Wege
Kann man in Gehwegplatten Wurzeln schlagen? Ist es möglich, so gebannt auf einen alltäglichen Vorgang zu schauen, dass man das Hupen der Autos nur nebenbei bemerkt und lediglich aus dem Unterbewusstsein einen Schritt zur Seite macht, damit der Verkehr wieder fließen kann?
Wenn es nicht so albern wäre, würde ich die Kiste Mineralwasser auf den Boden stellen und mich darauf setzen, den Rucksack mit den Einkäufen zu meinen Füßen, und vielleicht das Croissant essen, das ich mir gerade zum Frühstück geholt habe.
Ist es weniger albern, schwer bepackt allen im Weg zu stehen und auf die Warenannahme zu starren, als entstünde dort gerade die Erde? Dort ist doch nichts zu sehen, als Menschen, die mit der Ameise Paletten mit vollen Getränkekisten aus einem Laster fahren und welche mit leeren wieder hinein. Dort ist nichts zu hören, als das klirrende Knallen der Flaschen, wenn sie sich beim Absetzen der Paletten wieder ihre Position suchen. Ein paar Wortfetzen dringen zu mir herüber, welche die hohen Gehaltsabzüge nach den ganzen Reformen und die Kurzsichtigkeit der Politiker anprangern, eigentlich aber nur die Last der körperlichen Arbeit erleichtern. Jeder Hub ein Fluch.
Zu Hause warten duftender Kaffee und Berge von Wäsche und schmutzigem Geschirr auf mich, aber ich kann mich nicht lösen von dem leutseligen Lächeln Marcels.
Ist er es überhaupt oder spielt mir mein Verlangen einen Streich? Aber tauchte das nicht erst auf, als ich meinte, ihn in dem jungen Mann zu erkennen? Ich kann ihn meistens nur von hinten sehen, lediglich kurzzeitig dreht er sich um, dann, wenn er das Leergut in den Wagen schiebt.
Wir haben uns geschworen, in Kontakt zu bleiben, auch wenn ich ihn nicht halten konnte.
»Ich muss meine Träume leben«, hat er gesagt und dabei mit seinen Tränen meine heraufbeschworen.
»Ich weiß.« Was sollte ich anderes sagen? Was hätte ich tun können, als ihm die Wege zu ebnen, ihm das Geld für den Flug zu geben und mit ihm nach Berlin zu fahren, um ein Visum zu besorgen. »Ich glaube an dich.«
Und wieder hat er geweint, da der Abschied so schwer war und er es nicht kannte, dass man ihn aus Liebe von sich jagte, hinaus in seine Hoffnungen und Wünsche an das Leben.
»Ich glaube an dich«, habe ich ihm immer wieder gesagt, auch in der letzten Nacht, in der er besonders salzig schmeckte, vor allem sein Gesicht, wenn ich seine Wangen küsste. Ich war bestimmt auch salziger als sonst. Wir haben unsere Trauer und seine Träume über unsere Körper verteilt, ein letztes Mal die Liebe füreinander in unsere Mitten gespritzt und gewünscht, ich könnte mit ihm gehen. Aber meine Träume waren andere gewesen. Eine letzte Umarmung am Flughafen, ein letzter Kuss für die Ewigkeit und für sein Vertrauen. Danach ging er seinen Weg in die Zukunft, ich meinen. Kamen wir an?
Warum stelle ich nicht wenigstens die Kiste Mineralwasser ab? Ist sie es, die mich nach unten zieht, oder ist es die Enttäuschung, dass er sich nicht einmal gemeldet hat? Starre ich deshalb so auf die Empore, weil ich einen Beweis möchte, der mir weh tut? Es muss ja nicht Marcel sein. Es kann ein junger Mann sein, der ihm einfach ähnlich sieht, die gleichen Grübchen in den Wangen hat, in denen Tränen so schön liegen bleiben, ein totes Meer, mitten im Gesicht, immer, wenn er weint.
Wenn er einmal in meine Richtung schauen würde, hätte ich bestimmt Gewissheit. Was wird er tun, wenn er mich erkennt? Oder hat er mich längst erkannt und schaut deshalb nie her?
Wie sehr war mein Weg an seinen gebunden? Hatte ich wirklich einen anderen Traum? Ich bin Schauspieler, wie er. Aber ich liebte die deutschen Bühnen, ich mochte den Enthusiasmus der Regisseure und ich hatte ein gutes Engagement an einem Staatstheater. Weder der Film noch Hollywood reizten mich. Ich wollte an meinen Rollen arbeiten, mich in sie hinein fühlen, ihre Worte begreifen, ihre Seele, ihr Sein.
Wenn das Telefon mitten in der Nacht klingelte, wusste ich, es war Marcel. Den Zeitunterschied hatte er nie im Kopf. Er musste sich einfach melden, wenn ihn ein Off-Broadway Theater in einer kleinen Rolle besetzte oder wenn sein Agent ihn in Filmen, wie „Das Sterben der Waldameisen“ unterbringen konnte. Ich habe mir extra einen codefreien DVD-Player gekauft, um seine Fortschritte verfolgen zu können, die er mir zu Beginn noch regelmäßig zuschickte.
