Friday, May 25th 2012, 9:38am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

1

Monday, January 2nd 2012, 12:49am

Roberts Geister

Als Robert kurzeitig in einem fremden Bett aufwacht, entdeckt er einen schwebenden Nebel vor sich, ein unbekanntes Wesen, das, wie es sich wohl ertappt sah, mit einem gewaltigen Schub durch Roberts Körper fuhr, seine Sinne wie eine Kraft niederdrückte, bis es sein Bewusstsein ganz ausschaltete, und verschwand. Doch das Bild von dem Wesen und das drückende Gefühl, das Robert empfand, bevor er sein Bewusstsein verlor, speicherte es sich in sein Gedächtnis.


Wie soll ich dir das glaubwürdig näherbringen, was so unglaubwürdig ist? Ach, hättest du es gesehen, – mit eigenen Augen gesehen! Du kennst mich, dass ich die Naturwissenschaften liebe und achte, und einer der ersten wäre, der sagen würde, dass es Geister oder astrale Wesen nicht gibt, und nur menschlicher Phantasie entstammen. Aber wie stehe ich nun da, wenn ich, gerade ich, dir im Vertrauen sagen muss, dass ich so ein merkwürdiges unerklärliches Phänomen selbst gesehen und gefühlt habe? –

Ich versuche mir plausibel dieses Wesen zu erklären. Ich versuche mir vorzustellen, wie in der Luft sich Energie manifestieren könne. Aber ich komme nicht weit. – Ich suche Energie mit Raum zu verbinden, zusätzliche Dimensionen, welche diese Wesen nutzen, um in unsere Welt zu gelangen. Experimente werde ich wohl keine machen können. Deshalb basiert alles auf der Theorie. Nehmen wir mal an, es gäbe in der Quantenmechanik, in der die aberkleinsten Bauteilchen existieren, die kein Mensch je gesehen hat, die wir in unseren kühnsten Träumen nicht ahnen würden, die in sich weitere Dimensionen tragen, durch dieselbe Wesen anderer Art verkehren, die unserem Verständnis und Vorstellung entsagen. Des Weiteren müsste Energie in die Masse freigesetzt werden, damit so ein Wesen in unsere Welt gelangen könne. Woher nimmt es diese Energie? – Ich kenne nur ein Phänomen, die schwarzen Löcher, die sich aus der Energie anderer ernähren. Wäre es nicht möglich, dass so ein Wesen ebenso Energie und Licht schlucken kann, das sich, mit einer ganzen Aufladung, die es in sich dann trägt, in unsere Realität transportieren kann? oder vielleicht macht es Sprünge? Vielleicht muss es gar nicht die Quantenwelt durchqueren um in unsere zu gelangen, sonder von dem fundamentalsten Baustein springt mit einem gewaltigenergiegeladenen Sprung in unsere? oder noch eine kühnere These: unsere Dimension, so wie wir sie kennen, ist nur die eine Seite einer Münze?

Und wenn das Wesen eine Absicht hatte, oder eine Botschaft oder einen Auftrag? Also, im Grunde genommen, das Ding nur eine Botschaft des Absenders war? Das hieße, dass es hinter dem Wesen noch einen Urheber geben müsste? Mein Lieber – ich weiß, dass du Metaphysisches verneinst, und daran wenig interessiert bist: aber, du kannst nicht anders, weil du es nicht erlebt hast. Sieh’ dir unsere Beschränktheit an, und in welcher Dunkelheit wir herumtappen, wenn wir uns die Frage stellen, woher wir kommen, wohin wir gehen, und wer all das erschaffen hat? und warum erschaffen? Stehen wir nicht alle vor diesen Fragen blind und ungläubig? Sowohl wir die Antworten nicht wissen, ahnen wir in unserem Innersten, dass es was Höheres gibt, wir können uns zusammenreimen, weil wir nun mal doch sind, und Sinne haben, die uns glaubhaft machen und deuten, dass irgendwas Größeres, Mächtigeres, als wir selbst, das alles in Gang gesetzt hat.

Ich habe herausgefunden, dass ich nicht der Einzige bin, der solche Wesen gesehen. Jene äußern sich auch, dass sie nebelartige Wesen gesehen hätten. Geister der Verstorbenen, die in Häusern herumspuken, die ihnen Angst und Schrecken einjagten. Doch keiner konnte mir was Konkretes darüber erzählen. Vielleicht wird mein Bericht eins der wenigen Dokumente, das sich lesen lässt.
Eins vermute ich, so wie das Ding gehandelt hat, dass es eine Reaktion hatte. Reaktion ist mein Stichwort. Es hat mich gesehen, wie ich es ansah, und dann hat es reagiert. Und jede Reaktion hat einen Beweggrund. Ursache und Wirkung. Es ist ähnlich wie mit dem Strauch und dem Wind. – Man sieht den Wind nicht, aber er kann dennoch durch den Strauch fahren. – und hätte der Strauch Sinne, wie der Mensch sie hat, er würde das Durchfahren merken. –


Was meinst du? Sind böse Kräfte im Spiel von Beschwörern, Zauberern? Subwelten, Untergründe, die neben der Gesellschaft existieren, von denen nur die Eingeweihten wüssten. Es gäbe Menschen, die Arkanenkünste ausübten, und sich vor der Außenwelt versteckten. Kulte und Sekten. Mein Lieber, ich erschaudere erneut, wenn ich mir diese merkwürdigen und fremden Welten in der mir bekannten Welt vorstelle, dass es sie hier auf Erden gibt, genauso gibt, wie Religionen; und genauso wie diese einen Gott anbeten, beten jene einen anderen.


