Hallo Strohpuppe
Schon der Titel sagt hier einiges: lauwarm= nicht heiß, nicht kalt, nein nur lau. Für mich ein -sich zwischendrin befinden-
Echt gelungen finde ich dann auch den Einstieg:
ich trage dich wie die Erinnerung
an den Sommer, der nicht mehr wiederkommen will.
-Ich trage dich-
Hier wird etwas getragen (im Herzen)
wie die Erinnerung an den Sommer- schön, dass du offen lässt wer oder was das ist, so bleiben genügend Assoziationsmöglichkeiten. Du schaffst hier ein Hochgefühl, dem du dann urplötzlich mit dem Zusatz, -
der nicht mehr wiederkommen will- einen Schlag in die Magengrube versetzt.
der Zeilenbruch unterstützt das noch echt klasse und übermittelt mir etwas haltloses, etwas zerrissenes. Meine erste Überlegung, diesen Satz zu verdichten, verwerfe ich auch gleich wieder, weil das hier eine zu hohe Geschwindigkeit zur Folge hätte. So wie es jetzt ist, zieht sich da schön etwas z ä h e s, langatmiges durch die Zeile.
Der Sommer, der nicht mehr wiederkommen will.
Es ist nicht so, dass er einfach nur nicht wiederkommt, nein, er
will nicht
mehr wiederkommen. Das zieht etwas verletztes und auch tiefe Sehnsucht mit sich. Meine Assoziation geht da in Richtung schmerzender/träumerischer Blick aus dem Fenster auf eine frostige mit Nebel durchzogene Landschaft.
Die Kleinschreibung nach dem Punkt vermittelt mir ein Unwohlsein in der Fortführung der Gedanken.
du schmeckst schal, nach altem Licht.
L.I. spürt hier anscheinend mit allen Sinnen. Wieder hab ich dieses Bild eines L.I’s, das am Fenster sitzt und versucht den Durst nach Wärme zu stillen. Schal =abgestanden und brackig =ungenießbar- eine zähe stinkende Brühe. Das Wort brackig ist echt gut gewählt, weil es sich u.a. aus dem Wort Brackwasser, einem Gemisch aus Süß- und Salzwasser, das ja immer nur an Flussmündungen zusammentrifft, entlehnt. Das vertieft noch klasse den Gedankenverlauf und bezieht auch den Titel wieder mit ein. Den Zusatz-
kurz vor dem Verdursten- empfinde ich allerdings eher als überflüssig.
in schweren Wintertagen bist du trügerischer Tauschnee,
trügerischer Tauschnee (ist übrigens entgegen von Schoko-Werbung,
nicht positiv besetzt) Diese beiden Worte implizieren noch einmal ganz deutlich die Sehnsucht des L.I‘s nach Wärme. Nach dem Wunsch, der Schnee/die Kälte möge doch tauen. Das Wort trügerisch beinhaltet zudem ein betrogen sein und passt sich so wundervoll in die von mir gefühlte Gesamtaussage des Textes. Der/das in Erinnerung Getragene
gaukelt (würde mir hier gut gefallen weil es in dem oben genannten Zusammenhang einfach passender ist) dem L.Ich den beginnenden Frühling vor, der sich im Inneren aber nicht einstellen will/kann.
Das Bild des am Fenster sitzende L.Ichs zieht sich hier für mich durch den gesamten Text und ich kann noch nicht mal sagen, warum das so ist. Ich vermute, es ist eine gedankliche Mischung aus Raum(Rest)wärme und der Kälte, die durch den Blick nach außen/ durch die Erinnerung an dein Lyrisches Ich tritt.
Die Worte kommen bei mir an. Die Bildübertragung funktioniert. In deinen Gedankengängen friert es mich und zwar so, dass ich, unbewusst, die Zähne aufeinander gepresst habe. Es bedrückt und doch hättest du dieses Gefühl noch stärker hervorheben können. Auch wenn ich hier gar nichts von Hoffnung und nichts davon
vom Verdurstenden als köstlich wahrgenommenem >brackigen Wasser<.
dass das brackige Wasser vom Verdurstenden als köstlich wahrgenommen wird, und ganz bestimmt keine positiv besetzte Szene wie in einer Schokoladen- Werbung herauslese, muss ich mich doch, wenn auch aus anderen Gründen, Versbrechers Unwohlsein bezüglich der 5 Zeile anschließen.
wie brackiges Wasser kurz vor dem Verdursten.
in schweren Wintertagen bist du trügerischer Tauschnee,
die schweren Wintertage nehmen dir hier m.E. genau wie die Verdursten Sache einiges vom zuvor aufgebauten Bild, weil man wieder gedanklich zurückgeht, um zu sehen, ob man etwas überlesen hat. Mit Verdursten assoziiere ich etwas heißes, (ich weiß, auch im Winter kann man verdursten) was sich gar nicht in mein Gesamtbild fügen will. Die schweren Wintertage sind bereits durch den Sommer, der nicht wiederkommen will, irgendwie im Bild
- irritiert also unnötig.
Ich würde das ändern oder auch komplett rauswerfen. Ein, auch sprachlich kurzer (abgehackter) dargestellter Gedankenverlauf, würde hier so etwas wie ein resignierendes Abwenden vom Fenster/von den Erinnerungen herausheben, was ich wiederrum für den Schluss sehr passend fände.
ich trage dich wie die Erinnerung
an den Sommer, der nicht mehr wiederkommen will.
du schmeckst schal, nach altem Licht,
wie brackiges Wasser.
trügerischer Tauschnee,
der mir von beginnendem Frühling erzählt.
Gruß Alexa