem
klassischen Haiku sprechen, sehr seltsam.
Im klassische japanischen Sinne soll ein Haiku eher die
wahrhaftige Natur wiederspeigeln oder sogar ein perfektes Abbild
davon sein.
"Kunst" oder "künstlich" erscheint mir daher eigentlich gerade
bei einem Gedicht, wo Du Dich auf Basho beziehst, als sehr
fragwürdig.

Allerdings würde ich den Begriff "Kunstnatur" gern als einen
Begriff der Weiterentwicklung des Natur-Begriffs in der Haiku-
Dichtung verstehen. Dann eröffnen wir damit dieser lyrischen
Form auch den Themenkreis des künstlich Geschaffenen, was ich
angesichts unserer heutigen Gesellschaft für wichtig erachten
würde.

Liebe Grüße
Dennis

Angelika

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10

Monday, June 27th 2005, 7:18pm

Natur im Haiku u.a.

Als Neuling in dieser Runde, Haiku-Schreiberin seit 2002, habe ich mit Interesse euer Gespräch verfolgt.

Natürlich hat das Haiku einen Naturbezug, vielfach einen Jahreszeitenbezug (es gibt spezielle Jahreszeitenwörter, die kigo).
Die Frage ist aber, wie weit der Begriff Natur gefasst wird.

Das Haiku hat eine Entwicklung durchgemacht und die Grenze zum Senryû verwischt sich immer mehr.
Der Mensch, so sagte mir mal in meiner Anfängerzeit ein erfahrener Haiku-Schreiber, sei auch Natur. In der Regel wird der Haiku-Schreiber aber sein Ich zurückstellen, mit den Begriffen ich, mein, mich usw. sehr behutsam umgehen.




bei

www.haiku-heute.de


gibt es gute Informationen zum Thema Haiku.



Grüße in die Runde ;),
Angelika

Edit: Link nach interner Besprechung wieder eingestellt

Hojaro, Moderator

Angelika

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11

Monday, June 27th 2005, 9:39pm

von (Ab-)werbung keine Spur

(Ab)werbung war in keinster Weise beabsichtigt.

Es ist nur einfach so, dass sich auf der besagten Net-Seite (dieser link) für den deutschsprachigen Bereich wichtige Informationen finden (Aufsätze etc.).

Aber die Interessierten können ja google oder eine andere Suchmaschine bemühen - wenn man das Stichwort haiku eingibt kommt man flugs hin...


Grüße ;),
Angelika

psychronicon

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12

Tuesday, June 28th 2005, 12:32pm

Hallo Angelika,

Natürlich haben die klassischen Haiku und auch die modernen
Haiku einen Naturbezug.
Aber das ist ja nicht die grundsätzliche Frage des Threads.
(Wenn ich Dich nochmal auf das Eingangsposting von mir verweisen darf)
Mich würde vielmehr Deine Meinung interessieren, ob dieser
Naturbezug noch Sinn macht, für einen Dichter, der heute in einer
Großstadt lebt, oder ob, gerade weil er sein
Leben in Betonschluchten fristet, dieser Naturbezug wichtig ist.


Liebe Grüße,
Dennis

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13

Tuesday, June 28th 2005, 12:54pm

Das Bestreben ein Haiku z.B. über ein Silberfischchen in einem "modernen" Badezimmer zu schreiben erinnert mich doch nur allzusehr an das vergebliche Bemühen einiger Wissenschaftler eine sogenannte Bioshäre II zu errichten.
Beidem wird kein Erfolg beschert sein, da die unnachahmliche Komplexität der Natur sich nicht in festgelegten künstlichen Einschränkungen reproduzieren lässt.
Und so wie jedes Silberfischchen einen Spalt entlang eines verlegten Heizungsrohres nutzt um sich aus einer sterilen Umgebung zurückziehen zu können, so braucht ein Haiku die immanente Grenzenlosigkeit der einen wahren Biosphäre I um seinen Reiz entfalten zu können.
Davor stehen wir letztlich wie ein Hund vor einem Kühlschrank - er weiß dass sich Futter darin verbirgt, aber er wird nie begreifen wie er funktioniert.

Ich glaube nicht dass es erlaubt ist, den Sieger des letzten(?) Internet-haiku-wettbewerbs hier zu posten, aber ich finde, jener Wiener hat diesen Paradox mit seinem "Briefkastl" - Haiku gelungen veranschaulicht.

Für mich ist es auf jeden Fall ein Haiku und ich glaube sogar Basho hätte seinen Gefallen daran gefunden.

Angelika

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14

Tuesday, June 28th 2005, 1:02pm

Naturbezug in unserer Zeit

Wir, die wir jetzt leben, in einem ganz bestimmten Umfeld leben, erleben die Welt, die Natur in einer bestimmten Weise.

Klimaanlagen ermöglichen uns Kühle im Sommer, Heizungen angenehme Wärme im Winter. Liefert uns eine Klimaanlage angenehme Kühle, kommt dies in einem Haiku so zum Ausdruck, so ist ein Jahreszeitenbezug gegeben, ein Bezug zur Natur, so wie es eben von einem Menschen der Gegenwart empfunden wird.

Die Beispiele sind natürlich beliebig fortsetzbar (ich nenne als Stichworte: Umweltverschmuitzung, abschmelzende Gletscher, Waldsterben, Aufforsten, Überdüngung, ökologischer Landbau usw.).