Mein Freund - könnte ich einmal den dreidimensionalen Vorhang aufheben, und dahinter die Werkstätte des Gottes sehen! wie er arbeitet und mit welchen Mitteln!

Ich weiß nicht weiter. – Vielleicht habe ich durch die Träume zu der Welt jener fremden Wesen Zugang. Aber, wenn ich Sie da antreffen sollte. Wie könnte ich damit meine Thesen stützen? Ist denn der Traum vielleicht nicht eine eigene Welt? Und nicht nur ein Vorgang im Kopf, der die Gedanken sortiert, ordnet, und den erlebten Tag, ins bewusste und unbewusstes scheidet, wie der Magen das Essen sondert? Nein, ich glaube, die Träume kann ich ruhig beiseite liegen lassen. Denn es hat sich das Wesen ja mir nicht in den Träumen gezeigt.
Du siehst, ich stehe wie zuvor am Anfang. Doch ungeachtet dessen, musst mir glauben, denn es verhält sich damit ähnlich genauso wie du an eine höhere Macht glaubst, die Alles erschaffen hat, und die du doch nie selbst kennen gelernt hast, als das Wesen, was es ist. Ungern gehe ich ins Religiöse, aber in dem Falle ist es eine Tatsache, ja, ein Beweis. – Und meine Sinne sind mir Beweis genug, dass ich jenes fremde Wesen gesehen und empfunden habe, weil es sich sehen lassen wollte, oder sich sehen lassen musste, weil es in unsere Welt kam. – Du kannst nicht leugnen, dass außerhalb unserer Sinne andere Dinge existieren. Die Quantenwelt. Wie können Sie mit unseren Sinnen nicht fassen und doch gibt es Sie! – Das ist real, so real, wie es den Baum da Draußen gibt. Die Natur verbirgt ihr wahres Gesicht vor uns sehr gut. Und vielleicht ist die Realität, die wir wahrnehmen, nur ein Teil von einer noch Größeren. Schau’ ins Universum einmal hinaus, in diese tiefen kalten finsteren Weiten, was darin alles sich noch verbirgt? und außerhalb des Weltalls, was da noch ist? Mir erscheinen all diese Größen an Vorstellungskraft unwirklich, einfach unwirklich.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

2

Tuesday, January 3rd 2012, 5:06pm

Neben meinen angefangenen Forschungen nach den unheimlichen fremden Wesen, die ich theoretisch und so weit wie möglich praktisch betreibe, und zwar ganz alleine, ereignen sich selbst noch ungewöhnliche Begebenheiten, die ich mache. Ich weiß nicht wie’s kam, aber es kam so plötzlich die Bekanntschaft, die ich heute gemacht hatte. Ich will's dir erzählen. Heute kommt mir ein Mädchen entgegen, ich dachte mir rein gar nichts dabei, das ganz in meinen Augen süß war, das blonde Haare hatte, herrliche blaue funkelnde Augen und so ganz natürlich in ihrer Art war, dass aus ihren kleinen niedlichen Munde kein Hauch der Künstlichkeit heraus drang, wohl ihres jungen alters wegen. Ihre ganze Empfindung und das wahre Gefühl des Herzens, fasste ihr unmodifizierter, ungeformter Geist in einer ganz nüchternen und gemeinen und doch so offenen Sprache, dass all ihr Gefühl, auch das unterdrückte Schamgefühl, sich auf den Wangen in einem kräftigen Rot äußerte, was mir nicht verborgen blieb. Mein Freund, ich habe noch kein Mädchen in der Welt getroffen, deren Herz so lesbar auf den pfirschichzarten Wangen für allen Augen stand. Ihr ganzes Wesen hat was unbeschreibliches, ja wie ein GEheimnis ist es. Sie stllte sich mir vor und sagte, dass sie Anna heiße. Gleich musste ich an Engeln denken, wenn ich an den Namen denke. Sie will mich wieder sehen und ich will’s auch.


