Die Kindheit
Ich. Früher hatte ich immer einen Himmel über mir, einen eigenen Himmel, und wenn ich wollte, dann nahm der Himmel neue Farben, neue Wetter und neue Reichweiten an, und ich konnte mir so viele Wetter bilden, die nie jemand irgendwann gesehen hatte. Und ich spürte dann immer unerklärliche Momente, wie ein perlender Wind aus Musik durch das Herbstlaub ging, welches das letzte Mal Licht einatmete, wie im donnernden Mondschein warmer Nächte schöne Regenbögen spielten. Ich spürte, wie ein Sturm traurige Flüsse mit Lachen füllte und sie überschwemmten, und wie ein schmorender Abendregenglanz aus den üppigen Wolken drang. Oft fand die Sonne den Tag furchtbar langweilig und loderte ein schlaftrunkenes Lied. Die Nacht empfing sie mit einem Zauber.
Erst später war mir klar geworden, dass dieser Himmel nicht meine Zuflucht war. Ich war die Zuflucht für ihn. Ich war es, in dem er wüten, spielen und schmoren konnte. Ich war es, in dem der Wind in alle Richtungen erklingen konnte, für mich war Musik eben genauso ein Wetter wie nebliges Morgentröpfeln. Und all die Wolken, die sich bildeten, kamen nur, wenn ich traurig war und innerlich weinen wollte. Und war es nicht ich, dem die Sonne strahlte, und dem all die Sterne schimmerten? Aber ich wollte nicht als Zuflucht dienen, ich war doch selber auf der Suche nach Zuflucht! Ich war doch nur Mensch, und vielmehr wollte ich eine Zuflucht für mich finden als allein zu sein. Und so verließ ich meinen Himmel, der nicht meine Zuflucht war.
Ich fand eine neue Zuflucht, meinen neuen Himmel, vielleicht ein bisschen unfreiwillig, aber da ich nun einmal lange suchen musste, fühlte es sich gut an. Zuerst war der Himmel voller Aufgaben. Und ich versuchte, sie zu mögen und neuen, kreativen Spaß zu bekommen. Aber die Aufgaben wurden unerschöpflicher, und ich kam aus der Balance. Ich verlor meine Zeit und Langsamkeit, irgendwo zwischen Erwartungen und Problemen, in denen ich mich selbst mit aller Sorgfalt auf den Beinen hielt. Es ging nur noch um meine Einstellung, sagte man mir eifrig aber beiläufig. Ich kannte die gar nicht. Aber sie machte von dort an mein Wetter, und so lebte ich in diesem Wetter immer weiter. Ich konnte mich ja mich nicht beklagen, denn wo waren nur all diese Stimmungen hin?
Irgendwann heftete ich meinen Blick nur noch nach unten. Ich konnte nicht anders. Es gab nur noch einen Boden, meine Balance war verbraucht und ich konnte nicht mehr. Ich befleckte ihn mit ein paar Tränen, aber ohne Wirkung. Ich war nie die Zuflucht für ihn.
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft