Intermezzo zum 2. Akt
Der Philosoph Bertrand kündigt eine Rede auf dem Marienplatz an. Viele Menschen haben sich auf den Platz versammelt und erwarten seine Worte. Lola ist unter den Anwesenden und hat ihrem neuen Hausfreund kurz zuvor deutlich gemacht, dass er nach dieser Rede keine erwünschte Person mehr in ihrem Hause sei. Man schreibt das Kalenderjahr 1848 und den Monat Januar in seinen letzten Tagen. Es herrscht winterliche Kälte und doch sind Menschen gekommen, um den bekannten Stadtphilosophen zu hören.
Bertrand (hebt die Stimme laut an):
Ihr Versammelten hier, Burschen, aufrechte Männer, Landsmannschaften,
ihr seid gekommen, um zu hören, wie es ist dieser Tage. Allenthalben hört man von Aufständen im Bund. Die Menschen wollen die Nation. Sie gründen Vereine, reden in Zirkeln über die Politik, aber haben Sie eine Stimme? Haben wir eine Stimme? Allzu verdeckt wie Kriminelle agieren wir, suchen Verbündete, während uns argwöhnisch Ministeriale des Königs beobachten, feige intrigieren und uns wie Vieh in Schach halten wollen. Ist das die Freiheit, von der wir träumen? Versammlungen über Versammlungen verkünden unterdessen landesweit den Willen des Volkes. Der Bürger möchte einen Grundrechtekatalog. Wir sind frei und wollen endlich mitbestimmen. Diese kleinstaatliche Fürsterei ist uns zuwider, wenige Bäuche sind satt gefüllt, während das Volk draußen vor den Palästen hungert. Einigkeit, Recht und Freiheit. Das ist die Losung der Zukunft, damit alle teilhaben können am politischen Schicksal. Ich fordere nicht die Absetzung des Königs. Unsere Exzellenz König Ludwig mag seinen Platz behalten. Ich fordere aber, dass sich unsere Exzellenz wie jeder einem Recht unterordnet, das für alle da ist. Unsere Ideale lassen sich mit keiner Peitsche austreiben. Wir stehen hier nicht in der Kälte, um willenlos zuzuschauen, wie alle Sitten weiter verkommen. Wie kann einer über alle herrschen, ohne selbst an ein Recht gebunden zu sein? Es braucht gültige Regeln für alle. Unser Aufstand ist nicht dazu da, alles in Frage zu stellen. Unser Aufstand ist dazu da, die richtigen Fragen zu stellen. Wie kann einer mehr wert sein als der andere? Das geht nur in einem Staate ohne Recht. Ja, aber das sind wir! Bürger ohne Recht.
(Lauter Applaus, die Menschen auf dem Platz schreien und jubeln. Manche tanzen sich warm. Hinten bricht eine Schlägerei zwischen zwei Burschenschaftlern aus, die sofort unterbunden wird. Es dauert, bis der Redner wieder Ruhe findet.)
Wir hungern daher in dieser Rechtlosigkeit. Wir leiden mit der Nation, die schon längst Wirklichkeit in unseren Köpfen ist. Wir verachten niemanden, nicht den König, nicht die Magd. Vor dem Recht aber müssen alle gleich sein. Ich kann nicht länger zusehen, wie das Schicksal einer großen Nation in den Händen weniger liegt. Etliche kluge Köpfe weilen schon verbannt im Ausland, leiden unter der Ächtung einer Herrschaft, die sich über Jahrhunderte immer nur ihr Recht herausgenommen hat. Sie leiden als Deutsche. Der Deutsche Bund ist keine Einheit, sondern die Fortführung der Fürstenstaaten. Der Deutsche Zollverein ist die fürchterliche Betäubung eines Bürgerwillens, der letztlich doch unaufhaltsam den Weg in die Einheit findet. Es sind die Kornkammern der Fürsten, die davon profitieren. Kennen unsere Oberen Hunger? Kennen sie Hunger? Lasst euch von einem Franzosen mit hugenottischen Vorfahren sagen:
Das, was in Frankreich gescheitert ist, wird hier gelingen. Die Hugenotten hat man vertreiben können. Wer aber regiert wen, wenn alle Bürger des Landes vertrieben sind? Keine Herrschaft ohne Masse. Die Fürsten und Könige des Bundes können sich dem Lauf der Geschichte nicht widersetzen. Es ist jetzt unsere Zeit. Die Tradition in allen Ehren. Aber was ist sie, wenn die Menschen sie nicht mehr tragen? Es gibt kein Recht der Tradition. Auch die Dynastie ist kein solches Recht. Die Wittelsbacher stellen über Jahrhunderte in ganz Europa Könige. Was schert es uns aber, wenn die Menschen unter diesem Geschlecht nicht frei sind?