Heute besuchte ich Franzen, einen guten Freund, dem ich meine Besorgnis über die Erscheinung der letzten Nacht mitteilte. Aber wie kam ich an? – Das sind Zwangsvorstellungen, nichts weiter. – sagte er. Ich stutzte, weil er’s so ganz unerwartet und direkt heraus sagte. – Aber ich hab’s deutlich gefühlt. – erwiderte ich. – Mein Lieber, fing’ er in einem eindringlichen Ton an, wir fühlen auch in Träumen, wenn die Träume klar und intensiv sind; und wie oft träumen wir noch im Schlaf, und glauben dabei wach zu sein? – Ich schwieg und gab ihm Recht dabei. – Soll ich dir eine Geschichte auserzählen, wie leicht das Auge sich täuschen kann? sagte er. – Ich war neugierig. – Es war eines morgens, fing er an, ich habe tief und fest geschlafen, und hatte nicht einen Traum, an den ich mich erinnern hätte. Als ich dann aufwachte und die Augen aufschlug, nahm ich nichts weiter wahr, weil ich noch ganz besinnungslos, noch ohne Bewusstsein war, und dann sah ich im nächsten Moment in meinem Bücherregel, über der Bibel, ein Chameleon krabbeln und darin ihn verschwinden. – Mein Freund, hob er an, und blickte ernsthaft in meine Augen, mein Freund, die lebhafte Fantasie spielt unseren Sinnen manchmal einen Streich, dass der Mensch an solches dann glaubt. Es gibt aber keine Geister in der Welt, nur den Glauben an Sie, und du bist gerade auf dem besten Weg dahin diesem Glauben zu verfallen. – Ich schweig. – Sprechen wir doch von den anderen Menschen, nahm ich das Wort an mich, die ebenso behaupten, und das mit ganzer Überzeugung, dass sie Geister oder zumindest unheimliche Phänomene gesehen haben. Du siehst, ich stehe nicht alleine da. – Nimm mir’s nicht übel, Robert, sagte er, aber diesen Menschen – einem jeden – würde ich das Gleiche wie dir gerade sagen. Sie sind einer Fantasie verfallen, einer Fantasie, an der sie zwanghaft halten und dadurch Gerüchte in die Welt setzen, Falschheiten, die nur unter den Menschen für Irrungen und Spekulationen sorgen. – Du kannst davon leicht reden, sagte ich, weil du selbst es weder gesehen noch erfahren hast. – Wie willst du die Existenz der Atome verleugnen, sagte ich, die zu erfahren unseren Sinne unzulänglich bleiben, und die es doch überall gibt? und mit den Geistern ist’s vielleicht nichts anders. – Lieber, sagte er, in dem er ein Bein über das andere schlug, Robert, du verwechselt hier echte Physik mit einem Schwindel. – Die Physik stellt unsere Welt dar, und erklärt ihre Gesetzte darin, das vielmehr Wert für die gesamte Mesnchheit hat, als der übersinnliche Kram, das du ansprichst, das nur Dummheiten und unter den Menschen stiftet, und ich will sogar soweit gehen, zu behaupten, dass es eine List einer Phantasie sei, um des Geldes willen, darauf die Leute reinfallen und betrogen werden. Die Vorstellungen von Geistern, fuhr er fort, können physische Belastungen verursachen, wenn sich ein Mensch darein steigert, können die Sinne so weit reizen und verzerren, weil der Mensch dadurch auf Übersinnliches vorprogrammiert ist, so dass selbst natürliche Geräusche im Umfeld, als ein Treten der Füße eines Geistes gehört werden können oder ein frischer Windzug, der den Weg vom Flur unter die Türlücke den Eingang ins Wohnzimmer findet, ebenso als ein Spüren eines unsichtbaren Wesens falsch geschlussfolgert werden kann, wenn der Mensch alle Fenster in dem Zimmer verschlossen sieht. Denk’ dir nur die Auswirkungen dieser Einbildungen auf den Menschen und seinen Zustand, fuhr er aufgeregt fort, Angstzustände, Halluzinationen, Zweifel an eigenem Verstand, endlich, um es nicht zu vergessen, totale Verblendung des Geistes, wo erneut der Unsinn über die Vernunft siegt. – Nur der schwache, naive Mensch, lässt sich davon beeinflussen. – Ich spürte diesen Satz im Herzen, wie einen eingeschlagenen Pfeil im Leib, der mich beschämte, und auch irgendwie auf eine Art und Weise beleidigte. Kurz: er überzeugte mich mit seinen Ansichten. Zuletzt kamen mir nachfolgende recht bedrohlich rüber, als er meinte, wenn der Mensch von solchen Einbildungen nicht loslasse, nicht loslassen kann, dass seine Endstation gewiss das Irrenhaus sein wird. – Das sollte mir als Warnung dienen. – dachte ich, bevor ich mich freundschaftlich von ihm verabschiedete.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

3

Saturday, January 7th 2012, 8:37pm

Brief

Wäre ich kein Wissenschaftler, mein Freund, ich würde mich Franzen Ansichten unterwerfen. Doch nun mal bin ich einer, und wenn auch der vernünftige Mensch in mir mich vor dem Okkultismus warnt, so hält der Wissenschaftler dagegen, weil er alles erforschen möchte, was ihm unbekannt ist. – Ich muss und werde Okkultismus praktizieren. Ich will sehen, was an der ganzen Sache dran ist. O bitte, Johann, du nennst das Gefahren, was ich Notwendigkeiten nenne. Ich sei mir der Gefahren dabei nicht bewusst, sagst du. Johann, lass’ dir sagen, ohne Gefahr gibt’s keine Sicherheit, wie ohne Krieg keinen Frieden. – Vertraue mir, der Scharfsinn wird mir schon mein Schwert sein, wenn es eng wird. Denn letzten Endes, glaube ich, stammt alles nur aus einem Ursprung, wie alle Farben aus dem Farbkasten kommen: – und Geister oder Dämonen, wenn sie existieren, wären sie gewiss eine seltene Farbenmischung. – Und stell’ dir, Johann, nur die gewaltige Möglichkeit vor, einen jeden Geist eines toten Menschen ins Leben heraufzubeschwören. – Du willst damit nichts zutun haben, sagst du. Gewiss, ich verstehe dich, du hast Familie, Frau und Kind, doch vergiss nicht, dass du ebenso auch ein Wissenschaftler bist, wie ich. – Ich schreib’ dir wieder. –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

