Großraum Leben
Die Finger fühlen sich entlang der Klaviatur warm an. Der Kopf ist über den Flügel gebeugt. Der Frack nimmt sich durch einen eleganten Schlitz vornehm aus. Ein weißes Hemd nimmt Platz in diesem kleinen Dreieck. Die Komposition steht noch bevor. Die Zuschauer werden noch kommen, denken die Eltern. Wie elegant er da schon sitzt mit seinen zehn Jahren. Die Marionette, die sie geboren haben, taugt sonst zu nichts. Die Wiege ist sehr groß, der Vater ein begnadeter Pianist, die Mutter erfolgreiche Opernsängerin. Glücklich sind sie nicht. Der Junge soll es einmal besser haben.
Der Junge ist ein etwas pausbackener Bub mit schwarzen Haaren voller Gel. Schön anzusehen in der klassischen Galerie der Eltern. Er sitzt als Wunderknabe stundenlang allein vor dem Flügel und übt. Fliegen lernt er dabei nicht, denn die Tastatur kettet ihn an einen kleinen Hocker aus Edelholz im Musizierzimmer. Der Hocker ist von einem berühmten Künstler geschnitzt worden. Der Junge muss vorerst noch ohne Publikum auskommen und lernt die Einsamkeit des Genies früh kennen. Die Eltern auf Reisen lassen es ihm an nichts fehlen. Zu besonderen Tagen, etwa dreimal im Jahr, findet die Ausstellung ihres Sohnes im illustren Kreis von Freunden statt. Die Fotos sind für die Ewigkeit. Alljährlich bescheinigt man ihm Talent. Reden hört man den Jungen nie, nur die Eltern.
Die Augen sind für die Noten da. Die Privatschule vergibt diese nach Herkunft. Ihr Junge bleibt er bis zum achtzehnten Lebensjahr. Danach wird er von ihnen endlich Jüngling genannt, was eine Entwicklung verspricht. Der Flügel bleibt ihm. Seine Körperhaltung ist längst auf das Klavier dressiert. Er steht nicht gerne lange. Das Publikum klatscht tobenden Beifall. Von Kritikern wird er noch mit achtzehn Jahren ein Wunderkind genannt. Die internationalen Schauplätze der Musik sind ihm danach sicher. Er bereist wie seine Eltern fremde Orte und Welten, die er ohne Flügel nie kennen gelernt hätte. Seine Eltern sind weiter stolz auf ihn, was sie miteinander nicht glücklicher macht. Als er den Schatten des Vaters nach zwei weiteren erfolgreichen Jahren übertritt, ist das Spiel aus.
Eines Abends sieht Pariser Hotelpersonal ihn betrunken über den Flügel gebeugt. Grüne Kotze überdeckt die weißen Tasten des Klaviers. Sein Frack ist übersät von Sprenkelattacken. Am nächsten Tag verlässt der Junge schweigend das Hotel. Er atmet die Luft des Flughafens ein, nimmt an der rechten Fensterseite Platz und fixiert die Tragflächen, die im Auftrieb ihre ganze Spannweite entfalten. Der Mann beschließt die nächsten Tage zu fliegen. Er checkt die nächsten Tage aus und ein. Manche Menschen erkennen ihn im Flugzeug, trauen sich aber nicht, ihn anzusprechen. Eine Zeitung berichtet vom Vorfall im Pariser Hotel. Seine Geschichte reist mit. Aber den Jungen hat er jetzt am Klavier gelassen. Im Pariser Hotel.
Als er in Hamburg wenige Wochen später Janine kennen lernt, spricht er schon eine andere Sprache. Janine ist von seiner Musik leider so fasziniert, dass sie mit ihm auf einem Klavier Sex haben möchte. Sie besteht darauf, und er…er willigt ein, weil es für ihn das erste Mal sein soll. Sie brechen nachts in ein Klaviergeschäft ein und ziehen sich aus. Seine Finger spielen an ihren schönen Brüsten Dur. Ganz lassen kann er es in Gedanken nicht. Sie stöhnt in Vorfreude und findet es anregend, von diesem Musikhelden gleich auf dem Piano durchgevögelt zu werden. Sein Glied erschlafft bei der mahnenden Stimme der Mutter, die er nun hinter sich hört. Er will im Takt bleiben, kann nicht, lässt ab von Janine. Die verlässt wortlos das Geschäft. Am nächsten Tag findet man den Jungen tot auf dem Klavier. Er sollte einmal für die Ewigkeit spielen.