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Date of registration: Jul 17th 2005

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Occupation: Projektmanagerin

1

Sunday, February 27th 2011, 12:56pm

Der Mann neben mir

Der kommt nie an, denke ich noch. Der hinterlässt keine Spuren auf seinen Wanderungen durch die U-Bahnhöfe.
Ungeduldig lauscht er, hofft auf das Pfeifen und Dröhnen aus der Dunkelheit.
Der kommt nie an, denke ich wieder. Der wurde schon zu oft geopfert, von so genannten Freunden und Gönnern.
Der ist einer, der den täglichen Tretminen immer wieder zu entkommen sucht. Mit zusammengefaltetem Mund.
Ein Alltagsheld, der sein Brot abends allein am Küchentisch isst. Er trägt keinen Ring am Finger, das Licht im Mund macht ihn kindlich.
Jetzt schlägt ihm der fremde Atem aus dem Tunnel entgegen. Fröstelnd zieht er den Kopf zwischen die Schultern.
Der lächelt nie, denke ich wieder. Sicherlich kennt er auch keine Taschenspielertricks und zwischen seinen gelben Fingerkuppen zerrinnt ihm alles.
Wie viele Liebesbriefe kann er wohl noch zählen in seinen ausgebrannten Wohnzimmern und den überschwemmten Kellern?
Der ist Nirgends und Niemand, der verschläft den Sendeschluss. Dann ist er tot.

rivus

Professional

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Occupation: Nachtschwärmer

2

Tuesday, March 1st 2011, 12:03am

hallo alma,
der mann neben mir kommt mir sehr bekannt vor. du zeichnest einen yesterdayman. er ist ein gescheiterter, dem nur noch das scheitern bleibt. aber er ist einer im fokus einer wahrnehmung, die solche alltage kennt u. einordnet. die beklemmende schublade ist am ende zu. ich sehe keinen bukowski, der aufbegehrt u. das leben um ihn herum aufgesaugt hat, ohne wie fassbinder darin zu ertrinken. ach, die geschichte hat einen ansatz, der mir gefällt.


lg, rivus

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Occupation: Projektmanagerin

3

Tuesday, March 1st 2011, 11:08am

Danke rivus. Ja, es geht um die schnelle Einschätzung von Menschen anhand von bestimmten Äußerlichkeiten, um das in die "Schubladenstecken".
Ich freue mich über Deinen Kommentar.

Herzlich grüßt
Alma Marie

Jule

Master

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4

Tuesday, March 1st 2011, 1:01pm

Hallo Alma Marie

Mir gefällt dein Text ebenfalls sehr gut. :)

Die persönliche Sicht des Erzählers und das "in Schubladen stecken" kommt besonders deutlich und schön rüber, indem der Text von der beobachteten Person als ein "Der" spricht. Das hat natürlich auch etwas Abwertendes, wie ich finde.

Interessant dabei ist, dass dadurch die Kritik, die auf einer ersten Ebene an die herablassend beobachtete Person herangebracht wird umgelenkt wird auf den Erzähler. Die vielen Anmaßungen (der lächtelt nie, der isst sein Brot allein am Küchentisch, sicherlich kennt er keine Taschenspielertricks, ...) lassen den Erzähler beinahe unsympathisch wirken, zumindest meiner Meinung nach, und man denkt: warum nimmt er sich vom bloßen Betrachten der Person so viele scheinbar sichere Beschreibungen raus?
Das ist dir wirklich gut gelungen.

Die Thematik ist interessant. Sie fällt in deinem Text recht knapp aus, ist also meiner Auffassung nach nur ein Ausschnitt, ein Moment, ein Gedankensplitter eines Beobachters, der das Thema "Vorurteile", "Schubladenstecken" usw. kurz aufgreift, zu einem momentanen Bild formt.
Ich habe auch mal einen Text über dieses Thema geschrieben, demzufolge kann ich mich damit gut identifizieren.