4

Sunday, January 8th 2012, 8:15pm

Brief

Johann, glaubst du an das Schicksal oder nur an den Zufall? Stell’ dir vor, heute als ich nach Draußen gehen will, treffe ich Anna vor der Tür. – Ich war erschrocken. – Sie sagte, sie wollte mich überraschen. – Ich bin auf dem Weg meine Großmutter zu besuchen. sagte ich, als ich mich vom Schreck erholt hatte. – Darf ich dich begleiten bitte? fragte sie zögernd, während der Wunsch in ihren schönen blauen Augen hervorleuchtete. – Darf ich dich begleiten bitte? – aus ihrem süßen Mund zu hören, klang in meinen Ohren wie ein unwiderstehliches Verlangen, mich begleiten zu müssen. Ihren glanzvollen Ausdruck im Blick, der auf mir ruhte, der die ganze Sanftmütigkeit ihres reinen Wesens offenkundig zur Schau stellte, und ihre Hoffnung, die sich in den Augen zeigte, sie möge meine Begleitung werden, las ich mit unvergleichlichen Wonnen ab: wie sie sich mit der Frage am Anfange zurückhielt, und im Innern mit der Angst um den Mut rang, die sie zu überwinden suchte, und mit der Sorge und dem Bedenken kämpfte, ich könnte vielleicht Nein sagen, und könnte ihren innigen Wunsch damit zunichte machen, und sie es doch wagte, die Frage auszusprechen: Johann, mit keinem Wort könnt'' ich dir beschreiben, wie mir das ganze Herz dabei aufging. – Sie nahm meine Hand in ihre, als ich die Frage bejahte, und ich ließ sie machen, weil ich sie so glücklich dabei sah, und so gingen wir zusammen. –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

5

Monday, January 9th 2012, 9:52pm

Brief

Ich erklärte Franzen meine Absichten über den Okkultismus. Er war erstaunt, und er erwiderte nach einigem Stirnrunzeln, ich wäre von allen guten Geistern verlassen, und in oftmaligen Wiederholungen sagte er, er könne einfach nicht begreifen, wie ein Mensch von gesundem Verstand, einem solchen Irrtum verfallen könne. Johann, du kennst ihn und du kennst mich. – Du weißt, das habe ich dir schon oft gesagt, wie ich seinen festen und nüchternen Charakter, seinen realistischen Sinn und sein Vergnügen für die Dinge des gemeinen Lebens bewundere, seine Geradlinigkeit und Ehrlichkeit zu den Menschen achte: du wirst mir aber auch zugestehen müssen, wenn du von all seinen guten Seiten mal absiehst, dass in seinem ganzen Wesen auch etwas kaltes liegt. – Wenn ich ihn da oftmals an seinem Tisch sitzen, in all’ den Papieren und aufgestapelten Akten, vergraben sehe, wenn ich zu ihm komme; da kann ich mich bei dem Anblick nicht erwähren zu denken, dass ein Mensch, wie Franzen, solches nur dann verrichten kann, wenn sein Herz ganz kalt ist. Und heute ist ihm deswegen, die Steifheit und Kühle, in allem Tun und Handeln, zur Gewohnheit geworden. Und Johann, du hättest einmal ihm seine reglose, seine anteilnahmslose Mine ansehen sollen, als ich ihm die Bekanntschaft mit Anna in Detail mit ganzer Leidenschaft und Freunde vortrug. Nicht eine Verzückung auf dem Mund, nicht ein Lächeln war ihm anzumerken. Als ich ihm mit lebhaften Worten aus ganzer Seele alles vorgetragen, was mir auf dem Herzen lag, findet er nichts Passendes zu erwidern, als dass bloß sich alles nett anhöre. – Nur Nett, Johann, nur nett. –O ich könnte bei solchen Menschen, wenn sie so sind, rasend werden.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

6

Tuesday, January 10th 2012, 9:14pm

Brief

Ich wanderte heute in den Gegenden umher und wandere immer noch. Ich habe zuletzt hier im Ort den größten Hügel erklommen, von dem aus ich dir jetzt auch schreibe Johann. Es ist Nacht und ich will immer noch nicht gehen; ich sitze hier und bin gedankenvoll, und betrachte mit abwechselnden Empfindungen den vollen Mond und die an ihm vorbeiziehenden Wolken, sinne die ganze Zeit über dieselbe Frage, ob es den vielleicht nicht besser wäre, wenn ich die ganze Sache um den Okkultismus aufgeben würde? Doch wie es nur natürlich ist, dass ein Gedanke den andern fortdrängt, so kommt mir unvermutet Anna in den Sinn, und der sehnliche Wunsch hinterher, sie hier zu haben, dass sie gleichviel diese herrliche Aussicht genießen kann, wie ich, die unter freiem Himmel zu beobachten ist.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

7

Wednesday, January 11th 2012, 4:35pm

Brief

Mit unserem Bewusstsein und Unterbewusstsein, glaube ich, verhält es sich genauso wie mit Tag und Nacht. Ebenso gefällt mir aber auch der Gedanke, dass im Innern es nur eine Welt gibt, die unser Bewusstsein, wie Sonne die Erde, nur von einer Seite erleuchten kann, währende die andere im Verborgenen bleibt. Es ist hier die Frage zu stellen, Johann, wie man die Welt drehen könne; wie man auch jene Seiten, die wir höchsten bisher nur sporadisch erblickten, die sonst dunkel und finster in uns liegen, zu denen wir keinen oder kaum einen Zugriff haben, gegen die Sonne verschieben könne?

