Asphaltierte Tagadern
Hupen. Schreien. Bremsen. Laufen. Schwitzen. Stehen. Warten. Ruckeln. Festhalten. Schweigen. Riechen. Denken. Planen. Schauen. Passieren lassen. Sitzen dürfen. Aufrücken müssen. Rücksichten. Aussteigen. Endlich.
Der Stadtbus fährt weiter. Er hat mein Hirn in eine weiche Masse verwandelt, durch unregelmäßige Bewegungen seinen Standort erschüttert. Die Hauptverkehrsstraße, an der ich nun entlang gehe, füllt die letzten Lücken meiner sinnlichen Ohrtung. Ich verstehe die Stadt nicht, weil ihre Sprache ohne Punkte auskommen muss. Alles fließt ohne Halt. Als ich endlich Herbert sehe, denke ich, meinen Rettungsanker gesichtet zu haben. Ich gehe davon aus, dass wir zur Lagebesprechung zunächst einmal in ein ruhiges Café am Theodor-Heuss-Ring gehen. Herbert jedoch zeigt mir an, dass wir direkt zum Objekt müssen. Wir sind gerade dabei, Köln neu zu erfinden. Ich steige in sein Auto. Wir fahren den halben Weg wieder zurück, und ich ärgere mich darüber. Der Berufsverkehr hätte nebenbei einen Staubsauger verdient, aber noch unterscheiden wir zwischen Menschen und Dreck. Herbert will reden, aber ich sitze schweigsam auf dem Beifahrersitz und muss mich bei seiner Fahrweise fast übergeben.
„Jan, alles klar?“
„Herbert, du fährst, als hättest du Hämorrhoiden.“
Endlich sind wir da. Die Loft-Wohnungen, die wir planen, sollen aufstrebende Jungunternehmer anziehen. Was andernorts in ehemaligen Arbeitervierteln stattfindet, muss hier in einem alten Schlachthof hochgezogen werden. Neben uns ertönt ein Presslufthammer und schneidet uns jedes Wort ab. Unser Auftraggeber ist unpünktlich und fertigt uns innerhalb weniger Minuten mit mehr oder weniger klaren Anweisungen ab.
„Das Projekt muss gut werden, preiswert und schnell fertig sein.“
Als er verschwindet, setzt der Presslufthammer von neuem an. Über uns dreht ein Flugzeug zum Landeanflug. Bei uns eine Straße, in der nun ein Müllwagen seine Runde dreht. Männer, die mit Kopfhörern jede Bewegung einstudiert haben und sich im Rhythmus ihres Alltags wohl fühlen. Herbert und ich fahren in unser Büro mit schalldichten Fenstern. Ich atme auf. Wir arbeiten uns an ein paar Entwürfen ab, telefonieren und sind gegen Mittag auf einer anderen Baustelle.
Während Herbert redet, beobachte ich meine Umgebung. Es beginnt zu regnen. Die Stadt ist nun eingetaucht in kunterbunte Regenschirme, die kreuz und quer den Heumarkt passieren. Schaufenster verkommen zu Statisten. Ich bekomme einen Stoß in die Rippen, nicke eine Skizze ab und schaue wieder zu der Passage. Die Bewegungen der Menschen haben einen Gang zugelegt, als sei ausgerechnet dieser Regen schädlich. Ich lache und wende mich wieder Herbert zu, der mit mir abmessen möchte, ob die Abstände zum Gehsteig eingehalten worden sind. Das sind sie, und deswegen beschließen, wir erst einmal Mittag zu machen. Ich hasse es, wie Herbert Döner isst, trotzdem ist mir danach. Als wir in einem Grill sitzen, an unseren türkischen Burgern essen, höre ich schon das hektische Schmatzen meines getriebenen Arbeitskollegen. Der Bahnverkehr in der Nähe ist glücklicherweise etwas lauter, ändert aber nichts an meinem Gedanken, dass Herbert Zeit frisst, nicht Lebensmittel.
