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Erik R. Andara

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1

Friday, October 14th 2011, 2:56pm

Besetzung

Der Spaten fährt hinab. Verfehlt nur um Haaresbreite den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle verkriechen konnte. Am Leben. Noch.
Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Im Sommer waren sie süß. Jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Grünbraun, Orange und gelblich Rot. Die Disteln in den Wiesen sind riesig. Wie bedornte Kelche, die versuchen vom Himmel zu trinken. Regen. Tagelang Regen. Stunden wie Wasser, durch das man zu tauchen versucht. Nicht ein trockener Knochen mehr im Leib. Aber schön langsam. Alles schön langsam. Wir wären wie Wolken dieser Tage, würden wir schweben, würden wir weinen. Still und grau und fern. So fern. Wir zerlaufen zu Schlamm, wie die Blätter am Boden. Flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser. Die Sonne der Feind, der uns hinterging und wir sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.
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Hazel

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2

Saturday, October 15th 2011, 8:52am

Also mir gefällt hier vor allem die Atmosphäre, die du langsam (aber schön langsam ^^) aufbaust. Mir kommt das Ganze aber trotzdem eher als kleine Stilübung vor anstatt wirklich abgeschlossen. Irgendwie ist das Ende (und damit auch die Rundung) viel zu abrupt und notgedrungen. Die wahre Stärke liegt hier eben in der Atmosphärenbildung in den ersten drei Vierteln des Textes. Dieses Stück könnte man dann sicher in einen längeren Text einbauen. Natürlich steht über dem Text die Doppeldeutigkeit des Krieges und der Beetbestückung/dem Wachsen der Pflanzen, aber deswegen hat man ja noch keine richtige Aussage. Naja, hat man schon - Geschmacks- und Ansichtssache. Wie gesagt, ich könnte mir diese Zeilen auch gut in einen längeren Text eingebettet vorstellen.

LG, Hazel
Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.

Chepre

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3

Saturday, October 15th 2011, 1:57pm

hallöchen

kann es sein, dass du dich hier ein bisschen ausprobiert hast? wirkt bisschen "opulenter" als das, was du sonst so schreibst. kann natürlich auch sein, dass ich einfach zu wenig von deiner Prosa gelesen hab. :rolleyes: naja, wurst. der Text gefällt mir vom Grundton her ganz gut, auch der assoziative Aufbau macht was her. aaaber ich finde, manches ist dir formulierungstechnisch etwas verunglückt. schwer in Worte zu fassen, was mich da genau stört - viele Stellen könnte man durch leichtes Umsortieren schon entschärfen. ich schlag dir einfach mal was vor:

Der Spaten fährt hinab. Verfehlt den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle verkriechen konnte. am Leben. nur um Haaresbreite. Noch.
Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Grünbraun, Orange und gelblich Rot. Im Sommer waren sie süß. Jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Die Disteln in den Wiesen sind riesig. Wie bedornte Kelche, die versuchen vom Himmel zu trinken. Regen. Tagelang Regen. Stunden wie Wasser, durch das man zu tauchen versucht. Nicht ein trockener Knochen mehr im Leib. Aber schön langsam. Alles schön langsam. Wir wären wie Wolken, dieser Tage. Still und grau und fern. So fern. Wir zerfließen im Nass, das uns umgibt. Wir zersetzen uns mit den Blättern gemeinsam zu Schlamm. Flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser im ewigen Herbst. Die Sonne der Feind, der uns hinterging und wir selbst sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.

Die Stelle mit den Blättern hab ich verändert, weil ich mir das Bild nur sehr schwer vorstellen kann. mag aber Geschmackssache sein. Der letzte Satz fällt sprachlich nach meinem Empfinden stark raus aus dem Rest, aber nicht unbedingt auf schlechte Art und Weise.
Musst ma schaun, was du mit meinem Kommentar anfangen kannst. hab ja nun schon ne Weile nicht mehr mit Texten gearbeitet. ^^
Du kannst gehn, aber deine Kopfhaut bleibt hier.

