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Babac

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Saturday, December 10th 2011, 8:40pm

10.12 -

Heute begegnete ich einer alten Frau. Ich kannte sie aber schon. Als sie mich dann sah, kam sie zu mir, und begrüßte mich, während sie ein Lächeln machte. Ich grüßte sie zurück und sagte, dass ich sie jetzt schon länger nicht gesehen hätte. Sie machte einen tiefen Seufzer. – Junger Mann, ich lag die ganze Zeit im Krankenbett und konnte nicht kommen. – Ich war neugierig zu erfahren, warum? – Ich hatte einen Herzinfarkt, – sagte sie im Anflug einer Traurigkeit – als ich meine Medikamente holen wollte. Da ist es ganz plötzlich um mich geschehen. Ich fiel zu Boden und, Gott sei Dank, ich ging in die Stadt bevor es geschah, Menschen waren um mich, die zu dem Zeitpunkt gleich den Arzt gerufen haben; und wäre ich Daheim umgefallen, wo sonst niemand außer mir ist, sie können sich es denken, ich wäre tot gewesen. Zum Glück ging ich in die Stadt. – Ich lag, fuhr sie fort in der Erzählung, ich lag sechs Tage in der Krankenstation, ohne bei Bewusstsein. Eine alte Freundin, die jeden Tag an meiner Seite stand und am Bett über meinen Zustand wachte, sagte zu ihrem Mann, der sich auch später einfand, dass wenn ich nicht am sechsten Tag aufwachen sollte, man mich gewiss an den Tod verlieren würde. Doch ich wachte auf am sechsten Tag. – sagte sie. – Ein Gefühl von Leichtigkeit flog über ihre Lippen. Ein Lächeln kam hinzu. Dann verfiel sie auf einmal in eine traurige Stimmung wieder, wie ich’s an ihren Augen merkte. – Ich weiß nicht was alles, fing sie mit einem bedrückenden Ton in der Stimme zu erzählen, ich weiß nicht was alles die Ärzte an meinem Herzen gemacht haben. Sechs Bypässe haben sie mir ans Herz gelegt. An dem Brustkorb ist eine lange Narbe zu erkennen, die von dem senkrechten Schnitt, den der Arzt bei der Operation gemacht, verursacht worden. – Mir ging bei dem Gedanken dieses heiklen Eingriffs ein Schauer über den Rücken. Und wie sie dann tiefer in das Thema kam, von Schleuschen und Metallplatten ausdrücklich sprach, die sie nun im Körper hätte und ihr bösen Ärger bei jeden lebhaften Lachen machen würden; unterbrach ich sie, bestimmt aber nicht unverschämt, weil mir’s unangenehm wurde, darüber zu sprechen, und stellte ihr die Frage, ob sie den nicht etwas gesehen hätte, als sie die sechs Tage im Bett lag und bewusstlos war? – Es gab nur die Dunkelheit dort, sagte sie, während sie nachdachte, aber alles darin war so friedlich und ruhig. Ich wollte bleiben, und wollte nicht wieder zurück gehen. Ich stand auch später in einem grellen Licht, sagte sie, aber es tat sich in dem Raum nichts weiter dann. Ich frage mich, warum ich wieder aufgewacht bin? Mir war es so wohl dort. – Der liebe Gott, fiel ich ein, hat vielleicht ihrem verstorbenen Mann die Freiheit erlaubt, dass er mit seiner Hand nach ihrem Herzen greifen kann, um sie an seine Seite, zu sich zu holen. (Ihr Ehemann ist an Herzversagen vor zwanzig Jahren verstorben, das wusste ich aus einem Gespräch vorher.) – Du hättest die Freude in den Augen der Frau sehen sollen, um selbst in der eigenen Seele zu erfahren, was für eine sanfte heilige Bewegung mein Gedanke in ihrem Innern ausgelöst hatte; und wie ich sie dann so in dem Reich der mystischen Welten ganz Gedanken versunken sah, in ihrem Augapfel eine stille Betrachtung über den romantischen Gegenstand lag, der eben zur Aussprache kam, der an ihrem Geist nun wie ein Klebstreifen hing, und ihr keine weitere