Wenn man so einen Dichter und Denker ist und in seinem aus Keks gehauenem Elfenbeintürmchen sitzt, bekommt man nicht viel davon mit, was da draußen in dieser kalten, rauen Welt geschieht. Das war einiges und das meiste besorgniserregend. Wir haben gelernt das Atomenergie nicht sicher ist, waren total überrascht, dass es im arabischen Raum Diktatoren gibt und mussten am Ende gar mit Verblüffung feststellen , dass wir uns nicht mal mehr auf das Geld verlassen können. Wenn man so ein Dichter und Denker ist, hat man einen entscheidenden Vorteil ohne das zynisch oder boshaft zu meinen: das alles ficht uns nicht an. Warum? Weil wir Dichter und Denker sind und man dichten und denken auch in der Hölle kann. Ich weiß, ich klinge dramatisch, aber ich bin ja auch ein Dichter und Denker. Was soll man über ein Jahr sagen, dass uns all die Dinge, die wir schon immer wussten, mit beständiger Hartneckigkeit um die Ohren schlug. Das wir uns was Vormachen, das unser Paradies eine vertrocknende Oase ist, dass wir aufhören müssen mit dem Scheiß.
Unter Dichtern und Denkern liest man Moralpredigten gar nicht gerne, die kann man in der Kirche haben oder in der ZEIT. Bitte nicht in Gedichten, das ist viel zu offensichtlich und schon gar nicht in einem Jahresrückblick den keiner braucht, weil wir ja Dichter und Denker sind und uns eh nicht scheren haben. Ich klinge ein bisschen zynisch und das hat wohl damit zu tun das mir die kritische Lyrik dieses Jahr, und da schließe ich mich selbst mit ein, zu kurz gekommen ist. Wer bin ich anderen vorzuschreiben, was sie zu schreiben haben, wer bin ich zu glauben die wichtigen Themen erfassen zu können? Versteht mich nicht falsch, meinem lieben Dichter und Denker, ich wünsche mir keine Auferstehung der modernen Sachlichkeit, keine Reinkarnation Bertholt Brechts, keinen Eric Fried zurück, und auch keine Verwandlung der Lyrik in kritischen Hip Hop oder Punk. Das wir Dichter und Denker sind und uns die Außenwelt mit ihrem ganzen Dreck aber auch ihren ganzen Druck zumindest hier in den wenigen Minuten oder Stunden, die wir am Tag hier rasten, sekundär interessiert, finde ich ja eigentlich völlig ok, aber es ist doch schon arg auffällig, dass gerade in einem Jahr wie diesem, die interessantesten und tiefgründigsten Werke, die auf dieser Seite veröffentlicht wurden, Texte waren, die sich vor allem mit dem Innenleben beschäftigten. So zumindest habe ich es wahrgenommen. Und wir hatten schöne Texte, allein bei den drei Wettbewerben. ( Drei Wettbewerbe, dass war Rekord für uns, nun mal so nebenbei)
Der Begriffewettstreit hatte mir besonders Freude bereitet, weil es die Vorstellungswelt so schön eröffnet, von völlig willkürlichen Wörtern gelenkt zu werden. „Mein Garten“ von MOE war da mein Favorit, auch so ein philosophisches Ding und Alexa „Zeitgeist“ hat gewonnen, dieses difuse, elfenbeinerne Wortspiel mit dem so geschickt unpassenden Namen, dass man immer wieder lesen wollte und nicht wusste warum. Gar nicht meins und doch faszinierend, Alexa eben

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Toll auch der zweite Wettbewerb den Erik so fulminant moderiert hat, mit diesem provokant nebensächlichem Thema, als stünde die Welt nicht auf dem Kopf oder gerade doch und das Schlimmste daran wäre das schlechte Wetter!