Erik R. Andara

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4

Saturday, October 15th 2011, 6:56pm

hallo hazel;
fingerübung, genau!
danke, ja, ich werde eine geschichte draus schnitzen und sie demnächst posten;

hallo chepre;

was ist denn der unterschied deiner version zu meiner (abgesehen davon, dass du mit meinem blätterbild nichts anfangen kannst, was legitim ist)
du hast am anfang das "um haaresbreite" und die fabaufzählungen verschoben, wenn ich das richtig sehe? ausserdem das würden wir schweben, würden wir weinen gestrichen und das zerfliessen im nass
vielleicht veuschst du doch die verunglückung in worte zu fassen; so verstehe ich nämlich die sinnhaftigkei des verschubs nicht ganz!
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Chepre

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5

Saturday, October 15th 2011, 8:01pm

ich find meine Variante an den betreffenden Stellen syntaktisch hübscher. bei dir wirken die, als hättest du auf ziemlich künstliche Art Satzteile oder Sätze aus dem Zusammenhang gebrochen und an andere Stelle gesetzt. mein Urteil darüber fällt natürlich ziemlich subjektiv aus, da dein Text nicht im grammatischen Sinne falsch ist. wenn's dir nicht gefällt, lass es. =)
wo ich komplett gestrichen habe, fand ich die Formulierungen zu leer und nichtssagend für den Rest.
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Erik R. Andara

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6

Saturday, October 15th 2011, 8:11pm

hm, es interessiert mich nach wie vor, warum meine version künstlich auf dich wirkt;

besprechen wir es anhand der tomatenstelle, um uns nicht zu verzetteln.

meine versiom:
Jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Grünbraun, Orange und gelblich Rot.

deine version:
Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Grünbraun, Orange und gelblich Rot.

Bei mir sind die Nachzügler mit der Farbgebung verbandelt, bei dir faulen die Tomaten mit den Adjektiven.

Worin siehst du den Unterschied?
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Chepre

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7

Sunday, October 16th 2011, 9:24am

Quoted


Bei mir sind die Nachzügler mit der Farbgebung verbandelt, bei dir faulen die Tomaten mit den Adjektiven.

ich find, letzteres ist logisch naheliegender. Die Nachzügler sind ja eigentlich auch nur Attribut der Tomaten. Und n Attribut nochmal mit nem Attribut versehen? ich weiß nicht. ?(
=) könnte ich dir genauer schildern, was meine Probleme mit den jeweiligen Stellen waren, hätte ich es auch gesagt. wenn du meine Kritik nicht nachvollziehen kannst, ist es doch in Ordnung. dann bleibt der Text halt so.
schönen Sonntag!
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Erik R. Andara

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8

Sunday, October 16th 2011, 9:43am

hallo maria;

An den Sträuchern hängen grünbraune, ornge und gelblich rote Nachzügler. (hier hat das adjektiv doch nichts mit dem nachzügler zu tun, denn das wären eigenschaftsworte wie: langsam, späte, hinterhereilende ... , sondern sind zusätzlich anzuführende attribute)
...

danke nochmal für die rückmeldung; jut, dann lass ich ihn so, ich seh´s nämlich nach wie vor nicht, aber wie du sagst, wenn´s bei dir ein bauchgefühl ist, dann wir des für dich schon eine ursache haben; und mich nicht falsch verstehen: das ist eine fingerübung, keine, die ich sonderlich groß finde, sondern nur ein durchexerzieren an bildern, um was parat zu haben; deswegen hätte mich natürlich dein auffassung der fehler besonders interessiert; aber vielleicht finden wir beim nächsten mal besser zusammen!

schönen sonntag!

