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Raul

Master

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1

Thursday, November 10th 2011, 6:45pm

einwegmenschen

mein platz
nicht deiner
die stimme
die will

der wille
eine bahn
der zug
verwaist

endstation
aussteigen
einsame
bleiben

und flüstern
zu gleisen
die keiner
befährt

Alexa

Blickdicht(erin)

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2

Friday, November 11th 2011, 8:01am

Hallo Raul,

inhaltlich lese ich hier sehr viel Melancholie. Bahnhöfe und Züge sind dafür als Bildgeber natürlich gut geeignet. Menschen, die aneinander vorbeihetzen, Abschied und Kälte, der Lärm ein und ausfahrender Züge, die schrecklichen Stimmen aus den Lautsprechern . An solch einem Ort werden tiefschwelende Emotionen womöglich eher wach als anderswo.

mein platz
nicht deiner
die stimme
die will

Der Einstieg in den Text "mein Platz, nicht deiner"
klingt trotzig, auch wenn ich beim Weiterlesen fast vermute, dass das womöglich nicht in deiner Absicht lag.

die stimme, die will,
krieg ich da oben erst mal nicht eingeordnet. Was will sie? Wem gehört diese Stimme? Dem L.I. ? Will sie nicht, dass ein anderer auf dem eigenen Platz sitzt? Ist hier vll. von einer inneren Stimme die Rede?
Zu diesem Schluss komme ich dann beim Lesen des zweiten Absatzes.

der wille
eine bahn
der zug
verwaist

Der Wille, die Bahn, der Zug, das alles ist verwaist, also nicht belebt. Hier taucht also in Form von der Wille wieder dieses ich will auf. Klingt etwas widersprüchlich. Ich will auf der einen Seite, andererseits der verwaiste Wille.
Hier habe ich jetzt trotzdem, in Anlehnung zum ersten Absatz, ein Bild eines Menschen vor Augen, der allein in einem Zugabteil sitzt und beim vorbeifahren auf heruntergekommene, leer stehende Bahnhöfe schaut, an dem vll noch der ein oder andere alte Zug vor sich hin rostet. Bei uns gibt’s einige Bahnhöfe, bei denen ich mir manchmal denke, hier fehlt nur noch die Melodie von Spiel mir das Lied vom Tod. Nun ja. Aussteigen müssen möchte man da nicht so unbedingt. :huh:
Das von dir beschriebene Bild könnte jetzt auf eine Art innere Betrachtung oder auch Erkenntnis hindeuten. Zumal dieser Absatz fast einer Aufzählung gleicht.

endstation
aussteigen
einsame
bleiben

mein gedachtes Bild wird durch diesen Absatz dann auch gefestigt. Der Mensch kommt an. Endstation. Er muss aussteigen. Übertragen gesehen bedeutet das Stillstand. Ein nicht weiterkommen können.
Durch das Wort einsame wackelt mein Bild allerdings etwas. Es befindet sich jetzt nicht mehr nur ein einsamer sondern vielmehr noch weitere Menschen, die einsam sind, dort an dieser Endstation.

und flüstern
zu gleisen
die keiner
befährt

Hier öffnet sich mir ein fast gruseliges Bild. Gebetsmühlenartig flüsternde Menschen, die allesamt, den Kopf gesenkt, an den Gleisen stehen. Ganz schön schaurig irgendwie. :) Und doch ist für mich dieses flüstern zu Gleisen, die keiner befährt meine Lieblingsstelle im Text.

Zusammenfassend mit Einbeziehung des Titels, ist mir das Gesamtbild aber noch nicht ganz rund. Der Text transportiert zwar eine traurige Stimmung, aber so richtig eintauchen kann ich da nicht. Der Titel, den ich übrigens sehr gut finde, bringt mich vorerst mal dahin:
Einwegmenschen = Menschen, die nur einen Weg gehen, nur ein Ticket ohne Rückfahrt haben oder wie Einwegflaschen benutzt und wieder verwendet werden.
Nehme ich das Bild jetzt mit in den Text finde ich aber keinen richtigen Haltegriff. O.K. es könnte sein, dass es tatsächlich so von dir beabsichtigt war oder durch ein hinein fühlen in die Szene automatisch so aufs Papier flog. Aber für mich als Leser funktioniert es noch nicht so richtig.
Wenn ich jetzt Vorschläge zur Änderung unterbreiten müsste, würde ich fast dazu neigen den ersten Absatz und die ersten zwei Zeilen des zweiten zu streichen.
Also so:

der zug
verwaist

endstation
aussteigen
einsame
bleiben

und flüstern
zu gleisen
die keiner
befährt

aber da ich jetzt zur Streichung tendiere weil mir der erste Absatz zu unscharf ist (vll. bin ich auch einfach noch zu müde :D ), wäre auch eine Änderung desselben denkbar. Vll. solltest du deine Absicht da oben klarer beschreiben?