Müde freute ich mich mit ihm, wenn Marcel mir mit Feuereifer erzählte, was er tat. Und ich glaubte, die Grübchen zu hören, wenn er mit mir sprach. Ist das nicht unglaublich? So viele Kilometer, aber das Lächeln schaffte es durch das Telefon, wenn er mir sagte: »Ich habe dich lieb.«
»Ich liebe dich auch«, antwortete ich immer gähnend und schämte mich meiner Müdigkeit.
Die Anrufe wurden weniger. Es sei in Ordnung, versuchte ich mir zu sagen. Er müsse seine Träume leben, dort sein, sich auf das konzentrieren, was ihm wichtig wäre. Aber diese Befehle führten nur zu der Erkenntnis, dass ich ihm nicht mehr wichtig war.
Es kamen keine Pakete mehr. Der DVD-Player hätte gern wieder einen Code haben können, die unbekannten Filme verstaubten in ihren Plastikhüllen, bis auf die, in denen er nackt zu sehen war und die mir manchmal eine schmerzhafte Illusion davon gaben, wie schön es wäre, ihn wieder einmal zu spüren.
Schaue ich den jungen Mann an oder den Wunsch, den ich an ihn habe? Die Arme sind stark von der Arbeit, die er verrichtet. Der Ärmel seines T-Shirts ist durch die Muskeln nach oben geklappt und ich kann bei einigen Bewegungen seine Achselhaare sehen. Wie der Schweiß wohl duftet, der sich in feuchten Flecken auf dem Stoff zeigt? Heute Abend wird er bestimmt weiße Ränder hinterlassen. Ich könnte zu ihm gehen, ihn freundlich begrüßen und mich notfalls für die Verwechslung entschuldigen. Aber ich schaffe es nicht, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Wehmut steigt, als er die Ladeluke des Lasters nach oben fährt, ein paar Kreuze und Zahlen auf einen Zettel schmiert und sich diese quittieren lässt. Recke dich doch bitte einmal, nur damit ich ein Stückchen deines Bauches sehen kann, wie er flach in deiner Jeans verschwindet, verziert von einem feinen Streifen dunkler Haare. Streck dich aus, bevor du hinter das Lenkrad steigst und wieder aus meinen Augen fährst. Vielleicht sieht er mich, hupt mich fort aus seinem Weg zum nächsten Supermarkt. Oder hat er Feierabend? Wird er die Zigarette zu Ende rauchen, bevor er in sein Fahrzeug steigt? Er hält sie so feminin, dass ich mir Hoffnung mache. Was für eine Hoffnung kann das sein, die sich wünscht, dass Träume zerplatzten? Er schaut sich um, so wie jemand, der nichts zu tun hat, außer zu rauchen. Vielleicht bleibt sein Blick an irgendetwas hängen, das seine Aufmerksamkeit erregt. Aber was könnte das auf einem Parkplatz schon sein? Ich könnte wegschauen, könnte meine Sinne zusammenreißen und zu meinem Auto gehen, das Wasser, die Einkäufe und die Träume im Kofferraum verstauen und mich auf meinen Kaffee freuen, auf ein schönes Buttercroissant und auf die Zeitung. Aber ich bleibe stehen und warte, bis sein zielloser Blick den meinen streift.
Die Abspänne wurden das Interessanteste für mich, wenn ich es mal ins Kino schaffte. Hätte ich ihn loslassen können, wenn ich gewusst hätte, dass er glücklich wäre? In langen Listen, die an mir vorbeiflimmerten, versuchte ich zu lesen, ob Marcel sich seinen Traum erfüllt hat. Nur ein Name, den ich suchte, dessentwegen ich sitzen blieb, bis die Ordner kamen und die Pappbecher und Popcorntüten einsammelten. Reste derer, denen die Träume vorgespielt wurden, damit sie sich diese zu Eigen machen konnten.
Vielleicht hatte er längst einen Künstlernamen, einen, den die Amerikaner aussprechen könnten und der für mich nicht verbunden war mit der Lust an seinem Lachen, seinem chronischen Optimismus, seinem Körper und den Lauten, die er beim Orgasmus von sich gab, wenn sich sein Sperma mit meinem Speichel vereinigte, in meinem Mund zu Klümpchen gerann, die ich nie schlucken konnte. Es war das Einzige, das ich von ihm nicht mochte.
Was bedeuten schon Namen? Seiner wird für mich immer für Liebe stehen, mir das Herz in Aufregung versetzen und Wärme erzeugen.
Ich kann nicht winken mit der Kiste in den Händen, ich kann ihm nur einen freundlichen Gruß zunicken. Vielleicht löst mich das aus meiner Starre und ich kann endlich gehen. Nun habe ich ihm doch direkt in die Augen geschaut, jetzt weiß ich, dass es nicht Marcel ist. Warum kommt er trotzdem auf mich zu? Was möchte er von mir? Sich beschweren, weil ich ihn so angaffe? Würde er dann immer noch lächeln?
Texte einer multiplen Persönlichkeit
I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)