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Jule

Master

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1

Friday, November 11th 2011, 3:26pm

Das Fliegengedicht

In der Küche, an der Unterseite des Wandschranks,
neben einem angetrockneten Saucenfleck,
klebte eine Fliege.
So elegant dahingestreckt
als tanze sie und hätte mitten
in der Pirouette
vergessen zu leben.
Arme Fliege! wer war der Mörder
deines stillen Balletts?
Dann erinnerte ich mich:
unter dem Schrank brannte noch
die Herdplatte.

Perry

Lyrisches Licht

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2

Tuesday, November 22nd 2011, 4:39pm

Hallo Jule,

soweit ich mich mit Küchen auskenne sind über Herdplatten keine Wandschränke, höchstens der Dunstabzug und sie glühen i.d.R., aber das nur nebenbei.
Da hat also eine Fliege das Schicksal ereilt, sie mitten im "Tanz" dahingestreckt.
Mit etwas Fantasie könnte man dieses "alltägliche" Schicksal einer Fliege vielleicht auch auf menschliches Dasein übertragen, wobei ich allerdings Probleme habe, mir das bildlich vorzustellen.
LG
Perry

rivus

Professional

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3

Tuesday, November 22nd 2011, 6:39pm

hi jule,

also ... mir gefällt die lyr.geschichte. das kernstück ... als tanze sie und hätte mitten / in der Piouette / vergessen zu leben. // mir ist, als sei sie inmitten ihrer ambivalenzen, im eigenen zwiestrudel, erstarrt!

man könnte so interpretieren. die fliege symbolisiert die freiheit und noch differenzierter, sie ist das wesen ikarus, das - stellvertretend - wieder scheitert, wie auch der tanztraum vom ewigen fliegen, in einer gewissen tragischen eleganz, danieder gestreckt wird, von den elementen, die thanatos und eros gleichermaßen, ein schnippchen im geiste schlagen. die empathie eines kontemplativen lyrich's --- Arme Fliege! Wer war der Mörder / deines stillen Balletts [großartig] // und das fast beiläufige aufmerken von schuld justiert den zufall, der sogar im nachhinein den kategorischen imperativ ins spiel bringt und das verwundbare und vergängliche allen existierens zum fliegengedicht macht, denn alles leben fliegt irgendwann ins darwin'sche gedichte.

gern gelesen und darüber assoziiert

liebe grüße,
rivus

[p.s.: perry ... es gibt tatsächlich, auch heute noch, küchen, die hängeschränke überm herd haben. xD!]

Jule

Master

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4

Wednesday, November 23rd 2011, 7:08am

Der Wandschrank hing tatsächlich nicht direkt über der Herdplatte, sondern so leicht schräg darüber. ;) (Die Küche ist scheinbar eh ein bisschen älter - aber hat das eigentlich damit was zu tun? :huh: )
Aber "schräg unter dem Schrank brannte noch eine Herdplatte" klingt doof, oder?

Hallo Perry, hallo rivus,

freut mich, dass ihr so darüber nachdenkt. :)
Das ist eigentlich genau das, was ich damit provozieren wollte und es ist mir anscheinend zumindest teilweise gelungen.. ;)
Nicht umsonst steht das Gedicht auch in der Kategorie "Humor". Mich interessiert vor allem, wie man durch Paratexte und Andeutungen Leser lenkt. Die augenscheinliche Sinnhaftigkeit aller Texte und das Bemühen einer hermeneutischen Deutung finde ich sehr interessant.
Insofern, danke rivus, dass du das Gedicht so gedeutet hast.

lg
Julia

Perry

Lyrisches Licht

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5

Wednesday, November 23rd 2011, 10:42am

Hallo Julia,

lyrische Texte haben meist eine reale Bildebene und eine übertragene Lesart.
Wenn allerdings in den vordergründigen Bildern, bereits Verständnisprobleme auftreten, dann behindert das auch das Erkennen der Metaphern.
Als Beispiel möchte ich hier den Schauplatz des Geschehens nennen. Es ist nicht wichtig wo die Fliege ihren Tod fand, sondern nur, dass sie scheinbar in der Bewegung erstarrt ist. Ob sie unten am Wandschrank klebt oder von der "brennenden(?)" Herdplatte getötet worden ist, spielt keine Rolle, es verwirrt sogar mehr, als es dem Leser weiterhilft. Aus diesem Grund reduziere ich gerne die Bildebene auf das unbedingt Notwendige und gebe damit dem Leser mehr Raum seine eigene Fantasie miteinzubringen.
LG
Perry

Alexa

Blickdicht(erin)

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6

Wednesday, November 23rd 2011, 11:15am

neben einem angetrockneten Saucenfleck,
klebte eine Fliege.
So elegant dahingestreckt
als tanze sie und hätte mitten
in der Pirouette
vergessen zu leben.