Jetzt fragt ihr euch vielleicht, was Freiheit ist? Freiheit ist das Vermögen, den eigenen Verstand nutzen zu dürfen. Ich vertraue auf die Klugheit des Bürgers genauso wie auf die Klugheit eines Königs. Nein, ich vertraue der Klugheit der vielen Bürger sogar viel mehr. Er hat Interessen wie der König. Aber er muss diese Interessen unter dem einen Recht in Einklang mit vielen Bürgern bringen. Daher ist es an der Zeit, hier in Bayern mit einer Nationalversammlung zu beginnen, die das Recht formuliert. Aber der Weg muss bis nach Preußen weitergehen.
Einer aus der Menge tut sich hervor, schreit:
Gut gesprochen, Bertrand, aber nach Preußen kriegt mich keiner hin. Das ist doch nicht, was wir wollen, das eine Dach mit dem anderen austauschen.
(Die Menge pflichtet ihm bei, ein Stimmenwirrwarr bricht aus. Es dauert, bis Bertrand antworten kann.)
Bertrand:
Wenn ihr Bayern so wollt wie bisher, müsst ihr euch auch mit der Kleinstaaterei begnügen. Das ist keine Lösung. Oder was hat es auf sich mit eurem Begehren? Ist es echt? Oder verstecken sich hinter Worten Unglaube und Mutlosigkeit? Ich will nicht glauben, dass aufrechte Menschen vor uns umsonst hingerichtet oder ausgewiesen wurden. Ich will nicht glauben, dass der Kleingeist unter euch das große Ganze taumeln lässt. Ein Weg hat viele Abzweigungen, bei denen viele verloren gehen können. Entweder gehen wir einen oder keinen Weg gemeinsam. Ich werde diesen Weg gehen. Wenn ihr mich hier nur zu Unterhaltung herbeigerufen habt, bin ich der falsche Mann. Ihr seid das Volk. Spreche ich nicht für euch, so ende ich hier. Hat einer bessere Ideen, so soll er hervortreten und diese verkünden. Ist ihm ein Frauenzimmer lieber als die Politik, so soll er schleunigst wieder unter seinem Rock kriechen. Feiglinge braucht diese Nation nicht länger. Steht aufrecht zu eurem Recht und bekennt euch friedlich zu euren Idealen. Die Zeit ist gekommen, dem Wort Taten folgen zu lassen. Von nun an werde ich jeden Donnerstag hier sprechen, sofern man mich lässt. Wenn die Truppen des Königs kommen, so lasse ich mich gefangen nehmen, mich hinrichten. Diese Worte an euch aber bleiben. Entweder ihr steht zu mir und zu den Idealen oder ihr verkriecht euch wieder in euer kleines Leben. Dann aber lasst die Posaunen auch gleich zu Hause. Und noch etwas. Ein kluger Geist geht mit Beispiel voran. Er braucht keine Waffen, denn er hat das Wort. Ich glaube an die Klugheit des Bürgers und vertraue darauf, dass die Gewalt vom Aufstand ferngehalten wird. Wir tun es nicht dem König gleich, denn das würde bedeuten, dass wir sein Unrecht mit Unrecht beantworten. Unsere Einheit und Freiheit bewährt sich nur, wenn wir mit lautstarken Worten protestieren. Der Protest zerfällt aber mit jeder Faust und mit jedem Schuss. Geht jetzt und beratet euch, wo auch immer. Ihr seht mich nächsten Donnerstag hier wieder.