Anmerkung: Hier ein erstes Kapitel ein Romanprojektes, das ich mangels Zeit vielleicht nie zu Ende schreibe. Also: Ermutigt mich!
Prolog
Er kommt zu keinem Anfang. Er kann nicht liefern. Die Redaktion bedrückt ihn. Die Gesichter laufen an ihm vorbei. Er findet sie nicht. Die Schlagzeile. Ihm fehlt die Geschichte. Nein. Ihm fehlt die Nachricht. Der Glaube an die Nachricht. Die Geschichte ist ja eigentlich da. Sie hat sich ihm wieder präsentiert. Nach all den Jahren. Aber ist sie eine Nachricht wert? Damals ja. Heute? Eine furchtbare Sache, in einer Geschichte zu stecken, die keine Nachricht mehr wert ist. In der Provinz, gut. Aber in der Hauptstadt? Die ist voll von Textnutten. Hier ist man schneller arbeitslos als sonst wo. Nah am Geschehen, fern von Bedeutung. Alle nuckeln hier am Mutterbusen der ganz großen Nachrichten. Jeder saugt um den letzten Tropfen einer Story. Bis die Milch alle ist. Er ahnt, warum er mit dieser vermeintlichen Nachricht zögert. Dahinter steht eine Geschichte, seine Geschichte.
Abends das Nachtleben. Genauso blind wie die Redaktionsstube. Die Geräusche jagen sich, verlieren sich. Massen begegnen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Für eine Nachricht hält der eine oder andere kurz an. Wenn jemand betrunken auf dem Pflaster liegt. Eine Geschichte ist das nicht. Er ortet das Stadtleben wie einer vom Katasteramt. Legt nun Maßstäbe dafür an, was in oder out ist. Und weiß es selbst nicht in der schnellen Laune der Zeit. Er muss was schreiben. Die Leser wollen es wissen. Oder auch nicht. Jemand muss immer was schreiben. Deswegen mehr Nachrichten und weniger Geschichten. Der Hintergrund bleibt heute einfach Hintergrund. Für Hintergründe gibt es unter den Jägern keine Zeit mehr. Es ist alles schlimm und reicht nicht einmal für ein Besäufnis. Keine Zeit.
Wieder in der Redaktion. Er sitzt da. Die Jugend sitzt ihm im Schatten seines Nackens. So in etwa am Hinterkopf. Die Jugend ist voller Elan, voller Träume. Die haben vielleicht Saft. Wie er vor dreißig oder vierzig Jahren. Da war die Welt für ihn auch noch neu gewesen. Jetzt kennt er alle Geschichten. Er weiß, dass die Welt ein einziger Text geworden ist. Ein körniger, schleimiger Brei von zusammengeschriebenen Buchstabenkombinationen. Eine Tickermeldung da, ein Lesehäppchen dort. Wer, verdammt noch mal, hat Zeit, das alles zu lesen? Da stimmt doch was nicht. Er fragt sich, wie sein Chef reagiert, wenn er einfach keinen Text vorlegt. Die Welt würde nicht untergehen. Sein Chef ist nicht begeistert.
Nachts wieder allein. Er sitzt da. Beiderseitiges Einvernehmen. Er ist out. Ein Redakteur ohne Text. Das ist nicht akzeptabel. Nicht heute. Und morgen ganz bestimmt nicht. Es gibt immer eine Meldung des Tages. So reden die Chefs heute. Die Leute haben zu viel Zeit. Sie teilen sich mit. Alle gleichzeitig, nebeneinander und aneinander vorbei. Kein Stein mehr auf den anderen. So baut niemand ein Haus. Da muss es doch einen Redakteur geben, der sich verweigert. Das hat etwas mit Berufsehre zu tun. Jetzt betrinkt er sich. Jetzt hat er Zeit. Wenn Worte nicht mehr fließen, muss etwas anderes fließen. Schließlich kotzt er in die Toilette. Und danach rauscht die Welt an ihm vorbei. Das bringt ihn genau dorthin zurück. Jetzt ist er wach.
