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Chepre

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1

Monday, August 30th 2010, 9:06pm

kurländischer Schwarzbrotpudding

Wind in den Haaren
Grün unter mir über mir Grau
vieles wird nichtig
man ist allein mit sich, der Welt
dem Herbst und man friert.
die Beine sind erschöpft,
der Geist schwelgt leer
und die Welt ist wie ein taugefüllter Blütenkelch
so schwer, so leicht.

Zimmerleute auf einem Dach -
sie rutschen ab.

.
Marburg Schloss, 27.8.2010
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Chepre

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2

Monday, August 30th 2010, 9:07pm

es ist der erste sonnige Morgen, den ich in Marburg erlebe.
der Aufstieg zum Schloss ist gleich viel leichter gefallen.
ich sitze oberhalb eines Weinbergs auf der Schlossmauer
und lausche Vögeln sowie ersten Spaziergängern.
allein in diesem Moment lohnt das Praktikum bereits.
im Bückingsgarten singt die Bedienung.
when people run in circles, it's a very mad world.
noch wärmt die Sonne.
und die Stadt glitzert.

.
Marburg Schloss, 30.8.2010


und nach dem Archiv
laufe ich herum wie Falschgeld.
Autos gibt es nicht
und auch keine Verwerfungen
zu meinen Füßen
steigt das Wasser
immer höher
aus
und in den Abend.

.
Marburg Bahnhof, 30.8.2010
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Babac

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3

Monday, August 30th 2010, 9:28pm

Hallo Strohpuppe,

ich darf dich doch so noch nennen? Ich finde es, nach dem ich diese kurzen Gedankenverse gelesen habe, recht gut. Diese Kleinigkeiten im Alltag, werden wertvoll, in dem sie zu deinen lebendigen Beobachtungen werden; die uns Lesern, nicht nur deine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge begreifbar machen, die dir aufgefallen sind, sonder sie eröffnen uns auch, an dir teilzunehmen. Ich würde mich freuen, wenn du uns noch mehr hiervon liefern könntest.


Lg, Babac

Chepre

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4

Tuesday, August 31st 2010, 9:15am

Tach Babac,

freut mich, dass dir diese Fetzchen gefallen können. ja, es werden wohl noch mehrere entstehen in meiner Zeit in Marburg, da bin ich sicher.
grundsätzlich verbringe ich, bevor ich anfange zu arbeiten, immer etwa ne Stunde oben am Schloss. da ist viel Zeit zum sinnieren, versteht sich. =)
danke für deinen Kommentar!

Gruß
Chepre
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Chepre

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5

Thursday, September 2nd 2010, 10:06pm

Marburg im Nebel -
die Bergzüge trauen sich noch nicht,
vor dem Morgen blankzuziehen.
irgendwo schlägt es neun.
ein bisschen Kindergeschrei
in der Einkaufsgasse
wie ein aufgeworfener Pflasterstein
eine halb erfrorene Kohlmeise.
ungewohnte Farbigkeit
des Vergänglichen.
was kann man schon tun?
wir leben alternativ
aber wir sehen nicht hin.

ein Dachstuhl heult auf
unter dem Zugriff einer Säge.
Stadtautobahn und Rauch,
abgerissene Brücken
und schmerzende Kontraste.

.
Marburg Schloss, 2. September
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Chepre

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6

Friday, September 3rd 2010, 9:15pm

wie Puzzleteile herausgenommen
aus einem größeren Bild
wölbt sich die Landschaft
surreal.
und hinter der nächsten Baumreihe
ist die Welt zuende.

später klart es auf
und man verlässt Marburg
wie den ausflockenden Winter.

einer nimmt im Zug
sein himmelblaues Sofa mit.

.

Steinbach/Marburg Schlossgarten, 3. September
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Perry

Lyrisches Licht

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7

Monday, September 6th 2010, 4:49pm

Hallo Chepre,

schön, dass dich Marburg so inspiriert, Goethe musste da schon weiter reisen. ;)
Der letzte "Gedankenfetzen" gefällt mir besonders, weil in das Bild mit dem "ausflockenden Winter" und dem "himmelblauen Sofa" wunderbare Metaphern ins Landschaftsgemälde eingebunden werden.
LG
Perry

Chepre

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8

Monday, September 6th 2010, 5:30pm

hallo, Perry

schön, hier einen Kommentar von dir zu finden! danke dafür und für's Lesen. =)
ich bin der Meinung, nahezu jeder Ort kann inspirieren, wenn man die Augen, die Ohren und den Kopf aufmacht. obwohl manche Orte vielleicht noch mehr als andere genau dazu reizen...und Marburg gehört wohl in die Klasse dieser Orte.

