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Raul

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Saturday, November 12th 2011, 6:01pm

Stine hat Hunger

Stine. 25 Jahre alt. Blondes, langes Haar. 1,65 groß. Schlank mit weiblichen Ausbuchtungen. Studentin der Mathematik in Köln. Sie zählt. Facebook-Freunde: 165,5. 165,5 deshalb, weil eine Susi, die sie nicht wirklich kennt, noch nicht ganz entschieden ist. Trotz keinerlei Überzeugungsversuche Stines.
Stine lebt in einer 4er-WG im Kölner Süden, wo fast alle Studenten wohnen. Der Rhein gefällt ihr. Der Dom auch. Das Kölsch nicht. Stine trinkt keinen Alkohol, was sie in der WG mitunter zu einer suspekten Mitbewohnerin macht. Sie räumt direkt nach Partyende immer gleich auf. Sie ist ordentlich, aber keinesfalls still oder so. Stine redet. Gerne und viel. Vor allem stellt sie Fragen. Fragen, die keiner zu beantworten weiß. Warum heißt es die Nudel? Nudeln haben keine Brüste. Oder das Mädchen? Mädchen haben auch keine, aber bekommen irgendwann welche. Oder der Finger? Frauen haben auch welche. Alles Gründe, warum sie lieber mit Polynomdivisionen zu tun hat. Die sind erklärbar. Die Liebe ist wenigstens weiblich, und das versteht sich, weil sie sich gleich in Holger verschossen hat. Holger ist gegen Atomkraftwerke. Deswegen nennt sie ihn liebevoll Anti-Atom-Holger.
Anti-Atom-Holger. 26 Jahre alt. Dunkle, kurze Haare. 1,80 groß. Männliches Gesicht. Breite Schultern. Geschichtestudent. Immer besoffen, weshalb es an seiner Seite etwas zu tun gibt. Da ist Platz. Für sie natürlich. Da kann Krake Frederike noch so baggern. He is my obsession. Du wirst bei ihm nicht landen. Er ist ein worry maker. Er braucht eine gute Seele an seiner Seite, die auf seinen Bierkonsum Acht gibt. Aber Kraken lassen nicht los. Weshalb sie Friederike gerne in die Schranken verweist. Oder Holger.
„Holger, trink nicht so viel!“
„Stine, klär du erst mal, warum es die Nudel heißt!“
„Lass ihn doch!“, sagt dann immer Friederike.
„Ich sag’s ja nur, meine Liebe!“, züngelt sie darauf scharf.
Lass ihn doch-Friederike. 22 Jahre alt. Lange, dunkelblonde Haare. Angehende Oecotrophologin mit Perspektive auf Brauereiarbeit. Etwas pummelig und in viel zu großen Hosen, die immer den Boden bedecken und den Anschein erwecken, die Schuhe in der Stadt sind ausverkauft. Man sieht sie einfach nicht, ihre Schuhe. Lass ihn doch-Friederike ist die Haushälterin der WG und nervt sie. Noch einmal. Stine zählt und ist ordentlich. Die Haushaltskasse stimmt nie. Und da gibt ihr Tim Recht.
Tim. 28 Jahre alt. Schwarzes, langes Haar. Schon Uniabschluss und Sozialarbeiter. Besondere Merkmale. Keine. Keine Merkmale-Tim ist der Schweiger. Er hört zu und nickt ab. Erst nach ein paar alkoholischen Umdrehungen wagt er später den ein oder anderen Satz pro Stunde, korrigiert sich dann aber gleich in zwei Nachwörtern, die mit den Sätzen zuvor wenig zu tun haben. Auch ein Grund, warum Stine Mathematik studiert. Da gibt es wenigstens die klaren Sätze von Vieta und Pythagoras.
Keine Merkmale-Tim ist es auch, der ihr eines Tages völlig überraschend im Flur andeutet. „Heute Party mit vielen Gästen.“
Auch das ist kein wirklicher Satz, und Stine ist überrascht, dass sie erst so spät eingeweiht wird. Aber heute nimmt sie sich vor, Anti-Atom-Holger richtig schöne Augen zu machen. Mit einer guten Stunde in Stochastik im Rücken spürt sie das richtige Selbstbewusstsein dafür. Es ist dabei nach allem, was sie heute in Mathematik gelernt hat, wahrscheinlich, dass sie ihn jetzt rumkriegt. Lass ihn doch-Friederike wird ihr nicht ins Werk pfuschen. Sie hat genau berechnet, dass sie ihm bei der elften Flasche das Bier aus der Hand nehmen muss. Sie wird ihm die Flasche aus der Hand nehmen und das Bier selbst trinken. Besser, als dass er sich immer besäuft. Und dann wird es Zeit.
Stine schminkt sich, zieht sich elegant an, stellt sich den Abend vor. Aber dann kommt die Gorleben-Truppe, in der Anti-Atom-Holger gleich ertrinkt. Sie verliert den Überblick über die Anzahl seiner Flaschen und zu allem Überfluss kommt noch Lass ihn doch-Friederike zu ihr und sagt, sie solle sich doch einmal entspannen. Und dann ist es passiert. Sie hat plötzlich ein Bier in der Hand, hat keine Formel für diesen Moment mehr, trinkt es, bis sie Anti-Atom-Holger mit einer Gorleben-Frau knutschen sieht. Ist die Mathematik überhaupt beherrschbar, fragt sie sich, greift sich eine nächste Flasche und noch eine und fragt schließlich die Leute von Gorleben, warum es die Nudel heißt. Und warum das Endlager? Diese Frage ist nicht politisch, und deswegen steht das auch nicht auf der Agenda der Gruppe. Anti-Atom-Holger macht ihr mit der wohl dreizehnten Flasche ganz unverblümt deutlich, dass sie mit ihren banalen Fragen einfach nur nerve. Und sie macht sich daraufhin Vorwürfe, warum sie ihn nicht bei der elften Flasche angehalten habe, zu trinken. Bald ist sie selbst da angelangt, und während Gorleben in der Ecke sitzt, muss sie sich woanders übergeben. Danach weint sie in der Küche, und alle scharen sich um sie herum, und keiner aus Gorleben weiß, wie man ihr Endlager an Emotionen verwalten kann. Frühmorgens bleiben Stine und Anti-Atom-Holger in der Küche, und auch wenn Anti-Atom-Holger mehr als elf Flaschen getrunken hat, tröstet er sie.
„Ich liebe dich.“
„Ich dich nicht.“
Stine überlegt, wie sie seine Antwort in eine Formel pressen kann. Dann denkt sie sich, dass auch die Welt der Zahlen unendlich ist. Unendlich. Alles ist unendlich. Es gibt keine Ordnung im Leben, nur eine Vorstellung davon. Ihr letzter Satz beendet die Party.
„Ich habe Hunger.“
Und dann übergibt sie sich wieder.

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