Wie war das noch übersichtlich früher. Weniger Technik, mehr Grips. Sorgfältige Recherchen. Abenteuersinn und die Lust an der Aufdeckung der Wahrheit. Aus der Redaktionsstube. Die Geschichten waren nicht besser. Aber die Nachrichten weniger. Seinen damaligen Chef durfte er duzen. Franz. Mit Franz zog er abends immer durch die Stadt. Und man machte sich keine Gedanken, was in oder out war. Man betrank sich gemeinsam. Man sah sich in die Augen. Man diskutierte. Es war real. Nicht online. Der Franz war ein Haudegen. Den stieß nichts so leicht um. Einmal, da war so ein Brief aus dem Innenministerium gekommen. Man beschimpfte ihn. Franz hatte seinen Leitartikel abgesegnet. Er stand zu ihm und hinter ihm. Er fand seinen Artikel über verdeckte, staatliche Aufwiegler, die in die Linksszene eingeschleust worden waren, in Ordnung. Das Ministerium sah das anders. Er gefährde mit seinem Blatt und den Geschichten die innere Sicherheit. Knappe Antwort des Chefs an den zuständigen Referenten: Schon mal was von Pressefreiheit gehört? Ja, der Franz. Unverwüstlich. Nimmt man mal den Krebs aus, den jeder in dieser Welt auf die eine oder andere Weise irgendwann erleidet. Die Welt stirbt noch in tausend Jahren an irgendeiner Pest.
Er wacht auf. Das Hirn ist eine große dumpfe Rübe. Petra ruft an. Sie will hören, dass es ihm schlecht geht. Das will sie jeden Tag. Er versteht nicht, warum sie sich Sorgen macht. Die Zeit ist doch nur ein bisschen vorangeschritten. Das tut sie jeden Tag. Heute allerdings mit Tempo. Liveticker zu den blutigen Unruhen im Nahen Osten. Libyen. Wie bei einem Bundesligaspiel. Spektakel. Ein Toter. Ein Tor. Das ist das Ende meines Berufes, denkt er. Er will nicht mehr. Petra fragt, was sie tun kann. Die Welt untergehen lassen, sagte er. Der Letzte macht das Licht aus. Davon wird es auch nicht besser, sagt sie. Nein, sagt er, aber dunkel ist es jetzt schon.
1976. Sein Durchbruch. Franz hatte ihm die Chance zu einem Essay gegeben. Die Tageszeitung brummte, verkaufte sich gut. Er riskierte nichts. Über mehrere Wochen hatte er zu den Vorteilsnahmen von Politikern in Aufsichtsräten großer Wirtschaftsunternehmen recherchiert. Lustreisen, Bordellbesuche, spendierte Aufenthalte in Luxusvillen großherziger Unternehmer. Er schrieb eine bissige Geschichte der Gefälligkeiten. Ein großartiger Aufsatz über die Anfälligkeit des politischen Systems in der Krake wirtschaftlicher Interessen. Danach war er für die Leitartikel der Zeitung zuständig. So bekam er einen gefürchteten Namen. Die Zeitung feierte endlich die ganz großen Erfolge. Alles lief wie geschmiert. Dann verstarb Franz. Mit seinem Tod begann der Sieg der Schlagzeile über die Geschichte. Der Erfolg über Nacht war zum Tag geworden und strahlte seither in jährlich gemachten Vorgaben über die angestrebte Auflagezahl an allen Wänden. Die Geschichte vom Journalismus. Die Hausjournalisten wurden plötzlich zu meinungsabhängigen Sklaven der Auflage. Böll und Blum hatten den Kampf verloren.
Heute muss man ganz anders arbeiten. Nachrichtenpräsenz ist wichtig. Jede Sekunde. Überschriften ändern sich jede halbe Stunde. Das hungrige Flackern des Leserauges am Bildschirm will das so. Tausendersichtkontakte heißen die Leser jetzt. Agenturmeldungen werden nur notdürftig gekennzeichnet, in eigener Kreation schnell fortgeschrieben. Man produziert jetzt selbst die Nachrichten, treibt die Menschen damit zu neuen Nachrichten. Die Wahrheit abschreiben darf dann jeder. Tut auch jeder. Irgendwie und irgendwo. Industriejournalismus. Sein neuer Chef wollte ihn unter Druck setzen. Die Meriten der Vergangenheit zählten einen Scheißdreck. Die Auflage stimmte nicht mehr. Man wollte noch mehr auf online setzen. Das passte ihm nicht. Spätestens am Mittag verschwommen ihm vor dem Bildschirm die Augen. So sah er die Welt nicht mehr. Er wandelte zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es machte sich in dieser Hetze Verzweiflung breit. Er hatte eine letzte Chance bekommen. Die Worte gingen ihm dennoch aus. Abends fand er keine mehr. Jetzt ist es vorbei. Er trifft sich mit seiner Ex.
