Hallo Raul,
Da habe ich ja dein Gedicht komplett ungleich erfasst. Auf mich wirkt allein die Gerade den engen Fokus und die begrenzte Perspektive überwindend, wenn auch nicht beachtet (das ist es ja!), und die unendlichen Räume töten sie dann - scheint also irgendwie dasselbe wie die Begrenztheit zu tun, auch wenn mir die sprachliche Paradoxie doch sehr immens vorkam. Aber so, wie du es korrigiert hast, dass nämlich die Gerade schlicht aufgrund des "toten Winkels" unserer Möglichkeiten getötet wird, scheinen mir die unendlichen Räume verwirrend, viel zu aktiv, fast schon personifiziert bei der Tötung. Vielleicht liegt das aber auch an meinem stolperhaften Sprachgefühl.
Die Endlichkeit unseres eigenen Daseins hat dabei etwas mit unserer Suggestivkraft zu tun, Dinge in Formen zu pressen, die fassbar sind.
Naja, um es mit Kant zu betrachten, ist das einfach der Verstand, der die Dinge mit Formen belegt, weil sie dadurch erst für das Urteils- und Erkenntnisvermögen, die Vernunft, fassbar sein können. Sie sind es nicht von sich aus, sonst bräuchten wir diese "Suggestivkraft" nicht. Denken wir an die Zentrifugalkraft, die ja eine Scheinkraft ist, so sei auch hier "Suggestivkraft" eher ein Begriff für Dinge, die wir erst über ein, zwei Ecken verstehen.
Die Augen bieten neben anderen Sinnen wichtige Leitplanken der Wahrnehmung.
Richtig, aber daraus kann man auch etwas machen. Genauso wie der Maulwurf etwas aus seinem Tast- und Geruchssinn und die Fledermaus etwas aus ihrem Hörsinn macht. Und das sind weit massivere Leitplanken. Ich weiß, die Dominanz der Augen und des Alltags ist eigentlich eine traurige Sache was das Potenzial des Menschen und der Kunst angeht. Das sehe ich ähnlich. Ich würde nur nicht alles so herumdrehen, dass uns die Geometrie oder das Sehen überhaupt, selbst wenn es geometrisch bedingt ist (visuelle Gesetzmäßigkeit greift ein bisschen weit) in die Suppe spucken würden. Das machen wir dann eher selber mit schlicht emotionaler und geistiger Horizontverkrustung.
»Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.«
― Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft