Friday, May 25th 2012, 4:53am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

Posts: 66 wcf.user.activityPoints: 405

1

Monday, November 21st 2011, 1:56pm

Ein kleiner Mann

In Marburg trocknen zwei Pullover und die
Ferne kriecht zu mir wie katzengoldne Spinnen
in den Magen und auch er wird trocken

ein Zug fährt irgendwo ab, dann noch einer...
und immer wieder, die Nacht will schnell gerinnen
ein kleiner Mann ruht still in seinen Socken

Frieden ist Staub und Staub ist Frieden,
komm! Rauchen wir eine, blind ist der Mond
Doch der kleine Mann heult wie von Sinnen
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

2

Monday, November 21st 2011, 4:54pm

hallo daniel;

was sind denn katzengoldne spinnen? und wie bringen sie den magen denn zum trocknen?
kannst du mir da deine metaphern ein bißchen aufschlüsseln?
nicht zerlegen, aber vielleicht schaffst du es ja, mir einen tupfer in die richtige richtung zu geben;

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Jule

Master

Date of registration: Jun 1st 2008

Posts: 533 wcf.user.activityPoints: 3,305

Location: Marburg

Occupation: Student

3

Wednesday, November 23rd 2011, 7:22am

Hallo Daniel

ich mag dieses Gedicht als Zusammenhäufung von Sinneseindrücken sehr.
Für mich ist es wie ein nächtlicher stream of consciousness, gemischt mit schimmernden, bruchstückhaften Wahrnehmungen. Genau nach meinem Geschmack. :)

Hallo erik

"Ferne kriecht zu mir wie katzengoldne Spinnen
in den Magen und auch er wird trocken"

Ich denke, vorerst könnte man es auch so lesen, dass der Magen "einfach so" trocknet. Da die Spinnen in den Magen kriechen und darauf das Trockenwerden folgt, neigt man natürlich dazu, das kausal miteinander zu verbinden - muss aber m.E. nicht.
Für mich hat das adjektiv katzengolden, wie gesagt, etwas schimmerndes, leuchtendes, ich assoziiere mit diesem Wort zusammen in Verbindung irgendwie etwas Prickelndes, ein Kribbeln. Die Verbindung von Spinnen einerseits als etwas "Ekliges" (obwohl ich Spinnen ganz süß finde) und Katzen andererseits als etwas anmutiges, geheimnisvolles schafft für mich hier ein besonderes Bild. Die Ferne kriecht geheimnisvoll, fern, unnahbar, wie sie ist, kribbelnd in den Magen. Es ist ein Gefühl, das sich physisch bemerkbar macht (so ähnlich wie Schmetterlinge im Bauch - und das assoziiere ich sofort damit - eine Alternativmetapher zu Schmetterlinge im Bauch, leicht negativ, unnahbar abgewandelt.) Find ich schön. :)

Besonders interessant finde ich auch die Antithese des "stillen Mannes" und des "heulenden Mannes". Die Einsamkeit, die Ruhe, der Frieden der Nacht, wird unterbrochen vom weinenden Mann. Ein unbekanntes, dennoch ergreifendes Schicksal hineingeworfen in die Unverständlichkeit der Nacht. "Komm, rauchen wir eine!" --> komm, lass uns die Nacht genießen, blind ist der Mond (der Mond selbst als große Lampe am Himmel sieht uns nicht); Rauchen hier als etwas Verbotenes vielleicht? Aber man wird abgelenkt: ein kleiner Mann weint.

Das einzige, was ich jetzt auf die Schnelle auch nicht so deuten kann, ist "Frieden ist Staub und Staub ist Frieden".

Was mir aber noch besonders gut gefällt, ist das Buchstückhafte und das (vielleicht?) pars pro toto der Pullover. Man verbindet mit den trocknenden Pullovern Häuslichkeit, zwei Menschen, usw...

Was mir von der Form besonders gefällt sind die Reime und gleichzeitig die Verbindung des etwas freien Rhythmus, der doch in Bahnen gehalten wird.

Ein kleiner Vorschlag zur Vereinheitlichung - die Zeichensetzung ist noch etwas unkonsequent, finde ich:

In Marburg trocknen zwei Pullover, und die
Ferne kriecht zu mir wie katzengoldne Spinnen
in den Magen, und auch er wird trocken.

Ein Zug fährt irgendwo ab, dann noch einer...
und immer wieder, die Nacht will schnell gerinnen.
Ein kleiner Mann ruht still in seinen Socken.

Frieden ist Staub und Staub ist Frieden,
komm! Rauchen wir eine, blind ist der Mond.
Doch der kleine Mann heult wie von Sinnen.