lg
erik
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Alexa

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9

Monday, October 17th 2011, 12:31pm

Hallo Erik

Für mich ist das hier keine Besetzung, sondern eine Beisetzung (womöglich die einer Liebe und/oder schönen Gedanken/Erinnerungen), die m.E. sogar- durch den hier gewählten sprachlichen Ausdruck, den Takt des sich in die Erde grabenden Spatens vorgibt.
Die mögliche Assoziation zu den im Schlamm kriechenden Soldaten soll wahrscheinlich den vorhergehenden Kampf (ums Glück, um die Liebe, ums Leben?) symbolisieren

Sehr schön finde ich, wie detailliert hier die noch gebliebenen "Früchte des Sommers" die Tomaten-Nachzügler beschrieben werden, während die dann folgenden Bilder eher verwaschen wirken. Das ist da oben wie ein Moment, am dem das L.I. kurz innehält. Wie ein abstützen auf diesen Spaten, um den Blick erst über die noch "nahen Reste“, dann über die angrenzenden Wiesen bis hinauf zum fernen Himmel zu richten. Möglich ist sogar eine Verbindung in der hier beschriebenen Farbreihenfolge (von unreif zu reif) zu sehen. Eine Gedankliche Reife? vll. so wie Gedanken, die deutlich werden.

(tatsächlich saß ich in den vorigen Tagen manchmal in meinem Garten, genoss die letzten Sonnenstrahlen und schaute mir meine schon fast faulen Tomatensträucher an, an denen wirklich u.A. noch völlig grüne Tomaten hängen. Ich meine - sie hatten nie eine Chance etwas zu werden, weil der Sommer für sie viel zu kurz war)

Der Abschluss des Textes wirkt mit- wir sind fertig mit Kämpfen- resignativ. Ein fügen müssen, ein längst schon gefügt haben.

Also mich erreicht der Text vollends. :)


Ich hab aber auch noch das ein und andere zu bekritteln. 8)

Quoted

Der Spaten fährt hinab. Verfehlt den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle
verkriechen konnte nur um Haaresbreit . Am Leben. Noch.

Hier würde ich den Satz dahingehend ändern:

Der Spaten fährt hinab. Verfehlt nur knapp den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter die Erdscholle
verkriecht. Am Leben. Noch.

Quoted

Wir wären wie Wolken, dieser Tage, würden wir schweben, würden wir weinen.


Quoted

Wir zerfließen im Nass, das uns umgibt.
Wir zerlaufen zu Schlamm, mit den Blättern gemeinsam.

Hier gefällt mir das wiederholte wir nicht und das doppelte Präfix – ver- auch nicht. Das Wort gemeinsam erübrigt sich für mich durch das Wörtchen – mit- könnte also auch raus, wenn du willst.
Das eingeschobene - dieser Tage- ist da für mich etwas unverständlich.
Meinst du: Wir wären wie die Wolken dieser Tage, wenn wir schweben, wenn wir weinen?
Oder wir wären wie Wolken, wenn wir in diesen Tagen schweben …
Also entweder Komma weg, wenn du erstes meinst, ansonsten könntest du das – dieser Tage - auch rausnehmen. Oder ich bin gerade etwas konfus, dann lass einfach alles wie es ist :D
Kurz zusammengefasst fänd ich es so besser:

Wir wären wie Wolken, würden wir schweben, würden wir weinen. Still und grau und fern. So fern. Wir zerfließen im Nass, das uns umgibt. (Oder: So fern zerfließen wir im Nass ...) Zerlaufen zu Schlamm, mit den Blättern.

und hier:

Quoted

Flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser im ewigen Herbst. Die Sonne der Feind, der uns hinterging und wir selbst sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.

Würde ich keine erklärenden Beifügungen wie: der mit dem Frost kommt oder ewiger Herbst (grrr 8| ) anhängen (Schlaf und darauffolgend der Winter erklären m.E. genug) Ich meine, die Aufnahme des Geschriebenen wird stärker, wenn du hier unten kurz und knapp bleibst.
Mein Vorschlag:

Flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser im ewigen Herbst. Die Sonne der Feind, der uns hinterging und wir selbst sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.