„Herbert, hör mal zu! Was gefällt dir an der Stadt?“
„Hmm, an jeder Ecke 'nen Döner!“
„Ne, darüber hinaus?“
„Die Arbeit, die Menschen. Alles pulsiert eben.“
Ich nicke, bin aber nicht zufrieden mit diesen Antworten, die immer kommen. Am Nachmittag überprüfen wir eine dritte Baustelle, ein kleineres Projekt, bei dem es um den Umbau alter Lagerhallen zu Wohncontainern geht. Mit dem Feierabend steige ich wieder in meinen Bus ein. Hupen. Schreien. Bremsen. Laufen. Schwitzen. Stehen. Warten. Ruckeln. Festhalten. Schweigen. Riechen. Denken. Planen. Schauen. Passieren lassen. Sitzen dürfen. Aufrücken müssen. Rücksichten. Aussteigen. Endlich.
Als ich vor meinem Wohnblock aussteige, sehe ich in der ersten Dämmerung zarte Lichtstreifen am Horizont. Ich höre Stimmen, Musik und Geschrei, aber mit der eintretenden Dunkelheit ist alles anders. Zu den Geräuschen fehlen Gesichter. Ich bin entspannt. Im Block treffe ich im Flur Anja mit ihrem Kind an, helfe ihr mit dem sperrigen Kinderwagen und verabschiede sie anschließend. Im zweiten Stock sehe ich Oma Böcking, wie sie mit ihren achtzig Jahren den Flur wischt. Ich gebe ihr eine großzügige Umarmung und lade sie zum Sonntagskaffee ein. Ein erstes Bier am Abend löst beinahe Euphorie aus. Ich frage mich, warum mich diese Stadt nicht loslässt, ich sie nicht loslasse. Weiß es.
Später schaut Beate bei mir vorbei, und wir bewundern aus dem achten Stock den Kölner Abendhimmel im Spätsommer. Wir kommen uns erhaben vor, wie eine schwebende Skyline, die in ihrer Höhe die größtmögliche Freiheit markiert und ihre Waagerechte hält. Vielleicht sind wir noch freier, aber das ist’s vielleicht, warum man diesen täglichen Staub und diese tägliche Geräuschkulisse einer Stadt aushält. Jeden Tag sehen wir unendlich viele Menschen und unendlich viele Kulturen. Dafür gibt es ziemlich viel Frieden, denke ich, denken wir. Beate bleibt über Nacht, was uns zu einem hervorragenden Sex verhilft. Morgens sehe ich sie noch mit einem Schlüpfer durch meine kleine Wohnung rennen, während ich mir überlege, ob ich sie nun ganz lieben muss oder nur neunundneunzig Prozent. Dann verlässt sie das Haus, und ich sehe sie vor meinen Augen, wie sie das Treppenhaus hinunter geht, der neugierigen Frau Böcking ein Lächeln zuwirft und unten dann in den Betonarmen der Stadt verschwindet. Ich schaue auf die Uhr und erschrecke, weil ich auch aufstehen muss. Herbert will mir noch neue Vorschläge zur Finanzierung des Stadtpavillons zeigen. Im Bad höre ich das laute Quietschen des Busses. Und die üblichen Schreie der Schulkinder, die sich an die Türscheiben quetschen, um die besten Plätze zu ergattern. Gleich wird mich dieser Bus auch wieder aufnehmen, mich stehen sehen, weil ältere Leute vor ihrem morgendlichen Arztgang sitzen müssen und ich ihnen als junger Kerl nicht die Plätze streitig machen will. Ich ziehe mich gedankenverloren an, höre draußen einen Krankenwagen, der mindestens einmal die Woche dieser Ecke einen Besuch abstattet und esse ein Brot. Draußen sehe ich, dass es an der Bushaltestelle einen Unfall gegeben hat und trete näher. Die Polizei ist bereits eingetroffen, drängt die Schaulustigen ab, aber ich erkenne schon von weitem, dass da hinten Beate liegt. Sie wird in den Notarztwagen abtransportiert, und mein Herz beginnt zu rasen.
Stunden später erfahre ich, dass Beate an den Folgen der Kopfverletzung gestorben ist. Ich verlasse das Krankenhaus, entschuldige mich bei Herbert und gehe an den Ort zurück, an dem auch ich immer einsteige. Ich sehe Beate da liegen, sehe mich da liegen, aber der nächste Bus kommt schon und hupt den verrückten Typen da auf dem Asphalt zur Seite. Der Verkehr ist wie immer, die Menschen warten dumpf an irgendwelchen Stellen, steigen ein und verschwinden in der Bewegung der werbebefleckten Karosserie.