„Du bist der Alte geblieben“, sagt sie. In der Tat. Alles ist beim Alten geblieben, denkt er. Sie versteht mich immer noch nicht. Wo soll das noch hinführen? Nicht einmal die letzten Nächsten verstehen einen. Sie geht bald wieder. Jetzt ist die Zeit, sagt er sich. Wenn jemand über ihn etwas zu erzählen hat, dann ich. Ich erfinde keine Nachrichten mehr. Ich schreibe wieder Geschichten. Oder eine. Es ist dann meine. Da brauche ich die Überschrift nicht ständig auszuwechseln. Ich erzähle einfach, wie das damals so war. Ich muss dafür sorgen, dass man es versteht. Warum ich heute leide. Warum ich mich verändert habe. Warum ich mich jetzt weigere, einfach Nachrichten zu produzieren. Dieses kranke Schwanken zwischen – Kein Text oder Meldung des Tages – musste aufhören. Das ist die ständige Angst des Redakteurs, nicht die des Journalisten. Die Angst trieb ihn ganz von selbst in die Vergangenheit. Sie brachte die entscheidenden Erinnerungen hervor. Die Angst, keinen Text mehr in sich zu spüren.
1
Damals vor fünfunddreißig Jahren. September 1976. Franz und ich rauchten eines Abends unseren ersten Joint. In der Nostalgie des gemeinsamen Sandkastens auf dem Spielplatz gegenüber dem alten Wohnblock. Treffpunkt aller Arbeiterschichtkinder. Früh regierten die Fäuste. Genug Stallgeruch für eine Karriere im Untergrund. RAF oder SPD. Wir aber waren damals vermutlich die einzigen Jointraucher, die offen ihre Ablehnung gegen die RAF zeigten. Uns stank dieses scheinheilige Märtyrertum der Linksszene. Uns stank auch die SPD. Das wortgewandte Gefasel in verrauchten Kneipen. Die Bekenntnisfreude der Zeit. Rechts. Links. Diese Zuspitzung in Lager. Wir hassten diesen Meinungsfundamentalismus. Frank und ich hassten Buschmeyer und Jahn. Die Zwei sprachen jeden Abend im Audimax des Manifests. Das Manifest war eine Kneipe mitten in der Stadt. Jeder, der nur halbwegs links war, verkehrte hier. Eine heimelige Gesinnungskneipe im besten Sinne. Wir waren da, weil wir einfach sehen wollten, was passierte, wenn wir da waren. Es war kein Geheimnis, dass wir nicht zum inneren Führungszirkel der Clique um Buschmeyer und Jahn gehörten. Man hätte uns gern als Lautsprecherratten eingefangen und den Murks in unserem Blatt verkauft.
Jahn war dreißig, groß aufgeschossen, lange schwarze Haare und mit einem schwarzen wallenden Vollbart ausgestattet. Wenn er kinnlos schwarze Reden gegen den Kapitalismus und den faschistischen Staat hielt, zitterten die gekräuselten Spitzen leicht. Er drehte die Augen wie ein Wahnsinniger hin und her, blinkerte mit den weißen Augäpfeln, gewann dadurch mehr Spektrum und zog die Leute in seinen Bann. Mit dem kräftigen Buschmeyer im Rücken wiegelte er jeden Abend die Leute von neuem auf. Stammheim und Baader waren das große Thema. Die Republik redete über nichts anderes. Buschmeyer war das physische Kapital, das Jahn brauchte, wenn es mal hitziger nach den Reden wurde. Die Zuverlässigkeit in Person. Er klatschte seinem Idol beinahe nach jedem Satz zu, grätschte damit gelegentlich in die Rede seines Helden und übertönte diesen mitunter. Jahn ging es unterdessen um die Stimmung, nicht um die Worte. Beide waren gehirnversprengte Unruhestifter, nörgelnde Plagegeister, die aus ihrer eigenen Zukunftslosigkeit den Fatalismus gewannen, das Abendland gehe gerade unter und müsse in diesem Kapitalismus untergehen. Es hätte auch der über alle Zweifel erhabene Gandhi wieder auferstehen können und den neuen Frieden ausrufen können. Buschmeyer und Jahn wären gegen ihn gewesen und hätten auch mit ihm den Untergang gesehen. Das Schlimme war, Jahn war ein begnadeter Redner. Und Buschmeyer ein treffsicherer Schläger. Im Manifest waren sie damit ein Staat im Staate. Jahn genoss diese Position sichtlich. Er fühlte sich zunehmend sicherer im selbst geschaffenen Audimax. Nur so lässt sich erklären, warum ihm eine wichtige Kleinigkeit an einem großen Abend mit einflussreichen Vertretern des Untergrunds entgangen war. Franz war es, dem das peinliche Detail an Jahn auffiel. Er flüsterte mir drei Wörter zu, deren Sinn ich erst später entschlüsselte. Aber dazu gleich.