Eine Kleinigkeit:
"mit zusammengefaltenem Mund" (Dativ), oder?

lg

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5

Tuesday, March 1st 2011, 2:37pm

Hallo Jule,

danke für Deine Gedanken hierzu.
Leider setzt man den Autor oft mit dem Erzähler (hier der Protagonist) gleich. So fällt es schwer ihm einen negativen Charakter zu geben. Doch in diesem Fall ist ein negatives Vorurteil auf Grund von äußerlichen Merkmalen nichts Gutes und das muß auch so ankommen. Die "gelben Fingerkuppen", da wird natürlich ein Raucher verunglimpft, der Single (na, warum hat der wohl keine Frau?) Der Satz:"Vorurteile werden immer ÜBER einen Anderen gesprochen, das wollte ich zumindest gefühlsmäßig transportieren.
Du hast sehr genau gelesen. Ich freue mich darüber.

Liebe Grüße
Alma Marie

Jule

Master

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6

Tuesday, March 1st 2011, 3:50pm

Hallo Alma Marie

Das ist dir m.E. gelungen.
Dass der Autor nicht der Erzähler ist, das ist natürlich klar. Oftmals wird das verwechselt, das stimmt. Mit ein wenig Kenntnis sollte man das jedoch verinnerlicht haben. ;)
Ich finde, du bringst das mit deinem Text gut rüber - ansonsten müsstest du mir als Person unheimlich unsympathisch sein. ;) Oder auch gerade nicht... immerhin gingen wohl jedem schon mal Vorurteile dieser oder einer ertwas anderen Art durch den Kopf.

lg

Perry

Lyrisches Licht

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7

Wednesday, March 2nd 2011, 7:20pm

Hallo Alma Marie,

ich denke, die Lösung für die scheinbare Diskrepanz der Beschreibung eines Fremden mit einer geradezu familieren Verbundenheit liegt in einer Art Projizierung von eigenem Erleben mit einem Mann an der Seite auf einen Fremden, der ihm vermutlich irgendwie gleicht. So kommt es zu diesen weitgehenden Schlüssen vom äußeren Erscheinungsbild zum vermuteten Verhalten.
Soweit meine Meinung zu deiner Beschreibung eines Fremden.
LG
Perry

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8

Wednesday, March 2nd 2011, 11:29pm

Hallo Perry,

danke für Deinen Kommentar. Ich denke Vorurteile sind oft Projizierungen von Erfahrungen mit real existierenden Personen auf Personen, die ähnliche Merkmale aufweisen. Häufig werden auch Erfahrungen Anderer für wahr oder willkommen angenommen. Menschen mit Tatoos werden bedenkenlos in ein bestimmtes Mileu einsortiert, Punks usw. Wer macht sich schon die Mühe und überprüft das, was angenommen wird? Tut mein Protagonist ja auch nicht.
Ein Beispiel eines sekundenschnellen Einstufens, das jeden tagtäglich passiert ohne daß man sich dagegen wehren kann.

Liebe Grüße
Alma Marie

Marot

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9

Thursday, March 3rd 2011, 3:36pm

Quoted

Der ist Nirgends und Niemand, der verschläft den Sendeschluss. Dann ist er tot.


Es ist seltsam, aber bis zu diesem letzten Satz, empfinde ich die Position des Erzählers als keineswegs negativ. Ich lese da sogar eine Heroisierung des beobachteten Mannes heraus. Er ist ein Altagsheld, einer der den Fallen des Alltags trotzt, ob wohl völlig klar ist, wie sinnlos dieses Trotzen ist. Das ist ein moderner Don Quichotte, klar ein Relikt, klar ein Antiheld, aber einer der sich nicht unterkriegen lässt.
Als Leser hege ich sofort eine starke Symphatie für die Figur und auch der Erzähler erscheint mir eher klug und aufmerksam, fast ein wenig romatisch gar. Und dann dieser letzte Satz der alles dreht und deutlich macht,dass sich der Erzähler doch nur über irgendeine arme Sau erheben will. Das kam schon komisch beim Lesen, ohne das jetzt als gut oder schlecht werten zu wollen. Auffällig ist es.
gerne gelesen
Marot
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10

Friday, March 4th 2011, 11:51pm

Danke Margot. Der "Alltagsheld" gilt heute nichts mehr. Ist zu gewöhnlich geworden, zu grau und uninteressant. Es gilt der Schein, das Strahlen. Im Fernsehen werden täglich die neuen Helden präsentiert.

Liebe Grüße
Alma Marie

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