Wesslings Erbe
Manchmal schreibt ein Traum unendlich viele Geschichten. Ein ganzes Leben lang und mehr. Er fügt ihnen im Laufe der Zeit unterschiedliche Farben hinzu, aber er bleibt erkennbar und unumstößlich. Und Menschen und Generationen lassen sich von diesem einen Traum leiten, spinnen ihre Geschichten und Hoffnungen danach und sterben schließlich. So erging es auch Wessling.
Als ich ihn das erste Mal sah, war er mir ziemlich unsympathisch. Eigentlich hatte ich daher herzlich wenig Lust, ihn noch einmal aufzusuchen. Allein meine Frau bestand darauf, die Eier von seinem Landgut zu holen. Sie schwört eben auf Bio, und ich wollte nicht wieder der Querulant sein, der gegen alles und jeden war. Ich erinnere mich noch genau, wie unsere erste Begegnung verlief. Wessling stand im Gemüsebeet neben der Scheune, hatte mich längst gesehen und ließ sich dennoch nicht von seiner Arbeit abhalten. Ich rief ihn und fragte, ob er mir eben zehn Eier verkaufen könne. Nichts geschah. Als ich nach zwanzig Minuten des Wartens seinen Hof verärgert verließ, schimpfte mich meine Frau zu Hause aus. Ich solle doch dann gefälligst warten. Ich musste also noch einmal zurückkehren. Wessling überreichte mir die Wabe mit den zehn Eiern nun unverzüglich, schlug mein Geld aber aus und ließ mich anschließend von neuem dumm in der Gegend stehen.
Für mich war er zunächst ein wortkarger und gewöhnlicher Bauer, dem ich im kleinen Dorf noch nicht einmal zugewunken hätte, wenn er mir im kleinen Lebensmittelladen zu Beginn mal begegnet wäre. Meine Frau und ich waren gerade ins Dorf gezogen, hatten uns ein ländliches Anwesen gekauft und waren Neulinge. Wir waren noch nicht zum Gruß verpflichtet, arbeiteten tagsüber in der großen Stadt und wollten am Abend einfach unsere Ruhe haben. Als Manager eines großen Unternehmens der Fahrzeugindustrie war ich froh über diesen Rückzugspunkt. Meiner Frau, die als Sonderpädagogin täglich mit behinderten Kindern arbeitete, ging es ähnlich.
Dieser wöchentliche Eierdeal, der ohne Worte und erst beim zweiten Mal mit einer Geldübergabe stattfand, war bald so routiniert, dass Wessling in der hinteren Ecke meines Bewusstseins einen festen aber kaum spürbaren Platz zugesprochen bekam. Und wer weiß, wie unsere Geschichte fortgelaufen wäre, wenn uns nicht eine Begegnung der anderen Art dazwischen gekommen wäre. Man sucht sich die Momente im Leben ja nicht aus, und doch begegnen sich Menschen manchmal in unmöglichen Situationen, die ihnen ein Band verleihen.
Eines Samstagmorgens, ich sollte wieder einmal Eier holen, wurde ich Zeuge einer sehr unangenehmen Auseinandersetzung auf dem Hof Wessling. Ein großer Transporter stand dort, zwei Menschen, die mit dem Bauern wild diskutierten. Als ich näher kam, erkannte ich, dass einer von ihnen Tierarzt war. Er hielt in seiner rechten Hand einige Dokumente und sprach von artgerechter Haltung und einer schlimmen Krankheit der Ferkel, die Folge seiner Biolandwirtschaft sei. Man lud weitere quiekende Tiere auf den Transporter, während Wessling immer wieder versuchte, die Aufladung zu verhindern. Bald standen wir uns alleine gegenüber, und ich merkte, wie traurig er war. Und ich war nicht brutal genug, um ihn in dieser Stunde nach banalen Eiern zu fragen. Er aber blickte zu mir auf, und zu meiner Überraschung konnte er mich gleich einordnen und sprach zum ersten Mal mit mir.