Buschmeyer war ein etwas untersetzter, dicknackiger Typ mit kurzen, dunkelblonden Haaren, die für die Szene erklärungsbedürftig waren. Jahn war seine Eintrittskarte, und er wusste das instinktiv. Sein Makel bestand darin, dass er äußerlich alternativen Erkennungsmerkmalen der Zeit nicht gerecht wurde. Er war ein äußerliches Missverständnis der Szene, die ihre Klamotten und langen Haare so stolz trug wie Soldaten ihre Uniformen. Hauptsache schmutzig, dreckig, cool. Aber der Kerl hatte etwas anderes zu bieten. Buschmeyers wulstigen Finger endeten mit dreckigen, abgeknabberten Nägeln. Dazwischen lagen in der Mitte Metallringe mit Spitzen, die jedem, der sich zu nah vorwagte, Respekt abgewannen. Keiner wusste, woher der Typ diese Dinger hatte. Der besoffene Mob hielt von allein Abstand, und wenn in den Redepausen was von Frumpy, Cocker oder Zappa gespielt wurde, ging man lieber Bier holen als sich auf Zicken einzulassen. Buschmeyers Fäuste, die er gern zur Schau stellte, wenn er Jahns Worten Nachdruck verleihen wollte, üben noch heute auf mich eine respektable Wirkung aus. Es fällt mir schwer in der Erinnerung, zu fassen, wie die Leute sich eigentlich auf die Militanz dieses Anblicks einlassen konnten. Ich frage mich noch immer, wie sie das akzeptieren konnten, wo sie doch jede staatliche Gewalt sonst als SS-ähnliche Repression abstempelten. Ich war vom Hass der Zeit gegen den Staat erdrückt. Mir setzte die Stimmung sehr zu, und Franz schien es genauso zu gehen. Selbst stadtbekannte Mitglieder der SPD verirrten sich im Manifest, noch unschlüssig, ob sie ihren Parteiweg weiter gehen sollten oder doch die zweite Generation im Untergrund mitbegründen sollten. Es war eine merkwürdige Mischung, die sich im Manifest Abend für Abend traf.
An jenem Abend raunte mir Franz drei Wörter zu. Schlüsselanhänger von Klöckner. Ich nickte ohne zu begreifen. Franz zeigte dabei auf Jahn. Ich nickte noch einmal. Später auf dem Spielplatz verlor sich diese kurze Bemerkung wieder. Franz erzählte mir, dass er nicht mehr heiraten werde. Gisela reichte ihm. Eine Trennung war genug. Seine Birgit drängte ihn, wollte Klarheit. Ich bin fast fünfundvierzig, Jakob, da braucht man keine Klarheit mehr. Ich nickte zustimmend, ohne zu verstehen, worum es überhaupt in diesem Heiratszirkus ging. Ich war Single und nahm das, was mir vor die Flinte kam. Es kam nichts. Das war meinem Beruf förderlich. Ich sprach Franz zum ersten Mal darauf an, ob das Blatt nicht doch irgendeine Kontur brauche, ein Profil jenseits von rechts und links. Auch nicht zu mittig, aber wach und kritisch. Eben unabhängig.
„Mir ist das zu banal heute. Einer erschießt den anderen mit Zeilen. Bild gegen Spiegel. Spiegel gegen Bild. Können wir nicht eine andere Front aufbauen?“
„Die Demokratie braucht Zeit. Ich will kein zweites Weimar. Ich will überhaupt keine Front. Ich will den Politikern nur auf die Finger sehen. Allen Politikern. Und der Gesellschaft.“
„Gut, Front ist vielleicht das falsche Wort. Ich meine ja auch nur die Positionierung. Es ist schwierig, sich zwischen den Großen zu behaupten.“
„Es kommt auf das Ziel an. Ich definiere einfach keine Ziele. Dadurch bleibt das Blatt unabhängig. Einschließlich der Journalisten. Aber ich weiß, wie du es meinst. Ich denke darüber nach.“
So ließ mich Franz wegen Birgit irgendwann nachts stehen. Ich dagegen schlenderte noch durch die nachtlaute Stadt und sah an einer Imbissecke plötzlich Jahn. Es war ein ungewöhnliches Bild, diesen Menschen anderswo als im Manifest zu sehen, dazu noch ohne Buschmeyer. Jahn stand da und schien zu warten. Er weckte in mir eine andere Neugierde. War er im Manifest der politische Jahn, der intellektuelle Brandstifter, so deutete sich hier jetzt eine andere Wahrheit an. Verfolgen, dachte ich. Das wird eine Geschichte, rief ein Instinkt in mir. …