So, das wars auch schon. :) Ob dir meine Vorschläge zusagen, weiß ich nicht. Mach wie du denkst. Mir gefällt der Text.

L.G. Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Erik R. Andara

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10

Monday, October 17th 2011, 9:05pm

Hallo Alexa;

Ich habe von den angegebenen Stellen die eine oder andere nochmal überarbeitet. Nicht alles so, wie von dir angeeben, aber das meiste zumindest ähnlich. Danke fürs drüberschauen.
Und ja, auch bei mir war der Auslöser dieses Textes das ebnen des Gemüsebeetes hinter dem Pavillion. Es ist kaum zu glauben, wieviele Tomaten heuer an den Sträuchern waren und wieviele davon grün unter die Erde gewandert sind. (Ich habe sie beim Umstechen gleich ins Erdreich miteingearbeitet.)
Ich werde an diesen Text noch anknüpfen, wie Hazel es anregte. Ich habe auch schon eine Idee., in das deine Beisetzung mit reinspielt. (also die von dir erwähnte im Titel)

lg
Erik
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Erik R. Andara

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11

Friday, October 21st 2011, 9:24pm

Der Spaten fährt hinab. Verfehlt nur um Haaresbreite den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle verkriechen konnte. Am Leben. Noch.
Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Im Sommer waren sie süß. Jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Grünbraun, Orange und gelblich Rot. Die Disteln in den Wiesen sind riesig. Wie bedornte Kelche, die versuchen vom Himmel zu trinken. Regen. Tagelang Regen. Stunden wie Wasser, durch das man zu tauchen versucht. Nicht ein trockener Knochen mehr im Leib. Aber schön langsam. Alles schön langsam. Wir wären wie Wolken dieser Tage, würden wir schweben, würden wir weinen. Still und grau und fern. So fern. Wir zerlaufen zu Schlamm, wie die Blätter am Boden. Flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser. Die Sonne der Feind, der uns hinterging und wir sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.
Der Erdhügel vor mir wächst und mit ihm mein Erregung. Ich teile den feuchten Grund. Mit dem Spaten. Mit den Würmern. Mit den Wurzeln. Mit niemand anders als mir selbst. Ich denke an die bemooste Marie-Luise, die ich gesehen habe, als ich gerade Mal acht war. Ich denke an ihre tiefen, schwarzen Augen. Ihre fleischlosen Lippen und das breite Grinsen, das mit dem Tod gekommen ist. Die meisten der Cowboys sind weggelaufen. Konnten den Anblick ihrer Zukunft nicht ertragen. Erbarmungslos. Christian, Kurt und ich sind geblieben. Wir waren Indianer. Mit Taubenfedern im Haar und überreifen Erdbeerenkriegsbemalung im Gesicht. Wir waren frei, an diesem Tag. Den ganzen Tag. Frei.
Marie-Luise lag im Wald. Friedlich. Sie war der Wald. Oder bessergesagt, sie wurde Wald. Über ihr rauschten die Blätter, neben ihr tummelten sich Käfer. Ein halber Hase verschwand hinter einer Kiefer. Kam auf der anderen Seite nicht mehr hervor. Wir begrüßten Marie- Luise. Huldigten ihr. Mit offenstehenden Mündern und glänzenden Augen. Wir waren keine Kinder an diesem Tag, wir waren uralte Wesen, in unserem Verständnis um die Dinge. In unserem frei sein. Mit unseren Stöcken, mit denen wir Marie-Luises Gliedern neues Leben schenkten. Mit unserem Atem, der „Ah“ hieß, zuerst. Und „Oh“. Wir waren was wir sein sollte, wozu wir bestimmt wären, wenn wir lange genug und tief genug in uns hinein hörten. Bis die Cowboys wiederkamen. mit Männern, mit Hunden und uns Marie-Luise nahmen. Sie zudeckten, als wäre sie furchtbar. Als müsste sie sich schämen, für das, was sie war. Was sie geworden ist. Wir waren traurig. Traurige Indianer, als unsere Eltern uns holten.