„Herr Hartwig, Sie möchten Ihre zehn Eier. Ich hole sie.“
„Wenn es jetzt unpassend ist, kann ich auch später wieder zu Ihnen kommen, Herr Wessling.“
„Was ist heute schon passend oder unpassend? Und wer fragt danach? Der Tierarzt hat mir eine Frist für die Medikation einiger Schweine gegeben. Ich habe sie verstreichen lassen, weil ich gegen diese Chemiekeulen bin. Ständig erfindet die Industrie neue Krankheiten, weil neue Krankheiten neue Medikamente hervorbringen. Und neue Medikamente sorgen dann für neues Geld. Das ist die eigentliche Seuche heute. An die Tiere denkt heute kein Schwein mehr.“
Auf dem Rückweg stellte ich mir die Frage, woher Wessling meinen Namen kannte. Das erste längere Gespräch mit ihm hatte in einer unglücklichen Situation und mit wenigen Sätzen eine Vertraulichkeit geschaffen, die mich die ganze darauffolgende Woche verfolgte. Mir war auch nicht klar, warum er so dickköpfig war und so leichtsinnig einen wirtschaftlichen Verlust riskierte. In meinem Beruf hatte ich mir eine andere Denkweise angeeignet, musste produktiv und in Kostenkategorien denken. Wessling begann mich zu faszinieren. Aus reiner Neugier suchte ich ihn Wochen später einmal einen Tag früher auf.
„Haben Sie am Samstag keine Zeit mehr, Herr Hartwig?“
„Doch, doch. Aber mich beschäftigt eine Frage. Warum befolgen Sie nicht einfach die Anweisungen des Arztes? Ich meine, warum stellen Sie sich quer, wo Sie doch wissen, dass Sie diese Auseinandersetzung am Ende nur verlieren werden? Sie machen doch so nur Verluste. Die Tiere werden dann gekeult oder geschlachtet. Was bringt das?“
Wessling wischte sich eine Fliege von der Stirn, richtete den Blick nach unten, weil die Sonne sich hinter der Scheune noch einmal vorgeschoben hatte und legte seinen linken kräftigen Arm um meine Schulter. Er führte mich zum Gemüsegarten, zeigte mir die einzelnen Beete, erklärte mir, was er wann im Jahr säte und erntete, zog mich dann in seine Ställe, wo ich Schweine und kleine Ferkel an einem Auslaufloch sah. Sie konnten ganz wie sie wollten draußen oder drinnen bleiben und fraßen gerade in der Nähe des Trogs gierig Runkeln. Draußen etwa zehn Meter vom großen Auslaufloch entfernt stand eine stämmige Eiche, deren Rinde unten bereits komplett abgerieben war. Die Handvoll Hühner, die von einem schwarzen Schäferhund bewacht wurden, tanzten um den Stamm, als feierten sie ein Ritual aus anderen Tagen. Wessling lächelte mich an, führte mich zu einer großen Wiese, wo einige Kühe grasten. Die Ortsbegehung dauerte etwa zwanzig Minuten, und ich schwöre, ich hörte während dieser Zeit nicht einmal mehr seinen oder meinen Atem.
„Sie verstehen, Herr Hartwig? Alles hat hier noch seine Zeit, die nichts mit der Zeit da draußen zu tun hat.“
Ich nahm später gedankenverloren meine zehn Eier mit, verließ den Hof und dachte darüber nach, was Wessling mir eigentlich zeigen wollte. Eine Antwort auf meine Fragen war er mir schuldig geblieben.
Meine Frau wurde einigermaßen misstrauisch, als ich mich am nächsten Tag noch einmal anbot, bei Wessling Eier zu holen. Wir könnten ja zum Wochenende einen Eierlikörkuchen machen, war mein Vorschlag. Trotz ihres Stirnrunzelns setzte ich mich durch, fuhr mit dem Fahrrad zum Hof und sah den Bauern in der Wiese bei den Kühen. Ich trat zu ihm, ganz mit meinen unbeantworteten Fragen beschäftigt.
„Herr Wessling, ich musste noch einmal zu Ihnen zurück. Wen meinten Sie mit die da draußen? Und was haben Sie gegen die?“
Er beachtete mich gar nicht, umkreiste mit einem Seil den Kopf einer Kuh, schmiss mir das Ende des Seils zu und rief mir recht grob zu, ich solle die Kuh in die zweite Scheune führen. Nun war ich es überhaupt nicht gewohnt, in einem solchen Ton Befehle zu erhalten und stockte daher zunächst. Als Wessling mir einen Schubser gab, war mir der Ernst klar, mit der er die Sache verfolgte. Ich zog die Kuh hinter mir her. Hinten an der zweiten Scheune sah ich zwei Menschen mit Kitteln und Stiefeln. Wir hielten auf einen Stall zu, der mit Fliesen unterlegt war und sehr sauber wirkte. Einer holte nun ein Gewehr aus seinem Auto, und mir wurde mulmig zumute. Wessling nahm jetzt das Seil in die Hand, schob mich beiseite und band die Kuh recht locker an einer Stange des Stalls an. Plötzlich hallte ein Schuss, und die Kuh fiel nach wenigen Sekunden auf die Seite, die mit weichen Matten ausgelegt worden war. Langsam begriff ich, was hier vor sich ging. Wessling sprach ein letztes Gebet, dann begannen die Männer ihre Arbeit zu verrichten. Der Bolzenschuss saß. Das Blut des Tieres floss in den Ausguss, die Sägen verrichteten anschließend saubere Schnitte. Ich hatte die Aufgabe, die einzelnen Stücke und Organe zu waschen. Meine Kleidung war dahin, aber das war egal, denn ich hatte das Gefühl, etwas völlig Selbstverständliches zu tun. Meine Frau bekam einen richtigen Schrecken, als ich Stunden später blutverschmiert nach Hause kam. Sie hatte sich bereits Sorgen gemacht. Erst meine Erklärungen und die Einladung Wesslings zum Sonntag besänftigten sie ein wenig.