In meiner Wohnung höre ich Led Zeppelin, unser Ausklang der Nacht, bevor wir es miteinander taten. Ich stelle die Musik lauter, weil ich vom Verkehr nichts mehr hören will. Die ersten Tränen kommen mir bei Dazed and Confused. Ja, das bin ich jetzt. Dazed and Confused. Ich habe mein Leben in dieser Stadt zugebracht und erlebe nun, wie ich diese mit dem Tod verbinde. Ich baue seit Jahren diese Stadt zu, plane auch Straßenprojekte und muss meine Liebe auf dem Asphalt begraben. Diese Tagadern, die die Stadt durchströmen, sind steif und bewegen doch alle Menschen. Sie fehlt mir, denke ich. Ich sehe unten auf die Straße, zu der Bushaltestelle, die so aussieht wie immer. Oben beginnt beinahe um die gleiche Zeit die Dämmerung. Ich beobachte die Skyline von Köln, während der Boden unter meinen Füßen zusammensinken will. Das Kölsch bleibt an meinen Lippen kleben, schmeckt nicht mehr wie gestern. Die Polizeisirenen, die mir sonst so gleichgültig klangen, schrecken mich jetzt jedes Mal auf. Ich sehe diese unzähligen Lichter in Hochhäusern, stelle mir hinter jedem Fenster meine Beate vor und muss doch erkennen, dass ich sie vor einigen Stunden hinter anderen Fenstern verabschiedet habe.
Am nächsten Morgen besteige ich den Bus, höre über meinen MP3 Player wieder Dazed and Confused, steige aus, wo ich immer aussteige, begrüße Herbert, wie ich immer Herbert begrüße, mache meine Arbeit, wie ich immer meine Arbeit mache, um schließlich spätabends meine Koffer zu packen. Ich schreibe Herbert noch eine kurze Email und verlasse einfach die Stadt. Im Zug denke ich mit den letzten Lichtern, dass die Stadt für mich Beate geworden ist und mit Beate gestorben ist.
Berlin. Kuhdamm. Kein Dom in Sicht. Flippige Punks überall. Keine bunten Regenschirme, nur bunte Haare. Ich schaue mir drei Monate die Stadt an. B wie Beate. Berlin. Ich kann aber nicht alle Wörter mit B aus meinem Sprachschatz streichen. Keine Butter, kein Brot, keine Brötchen oder kein Bier – wo führt das hin? Berlin tut mir gut. In Wilmersdorf finde ich einen neuen Arbeitgeber. Für weniger Geld, aber auch Berlin baut Tag und Nacht. Was ich in Köln nicht gesehen habe, bemerke ich in und an Berlin. Jeder Raum ist genutzt. Die großen Städte sind prall gefüllt. Jeder Quadratmeter ist Hoffnung auf Rendite. Als Architekt lebe ich davon. Als Mensch muss ich atmen. Ich lerne eine Frau kennen. Aisha. Berlin wird menschlich. Aisha begreift zunächst nicht, warum ich sie jeden Tag zum Bus begleite. Ich erzähle ihr die Geschichte von Beate nicht, weil es keine direkte Verbindung zwischen Köln und Berlin gibt. Abends hoch oben über Wilmersdorf in meiner Wohnung verbringen wir unsere Zeit dennoch wie in Köln. Eingeschlossen in Beton und Geräusche erleben wir uns im Mikrokosmos dieser Großstadt. Beate ist plötzlich wieder da. Sie meldet sich nie an. Aisha verlässt mich nach wenigen Monaten, und ich verlasse ein Jahr später Berlin. Ich kehre zurück nach Köln, erkläre Herbert alles und bald sind wir wieder ein Team. Wir suchen gemeinsam ein Haus auf dem Land. Nach einigen Monaten finden wir mit viel Glück einen alten renovierungsbedürftigen Bauernhof zwanzig Kilometer vor der Stadt. Ich habe die Urne von Beate noch bei mir, begrabe sie an einer alten Eiche und habe damit endlich einen angemessenen Platz für sie gefunden. Wenn Herbert und ich morgens die asphaltierten Tagadern in die Stadt hochfahren, spüren wir beide, dass ein Teil unseres Weges nun aus Abstand besteht. Aber der Kölner Dom, der stirbt nicht, und ich bin jetzt froh darum.