Wenn der Wurm klug ist, sehnt er sich nach dem Spatenstich. Sehnt er sich nach dem kurzen Schmerz, der den langen ablöst. Der Einsamkeit ein Ende bereitet. Er wird mehr als die Summe seiner Teile. So wie Marie-Luise. Mehr.
Den viereckigen Himmel betrachtend denke ich an Peter. Der Spaten, der in Marie Luise fuhr. Nur weil er es konnte. Weil es in der Natur des Spaten liegt herabzufahren. Sonst wäre er zu nichts nütze. Während die Erde von den Kanten krümelt und ich knietief liege, warm und feucht, denke ich auch daran, wie Peter geguckt hat, als ich ihn letztlich sah. Nach all den Jahren, die ein Leben waren. Mit seinem Altmännergesicht und den stumpfen Augen. So ähnlich, wie ein Wurm gucken würde, wenn er Augen hätte. Wie er den Hals einzog, als er aus der Trafik kam und die Straße hinabwanderte. Als würde er auf Prügel warten. Als wenn es jeden Augenblick beginnen würde, Steine zu regnen.
Und der Himmel ist blau. An manchen Tagen lohnt es, solche Dinge festzustellen. Der Himmel ist blau! Und ich kralle meine Hände in die dunkle, klamme Erde. Beobachte die Wolke, die zuerst nichts ist. Dann ein Berg. Ein Baum. Ein Haus mit Garten. Ein Teich. Eine ganze Stadt. Ein Ballonfahrer auf dem Weg nach Westen. Und dann wieder nichts. Fetzen und Knäul. Nebel und Schwaden.
Peters gebeugter Rücken. Peter. Der auch mein Spaten hätte sein können. Wenn ich nicht so schnell gewesen wäre. Wenn ich die Lücke im Zaun nicht gekannt hätte, durch die ich mich geschlängelt habe, seine Hände hinter mir zurücklassend. Seine nikotingelben Finger nach mir grabschend. Heischend. Flehend. Ich floh mit meinem Herz in den Armen. Und dann war alles vergessen. Waren da wichtigere Dinge, als Peter, der vielleicht nur spielen wollte, weil er sonst keine Freunde hatte. Und Marie-Luise, die die Lücke im Zaun wahrscheinlich nicht gekannt hatte. Die für einen kurzen Augenblick zu unserem Tempel geworden war. Zu unserem Schlachtfeld, auf dem wir glorreich siegten, bevor wir weider vertrieben wurden. Und wichtigeres als Pausenbrottausch und Sommerferien und die wahre Liebe finden und seine Träume leben. Wichtiger als sich zu verwirklichen, sich selber treu zu bleiben und niemals aufzugeben. Wichtiger als die Schlacht. Wichtiger als Marie Luise.
Je unwichtiger die Dinge wurde, die eigentlich so wichtig waren, desto klarer wurde es. Das Wissen aus dem Wald kehrte wieder. Kämpfte gegen diese ganzen Wichtigkeiten. Und die Ahnung wurde zu Wissen. Indianerwissen. Zur uralten Religion. Wissen darum, dass der Strauch nicht weiß, dass es keinen Sinn macht, jetzt noch Früchte zu treiben, die niemals reifen können. Dass es dem Strauch egal ist, weil es das nun Mal ist, was es ist. So ein Wissen.
Ich beginne zu singen, in dem Loch, in dem ich liege. Es klingt dumpf. Der Maulwurf, streckt überrascht seinen Kopf aus der Wand neben mir. Stimmt ein, in das alte Lied, das keine Sprache kennt. Das nicht nur mit dem Mund gesungen wird, sondern mit allem was man ist. Mit den Augen und den Ohren. Mit Haar, Haut und den Gliedmaßen und Eingeweiden. Sogar mit den Zähnen und den Nägeln. Das von allem handelt. Allem, was da ist. Und von mir. Selbstverständlich auch von mir.
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Jule

