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rivus

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Occupation: Nachtschwärmer

1

Tuesday, December 27th 2011, 10:49am

An Janus

Hannas Leinen
Kahlblut unterm Fleischerhemd
die Füße in Bautzen
mir aufgedrückt

Blaukerben
und Pinselschmisse
Ich weiß von Dir
dir aufgedrückt

das Mutterlose der Vaterlosen
verspricht sich
flößende Huren
Souffleusen
die nichts erinnern

Raul

Master

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2

Tuesday, December 27th 2011, 1:37pm

Hallo rivus,

wieder ein verdammt anspruchsvoller Text. Ich erkenne den doppelköpfigen Janus mit mutterlosen und vaterlosen Menschen, aber durch Hanna auch eine weibliche Gestalt im Ursprung deines Textes. Allein die Verbindung ist ein Rätsel, wobei Bautzen für eines der schlimmsten Gefängnisse der DDR steht. Die Souffleusen sind jedenfalls nach meiner Lesart systemgetreue Zuflüsterer, und die Vaterlosen wohl ohne Herz. Janus kann auch für den Wendehals stehen, der Menschen beschreibt, die sich jedem System anpassen können. Marke Egon Krenz. Möglicherweise ist hier die heute noch im Osten weit verbreitete Ausblendung der ostdeutschen Unrechtsgeschichte dein Hauptmotiv gewesen. Vielleicht liege ich aber auch total falsch. Huren und Souffleusen - da hakt es bei mir ein wenig in der Verbindung, obgleich man beiden Begriffen eine theatralische Rolle zuschreiben könnte, die dem Beruf nach Unterhaltung (in diesem Fall stärker die männliche Unterhaltung) produzieren. Zumindest für den ein oder anderen Mann. Ich habe jetzt einmal laut nachgedacht, obgleich ich weiß, dass mein Interpretationsansatz noch nicht schlüssig ist. Aber der Text fesselt mich...., und ich finde ihn gut, ohne ihn richtig zu verstehen...wie so häufig bei deinen Texten, rivus, die im Stakkato wortgewaltige Brocken mit sich führen, die wirklich zum Nachdenken anregen...so viel vorerst von mir...

LG

Raul

rivus

Professional

Date of registration: Nov 17th 2008

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Location: Branitz

Occupation: Nachtschwärmer

3

Wednesday, December 28th 2011, 12:24am

hallo raul.
danke für deine feine annäherung. du bist auf der richtigen fährte. es ist die fährte hannas. mehr kann ich dazu nicht sagen, denn der text steht genau dafür; für das unrechtssytem einer gesellschaft, die das heute - größtenteils - so nicht mehr wahr haben will.


lg
rivus


p.s.: hier lieber raul, mal noch ein paar intentionelle erklärungen, die ich zu diesem text, besonders zu bestimmten textstellen, in einem andren forum, schon formulierte und dir vielleicht einige offene fragen beantworten können:


die wiederholungen "mir aufgedrückt / dir aufgedrückt" sollen aber auch das einfache, reduzierte menschenbild widerspiegeln, mit dem das system gearbeitet hat und es menschen aufdrückte, so wie es der sed-obrigkeit passte. nur verkomplizierten sich dadurch lebenswege. es entstanden jedoch, vom regime ungewollt, auch interessante autobiographische psychogramme, die jungen suchenden menschen, die ein brüchiges mutterland, vaterland hatten, etwas aufdrückten, wie das mutterlose vaterlose, ein besonders janusköpfiges schwergewicht, welches in politishcen gefängnissen, in heimen für schwer erziehbare, getrennt von biologischen vätern und müttern, getrennt auch von der ersten liebe, sich in die seelen einfräste.

im text erste strophe ist das schicksal hannas einem lyrich aufgedrückt worden, das diesen verlust, aber auch die verletzungen am lyrdu, auch später, in der begegnung, nochmal erfahren, mitfühlen muss ... und in der zweiten strophe, mit den verarbeitungsversuchen des lyrdu konfrontiert, im empathischen feedback, wird es nochmal, doppelt schwer, sozusagen janusschwer, lyrichlyrduretraumatisierend, hanna aufgedrückt.

die dritte strophe synthetisiert das mutterlose der vaterlosen der alten und neuen beziehung, des alten & neuen lyrich- & lyrduselbst, die ungestillten, vulneralisierten, ja stigmatisierten sehnsüchte, indes die gewendete gesellschaft, dies alles so, nicht mehr wahrhaben will.


das mutterlose der vaterlosen macht den januskopf, der sich sowohl im begegnen von lyrich-lyrdu auch aktuell noch aufbaut, als auch im begegnen mit den schatten der andren, je nach begebenheit, ab- oder zuwendet, verspricht (ein andres sein) oder sich verspricht, indem es sich im rollenspiel offenbart ...


ich weiß von Dir/dir aufgedrückt ... in meiner assoziationsweise soll die dopplung dir/dir die besondere doppellast des lyrdu ausdrücken, das nun auch mit den eindrücken und dem wissen von seelischen lyrdu-interna des lyrich klar kommen muss ....

Babac

Master

Date of registration: Feb 5th 2007

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Location: Saarbrücken

4

Wednesday, December 28th 2011, 9:17am

lieber rivus,

da jeder einzelne verse kein baustein für ein gesamtbild ist, sondern vielmehr ein selbstständiges bild in sich trägt, oder eine eigene interpreation hat, ist's mir bis heute noch schwer, deine gedichte auszuleuchten. wenn es sich hier um die sed und ddr handelt, und den doppelköpfigen janus, der die früheren sedmitglieder heute kennzeichen soll: da bin ich ganz deiner meinung. wegen hanna, und welche rolle sie spielt, da muss ich mir meine gedanken noch machen.
grüße,
babac

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