Ruhe ließ, als bis dieser sich tief in ihre Seele eingegraben hatte, um in allen Winkeln der Seele, als heilende Kraft zu wirken. – Ich werde meinen Mann wiedersehen. – sagte sie. – Ich bin davon überzeugt. – im nächsten Leben wieder sehen. – Mein Lieber, ich sage dir, ich habe noch in keinem Auge die Hoffnung eines Menschen so stark sich an einen Glauben festhalten gesehen; wie sie das sagte, in der festen Überzeugung, als bestünde kein Zweifel daran – ich war überrascht und erstaunt – eine solch’ aufrichtige Annahme aus dem Mund einer alten Frau zu hören, die für keine andere als diese Vorstellung den verbleibenden Rest ihres Lebens zu opfern bereit war. – Ich nahm ihre Hand in meine, und der sanfte Druck, den ich machte, sagte alles aus. – Ich las ungeheuere Dankbarkeit in ihren Augen, während sie mich stillschweigend ansah, bevor sie von mir ging.
Warum ich dir das wohl erzähle, fragst du mich? Weil mir durch den Geist ständig während des Gesprächs mit der Frau der Gedanke beschäftigte, dass wir so einfach morgen oder übermorgen oder überübermorgen, so ganz ahnungslos, im nächsten Augenblick, nicht mehr sein könnten. Mein Freund, ich lege meine Hand an meine Brust und horche nach meinem Herzen, wie es schlägt. Da drin, ja da drin, ist alles enthalten, was den Menschen ausmacht. Aus demselben Quell entspringen die Leiden und Freuden. Wir können uns alle weiß machen, wenn wir sagen: wir sind es! – oder ich bin es! – und wenn doch alles Bewusste ein unbewusster Akt ist, wie können wir dann behaupten, dass wir sind? Was mir noch vorschwebt zu sagen, ist, dass ich die Zeit nicht begreife, und das Wort; Gegenwart es eigentlich nicht geben dürfte. Sieh’ nur, wie jede Sekunde nach der anderen flieht, und merke einmal auf, mein Freund, ohne die Achseln zu zucken, wie viele Jahre, seit dem du geboren bist, schon vergangen sind. Einen Wurm möchte ich mich nennen, wenn ich glaube mit einem bloßen Gedanken, all meine Lebensjahre, einsammeln zu können. Sieh’ nur, was uns geblieben ist, nach all, all den Jahren, die wir gelebt haben – bloß wenige scharfe Erinnerungen – und einige die unklar in der Seele herumschwimmen. Und du willst das, als ein ganzes Dasein eines Menschen nennen? – wenn wir ein paar Sätze, bestimmte Szenen aus einem ganzen verlebten Jahrzehnt, zusammenfassen, glauben wir dadurch, einander verstanden zu haben. Mein Lieber, wir sind wie Blumen, um deren Krone ständig neue Blüten wachen und täglich alte fallen, wie eine Margerite mehr Blüten als ein Veilchen besitzt, so ist es nicht anders mit dem Menschen ihren Erinnerungen. Nun mal sind wir so gemacht, und darein müssen wir uns resignieren, dass wir wie Kinder auf dem Erdboden herumlaufen, und nicht wissen und noch es können, woher wir kommen und wohin wir gehen. – und wenn wir’s wissen könnten, wäre diese große und letzte Erkenntnis, wie alle anderen Erkenntnisse, die wir machen, für unsere Seele greifbar, wenn sie bloß wie ein Gegenstand unantastbar auf dem Wasser sich spiegeln würde? – Ist nicht das ganze Leben eines Menschen vielleicht bloß ein Meer von spiegelnden Bildern, in dem man nur einen Stein reinzuwerfen braucht, damit alles durch die Wellen unkenntlich verschwimmt? Es ist genauso mit dem Wissen, dass man als Mensch eines Tages sterben wird. Aber begreift man das? – oder tröstet man sich nur einfach, dass man sich sagt, es ist noch lange bis dahin? Lange willst du das nennen? – Es ist nur ein Sprung, den wir nicht mal wahrnehmen. –

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