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12

Wednesday, November 2nd 2011, 3:36pm

Nur meine Meinung zu dem am Anfang geposteten Bruchstück:

Ich kann damit viel anfangen; mir gefällt es sehr gut.

Etwas unschön finde ich diese Ellipsen: Am Leben. Noch.

Mit Ellipsen muss man vorsichtig sein, finde ich... meine Empfindung ist, dass es hier einfach nicht gut klingt und zu abrupt daher kommt; es wirkt für mich hier zu gewollt.

Was ich sehr schön finde, ist dagegen das: Aber schön langsam. Alles schön langsam.

Da kommen die Ellipsen sehr gut, finde ich und machen sich vor allem durch die Wiederholung gut. Dafür kann man m.E. Ellipsen gut einsetzen, um eine Art inneren Monolog auszudrücken.



Die Streichungen, die Alexa vorgenommen hat, würde ich so nicht unterstützen.

Ich finde nicht, dass diese Worte die Funktion von Erklärungen haben, sondern eher von zusätzlichen Ausschmückungen. Winter kann zwar die Vorstellung von Frost enthalten, aber ich finde trotzdem, man kann den Frost gesondert nochmal in Bilder einbauen und damit Eindringlichkeit erzeugen.

Ebenso finde ich es komisch, wenn der Satz mit "Erlöser" einfach so aufhören würde. "im ewigen Herbst" ist schon gut, auch wenn das Herbstgefühl natürlich durch die Atmosphäre im Text vorher schon rüber kommt. Das zu resümieren finde ich aber nicht unbedingt schlecht.



Auch fände ich es jetzt gar nicht so nötig, den Text in einen anderen einzubetten... Bruchstückhaftes, Offenes muss nicht immer "nur" als Schreibübung angesehen werden. Es kann so für sich stehen und ich finde es gut so, wie es für sich steht.



lg

Erik R. Andara

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13

Thursday, November 3rd 2011, 8:48pm

Halo Jule;
Ja, du hast recht mit: Am Leben. Noch.
Ist sicher nicht die formschönste; aber um formschöneit geht es in er prosa uch nicht unbdingt immer; aber wie egsagt, ich verstehe schon, wenn man über diese stelle ein bisschen stolpert, weil sie eben als ellipse nicht rund ist, sondern ein eck abschneidet; (ist ja eigentlich auch keine - wie du es nennst ellipse sondern mehr eine beschränkung) vielleicht ist dir gerade das aufgefallen;
ansonsten schön, dass es dir soweit zugesagt hat; ich habe den text ja schon etwas mehr ausgearbeitet (siehe meinen letzten beitrag im faden) und ein bisschen mehr ausgezeichnet; fertig ist er natürlich nach wie vor nicht und an allen cken und enden noch baustelle; fertig wird er in dieser form wahrscheinlich auch nicht; aber eine kurze skizze halt um mich mit einem gedanken zu spielen;

mfg
erik
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14

Friday, November 4th 2011, 4:13pm

Hallo Erik.
Ohne dir zu sehr schmeicheln zu wollen: das ist bis jetzt auf diesem Forum das Gedicht, das mir am meisten unter die Haut geht. Ich habe mir ehrlich gesagt bisher noch nicht die Mühe gemacht alle verwendeten Bilder zu deuten, aber mit einigen Stellen kann ich auch rational viel anfangen. Am meisten jedoch beeindrucken mich (wie schon angedeutet) die Emotionen und Affekte, die sich beim Lesen auch an Stellen, mit denen ich rational noch nichts Konkretes verbinde, fast auf hypnotische Art in mir auftun.
Die Stolperstelle "Am Leben. Noch." wirkte auf mich im Zusammenhang folgerichtig - also eher positiv. Insgesamt auf jeden Fall ein gelungenes Werk.
Respekt
Tobl
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15