Wir erreichten seinen Hof pünktlich um drei Uhr am Nachmittag und sahen den Bauern wieder im Gemüsebeet. Jetzt erst bemerkte ich, wie krank er im Gesicht aussah.
„Ah, Familie Hartwig, diesmal die Frau des Hauses dabei. Ich komme sofort.“
Wir betraten wenige Minuten später sein altes Wohnzimmer, in dem Bilder aus früheren Tagen hingen. Wir hatten das Gefühl, dass hier die Zeit stehen geblieben war und schauten uns ein wenig verlegen an. Ein merkwürdiger Geruch kroch uns in die Nasen, ganz so, als hätte das Zimmer nie Luft von außen gesehen. Es roch gar nicht einmal übel, vielleicht etwas verbraucht, aber wir mussten nicht das Gesicht verziehen oder so. Wessling bot uns einen Kaffee an, zu mehr konnte er sich nicht mehr aufraffen. Er wirkte plötzlich geschwächt und legte sich seine rechte Hand aufs Herz. Wir schwiegen eine Weile, und das war nicht einmal unangenehm, denn uns hielt dieses Zimmer in Atem, das so viele Erinnerungen ausströmte. Ich überlegte, ob ich in diesem Zimmer gelüftet hätte und beantworte diese stille Frage mit nein. Meine Frau war ebenso eingenommen von der Stimmung, sah sich immer wieder bedächtig um und warf mir glänzende Blicke zu. Endlich räusperte sich Wessling zu einem Gespräch.
„Was hat Sie aufs Land geführt? Entschuldigen Sie, wenn ich neugierig bin, aber die meisten jungen Menschen ziehen hier weg.“
Meine Frau strich sich ihr dunkles, langes Haar beiseite, schaute erst mich und dann Wessling an und holte dann zu einer spontanen Gegenfrage aus.
„Was hat Sie denn hier gehalten, Herr Wessling? Ihr Hof?“
Ich ergänzte sofort, dass uns einfach die Landlust gepackt hatte, wir deswegen hier in den Ort gezogen waren, um uns von den Mühen des beruflichen Alltags zu erholen. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass wir angesichts seiner neugierigen Frage böse waren oder etwas zu verstecken hatten. Wessling hielt lange inne, schaute uns beide ein wenig scheu an und begann sich Schweißperlen von seiner faltigen Stirn zu wischen.
„Was hat mich hier gehalten? Eine gute Frage, Frau Hartwig, eine gute Frage. Für die Antwort muss ich weit ausholen. Ich hoffe, ich langweile Sie beide nicht.“
Wir ermunterten ihn mit einem schnellen Nicken.
