Die Szenerie, die deine Verse bei mir evozieren, ist eine militärische: der Titel mutet wie eine Waffenbezeichnung an, "ordentlich", die "Fahne" und der "Bruder", der mich an "Kamerad" gemahnt, tun das ihre; "OP" für "Operation" wird wohl auch im militärischen Bereich verwendet. Das Staccato der vermittelten Begriffe, gerade auch in Verbindung mit den eckigen Klammern und Schrägstrichen, die den Eindruck der trockenen Informationsvermittlung machen, und in Verbindung mit der Idee von "Quaksprech", "tune" (engl.) und einer langgezogenen lautlichen "Entgleisung", die wie eine Funkstörung wirkt: all das lässt mich an Feldtelefonie in einem Kriegsszenario denken, etwa an einen Lagebericht, in dem vermittelt wird, dass die "Fahne weht".
Nicht zufällig hat ja auch die Knappheit von Orwells Sprache bei "1984" Gemeinsamkeiten mit dem knappen, zackigen Nominalstil des Militärs: Die strenge Lenkung des Denkens, wie sie im militärischen Kontext stattfindet, reflektiert sich in der Knappheit militärischer Sprache, so wie sich die Eingrenzung des Vorrats an Begriffen bei den Bewohnern von Orwells dystopischer Welt auf deren gedankliche Reichweite auswirkt.
Auch Dein Gedicht zeichnet ein Bild von kurzer Gedankenreichweite: simple Konzepte wie "Fahne", "über" und "unter" dominieren. Alles hat seinen Platz, alles ist griffig benannt. Die Folge "geh/ | nach/ | bleib." erinnert in dem rapiden Wechsel des Aufforderungscharakters von "geh nach" zu "bleib" an die totale Willkür, mit der die Taten der Individuen und selbst ihre Erinnerungen in "1984" programmiert werden, zum Beispiel im urplötzlichen Wechsel der Freund-Feind-Konstellation der drei Weltstaaten, die dann auf einmal "schon immer so war". (Die Verwendung der eckigen Klammern und Schrägstriche kann auch als Verweis auf IT-Programmiersprachen verstanden werden: dann wären im militärischen Zusammenhang oder in Orwells Dystopie die Menschen als Opfer einer "Programmierung" zu sehen.)
"eu/phi/mimimimimimimimimimimimimimmmmmmmmmmmieieieieieieieieieieieiieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieie" erinnert auch an "Euphemismus": der Euphemismus ist eine Schöpfung von Begriffen, die die Wahrnehmung von Wirklichkeiten in eine bestimmte Richtung lenkt; die vom Euphemismus verdrängten Wörter sind oftmals tabuisiert. Der Euphemismus ist also eine Form von Gedanken-Lenkung durch Sprachkonventionen, die auch im Hier und Jetzt schon Realität ist; allerdings besitzen wir durch den Begriff "Euphemismus" die Möglichkeit, diesen als solchen zu benennen und abzulehnen. Diese Möglichkeit scheint im Sprachszenario Deines Gedichtes zerstört: das erlösende Wort entgleist in Lärm und Idiolalie.
Einige der von Dir verwendeten Worte sind Neologismen aus "1984", so Quaksprech, und vor allem: "Undenk" und "Neusprech", wobei hier der Begriff für "Gedankenverbrechen" und der Name der neuen, simplifizierten, "bereinigten" Sprache mit dem Zeichen "=" gleichgesetzt werden. Vielleicht mag dies die Andeutung eines letzten verkümmerten Restes an Kritik sein, den "Neusprech" zu verbalisieren erlaubt - nichtsdestotrotz eine ganz fundamentale Verneinung von "Neusprech" (das ja eigentlich dazu designt wurde, kein Gedankenverbrechen mehr zuzulassen!). Nach dieser unerhörten Gleichsetzung kann das Wort "Bruder" verschiedene Bedeutungen haben: zum einen erinnert es an die Allgegenwart und Allmacht der "Großen Bruders", der das unerhörte Gedankenverbrechen nicht ungesühnt lassen wird; zum anderen mag sich in dem Wort ein Funken von Liebe und Miteinander finden lassen, nachdem die Perversion der Sprache, und damit der gesamten Gegenwart, durch das Postulat von "Undenk = Neusprech" verbalisiert werden konnte - somit der einzig mögliche sprachliche Akt der Menschlichkeit in einer entmenschlichten Umgebung begangen wurde.
Wenn man "1984" kennt und schätzt, sieht man den Gehalt dieses Werkes deutlich in deinem Gedicht sich reflektieren.
Schöne Zeilen, Findefuchs.
Den besten Gruß,
Oliver Twist