Friday, November 4th 2011, 4:27pm

P.S.: Ich merke gerade, dass du den Text noch um Einiges verlängert hast. Das ist für mich persönlich irgendwie etwas schade. Ich fand es ziemlich geil wie die "Kurzversion" an einer emotional so intensiven Stelle endete. Vielleicht hatte ich mich aber nur schon zu sehr daran gewöhnt.
Und noch was anderes: weißt du, ob es eine Funktion gibt, mit deren Hilfe man sich nur die Gedichte eines bestimmten Verfassers (also ohne Antworten) anzeigen lassen kann? Wäre nett wenn du mir da weiterhelfen könntest.
Grüße
Tobl
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Erik R. Andara

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16

Saturday, November 5th 2011, 11:00am

Hallo Frau Tobl;

Schön, dass es dir gefallen hat; Ja, wie gesagt, das längere Teil müsste von der Geschichte leben und nicht vom Umriß, der es momentan ist; ist nur eine Idee meinerseits, deswegen habe ich es auch hier angehängt und keinen neuen Textfaden eröffnet;

Beiträge von einem Autoren siehts du, indem du aufs entsprechende Profil des Users gehst und dir dort "alle Beiträge" anzeigen lässt (bzw. auf den Beiträge - Link unter em Avatar neben den Kommentaren klickst, der die Anzahl der Beiträge des Users anzeigt) - da hast du dann halt alle Kommentare auch dabei!
Bei weiteren Fragen steht dir die Moderation gerne zur Verfügung.

mfg
Erik
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17

Saturday, November 5th 2011, 3:08pm

Moin,
danke für die Rückmeldung. Dann weiß ich bescheid, dass ich mich durch die ganzen Kommentare wühlen muss. Ich finde das manchmal bisschen nervig - irgendwie fände ich es gut wenn es besagte Funktion gäbe (falls der zuständige Informatiker mal nichts besseres zu tun hat...).
Den angehängten Textteil wollte ich mit dem gestern Geschriebenen eigentlich garnicht kritisieren. Ich versuch mich hier ohnehin mit Kritik zurückzuhalten, da ich mit meinen paar Semestern Lehramt Deutsch, die schon lange zurückliegen, sicher einiges nicht komplett durchschauen kann. Ich fand es nur echt super, wie die Kurzversion geendet hat. Das hatte auf mich ne enorme Wirkung.
Frau Tobl ist auch gut :) - hab mir den Namen auch mit ner gewissen Selbstironie gegeben (das Maria soll jedoch eine Huldigung an männliche Komponisten wie Autoren - vor allem natürlich an den, an den du jetzt garantiert denkst - sein).
Möge Inspiratio weiterhin mit dir sein
Tobl
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Erik R. Andara

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18

Monday, November 7th 2011, 6:14pm

ich habe es auch nicht als kritik aufgefaßt, und wenn dann immer her damit, mit der kritik meine ich; gerade bei so textskizzen bin ich sehr dankbar für rückmeldungen die kommen; wenn ich sie verstehe und nachvollziehen kann, versuche ich sie auch zu verarbeiten;

frau tobl ist nicht das richtige geschlecht um dich anzusprechen?
verstehe ich das jetzt richtig?

mfg
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Monday, November 7th 2011, 8:34pm

Nabend.
Naja, biologisch gesehen bin ich n Mann, aber das juckt mich recht wenig. Ich steh zu meinen weiblichen Anteilen. Du kannst also gerne auch Frau Tobl sagen. Finde ich irgenwie lustig.
Grüße
T
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