Gruß
Chepre
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Chepre

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9

Friday, September 10th 2010, 10:20am

über Marburg der Himmel
wie eine Bleiplatte verziehen
zwei Kirchtürme die Statik.
ein Bruch im Gefäß des Morgens,
der sich nur an einem verwaschenen Riss
rechts unter der Sonne andeutete.
aus kraftlosen Händen
ergießt sich Licht in die Straßen.
vor dem Ertrinken retten wir uns
auf die umliegenden Berge.

etwas ist anders als sonst.
nervöses Flattern im Kastanienbaum.

an dieser Stadt ist alles tönern, laut und glänzt.

.
Marburg, 7. September


*


ich bin die ungeschminkte Wahrheit
oder einfach zu spät aufgestanden.
morgens überfällt im Bahnhof
eine Rotte aus altem Frittierfett,
Kaffee und Putzmittel.
im January ist der Beginn
mit denen Begrabenen gemachet worden.

.
Marburg, 8. September


*


bei geschlossenen Augen
fühlt man das Zischeln der Gespräche
wie Messerstiche in den Ohren.
Sprache ist voll von stressigen Lautverbindungen.

es gibt Tage,
da offenbart sich die Welt
in ihrer ganzen Widerwärtigkeit und der
der Menschen, die ihn ihr leben.
in der Lahn modert totes Gezweig.
eine Nacktschnecke macht sich über einen Zigarettenstummel her.
ein Schuljunge rotzt scharf auf den Bürgersteig.
und so viele Autos, die dröhnen -
als wäre noch nicht genug Rauschen in der Welt.

Nieselregen so fein
wie Straßenstaub im Sommer.
Wind so atemberaubend
wie am nördlichen Meer.
im Morgengrauen Liderflattern.

.
Marburg, 9. September
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Perry

Lyrisches Licht

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10

Friday, September 10th 2010, 4:25pm

Hallo Chepre,

mit dem Wetter scheint sich auch die lyrisch gehobene Stimmung der Vortage verzogen zu haben.
Wenn ich mir den 8. September so durchlese, dann hebt es mir den Magen vor dieser "Geruchsrotte" im Bahnhof und dem endlos scheinenden Begräbnis, von was auch immer.
Beim 9. September tauchen dann zumindest schon wieder Blitzlichter wie das "rotzt scharf" und "atemberaubender Wind" auf, da scheint Hoffnung auf Besserung zu keimen.
LG
Perry

Babac

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11

Saturday, September 11th 2010, 11:54am

Hallo Chepre,
was ich noch sagen wollte, deine Gedichten haben einen gegenwärtigen Charakter, sind authentisch; durch deine scharfen Beobachtungen, im Kleinen über unangenehme und unsittliche Handlungen, wie der Versuch darüber ein ganzes Bild zu umfassen, erschließt sich mir eine Vielfalt vor den Geist, die unseren Alltag wiedergibt.
Lg, Babac

Chepre

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12

Saturday, September 11th 2010, 12:53pm

guten Morgen =)

Perry, willst du damit etwa sagen, dass der Rotz vom 7. September völlig unlyrisch sei? :D na wie auch immer.
ich bette im Moment dort den Nachlass eines Forschers um (also er muss von dem Zustand, wie der Kram ins Archiv kam, archivfähig gemacht werden in speziellen Ordnern und so) und der arbeitete zur Geschichte der Stadt Mitau in Kurland, heute Lettland. und es sind bestimmt zwei, drei laufende Regalmeter nur Kopien der Kirchenbücher einer Kirche dieser Stadt (genauer der Trinitatis-Kirche) - sowas von dröge. manchmal schaue ich noch hin, wenn so große Sätze dort stehen wie das Ding mit dem January und den Begrabenen. ich glaube, das hat schlicht mit der Reihenfolge der Notation zu tun - in anderen Monaten ist der Beginn mit denen betaufften Kindern und so. ^^ jedenfalls hatte mich das doch ein wenig aufmerken lassen - lebendiges Zeugnis einer anderen Zeit, wenn auch nur in Kopie. spätestens der, der die Kopien gemacht hat, muss ja das Original in der Hand gehabt haben. etwas davon schimmert noch zu uns durch.

