Hi
Ja etwas schwierig, jetzt, da der Winter draußen, im Kopf schon Frühling herrscht, an Herbst und Sommer zu denken. Ich werd mal wieder, zum Frust einiger Leute, im Detail vorgehen. Der Ersteindruck hat mich nämlich überzeugt und jetzt will ich wissen, ob dein Text auch "Bestand" hat. Also: An den Herbst. Die von dir gewählte Kategorie "Hoffnung usw." in Kombination mit der Personifikation im Titel lässt bereits darauf schließen, dass es hier nicht um reine phänomenologische Naturbetrachtungen gehen wird. Dabei wird dieser Anschein gleich in einem mir sehr ungefälligen 1. Vers geweckt: Himmelwetter - Sonnenschein!
Die beiden zusammengesetzten Substantive stehen da wie Gegensätze, was vor allem auf den Gedankenstrich zurückzuführen ist, der seiner Funktion (als Gedankenstrich) beraubt zu sein scheint. Typographisch erinnert die Schreibweise an ein Grammatikbuch oder an eine Liste mit antonymischen Vokabeln, die zu lernen sei. Die Frage drängt sich natürlich auf, ob es sich tatsächlich um Widersprüche handelt oder wie diese beiden Wörter zueinander in Verbindung stehen. Das Einstiegswort "Himmelwetter" klingt wie der Ausruf "Sauwetter" oder ähnliches, ist allerdings weniger negativ konnotiert, als es den Anklang hat. Die Frage ist doch: Was ist ein Himmelwetter? Und hieße es nicht ein "Himmelswetter"? Und ist das Wort nicht eigentlich bedeutungslos? Meint es ein himmliches Wetter oder eben dies gerade nicht? Ich finde, es bleibt ambivalent. Sonnenschein hingegen ist recht langweilig, genau der Grund, warum mir der Einstiegsvers mißfallen hat.
Der zweite Vers hingegen ist schon interessanter. Was zunächst antiquiert pathetisch klingt deutet syntaktisch gesehen auf eine Kontradiktion hinaus.
Wolkenlose ach Freiheit-
Die Frage ist: Warum ist dieses "ach" eingeschoben? Ist dem keine Bedeutung zuzumessen, füllt es vielleicht nur den Vers auf? Nicht unbedingt, vielleicht will der Einwurf die Harmonie trüben, die eigentlich geweckt werden will. Wolkenlose Freiheit ist es nicht. Es ist eine Unsicherheit, die, wie auch immer man den Vers lesen mag, nicht zu beseitigen ist. Wird das wolkenlose etwas subsumiert unter einen dubios-pathetischen Freiheitsbegriff oder soll es als Adjektiv die Freiheit bestärken; in beiden Fällen mag ich an der Substanz dieser Freiheit zu zweifeln. Nicht zuletzt lädt der bereits zweite Gedankenstrich zu solchen Überlegungen ein.
Kann es wirklich Herbst schon sein,
ist es wieder schon so weit?
Dieser Zweifel findet hier Bestätigung. Unwirklich fragt das Ich hier und traut seinen Augen nicht, dass der Sommer schon wieder vorbei sein sollte. Mehr bieten die Verse nicht.
Bis auf das interessante Detail, dass, liest man den Anfang ohne den Text zwischen den beiden Gedankenstrichen folgendes entsteht:
Himmelwetter
...
Kann es wirklich Herbst schon sein,
Ist es wieder schon so weit.
was sehr alltagssprachlich klingt.
Ist der raue Wind, der frisch –
weit vom eis’gen Norden her,
her gezogen kam vom Meer,
ist er seine Stimme nicht?
Der zweite Satz der ersten Strophe fragt rhetorisch, ob der raue Wind nicht die Stimme des Herbstes sei. So weit eine gelungene Passage. Gedankenstrich Nummer 3 setzt einen windstillen Moment ans Ende des ersten Teiles. Auffällig sind hier die Wiederholungen verschiedener Satzelemente: ist und her, die umarmend in diesen 4 Zeilen angelegt sind. Außerdem wird der Wind fast drei Mal genannt. Diese außerordentliche Häufung stellt diesen Teil des Gedichtes ganz bestimmt in den Vordergrund. Als Leser sage ich mir natürlich, dass der Herbst oder gar der Winter (dieser muss ja gemeint sein) nichts direkt mit etwaigen Nordwinden zu tun hat. Gleichzeitig kritisiere ich hier, dass ich mir die Frage stellen muss, ob wir denn nun vom Winter oder vom Herbst reden. "rau, eisig und Norden" haben mehr mit Winter als mit Herbst zu tun. Davon abgesehen muss das Adjektiv "frisch" auffallen. Natürlich meint es damit, wahrscheinlich ist dies allerdings nur im regionalen Sprachgebrauch so, einen kühlen Wind im Kontrast zur Hitze des Sommers. Gleichzeitig heißt es aber auch ein neuer Wind, die Zeit von positiven (!) Veränderungen, die dem wehmütigen Ton des lyrischen Ichs diametral gegenüberstehen.
Blätter ihr verfärbt schon euch,
Rosen euer Rot verblasst -
Grillen fliehen dem Gesträuch!
Strophe 2 beantwortet die vorangegangene Frage: Die Zeichen sind eindeutig: Sich verfärbende Farben, dazu passend die Rosen, vornehmlich als Blumen der Liebe, die verblassen. An dieser Stelle scheint sich zum ersten Mal eine eindeutige Bestätigung dafür zu finden, warum sich dieser Text in dieser Kategorie befinden mag. Gleichzeitig findet der vierte und damit letzte Gedankenstrich Einzug. Vielleicht, dass hier die Rosen ihr endgülltiges Ende finden. Anders gesehen: Die Grillen, als erste tierische Subjekte und vielleicht hier als Beobachter verziehen sich. Es gibt nichts mehr zu sehen.
Immer ärmer wirst du Ast.
Gefällt mir.
Reiß’ an dich die goldne Flur,
raub’ dem Sommer seine Glut,
fliehen kann mein Aug’ ihr Gut,
lässt du mir die Liebe nur.
Ein Wendepunkt. Nach dem isolierten Satzvers wird zum ersten Mal ein "du" angesprochen, während es davor nur "es" und "er", dann "ihr" und "du" gab. Also eine Steigerung in Form einer Konkretisierung. Nach der Ungläubigkeit ob des Wandels hat sich ein Ansprechpartner gefunden, der auffordernd gestellt wird. "Reiß an dich die goldne Flur" usw. Die Verse gefallen mir. Auffällig ist noch der Vers "fliehen kann mein Aug ihr Gut". Hier wird fliehen 1. wiederholt und 2. mit einem Objekt gebraucht. Beides stört allerdings gar nicht. Im Gegenteil: Ist das Gut, das geflohen wird, wie die Grillen, die über die Ernte, die eigentlich eingeholt werden soll vom Du, herfallen? Das ist sicherlich die Kernstelle des Gedichtes, die überaus pointiert im Widerspruch die Fronten zu klären versucht zwischen Wollen-Haben und Bekommen-Zerstören. Das klingt sehr vage, ist aber unheimlich nah und anreizend.
Sehr gelungener Text
Freundliche Grüße
Cip