Soweit von mir. Ich hoffe, die Beschreibung meiner Lesart hilft dir weiter.

L.G. Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

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Raul

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3

Friday, November 11th 2011, 9:36am

Hallo Alexa,

vielen Dank für deine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Text. Du hast richtig hineingehorcht und Bilder erkannt, die von mir auch so beabsichtigt waren. Vielleicht kurz zur Erläuterung des Textes noch:

Der Titel "Einwegmenschen" steht im Plural. Der Wille einer Stimme steht für das Motto "pars pro toto" (Teil eines Ganzen). Der Text beginnt sinnbildlich mit dem Platzanspruch eines Menschen. Ich habe im Stadtbus und im Zug beobachtet, wie Menschen reagieren, wenn man sich neben sie setzt statt freie Plätze vor ihnen nimmt. Man rückt ihnen heute schon damit auf die Pelle, und sie sagen es dir ohne Worte, dass sie eigentlich den Platz beanspruchen und du neben ihnen nicht gewollt bist. Dafür steht der Wille nach dem eigenen Freiraum. Ein paar Tage später habe ich selbst abends in einem leeren Zugabteil gesessen und die düstere Atmosphäre der Einsamkeit gespürt. Ich habe mir vorgestellt, was mit dem Willen nach Freiraum ist, wenn es weit und breit überhaupt keine Menschen gibt. Dann ist der Wille einsam, und das gilt exemplarisch für alle Menschen. Diese Menschen mit dem starken eigenen Willen sind dann Einsame, die ihren Willen dann nur noch in leere Räume flüstern. Während man einen Willen sonst direkt sagt oder herausschreit, also adressiert, mutiert dieser Wille zu einem Flüstern. Diese Einwegmenschen, die nur ihren eigenen Willen durchsetzen wollen, kommen irgendwann zu dieser Endstation. So war's gemeint, und ich hoffe, dass es jetzt noch etwas klarer wird.

Alexa

Blickdicht(erin)

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4

Friday, November 11th 2011, 11:29am

Hallo Raul,

o.k. deine Absicht hätte ich jetzt so nicht erkannt. Zuerst mal ging es dir ja um einen Platz neben einem anderen. Also die Ablehnung einiger Menschen die Nähe eines Fremden zu spüren.
Das wird leider für mich schon nicht richtig deutlich.
(ich werd dann auch mal irgendwann so ein Einwegmensch ;( , denn ich mag dieses 'dicht auf die Pelle rücken' auch nicht und frage mich immer, warum sich die Leute nicht auf irgendeinen anderen Platz setzen, vor allem, wenn noch ganz viele andere Plätze frei sind. Ich mag es auch nicht, wenn sich an einer Kasse Menschen so nah an mich stellen, dass ich ihren Geruch wahrnehmen kann :thumbdown: )

Dann hast du im zweiten Absatz so gesehen ja eine Art Gegensatz eingebaut. Den kann man als Leser aber leider auch nicht richtig erkennen. Vll. solltest du sowas doch deutlicher hervorheben, denn die Absicht, die der Text verfolgen sollte, klingt echt interessant.
So sehr ich kurze Texte momentan bevorzuge, muss ich doch sagen, dass hier die Kürze, zumindest in der Art wie du es hier geschrieben hast, dem Text eher schadet.