Jule, der hier von mir zitierte Ausschnitt aus deinem Text ist echt große klasse und gefällt mir sehr gut. Im Präsens würde er mir allerdings noch besser gefallen.

Hängeschrank und die Sache mit der Herdplatte/Mörder lenkt zu weit vom Kern des Textes, finde ich. Da kann ich Perry eigentlich nur zustimmen. Etwas gekürzt bekäme dieser Text tatsächlich einen sehr tiefen Interpretationsraum.
Stilles Ballett gefällt auch mir sehr gut. Ich denke als Titel würde sich das auch gut machen.

L.G. Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Erik R. Andara

Glasphasen-Moderator

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7

Wednesday, November 23rd 2011, 12:26pm

ich habe zuhause küchenkästchen über den herdplatten hängen, sowas gibt es also noch, ja!
und auch ich finde den mittelteil wirklich gelungen;

mfg
erik
under the sea, is where I'll be
no talking 'bout the rain no more

Jule

Master

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8

Wednesday, November 23rd 2011, 1:21pm

Hallo Perry,

ich habe schon oft gemerkt, dass wir anscheinend ein unterschiedliches Verständnis von Lyrik haben.
Ich beziehe deine Sicht bei mir oft mit ein, aber ich beschränke mich nicht darauf. Lyrik durch solche Regeln zu fassen, scheint für mich schwer zugänglich. Ich mag eher deskriptive Herangehensweisen als normative - was mein persnlicher Geschmack ist, steht natürlich dann noch einmal auf einem anderen Blatt. Was ein Gedicht allgemein sei, macht sich für mich also nicht an Regeln fest, sondern an der deskriptiven Erfassung aller realisierten Gedichte.
Es gibt zum Beispiel Gedichte, die mit deiner Auffassung nicht mehr erfassbar sind, z.B. dadaistische.

Hallo Alexa, hallo erik,

freut mich, dass euch zumindest dieser Teil gefällt.
Was wäre denn konkret euer Vorschlag für eine Kürzung? Ich könnte mir vorstellen, eine zweite, gekürzte Version, zu schreiben, nicht allerdings zugunsten der ersten Version - also zugunsten ihrer Verwerfung.
Ich finde, die Elemente mit der Herdplatte und der Ausdruck dieses banalen Ereignisses durch überhöhte Formulierungen, gibt dem ganzen eben den humoristischen Anstrich, den ich mit dem Gedicht eigentlich auch beabsichtigt hatte.
Durch eine kürzere Version könnte man den Verstehenshorizont umlenken und dem Gedicht eine andere Bildlichkeit, Bedeutungsfunktion geben - da habt ihr Recht. Dass aber die Herdplatte per se unnötig ist, denke ich nicht. Sie erzeugt nur einen anderen Zusammenhang/ein anderes Bild - und kann auch für vieles stehen, z.B. für den grausamen, jedoch banalen Zufall (that´s life).

lg

Tamea

Professional

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9

Thursday, November 24th 2011, 8:02am

hallo jule,

ich mag dieses gedicht und hab auch schon über ein verkürzen nachgedacht, aber die pointe ginge vielleicht verloren und es würde zu ernsthaft werden.

mitten im ballett wurde die fliege hingestreckt.
ach, hätte die herdplatte niemals gebrannt,
klebe sie nicht mit der sauce unter dem schrank

;( ;(

lass deinen text noch ruhen, es handelt sich nur um den letzten teil:

Dann erinnerte ich mich:
unter dem Schrank brannte noch
die Herdplatte.

der müsste nach meiner auffassung umgeschrieben werden. noch lustiger, werde mit grübeln. :rolleyes: ( was ist mit gasherd, da brennt und flackert es)

lieben gruß
tamea

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