Die Träne
Barion, am Hof des Herzogs -
wohl geachtet und betagt,
treuen Dienst seit vielen Jahren
tat, bis hin zum heut'gen Tage,
wurd' gar schmählich fortgejagt.
Weil die Hände schwer geschunden
und der Augen Glanz verlischt,
muss das Alter nunmehr weichen,
wenn die Jugend sich behände
in das raue Tagwerk mischt.
Hoffend auf den Lohn des Herzogs -
ein paar Münzen Dankbarkeit,
tritt er scheu vor seinen Herren,
der mit Spott und Geiz verachtet,
was geleistet in der Zeit.
Nur ein Ballen alter Kleider,
blieb dem Treuen - kein Entgelt,
für die müß'gen Plackereien,
vieler Jahre auf dem Hofe,
als die Pferde er bestellt.
"Meine Jugend gab ich jenem,
der mich jetzt mit Füßen tritt."
denkt, gestraft von jener Abfuhr,
Barion und sinnt nach Rache
weil der Herzog ihn beschnitt.
So entlassen ohne Zehrung,
ohne Gruß und nettes Wort,
nahm er heimlich aus dem Kästchen,
das für Botengeld bereitet,
ein paar Taler und schlich fort.
Nicht viel später wird die Untat
durch den Herzog wohl bemerkt,
der Barions Hand vermutet -
und durch dessen leisen Fortgang,
wird sein Argwohn noch bestärkt.
Will er nicht den Frevel dulden,
folgt dem Stand er, seiner Pflicht,
die sein Tun und Schicksal leitet,
in Verderben und Gedeihen,
hält er hiernach nun Gericht.
Und drum jagt er seine Häscher,
ihrer drei, dass man ihm bringt,
um zu büßen seine Sünde,
jenen Strolch, so auch im Tode,
weil des Henkers Lied erklingt.
Duftend ist das Kleid der Wiese -
schleicht der Mohn am Wegesrand,
doch von alledem entrissen,
zieht es Barion 'gen Süden,
denn die Söldner sind entsandt.
Übermütig ob des Glückes
von der Knechtschaft Last befreit
schwingt er seinen alten Degen,
den sein Vater schon getragen,
und noch hilft bei manchem Streit.
Ahnend wohl, dass sie bald kommen,
ist er nicht zur Hast bereit,
hoffend auf der Flucht gelingen,
wird sein Schritt alsbald beschwingter,
wähnt er jene noch so weit.
Fröhlich pfeifend mit den Amseln,
gleich, was morgen auch geschieht,
singt er nun aus freiem Herzen,
doch zu seiner lust'gen Weise,
mischt sich noch ein andres Lied.
Ängstlich er sein Ohr nun wendet,
ob des Hufschlags Melodie,
die von rückwärts angetragen,
von des Windes lauen Schwingen,
denn ihr fehlt's an Harmonie.
Eilig abseits seines Weges,
hat er seinen Blick gewandt,
will er nicht der Hoffnung Funken,
opfern, dem grotesken Schauspiel,
das der Herzog ihm gesandt.
"Wollt das Fell ihr, fangt den Bären"
denkt er, spottend der Gefahr,
und schon sieht er, dort im Tale,
sein Versteck und letzten Rettung,
vor der düst'ren Reiterschar.
Prachtvoll steht die alte Eiche -
dichtes Grün die Krone ziert,
und, per pedes ohne Hoffnung,
seinem Schicksal zu entrinnen,
er die Zuflucht inspiziert.
Kaum dass er zum Ast gegriffen,
sieht er drohend jene Brut,
auf der nahen Hügelkuppe,
stolz mit Harnisch, Axt und Banner,
glänzend in der Sonne Glut.
Tief und tiefer in die Krone -
angeschmiegt ans Borkenkleid,
kriecht er nun von Angst getrieben -
seine Habe fest umschlungen,
sieht den Grabstein schon bereit.
Und schon stürmen Hügel abwärts,
diese Teufel auf der Jagd,
nach Barions blondem Schopfe
der hoch oben in der Eiche,
nach des Schöpfers Gnade fragt.
"Bleibst nur du - mein alten Degen,
rostig zwar, doch gut geführt,
tust du mir noch gute Dienste",
denkt verzweifelt der Gejagte,
als den kalten Knauf er spürt.
Und alsbald schon steht die Horde,
an der Eiche Fuß bereit,
ihn zu greifen und halbieren
treu dem Herzog, auf dem Blocke,
ist sein Ende nicht mehr weit.
Wütend greifen die Barbaren
nach dem Bogen, Axt und Speer,
dass sie ihn herunterholen,
aus des Baumes hohem Wipfel,
wird sein Herz so seltsam schwer.
"Dreifach wird der Mob mich richten,
wenn das Morden erst beginnt",
denkt Barion voller Bangen,
und sieht fallen eine Tränen,
die ihm aus dem Auge rinnt.
Doch kaum liegt der erste Pfeil
für den Dieb, als dessen Preis,
auf des Häschers strammer Sehne,
fällt von oben aus dem Baume,
dieser nasse Angstbeweis.
Just in jenem Augenblicke,
als den Schuft er nimmt aufs Korn,
trifft nun eben diesen Häscher
in das Aug' Barions Träne,
der schon glaubt, er wär verlor'n.
Jener, den der Schreck durchzuckte,
als die Träne auf ihn fiel,
reißt die Hand in blitzesschnelle
von der Sehne und der Pfeil,
sucht sich nun ein neues Ziel.
Trifft nun so den Mordkumpanen,
der Barion wütend droht,
unverhofft in dessen Rücken,
will er grad ihn noch erschlagen,
doch dann ist er auch schon tot.
So gerichtet stürzt nun jener
auf der Wiese grünen Grund,
eben noch die Streitaxt schwingend,
die nun ziellos ihre Bahn zieht,
trifft den Dritten aus dem Bund.
Von der Wucht sogleich erschlagen,
blutig der zu Boden geht,
an der Eiche starkem Fuße,
und mit letztem Atemzuge,
spricht er noch ein Stoßgebet,
Mit dem Armen geht hernieder
auch sein Speer - zum Wurf bereit,
trifft nun so den ersten wieder,
an der Schläfe, dass er taumelt
und sein letztes Amen schreit.
Und so fiel in schöner Reihe,
Mann um Mann der Häscherbrut
tot zu Boden, weil getroffen,
durch des Zufalls scharfe Klinge,
die so selten Gutes tut.
Voll des Glückes steigt Barion,
betend zu des Gottes Sohn,
aus dem Schutz der Eichenkrone,
nimmt sich Rüstung, Pferd und Waffen,
dankend als des Herzogs Lohn.
Duftend ist das Kleid der Wiese -
schleicht der Mohn am Wegesrand,
stolz in seiner neuen Rüstung,
hoch zu Ross mit blankem Schilde,
zieht Barion nun durchs Land.