Babac, ich muss mal sagen, mich erstaunt es etwas, dass du "auf einmal" was gut findest, was aus meiner Feder stammt. sagtest du nicht mal, meine Texte seien in deinen Augen so leblos? Jedem seine Meinung - ich frage mich nur, was an diesen Texten nun so signifikant anders sein soll als an vorhergehenden.
zum Glück bestand selbst dieser Tag nicht ausschließlich aus Ekel vor der Welt und Abneigung. spätestens, wenn man einen frisch aufgebrühten Apfeltee unter der Nase hat oder von einem wildfremden Menschen im strömenden Regen mit einem freundlichen "guten Morgen" gegrüßt worden ist, kann man, finde ich, schon nicht mehr ganz so schwarz sehen. =) im Gedicht ist man natürlich frei, sämtliche Eindrücke des Tages zusammenzustreichen, damit sie eine einheitliche Aussage ergeben.

vielen Dank für eure Kommentare!
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Babac

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13

Saturday, September 11th 2010, 8:10pm

Ich lasse oftmals viele Menschen staunen. Also, du möchtest wissen, was mir so an deinen neuen Gedichtchen gefällt. Gut, hier meine Antwort: Sie sind für mich fassbar, ich empfinde vieles deinen Gedanken nach, oder kann es, besser gesagt, verarbeiten und dementsprechend nachvollziehen; du zeichnest mit den Worten vielmehr als dass du dichtest. Es ist ein Kranz, geflochten mit der Wirklichkeit und transparenten Bildern, der mir gut auf dem Haupte steht. Daran tut die zeitliche Folge gute Dinge, mit dem immer gleichen Prozess arbeitend, und doch immer neues erschaffendes, immer zusammenhängend, als ob eine schmückende Girlande daraus entstehe. Kurz: es spricht mich an.
In diesem Sinne, alles Gute für das Weitere.

RB

Chepre

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14

Saturday, September 11th 2010, 11:45pm

die Kranz- und Girlandenmetaphorik in deinem Kommentar hat mich grad schwer an die Ara Pacis des Augustus erinnert - dabei bin ich doch noch in den Ferien.

Quoted

In diesem Sinne, alles Gute für das Weitere.

oh dankeschön! =) schönen Abend noch.
Wer mit einem Leoparden ringt, kann Kratzer kriegen.

Chepre

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15

Wednesday, September 15th 2010, 7:35pm

Worte sind nur so haltbar
wie das Papier,
auf das man sie schreibt.
es regnet wieder
und in den Wolken stirbt ein Centaur.
ich habe weiter nichts zu sagen
als mein Schweigen im Schlafe.

Fernwald, 15. September
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Babac

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16

Thursday, September 16th 2010, 1:34am

Hallo Strohpuppe,

"in den Wolken stirbt ein Centaur" das finde ich sehr schön. Ich fände es allerdings noch viel besser, wenn auf den Tod des Centaur, eine lustige Wolkenbildung folgen würde, so gesehen, als Gegenstück des Ernsten, wie; "in den Wolken stirbt ein Centaur und daneben sitzt eine Ziege in der Badewanne."

Lg, Babac

Chepre

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17

Friday, September 17th 2010, 9:22pm

Marburg verliert den Reiz des Neuen.
das ist ein schlecht polierter Kessel voller Lärm
ab und an zeigt er ein paar komische gelbe Flecke
als hätte jemand lustlos darauf gespuckt.
grau-grün in allen Schattierungen. nichts richtiges.
immer an den selben Orten die selben Gesichter.
den Blick in die Weite gibt es nur gegen Geld.
irgendwo Trompeten - als wollten sie das zum Einsturz bringen.

was zählt das kulturelle Gedächtnis?
wenn die Welt versinkt in Krieg und Katastrophen,
wird es noch Menschen geben, die schreiben?
wird das Geschriebene noch seinen Niederschlag finden auf Papier?
wie lang hält sich eine Festplatte?
werden ihre Daten in 2000 Jahren noch gelesen werden können?
werden wir wieder zu einer oralen Kultur
ohne nennenswerte schriftliche Überlieferung?
welchen Stellenwert hat dann ein Gedicht?
und welchen die Literaturwissenschaft?
was muss man letztlich erhalten?

.
Marburg, 16. September
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Chepre

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18

Thursday, September 23rd 2010, 4:57pm

von Pfeil

die Gräfin von Kreisewitz ist
bis auf ein Lächeln, geformt,
ganz kalt
und mit verkrusteten Augen
einen Kopf kleiner
als ich.
ihren Koffer füllt sie
mit Erinnerungen an die Heimat,
aus der man sie vertrieb.
ständig
auf dem Weg.

.
Marburg, 23. September
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zweiflerin

Trainee

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19

Saturday, October 2nd 2010, 10:27pm

moin maria,
seltsam, babc fiundet gerade diese textchen gut (ich hab nur stichprobig gelesen, für alles andere fehlt mir gerade der schlaf), aber als ich die ersten gelsen hatte war das auch ein: ganz anders als sonst.
und ich finde beides gut, auch wenn so auf den ersten blick weniger aussage in diesen texten steckt, ist es doch so, dass das garnicht so ist ^^ ich mag sie auf jedenfall (zumindest, das was ich bisher gelsen hab, versteht sich)
liebe grüße an dich, wo auch immer du gerade bist.
lara
"ego sum, ego existo...quamdio cogit" Descartes

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