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

8

Thursday, January 12th 2012, 2:45pm

.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

9

Thursday, January 12th 2012, 9:17pm

Brief

Wie der Mond nachts über die Erde wacht, so wache ich ebenfalls nachts um dich: wenn ich dir das so offen sagen könnte Anna, genau so geschwind und selbstbewusst, wie diese beflügelten Worte auf das Papier kommen, wenn ich vor deinem Angesichte stünde, mir würde es um so manches leichter im Herzen sein. Wie frei und einfach kann ich dir meine Gedanken niederschreiben, wenn du mir fern bist, und mir nur im Geiste schwebst, wo du mir nichts anhaben und mich nicht abweisen kannst. Wie schwer aber sind dieselben Worte in deiner Gegenwart zu wiederholen, ohne dass mich eine Scham, ein Stottern, oder etwa eine Gedankenlücke unterbricht, wenn ich das mündlich vortragen muss, was ich geschrieben habe. Liebe Anna, der Brief soll an meiner Stelle sprechen, soll dir als mein Vorbote dienen, und soll meine Stimme und mein Herz sein; und er soll dir meine ganze warme Anteilnahme überbringen, die ich für dich habe.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

10

Saturday, January 14th 2012, 8:50pm

Brief

Johann, mein lieber Johann, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Doch ich werde mich zwingen müssen, um dir auszuerzählen, wie rasend mich das alles gemacht hat, rasend und traurig zu gleich. – Vor zwei Tagen machten Anna und ich aus, uns heute im Garten am Schloss um bestimmte Uhrzeit, zu treffen. Mit welchem herrlichen Gefühl schlenderte ich den Weg dahin, und mit welcher reizenden Vorfreude malte ich mir das Wiedersehen mit ihr aus! – Johann, mir war’s als machte ich einen Frühlingsspaziergang, wo um mich die ganze Natur blühte und summte und trillerte und im goldenen Lichte schien und im leisen lauen Wehen in den Bäumen flüsterte: mir war – ach – wer kann sagen wie mir’s war? – Ich komme die Treppen hoch, die zum Schloss führten, und war auch nach wenigen Schritten im Garten; – ich sah mich um, meine sehnsuchtvollen Augen suchten sie überall. Aber Anna war nicht zu finden. – Ich wartete, und wartete. – Die Sonne neigte sich schon dem Abend zu. Meine Hoffnungen, sie würde kommen, schwanden immer mehr. – Und vergebens, Johann, vergebens, wartete ich, sie kam nicht. – Es wurde kälter als die Nacht einbrach und ich stand da auf einmal zitternd. Mein Körper fröstelte, denn mich hielt immer noch fest die letzte Hoffnung am Platze, weil ich noch daran glaubte, dass sie kommen würde. – Der Nachtwächter, ich sah gar nicht nach der Uhr, trat irgendwann herein und bat mich den Garten zu verlassen. – Den Weg nach Hause, was habe ich nicht alles ausstehen müssen! – Es war ein Gang, ein qualvoller Gang. Mit tausend, tausend Adius verabschiedete ich Anna in meinem Herzen. Als ich Heim kam, legte ich mich zu Bett, die ganze Last der Enttäuschung lag mir schwer auf der Seele; und unter den bittersten Tränen, Johann, schlief ich ein, ich weiß nicht wann, und schwor mir noch zuvor, niemals mehr wieder einem Mädchen mich so leichtsinnig hinzugeben. –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