Ein ganzer Wettbewerb über einen Sommer der keiner war, viel sinnbildlicher könnten wir hier nicht werden. Tolle Texte auch da und so viele, über 30. Mein Favorit diesmal tatsächlich Alexa mit „Kullerball“, so einfach, so präzise, toll. Und dann wieder gar nichts über die Weltpolitik, nicht in einem einzigen Gedicht und knapp davor hatte man Osama abgeschossen, in Ostafrika war die Dürre und Tephlon hatte die Umweltpolitik unseres Landes für immer verändert. Und was mach ich? Ich schreibe Gedichte über ein Liebespärchen und mit Hazel über einen König mit einer Wettermaschine

. Oh lasst uns gar nicht über das Finale reden, wer mich kennt, weiß, was für eine schlechter Verlierer ich bin.
Bleiben wir lieber bei Hazel, für mich der Held dieses Gedichteforen-Jahres. Er war glücklicherweise dumm genug, bei uns Moderator zu werden und dann auch noch so idealistisch, gleich als erstes einen Wettbewerb auszutragen. Unseren Dritten und den mit Abstand größten.
Ein tolles Ding, der beste Wettbewerb seit langem meiner Meinung nach, weil nicht nur einen orginales Thema hatte, sondern auch mal wieder Durchhaltevermögen und spontane Kreativität forderte. Sieben Etappen, sieben Orte der Welt, sieben Aufgaben und alle super spannend. Vielen Dank dafür an Hazel im Namen des Gedichteforen-Teams und auch ganz persönlich von mir.
Drei weitere Personen sind mir im Rahmen dieses Wettbewerbs ebenfalls endlich mal aufgefallen. In Internetdichterjahren bin ich 100 Jahre alt und sehe nicht mehr so gut und das brauchte schon sieben Etappen, damit ich endlich mal erkenne, was für interessante Dichter Jule und Rivus, aber auch Thamea sind. Bei Eric wusste ich das schon, den muss ich ihn nicht mehr erwähnen und zu Raul schreibe ich ja immer mal wieder was.
Aber gerade Rivus, den ich sonst immer meide wie der Teufel das Weihwasser, weil wir unterschiedlichere Dichter kaum sein könnten, hat mich mit seinen stets originellen Bildern und seinen frischen Ansätzen beeindruckt. Wäre Hazel kein heimlicher Traditionalist und hätte mir in der sechsten Runde nicht dieses unglaubliche Heimspiel in Rom beschert, Rivus, wäre als verdienter Sieger aus diesem Wettstreit herausgegangen. Zeitgeschehen Fehlanzeige, aber tolle Texte bei diesem Wettbewerb, von allen eigentlich.
Und so schließe ich mit zwei Erkenntnissen und einem frommen Wunsch dieses Jahr:
1. Dass die Welt noch steht, trotz allem und der Keksboden auch nächstes Jahr noch halten wird.
2. Dass wir zwar eine kleine Gemeinde sind aber unsere Wettbewerbe ihres gleichen suchen und wir wenigen an der Zahl doch einiges zu sagen haben.
3. Und hier kommt der fromme Wunsch: Dass wir uns im nächsten Jahr trauen unsere ganze Dichter- und Denkerichkeit etwas mehr zu benutzen, um zu kommentieren, was da draußen eigentlich vor sich geht. Wir haben eine Sprache, wir wissen wie man mit Worten umzugehen hat und wir können wie wenige die Tiefe eines Gedankens erfassen. Warum sollten wir die Kommentierung dieser Welt den Heidis und Sidos und der Bildzeitung überlassen. Wie es bei uns zuhause aussieht weiß nun jeder, nächstes Jahr, das wünsche ich mir fest, ist die Straße dran.
Es wird wieder Wettbewerbe geben, zwei Mindestens, das kann ich jetzt schon versprechen, oder zumindest Veranstaltungen irgendeiner Art und wenn es nach mir geht wird es politischer, darauf könnt ihr euch schon mal gefasst machen
In diesem Sinne wünscht euch das Gedichteforenteam einen guten Rutsch in ein bestimmt wundervolles Jahr
Es grüßt
Marot
im Namen von gedichteforen.de