Sie haben sich etwas Besonderes ausgedacht. Wenn man Günther heißt, hat man nicht lebenslangen Anspruch auf die öffentliche Verschwiegenheit dunkler Schultoiletten. Dann kann man sich nicht immer auf den Fußspuren matschiger Schuhe auf kalten grauen Fliesen betten, während man pubertäre Fantasien erfüllt. Als Günther muss man irgendwann ins Licht gezerrt werden, auf die Bühne eines Schultisches, dessen Kante hart in den Hinterschädel drückt, wenn ihn die Klassenkameraden an den Haaren draufknallen. Jeder hat ein Recht auf ihn, schon, weil er den Elfmeter nicht gehalten hat, weil er ein Weichei mit großer Klappe ist und weil er doch schließlich seinen Spaß haben soll.
Zuerst schieben sie ihm nur sein T-Shirt hoch, bis weit über die Brustwarzen, reichen einen schwarzen Edding rum, mit dem sich jeder auf seinem Bauch verewigen darf. Jeder darf ihm auf den Bauch schreiben, was er von einem Günther hält. Jeder darf lachen, wenn sie ihm die Bemerkungen vorlesen. Erst als das langweilig wird, oder als Günthers Kraft zum Widerstand vor Kopfschmerzen erlahmt ziehen sie ihm die Hosen runter, soweit, dass sich die Tischkante auch in das Fleisch seiner Schenkel schneidet. Es sind zu viele. Günther hat keine Chance.
Wenn er still hält, lassen die Schmerzen nach. Also lässt er sie über sich ergehen, bleibt einfach liegen, würde wohl selbst dann liegen bleiben, wenn ihn niemand mehr festhalten würde, auch wenn der Stift, der immer noch die Runde macht, ihn Böses ahnen lässt.
Warum schießt ihm so viel Blut in den Schoß, als einer mit einer Schere in der Gegend fuchtelt? Warum schwillt ihm seine Schuld so an, als sich ihr jemand mit der Schere nähert, sie mit festem Griff zur Seite legt, und die Haare abschneidet?
Findet er es geil, wie sich die um ihn stehende Meute an ihm ergötzt?
Einer steht an der Tür, nicht nur um rechtzeitig vor dem Eintreffen des Lehrers zu warnen, sondern auch um jeden zu hindern, der das Klassenzimmer verlassen möchte.
Zwischen all den Gesichtern, die ihn anglotzen, steht Harald, der Einzige, der versucht hat, aus dem Raum zu entweichen. Ihm drücken sie jetzt den Edding in die Hand und fordern ihn auf, Günthers Schwanz zu verzieren, ihn schwarzglänzend anzumalen, während andere ihn festhalten. Harald zögert bis Günther ihn auffordert, es zu tun, denn sein Widerspruch, seine zaghafte Weigerung führte zu einem reißenden Schmerz von Günthers Haaren, an denen sein Hinterkopf mit einem kräftigen Ruck auf die Tischkante geknallt wurde.
Günthers Schmerz führt Harald die Hand, leitet sie über die faltigen und haarigen Hoden und den immer noch steifen Schaft seines Genitals. Für jedes Zaudern, jedes Absetzen wird Günther bestraft. Die Tinte des Edding brennt, als sie sich auf seiner Eichel mit spermatischen Tropfen verbindet, doch was die Qual in verwirrende Schuld, in unglaubliche Scham verkehrt, ist, dass Günther so festgehalten, so präsentiert und so bloßgestellt vor den Augen seiner Klassenkameraden, vor den Jungen und den Mädchen, einen Erguss hat, dass es nicht nur die Schmerzen sind, die ihn laut aufstöhnen lassen, als der Filzstift in Haralds Hand seine nackte Eichel berührt.
Warm und klebrig schießt ihm das Eiweiß auf den Bauch just in dem Moment, als der Warner an der Tür den Lehrer ankündigt, zum Glück rechtzeitig genug, dass Günther sich die Hose wieder hochziehen kann. Den Knopf muss er noch unauffällig verschließen, als er schon an seinem Tisch sitzt.
Es bleibt keine Zeit für höhnische Kommentare. Die braucht es nicht, damit Günther sich schmutzig, pervers und schuldig fühlt. Wahrscheinlich haben sie alle recht, wenn sie ihn so behandeln. Er verdient es nicht besser.
Die Mutter sieht, was er macht, ihre Frage ist überflüssig, aber sie sieht es nicht genau genug, jedenfalls nicht solange sie nicht den Waschlappen, den sich ihr Sohn verzweifelt vor seine Schuld hält, fort reißt.
So sehr sich Günther bisher auch bemühte, die Farbe war nicht zu entfernen, sie wandelte sich nur in ein schmutzig blasses Dunkelgrau.
Inges Entsetzen findet keine Worte, keine Fragen, nur Taten. Sie schlüpft vor Zorn rasend aus ihrem Nachthemd, greift nach einem Bimsstein, bevor sie sich zu Günther in die Duschkabine zwängt und mit festem Griff seine schon wund gescheuerten Hoden umklammert. Erst als die den Stein ansetzt, findet sie ihre Sprache wieder, kann ihre Wut herausbrüllen und Günther als die Drecksau bezeichnen, die er ist.
Es ist möglich jemandem mit einer Hand die Eier zu zerquetschen, und ihm mit der anderen den Arsch zu versohlen, es ist sogar einer Mutter möglich, wenn sie sich um die Sauberkeit des nur ihr gehörenden Kinderschwänzchens betrogen fühlt, wenn sie begreift, dass auch aus der kindlichen Unschuld nur ein Stab der Ungerechtigkeit wird, wenn die Söhne alt genug werden. Irgendwann sind sie so bedrohlich wie ihr Erzeuger.
Inge möchte nicht wissen, woher die Farbe kommt, für sie ist klar, dass Günther sich selbst angemalt hat. Sie hat von seinen Spinnereien die Nase voll, listet sich mit jedem Strich, den sie ihm in sein Geschlecht reibt seine Ausfälle auf, steigert sich immer mehr in ihre Rage, während sich die Brüder unter den Decken und der Vater in der Spülmaschine verkriechen.
Günther ist froh, dass sie es so sieht. So bleiben ihm peinlichere Fragen erspart. So braucht er nur zu antworten, dass er sich nichts dabei gedacht habe und eine schallende Ohrfeige in seinem nassen Gesicht zu ertragen.
Aber was sind schon Schmerzen?
Es ist nicht möglich, wasserfesten Filzstift mit einem Bimsstein rückstandslos zu entfernen, so sehr man dabei auch keift, um die Schreie des Kindes zu übertönen und ignorieren zu können.
Wenn sie ihm heute die Hose runterziehen, werden sie erschrecken.
Texte einer multiplen Persönlichkeit
I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)