Alternativ auch:

in Marburg trocknen zwei Pullover und die
Ferne kriecht zu mir wie katzengoldne Spinnen
in den Magen und auch er wird trocken

ein Zug fährt irgendwo ab, dann noch einer...
und immer wieder, die Nacht will schnell gerinnen
ein kleiner Mann ruht still in seinen Socken

Frieden ist Staub und Staub ist Frieden,
komm! Rauchen wir eine, blind ist der Mond
doch der kleine Mann heult wie von Sinnen

Also entweder würde ich es eben komplett Satzstruktur beibehalten, oder einfach die Punkte weglassen und die Sätze klein anfangen... ach, man könnte so viel machen, nur, ich finde, es sollte einheitlich sein, damit man beim Lesen nicht so über die Interpunktion stolpert und dadurch abgelenkt wird. :)

:thumbup:

lg
Julia

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

Date of registration: Jun 3rd 2005

Posts: 2,712 wcf.user.activityPoints: 15,230

Location: Wien

4

Wednesday, November 23rd 2011, 8:01am

also doch die offensichstlichste deutung; ich warte noch auf den autor, denn mich hat interessiert, ob bei so einer ausgefallenen metapher (vor allem weil das katzengold und die spinnen so frei assoziierbar und nicht im restlichen text eingebettet sind) vielleicht eine eindeutigere richtung verbandelt sei; es vom autor vielleicht mit einer bestimmten absicht dort plaziert wurde; wie gesagt, das ganze ist rausgestochen deswegen meine frage nach dem sinn;

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Jule

Master

Date of registration: Jun 1st 2008

Posts: 533 wcf.user.activityPoints: 3,305

Location: Marburg

Occupation: Student

5

Wednesday, November 23rd 2011, 1:13pm

Hallo erik,

ja, die Metapher ist ziemlich frei assoziierbar; m.E. ist sie aber schon in den Text eingebettet. Eigentlich, wenn man es mal genau nehmen mag, ist es viel mehr ein Vergleich als eine Metapher. ;) Sie stellt eigentlich direkt Bezug zum Magen und der Ferne dar.

lg

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

Posts: 66 wcf.user.activityPoints: 405

6

Wednesday, November 23rd 2011, 5:05pm

Vielen Dank für das schöne und gelungene Feedback, Jule. :)

Ich nehme deinen zweiten Vorschlag an, ich habe mit Absicht weniger Kommas benutzt als grammatikalisch korrekt, und wenn ich dann die Satzanfänge klein schreibe, wäre das natürlich nur konsequent.

Die Stelle "Frieden ist Staub und Staub ist Frieden" soll folgendes zum Ausdruck bringen: Der Pessimismus, alles sei dahin, was es an großen Idealen und Werten, an Utopien gibt, wobei ich hierfür den Frieden genommen habe als triftigstes Beispiel, soll sich in eine Ambivalenz verwandeln. Die Feststellung "Frieden ist Staub" ist zunächst eine sehr nachvollziehbare, wenn man sich die harte Realität bewusst macht, dass die Erde nicht nur kein Ort eines des Friedens, sondern auch sogar kein Ort der Möglichkeit eines idealen Friedens ist. Aber die Feststellung "Staub ist Frieden" (genauer: wenn Frieden Staub ist, ist Staub auch Frieden), führt den Pessimismus dabei ad absurdum. Der Staub, das Nicht-Paradies, ist nicht Unfrieden. Im Chaos liegen Kräfte, die der Pessimismus nicht erfasst, die er, weil er die Ordnung liebt, schon von vornerein geringschätzt. Aber wie du es treffend gesagt hast, es war eher ein stream of consciousness, also keine ernsthafte Theorie. ;)

@ erik

Deine Frage nach dem Sinn ist natürlich berechtigt. Da ich jemanden vermisst habe, fühlte ich die Ferne in meinen Magen kriechen. Die Ferne ist also nichts, was ich klar erkenne und verstehe, zumindest nicht als Gefühl, sondern etwas, das in den Magen kriecht. Da, wo man fast keine Worte dafür finden kann, denn der Magen denkt ja nicht. Ich habe deshalb spontan ein Bild zum Vergleich genommen (insofern ist es beides, Metapher als auch Vergleich), der Magen hat es sich selbst ausgesucht. Dabei kam mir "katzengoldne Spinnen" über die Tasten, vermutlich, weil ich Spinnen für die Kreaturen halte, die am meisten Magenkrämpfe verursachen, vor allem in Mehrzahl. Bei "katzengold" kann ich dir nicht viel dazu erklären. Ich finde aber Spinnen gerade dann am gruseligsten, wenn man sagt, dass sie doch "nur" Spinnen sind. Katzengoldne Spinnen sind eben nicht nur Spinnen, sie sind mit Hilfe dieser seltsamen Attribution ganz spezielle fiktive unnormale abstruse grauenhafte Spinnen, man kann das also nicht mehr verharmlosen.

Dazu kommt, dass der Magen auch trocknet. Das hat Jule schon ein bisschen entschlüsselt, es ist nichts als der Wunsch, eine Sehnsucht, dort mit den Pullovern zu trocknen, denn die Pullover gehören mir und derjenigen, die ich vermisse, sie sind zusammen an einem Ort und stehen für den ersehnten Zustand des Zusammenseins. Der Magen trocknet, weil er dem Gefühl der Ferne entflieht und das Gefühl der Nähe in sich aufnimmt, das Gefühl, zu trocknen, wie die Pullover, die beisammen sind. ;)
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

wcf.user.socialbookmarks.titel