„Dieser Hof besteht seit dem 17. Jahrhundert. Die Familie Wessling war ein altes Schulzengeschlecht. Mein erster nachweisbarer Ahne hat dieses Grundstück mit Hof erworben, um die anliegenden Bauern und ihre Abgaben für einen Grafen von Bentheim besser überwachen zu können. Seit diesen Tagen lebt meine Familie von und mit diesem Hof. Im frühen 20. Jahrhundert ist der Hof von meinem Urgroßvater noch einmal umgebaut worden, gerade rechtzeitig, bevor er im Krieg in Frankreich als Kanonenfutter herhalten musste. Mein Großvater übernahm völlig unvorbereitet seinen Platz, bekam mit seiner Frau sechs Kinder, die wiederum beinahe alle im nächsten Krieg umkamen. Allein mein Vater war noch zu jung für den Krieg gewesen, heiratete in den fünfziger Jahren meine Mutter und übernahm den Kotten. Als mein Großvater starb, musste mein Vater ihm das Versprechen geben, den Hof zu halten. Meinen Eltern war es indes in Friedenszeiten nicht vergönnt, mehr wie ein Kind zu bekommen. So wurde ich recht früh in das Geschäft eingeführt. Als meine Eltern bei einem tragischen Unfall hier vor der Scheune umkamen, beschloss ich, sie auch hier zu begraben. Ich erwirkte bei unserem damaligen Dorfpfarrer eine Genehmigung dafür und begrub sie hinten an der Wiese unter dem alten Eichenbaum, wo früher noch eine Bank stand. Dort erzählten wir uns an Sommerabenden immer Geschichten, und ich weiß noch, wie ich als Kind von dort aus die Kühe mit Eicheln bewarf. Alle Familienzweige sind durch Kriege abgeschnitten worden, denn auch mütterlicherseits kam nicht viel hinzu. Mit dem Tod meiner Eltern stellte sich mir die Frage, ob ich mich nicht auf die Suche nach einer Bäuerin machen sollte, unterließ dies aber, weil ich fest daran glaubte, dass dieser Hof mit seiner Geschichte mein Schicksal schon magisch anziehen würde. Ich führe diesen Hof in der Tradition meiner Ahnen, habe daher alles so gelassen, wie es ist. Ich habe nie die Kraft gehabt, hier Veränderungen vorzunehmen. So ist es vielleicht gut, wenn jetzt andere das Geschäft übernehmen. An jenem Morgen, Herr Hartwig, als Sie zum ersten Mal hier kamen, habe ich von meinem Arzt gehört, dass ich eine schwere und unheilbare Krankheit habe. Er hat mir nur noch wenige Wochen gegeben. Mit dieser Nachricht habe ich beschlossen, dem nächsten Besucher das Land hier zu vermachen. Da die Familie Wessling mit mir endgültig ausstirbt, ist es mein sehnlichster Wunsch, dass zumindest der Hof fortgeführt wird. Ich habe Sie in den letzten Wochen geprüft und an ihren Blicken gemerkt, dass Sie ein echtes Interesse an den Dingen haben. Gestern haben Sie schließlich die Feuertaufe bestanden. Da ich es gewohnt bin, zu arbeiten, alle Kräfte beisammen zu haben, ist mein körperlicher Verfall Tag für Tag eine größere Bürde. In diesem Kaffee, den wir jetzt hier gemeinsam trinken, ist in meiner Tasse eine giftige Beimischung, die mich bald entschlafen lässt. Mein Testament finden Sie in der ersten Schublade der Holzkommode im Flur. Und ich bitte Sie noch darum, sich dafür einzusetzen, dass ich hinten am Familiengrab neben meinen Eltern beerdigt werden kann. Ich weiß, dass ich Sie damit jetzt überrolle, aber mir bleibt keine Zeit mehr. Und Zeit ist das, was dieser Hof und vielleicht auch die Menschen wieder brauchen.“
Wir sahen, wie er plötzlich vom Holzstuhl fiel, sprangen erschrocken auf und riefen den Notarzt über das Mobiltelefon. Der kam leider zu spät. Wessling hatte sein Erbe so inszeniert, dass wir nicht einmal hätten nein sagen können. Die Polizei stellte unangenehme Fragen, misstraute unserer Geschichte, las sich das Testament wieder und wieder durch. Es dauerte ein halbes Jahr, bis der Verdacht gegen uns endgültig ausgeräumt war.
Meine Frau und ich haben lange darüber diskutiert, was wir machen sollen. Uns beiden geht der letzte Satz Wesslings bis heute nicht aus dem Kopf. Wir beschlossen daher, unsere Berufe aufzugeben, tauschten das eine ländliche Anwesen gegen das andere ein, brachten das alte Gut auf Vordermann und pflegen nun mit unseren drei Kindern seit zehn Jahren Wesslings Erbe. Manchmal habe ich wie Wessling Theater mit dem Tierarzt. Dann gehe ich abends zu seinem Grab unter der Eiche, halte ein Zwiegespräch mit ihm und beichte ihm meine Sünden. Wir pflegen die Tiere nicht immer so, wie er es getan hat, aber wir bemühen uns und nehmen uns diese Zeit. Unsere Kinder kennen bereits die Geschichte von Wessling und seiner Familie. Wir hoffen, sie erzählen sie der nächsten Generation später weiter. Jede Zeit hat ihre Sehnsüchte und lebt davon.