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Raul

Master

Date of registration: Oct 10th 2010

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1

Thursday, August 11th 2011, 1:05am

satz des thales

im halbkreis liegen
rechte winkel
unsere augen sehen
fixierte punkte

eine gerade schleicht sich
außerhalb des sichtfeldes
kaum mehr von interesse
getötet von unendlichen räumen

unsere blicke fassen
was endlich ist
begrenzen die perspektiven
im möglichen bereich

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

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2

Thursday, August 11th 2011, 2:11am

Hallo Raul,

Dein Gedicht gefällt mir ziemlich gut.

Aber es ist auch sehr suggestiv geschrieben, vergleichbar mit einer Rede. Wenn man das so runter liest, fühlt man sich in die Aussagen mehr und mehr verwickelt: "unsere augen sehen", "unsere blicke fassen" usw. beziehen den Leser stets bestimmend mit ein. Das stört eventuell die Authentizität, wenn er sich am Schluss selbst fragen will, ob er der inneren Aussage des Gedichts mit verhaftet zu sein scheint oder nicht. Außerdem wirkt es sehr suggestiv, weil der lyrische Sprecher selbst in einem lyrischen Wir aufgeht und dadurch ein Musterbeispiel abgibt, dem zu folgen man sich bewogen fühlt.

Inhaltlich fällt mir auf, dass der Bereich des Möglichen (mitsamt den begrenzten Perspektiven) nicht auch gleichzusetzen ist mit der Fülle unbegrenzter Perspektiven, im Gegenteil. Das Mögliche setzt sich immer aus begrenzten Perspektiven erst zusammen, wie alles andere auch. Einzig das Unmögliche wäre hier zu betonen, aber das rutscht leicht in einen idealistischen Ton ab. Dass du in negativem Zusammenhang über "unendliche Räume" sprichst, zeigt schon, dass du das nicht willst, da sie ja eigentlich als synonym für diese Unbegrenztheit der Perspektiven gelten.

Dieses Element wirkt auch ein bisschen verdreht, die unendlichen Räume gleichen eher den fixierten Punkten, denn beide lassen die Gerade verschwinden. Das macht dein Gedicht jedoch sehr interessant. Braucht eine Gerade den Raum oder nicht? Sind unendliche Räume bloß Schäume, nur fixierte, eng betrachtete Punkte, und die Auflösung liegt in der Endlichkeit (was in der dritten Strophe wiederum umgestoßen wird)? Schöne Fragen rauschen mir da durch den Schädel. Fragen, die jedenfalls mein Interesse an der Gerade bekunden, denke ich.

Liebe Grüße!
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Raul

Master

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3

Thursday, August 11th 2011, 10:11am

Hallo Daniel,

danke für deinen Kommentar. Mir ging es bei den unendlichen Räumen nicht um etwas Negatives, nur um etwas, was außerhalb des Menschlichen und des Menschen liegt. Unser Vorstellungsvermögen, das sich sehr stark an die Geometrie orientiert, ist nun einmal begrenzt. Was nicht in unserem Sichtfeld liegt, ist wie tot. Ich habe lange überlegt, ob ich das getötet hier verwenden soll, weil es ja einen lebendigen Vorgang ausdrückt und erst einmal nicht zu den Geraden und zum Halbkreis passt.Ich habe mich dann dafür entschieden, weil ich damit abrupt und klarer ausdrücken kann, dass mit dem Schleichen der Gerade außerhalb des Sichtfeldes die Steigung irgendwann nicht mehr vom Menschen verfolgt werden kann und damit in unendliche Räumen verschwindet. Die Endlichkeit unseres eigenen Daseins hat dabei etwas mit unserer Suggestivkraft zu tun, Dinge in Formen zu pressen, die fassbar sind. Alle Menschen streben danach, einen Raum zu besetzen, und wenn es ein Gedichteforum ist. :) Die Augen bieten neben anderen Sinnen wichtige Leitplanken der Wahrnehmung. Eine Gerade ist unserem Raumverständnis besser vermittelbar als abstrakte Figuren. Wir fixieren ständig Punkte, um unsere Umwelt einordnen und beherrschen zu können. Was ich will oder nicht will, spielt hier keine Rolle. Der Text sollte nicht als Wertung verstanden werden. Er legt einfach visuelle Gesetzmäßigkeiten in einem geometrisch gedachten Raum dar.

Daniel H.

Trainee

Date of registration: Jan 27th 2011

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4

Friday, August 12th 2011, 4:41am

Hallo Raul,

Da habe ich ja dein Gedicht komplett ungleich erfasst. Auf mich wirkt allein die Gerade den engen Fokus und die begrenzte Perspektive überwindend, wenn auch nicht beachtet (das ist es ja!), und die unendlichen Räume töten sie dann - scheint also irgendwie dasselbe wie die Begrenztheit zu tun, auch wenn mir die sprachliche Paradoxie doch sehr immens vorkam. Aber so, wie du es korrigiert hast, dass nämlich die Gerade schlicht aufgrund des "toten Winkels" unserer Möglichkeiten getötet wird, scheinen mir die unendlichen Räume verwirrend, viel zu aktiv, fast schon personifiziert bei der Tötung. Vielleicht liegt das aber auch an meinem stolperhaften Sprachgefühl.

Quoted

Die Endlichkeit unseres eigenen Daseins hat dabei etwas mit unserer Suggestivkraft zu tun, Dinge in Formen zu pressen, die fassbar sind.
Naja, um es mit Kant zu betrachten, ist das einfach der Verstand, der die Dinge mit Formen belegt, weil sie dadurch erst für das Urteils- und Erkenntnisvermögen, die Vernunft, fassbar sein können. Sie sind es nicht von sich aus, sonst bräuchten wir diese "Suggestivkraft" nicht. Denken wir an die Zentrifugalkraft, die ja eine Scheinkraft ist, so sei auch hier "Suggestivkraft" eher ein Begriff für Dinge, die wir erst über ein, zwei Ecken verstehen.

Quoted

Die Augen bieten neben anderen Sinnen wichtige Leitplanken der Wahrnehmung.
Richtig, aber daraus kann man auch etwas machen. Genauso wie der Maulwurf etwas aus seinem Tast- und Geruchssinn und die Fledermaus etwas aus ihrem Hörsinn macht. Und das sind weit massivere Leitplanken. Ich weiß, die Dominanz der Augen und des Alltags ist eigentlich eine traurige Sache was das Potenzial des Menschen und der Kunst angeht. Das sehe ich ähnlich. Ich würde nur nicht alles so herumdrehen, dass uns die Geometrie oder das Sehen überhaupt, selbst wenn es geometrisch bedingt ist (visuelle Gesetzmäßigkeit greift ein bisschen weit) in die Suppe spucken würden. Das machen wir dann eher selber mit schlicht emotionaler und geistiger Horizontverkrustung.
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Raul

Master

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5

Friday, August 12th 2011, 8:27am

Hallo Daniel,

die unendlichen Räume gibt es ja zweifellos, sie sind also, nur stören sie uns wie dich gerade, weil wir unsere Figuren und Linien in ihnen nicht unterbringen können. Linien in unendlichen Räumen sind einfach irgendwann tot, weil es zum Ursprung keinen Punkt B mehr gibt.

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