11

Sunday, January 15th 2012, 8:20pm

Brief

Johann, heute ist ein schwarzer Tag. Eben erzählte mir meine Mutter, unter den Tränen, dass meine Großmutter gestorben sei. Die Welt ist mir nicht mehr unter den Füßen, Johann. Tod, was heißt das? Was heißt das Wort? Was bedeutet es? Ich verstehe es nicht. Erst letztens besuchte ich sie mit Anna. Als wir ankamen, dachte Anna eine muntere Frau vorzufinden, und fand eine die an das Bett gefesselt war, die schon vorigen Winter geistig von uns gegangen ist. Meine Großmutter war mir immer am nächsten und jetzt sollte sie mir für immer verloren sein! – Jeden, jeden Tag bin ich zu ihr gegangen, seit dem sie schwer krank geworden; und ich musste zu sehen, wie immer weiter ihre Krankheit sie von mir entfernte; in den letzten Monaten wusste sie nicht mehr wer ich sei, sie sprach noch kaum, weil ihr Körper ganz schwach war, und in den letzten Tagen, da flüsterte sie nur noch, bis sie letztendlich ganz verstummte, und ihr Blick trostlos und leer war. – Nur einen kurzen Augenblick sah sie nach mir, und dazu brachte sie wohl ihre letzten Kräfte auf, als ich ihr Anna vorstellte. – Ein Staunen lag in dem Blick. – Dann verfiel sie wieder in ihre gewohnte Starre zurück. – Ich kann nicht an ihr Grab gehen, Johann, ohne dass bei dem Anblick des Sarges, und der Vorstellung, dass sie darin liegt, mein Herz ganz zerreißt. Der Tod, wo von ich keinen Begriff habe, und der sich meiner Einbildung immer entzieht, kehrt meine ganze Seele von Grund auf um. – Ich begreife einfach das Verschwinden von der Erde eines geliebten Menschen nicht! Siehst du, ich kann mich nicht an die Vorstellung gewöhnen, dass sie tot ist.– Ach, es lässt sich so einfach sagen, dass der geliebte Mensch, der gestorben, einem immer im Herzen sein wird, selbst nach dem Tod; das stimmt, Johann, aber die Tatsache ist doch, und das wird man sich im tiefsten Innern zugestehen müssen, dass man den Menschen immer unter den Lebenden sich wünschen würde, ohngeachtet aller Reden und Vernünfteleien, was man dagegen einwenden könnte, weil man nun mal des Menschen, den man von der Seele liebt, seine Gegenwart gewohnt war, und man sich nicht dem Lauf und dem Gesetz der Natur, dem Gedanken, dass der Mensch nun mal sterben muss, beugen will. Kann mir die Erkenntnis über die Vergänglichkeit des Menschen den Schmerz über den Verlust meiner Großmutter nehmen? Ich winde mich im tiefsten Kummer hin und her, und ich fühle keine Hoffnung, sehe nirgends Trost dabei, alles wird düster um mich her, als schlösse vor meinen Augen sich die Bühne durch den Vorhang mit dem Tod meiner Großmutter zu. Allein vielleicht können meine Tränen das ausdrücken was ich gerade leide.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

12

Thursday, January 19th 2012, 8:22pm

Brief

Die ganze Gesellschaft ist auf dem Friedhof, um meiner Großmutter die letzte Ehre zu erweisen. Ich mochte nicht hingehen. Du weißt, dass ich Beisetzungen bis auf den Tod hasse. Das verzeiht man mir nicht. Doch Johann, was sollen mir Gebräuche und Rituale? – wenn ich mich nach was ganz anderem sehne? Wenn die Menschen umher versammelt am Grab mit unzulänglicher Einbildung und mit Tränen in den Augen davor stehen, und in das dunkle tiefe, heraus gegrabene Loch der Erde hinabstarren, um von dem Menschen Abschied zu nehmen, der im Sarge liegend und Seil schnurrend herunter gesetzt wird, und das für immer; und dann unter Einzelnen das Denken, dass es ihnen ebenso eines Tages ergehen wird, dass der Tod kommen wird: Johann, wenn alle sich vor Angst und Schmerz schütteln, da kann ich nicht widerstehen, an das Wiedersehen zu denken. Ist das kein erhabener, ehrenvoller Gedanke, wenn ich meine Großmutter wieder zum Leben erwecken will, sei es nun als Geist oder sonst etwas? Johann, obwohl meine Absichten die Besten sind, kehren mir die Menschen ihren Rücken zu. Das ist verständlich, allzu menschlich. Wie soll ich auch meinen innigen Wunsch, meine Großmutter ins Leben zurückzurufen, einem Menschen nahebringen, dem ich alles was ich zu meiner Entschuldigung vorbringen könnte, wie ein spanisches Dorf vorkommen muss? –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

13

Saturday, January 21st 2012, 9:02pm

Ich habe mir die Freiheit genommen, Johann, mich von allen Pflichten auf ungewisse Zeit zu befreien. Ich drohte zu gehen, wenn man mir kein Gehör geschenkt hätte, ich drohte meinen Posten aufzugeben, wenn man mir nicht die Zeit gewährt hätte, die ich für mein Trauern benötige. Glücklicherweise hat man sie mir gegeben.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

14

Sunday, January 22nd 2012, 8:57pm

In meinem Herzen geht Anna umher und dieses Gefühl darin, das mich auf ihr Fehlen aufmerksam macht, raubt mir meine kostbare Zeit; zugleich leide ich meiner Großmutter wegen, und ich glaube, Johann, ich gehöre zu jener Sorte von Menschen, die das Schicksal an sich haben, oft nicht nur einen- sondern gleich doppelten Verlust tragen zu müssen. Doch! – warum soll’ ich in meinen Leiden herumrühren? – hat es je einem Menschen, der ganz mit seinen Gedanken in sein tobendes Inneres versank, irgendwie geholfen? Ist es nicht viel mehr so, dass die gedanklichen Beschäftigungen mit den Leiden unsere Kräfte zur Tat ganz lähmen, so dass wir vor einer zu bewältigenden Aufgabe, wirkungs– und tatenlos, stehen, die wir sonst in einem leidlosen Zustand ergriffen hätten? – Wenn ich schwach wäre, Johann, hätten die Leiden mein Herz schon lange überwältigt; ich würde als ein elendes Wrack enden, und würde nicht einmal begreifen, wie es über mich kam, aber ich wehre mich dagegen; wie ein Schiff auf dem Meer sich hält gegen die angreifenden Wellen eines wütenden Sturmes.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