Ich hab mal deinen Text ganz simpel umgebaut und denke, dass du es dann so in etwa gemeint hast? Obwohl, die Sache mit der Nähe wird mit "mein Platz, nicht deiner" auch noch nicht deutlich genug. Das klingt eher nach Egoismus. ?(
Die Änderung dient jetzt nicht als Vorschlag, den Text jetzt auch so zu verändern, sie soll lediglich veranschaulichen, wo du m.E. wichtiges ausgelassen hast.

mein platz
nicht deiner
eine stimme
die will
will anders
wenn
die bahn
der zug
verwaist
denn an der
endstation
bleibt dann nur
aussteigen
und flüstern
zu gleisen
die keiner
befährt

mit der nachträglichen Erklärung zum Text gefällt mir der Titel übrigens noch besser, denn jetzt kann ich meine erste Assoziation dazu (Einweckmenschen von Einweckglas) doch noch gut da reinbringen. :)

Gruß
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

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Raul

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5

Friday, November 11th 2011, 12:07pm

Hallo Alexa,

gerade Unterrichtsausfall und deswegen Zeit :) . Das finde ich spannend, dass du den Text jetzt gebunden und ohne Strophen geschrieben hast. Da muss ich echt drüber nachdenken, gefällt mir, obgleich dann andere Kritiker wieder sagen könnten, du willst doch eigentlich gerade den Abstand der einzelnen Perspektiven deutlich machen. Wahrscheinlich ist es aber wirklich zu schwer nachvollziehbar, die Stimme in der ersten Strophe mit dem einen inneren, individuellen Willen des Platzanspruchs zu lesen. Ich hatte es als inneren Dialog gedacht, quasi, man denkt sich, was der andere denkt. Und dann kommt "eine Stimme die will". Das hat ja etwas Kindliches, auch Egoistisches, denn in keinem Zug oder Bus stehen ja die Namen der kurzweiligen Platzbesetzer markiert. Eigentlich sind so gesehen Busse und Züge öffentliche Räume. Das wollte ich irgendwie mit dem indivduellen Platzanspruch kontrastieren. Ich hatte gehofft, dass das auch mit der zweiten Strophe deutlich wird, in so 'ner Art Synapse die Verbindung zum Zug geschlagen wird, der ja während der Fahrt nur eine Richtung kennt.

Dieses begründende "denn" bei deinem Vorschlag gefällt mir nicht so ganz, weil ich damit befürchte, dass der Rhythmus der Zugfahrt und auch des Textes darunter leidet. Es stockt für mich irgendwie, auch wenn das zur Endstation passt. Es würde für mich die Wirkung des Wortes flüstern vernebeln. Das "bleibt dann nur" in deiner Version ergänzt ja dann dieses "denn". Ich denke noch über deine Kritik nach. Vielleicht kann ich noch den letzten Feinschliff hinbekommen.

Nur als Anmerkung und vielleicht für weitere konstruktive Kritik dazu:
Im Theater gibt es für diese Einwegmenschen einen tollen Begriff: Rampensau. Sie spielen auf Kosten des Ensembles und reißen das ganze Stück an sich. Für die Regisseure sind diese Schauspieler ein echtes Ärgernis. Ich meinte also diese Sorte von Menschen, die ihren Weg unbeirrt bis zur Endstation gehen und schließlich feststellen, dass ihr starker Wille sie zur Einsamkeit geführt hat. Marke Betonwestfale :)

Alexa

Blickdicht(erin)

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6

Friday, November 11th 2011, 12:43pm

Quoted

Dieses begründende "denn" bei deinem Vorschlag gefällt mir nicht so ganz, weil ich damit befürchte, dass der Rhythmus der Zugfahrt und auch des Textes darunter leidet. Es stockt für mich irgendwie, auch wenn das zur Endstation passt. Es würde für mich die Wirkung des Wortes flüstern vernebeln. Das "bleibt dann nur" in deiner Version ergänzt ja dann dieses "denn".


ich muss an meinem Ausdruck arbeiten. Man versteht mich immer so falsch irgendwie ;(

das, was ich da oben mit deinem Text gemacht habe, sollte KEIN Vorschlag zur Änderung sein. Mir ging es nur um ein ganz simples deutlichmachen von fehlenden Informationen im Text. :)
Im Leben sollst du den Text nicht so ändern. Das käme ja einem zerknüllen und ab in die Tonne gleich. Also, ne.

Rampensau, o.k., jetzt hab ichs verstanden. :)

Gruß
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Raul

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7

Wednesday, November 16th 2011, 8:30pm

einwegmenschen

mein platz
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der zug
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endstation
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(Anm.: Ich habe es einfach einmal hier textgebunden dargestellt, hatte oben irgendwie keinen Zugriff über Bearbeiten...)

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