Immer noch ist da der Wind in den Weiden, der murmelnde Bach, blühen die Buschwindröschen (und liefern einen klaren Natur- und Jahreszeitenbezug), sind da Schnee, Hagel, Herbststürme, krächzen Krähen, wiegt sich das Sommergras - aber da sind eben auch neue Phänomene s.o..


Eine dt. Haiku-Schreiberin, die schon lange in Japan lebt, erzählte mir mal, dass ihre japan. Haiku-Lehrerin ganz entsetzt über einen Haiku-Versuch ihrer Schülerin war, weil im Text Müll vorkam, der einen Strand verschmutzte. Sie, die konservative Lehrerin, fand das in einem Haiku unpassend, vermisste auch den Jahreszeitenbezug usw.. Andere (anerkannte Haiku-Lehrer) waren von dem Haiku begeistert, hatten sie doch ein inneres Bild vor Augen, das ihrer Wirklichkeit entsprach.



;)Angelika

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psychronicon

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15

Tuesday, June 28th 2005, 1:26pm

Hi,

Ich hab gerade mal versucht ein Haiku eines absolut nicht
konservativen Haiku-Dichters zu finden und dabei ist mir ein Haiku
von Kaneko Tota über den weg gelaufen.
(Übrigens bei Haiku-Heute, hattest Du glaube ich oben
als Hinweis eingebracht.)

Gekiron tsukushi
Machi yuki
Otobai to kasu

Eine hitzige Diskussion -
Der Straße hinab folgend
verwandle ich mich in ein Motorrad.


Ist das für Dich noch ein Haiku? Wo ist wenn der Naturbezug?

Liebe Grüße,
Dennis

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16

Tuesday, June 28th 2005, 1:34pm

der von Fitterer zitierte Text

Den von Fitterer zitierten Text (s. Beitrag vorher) würde ich unter Experimental-Haiku einordnen.

Wenn akzeptiert wird, dass der Mensch auch Natur ist (Hans-Peter Kraus hat wieder und wieder darauf hingewiesen), dann stellt sich das Problem eines fehlenden Naturbezuges hier nicht.

;)Angelika

psychronicon

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17

Tuesday, June 28th 2005, 1:42pm

Und Deine Meinung? Reicht der Mensch als Naturbezug?

Liebe Grüße
Dennis

Angelika

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18

Tuesday, June 28th 2005, 2:22pm

Mensch als Naturbezug ausreichend?

Zu dem vorgestellten Text (Motorrad) finde ich schwer Zugang. Mich wundert es nicht, dass M.Fitterer, der große Haiku-Experimentator, diesen Text ausgesucht hat...

Andere Texte, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, sind nach meinem Dafürhalten aber durchaus Haiku. Nicht nur das, sie sind bisweilen gute, gar sehr gute Haiku.

Mal als Beispiel für ein m.E. sehr gutes Haiku dieser Art:


Im Treppenhaus -
dein Lächeln
ist schon oben

(Gerd Börner)


Als Haiku-Anfängerin hatte ich große Problem mit diesem Text, denn wo waren da die blühenden Narzissen (= Frühlingsbezug) oder das Gelb des Löwenzahns (= Sommerbezug), die fallenden Schneeflocken (= Winterbezug)...
Igitt... - es ging um einen Menschen, genau gesagt um dessen Lächeln.
War das nicht zu wenig für ein Haiku?

Der Text ließ mich aber nicht los - Haiku passsierte in mir.
Und Hapes (Hans-Peter Kraus) Satz, dass der Mensch doch auch ein Teil der Natur sei, war dann für mich die Initialzündung, dass aus drei angeblich problematischen Zeilen ein Haiku wurde (was der Text natürlich vorher de facto schon war, nur ich als Anfängerin nicht einordnen konnte).

Das Lächeln `funktioniert` als Schlüsselwort (siehe die entsprechenden Aufsätze im Net: keywords in haiku usw.). Wir sind mit dem Schreiber auf einer gemeinsamen Assoziationsebene, der Text löst in uns einen Nachhalll aus, führt zu weiteren Assoziaitonen, denn wir verknüpfen ja das Gelesene spontan mit unseren Erfahrungen, ergänzen das innere Bild mit Bildern aus unserm inneren Fundus.

;)Angelika

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19

Tuesday, June 28th 2005, 2:34pm

Hallo,

Mal davon ab, daß mir das Haiku von Gerd Börner auch sehr
gut gefällt und ein excellentes Beispiel für den von Dir erwähnten
Nachhall darstellt, verabschieden wir uns damit aber auch in Gänze
von der Trennung zwischen Senryu und Haiku.
Denn nach klassischer Ansicht wäre das doch wohl ein Senryu.

Also Trennug der beiden Formen aufgeben?

Liebe Grüße
Dennis

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Angelika

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20

Tuesday, June 28th 2005, 2:44pm

Diese Trennung (Haiku/Senryû) wird von den einen hoch gehalten, von den anderen ist sie schon lange aufgegeben. Die Gruppe derjenigen, die nicht mehr oder nicht mehr streng unterscheiden, scheint mir (zumindest im englischsprachigen Bereich) die größere zu sein.

Diese Tatsache wird in der Haiku-Welt je nach Naturell mehr oder weniger gelassen hingenommen. Wie es sich weiter entwickeln wird, weiß ich nicht.

Ich selbst unterscheide nie zw. Haiku und Senryû, versuche aber, niemanden zu provozieren, der dies tut. Meine Handlungsweise bitte ich nicht als Rückzug in eine Art Unentschlossenheit oder eine Art von Scheinfrieden zu verstehen. Meine Zeit ist mir für solch eine Diskussion einfach zu schade.



;)Angelika

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