15

Monday, January 23rd 2012, 9:57pm

Brief


Heute übergab mir ein Bote einen Brief. Ich brach ihn auf und las das Schreiben. Es stand meine Entlassung drin. Johann, wie ich diese Art niederträchtiger Menschen verachte, die hinterrücks ihre wahren Absichten verstecken, um meinen Abschied zu planen, und sie dann erst entdecken, wenn sie glauben einen günstigen Zeitpunkt zu haben. Ich war auch naiv genug zu glauben, dass diese kalten Leute mein Anliegen verstehen würden, und blind genug, dieser kleingeistigen Menschen ihrer ersten mündlichen Zusage zu vertrauten. Wenn’s so sein soll, dann soll es so sein. Es soll mich nicht mehr kümmern. Auch bin ich froh, dass ich dort weg bin. Denn, aus keinem andern als aus einem Grund hielt ich mich dort auf. Es strebt der Mensch sein ganzes Leben lang nach Geld, und hat er’s im Besitz, so sieht er nicht, dass er an einer anderen Stelle an Armut leidet. Johann, wenn sich all meine Sinne durch den Schmerz und die Traurigkeit bis auf den höchsten Grad anspannen, wie gering erscheint mir da der Wert des Geldes, und wie gering erst das alltägliche Bestreben eines jeden Menschen nach materiellem Wachstum. – Lieber, schau dir das arbeitsame Volk einmal an, wie es sich für die gehobene Klasse Menschen abarbeitet, damit es derjenigen angenehme, wie eigene eingeschränkte Existenz sichern kann, für dieses Gut, ihr Blut sowohl als auch ihre Freiheit opfert. Ach, Johann, wie glücklich fühle ich mich dagegen, wenn ich auf einer Wiese mich ausbreite, da gedankenlos in aller Stille liege, und meinen Blick gegen den Himmel richte, und ich dann die Wolken zählen kann, und ihnen mannigfaltige Bilder zudenken kann; und wenn ich dann mich umdrehe, meine Arme verschränke, und vor mir auf dem Erdboden zwischen all dem Gras die fleißigen Ameisen herumkrabbeln sehe, wie sie alle ihrem Wesen nach, drauf und dran sind, unermüdlich Nahrung zu sammeln, damit ein jeder von den Tausenden, sowohl der kleinste als auch der größte, einen Teil vom Gesammelten abbekommt. – Wie mich’s da oft im Herzen ergreift, Johann, wenn ich mir bei dem Anblick dieser kleinen Kreaturen denke, wie sie uns Menschen, in der Hinsicht wie man mit anderen teilen sollte, weit, weit voraus sind; und nicht nur einmal hab’ ich eine Träne wegen den Krabbeltierchen geweint; weil wir wiederum es diejenigen sind, die ihre Häuser zerstören, und über sie mit unseren Tritten gnadenlos hinweg gehen, als wären wir dem hoch gepriesenen Gottesebenbild keine Menschen sondern eiskalte Maschinen. –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

16

Tuesday, January 24th 2012, 9:32pm

Brief

Wie das Gleichgewicht der Waage eines Menschenlebens in nur wenigen Schritten umschlagen kann. Es ist als stünde ich wieder am Anfange meines Weges. All mein Gewinn des Lebens kommutierte gleich auf Null. Meine Zukunft begann doch so herrlich; und nun sollte ich alles verloren haben, nun sollte ich mit leeren Händen da stehen, von allen liebgewordenen Menschen, getrennt sein! Johann, und ohne das Fundament unter den Füßen zu haben, was für jede Menschexistenz notwendig ist, wie finster schaut mir da meine Zukunft jetzt aus. Ein trüber Kummer versperrt mir die Sicht auf Hoffnung. Weißt du was ich mir dachte, Johann, in einer stillen traurigen Stunde, als ich über die letzten Ereignisse nachsann, die mir nur Verluste einbrachten; weißt du was ich mir da dachte, als ich mir meine augenblickliche Lage und mein Ansinnen, meine Großmutter ins Leben zurückzuholen, in das Bewusstsein rief: warum den schwierigen Weg über den Okkultismus gehen, um Sie wieder zu sehen, mit der Gefahr obenauf, dass ich die Erkenntnis erlange, nach vielen fehlgeschlagenen praktischen Versuchen, dass diese Art Magie mit der Natur gar nicht zu vereinbaren ist; wenn es doch einen wesentlich, leichteren, kürzeren Weg gibt, den ich nehmen kann, der mich nur einen Griff nach dem Messer kostet? Wäre es den nicht dasselbe Wiedersehen, Johann, wenn ich einfach meine Welt verlasse und dafür ihre Welt betrete?

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

17

Thursday, January 26th 2012, 8:20pm

Brief

Hätte ich’s getan, Johann, so wäre ich nicht mehr da, und du würdest auch nicht mehr den Brief, der an dich gerichtet ist, zu lesen bekommen. Ich bin aber noch hier und es war viel mehr eine auflodernde angespannte Leidenschaft, die mich dazu verleitete über meinen Tod nachzudenken, als ein innerer echter Zweifel. Denn aus erster Ansicht kann schwerlich der Wunsch zum Sterben heranwachen und in die Tat geleitet werden, da sie vorübergehend ist; doch sehr wohl kann aus der zweiten Ansicht, der Wille zum Sterben sich immer fester in der Seele manifestieren. Der Mensch, der sich in solch’ einem Gefängnisse gesperrt fühlt, der sieht nicht die hoffnungsvollen Aussichten, die das Leben zu bieten hat, seinem Blick sind sie versperrt. Die Lage der Seele, die keine neue Nahrung, wie Freude und Glück erhält, verbleibt in dem starren Zustand stehen, die weiterhin durch fehlgeschlagene Hoffnungen und durch abgebrochne Pläne und Trennungen in der Unverändertheit bestärkt wird; und wie viel Entschlusskraft geben sie dem Menschen nicht, wenn diese Leiden um seine Sinne greifen, wenn alles Bedrückende seine Gedanken zu einem einzigen Gedanken hin konzentrieren, der zu ihm spricht: – ich will sterben – so dass letztendlich über seine Vernunft die Nacht einbricht, und er keinen Ausweg aus dieser Situation finden kann, als nach einem Weg zu suchen, der ihn von der ein und derselben grässlichen Empfindung befreien kann, die ihn vor den Freuden und allen andern Genüssen des Lebens zurückhält! Ich kann mich in den Zustand jener Menschen, die nur noch einen Schritt vor dem Abgrund stehen, die sich mit allen Nerven nach dem Tode sehnen, lebhaft hineindenken. Und sag’ du mir’s, stehe ich vielleicht nicht selbst vor diesem Abgrund? Wie viel Wahrheit, Johann, findet sich von demselben Sehnen in diesen hinabzustürzen in meiner eigenen Seele wieder?

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

18

Thursday, January 26th 2012, 8:25pm

Ich glaubte letztens hinter mir, wie ich durch den Wald spazierte, Anna gesehen zu haben. Was sind das für Täuschungen, Johann? Gewiss habe ich mir nur das eingebildet. Wie ich so weiter schritt, tiefer in den Wald hinein, hörte ich den Wind den Wald anfallen, und auf dem Boden, das Licht der Sonne, das kaum noch durchdrang, sah ich, wie es mit den Schatten herumtanzte. Da war’s mir so wohl dabei, ich dachte wahrlich an nichts und ich war so frei in mir.

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

19

Thursday, January 26th 2012, 8:26pm

Meine Liebe zu meiner Großmutter ist nicht auszusprechen. Und liegt es nicht in der Natur des Menschen, dass er alles für diese Liebe, alles Erdenkliche, zu tun versucht? So denke was du willst. Ich werde Mittel und Wege suchen, die es mir ermöglichen, sie wieder ins Leben zu rufen. –

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

Posts: 809 wcf.user.activityPoints: 5,365

Location: Saarbrücken

20

Thursday, January 26th 2012, 8:58pm

Es war ein regnerischer Tag. Ich war müßig und saß daheim. Es klopfte von einmal jemand an meine Tür. – Wer ist da? rief ich. – Nach einer Weile. – Ich bin’s Anna. – Ein unwiderstehliches Verlangen, das meine erste Empfindung war, trieb mich die Tür aufzumachen, und sie war es wirklich, sie stand da in Tränen aufgelöst. – Robert, sie rang um ihre Stimme, Robert, und sie sah mich mit den blauen Augen an, in denen ein Mitgefühl und ein zärtlicher Kummer lagen,Robert, ich war dort. – Wie? sagte ich. – Ich verstehe nicht. – Bei deiner Großmutter war ich. sagte sie. – Erklär’ dich endlich! rief ich. – An jenem Tag war ich dort, fing sie an, als man deine Großmutter beerdigte. Alle Menschen, denen sie von Bedeutung war, waren da, nur du Robert nicht. Ich habe die Leute untereinander nichts Gutes über dich flüstern hören, du würdest keinen Anstand besitzen, und ich habe zuhören müssen, wie ein jeder dich wegen dieses Vergehens nicht mehr unter seinen Augen sehen wollte. Ich habe allein und einzig am Grab um dich geweint, und habe das Geschwätz der Leute, wie sie dich suchten zu erniedrigen, ausgehalten. Ich habe, ich habe, fuhr sie fort, alles was man dir für Vorwürfe machte, und alles was über dich gelästert wurde, um deinetwegen gelitten. –Ich konnte ihr nichts sagen, mir war der Hals wie zugeschnürt. – Und deine Mutter. –sagte sie. Sie machte einen Halt als sie den Satz aussprechen wollte. – Nein, ich kann es dir nicht sagen. – Sag’ schon! – rief ich. Ihr kamen die Tränen in die Augen. – Bitte zwing’ mich nicht dazu. – Beende endlich was du angefangen hast. – rief ich. – Sie sagte, sie hätte keinen Sohn mehr. Sie sagte, sie hätte zugleich Mutter und Sohn verloren. – Ach, sie fühlte nicht, ich fühlte nicht, welch’ Barmherzigkeit es gewesen wäre, wenn sie mir das verschwiegen hätte, wenn ich nicht danach gedrängt hätte, dass sie es sagt. Den letzten Satz, den sie sagte, ging mir wie ein Messer durchs Herz. – Mir war’s wie einem, der gerade hingerichtet wurde. Sie nahm meine Wangen in ihre warmen Hände. – Bitte, Robert, komm' zu dir; ich, ich bin deinetwegen zurückgekommen, weil ich – weil ich dich – sie beugte sich nach vorne und küsste meinen Mund; in dieser süßen Wonne verging der Augenblick, die Welt mir und alles. –

Similar threads

wcf.user.socialbookmarks.titel