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Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

Posts: 727 wcf.user.activityPoints: 4,605

Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

1

Monday, January 26th 2009, 3:36pm

Rätsel

.

An manchen Tagen schreit die Stille.
Der Apfel fällt nicht weit vom Mus.
Das Glück hat einen Rand aus Ruß.
Nicht immer wohnt im Kopf ein Wille.

Man applaudiert nur ab und zu.
Bevor es regnet, regnet's selten
(und wenn dann doch, lass ich's nicht gelten).
Warum stirbt montags keine Kuh?

Den Gnadenschuss erteilt man Pferden.
Die Schwerter rosten wie die Pflüge.
In dunklen Drusen ruht das Quarz.

Die Menschheit will betrogen werden,
doch dieser Satz ist eine Lüge.
Und manche Lichter leuchten schwarz.

.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

Ciproflox

Professional

Date of registration: Jun 6th 2007

Posts: 440 wcf.user.activityPoints: 2,930

2

Monday, January 26th 2009, 4:27pm

Hi

Lange nichts mehr von dir gelesen.

Mein Eindruck hiervon war zwiegespalten (wie ja so oft): Einerseits Nachdenklichkeit (also passend), andererseits Belustigung (dazu gleich was)


Auffällig zunächst, dass wir es hier mit einem Sonett zu tun haben, wobei ich ja bei aller Liebe zur Toleranz das nur mit einer gewissen Süffisanz sagen kann. Fast nur Hauptsätze, die sich auf das Wesentlichste ihrer grammatischen Struktur begrenzen, strahlen keine Eleganz aus. Also positiv formuliert: Klare Sätze. Einfache Widersprüche. Damit arbeitet der Text.

An manchen Tagen schreit die Stille.
Die schreiende Stille klingt abgegriffen. Gottseidank bleiben Verse dieser Art relativ isoliert.

Weit besser, um auf den humoristischen Aspekt zu kommen:
Der Apfel fällt nicht weit vom Mus.
und
Warum stirbt montags keine Kuh?

Natürlich ein eher platter Humor, der aber im Kontrast zu dem durchaus ernsten Unterton zur Nachdenklichkeit anregt

Den Gnadenschuss erteilt man Pferden.
Die Schwerter rosten wie die Pflüge.

Gefällt mir ausgezeichnet gut

oder direkter anregend: Man applaudiert nur ab und zu.
Als Leser frage ich mich (Rätsel) natürlich, wer und was oder wem, oder warum das Glück einen Rand aus Ruß hat. Weil das, was uns glücklich macht, aus Fabriken stammt? Irgendwie spricht der Text ja von zwei Zeiten, dem Jetzt und der Zeit von Pferden, Schwertern und Pflügen. Zumindest könnte man es so sehen.

Ehrlich gesagt fand ich die letzte Strophe, die das Sonett ja irgendwie abrunden soll, "eckig". "Die Menschheit will betrogen werden, doch dieser Satz ist eine Lüge" fand ich überhaupt nicht anregend, hingegen den letzten Vers schon. Wahrscheinlich, weil er einfach genauer ist als so ein Allgemeinplatz.

Also, ich gehe wohl mit dem zwiespältigen Gefühl aus dem Text heraus. Immerhin, ich hab mich damit auseinandergesetzt, das gibt mir zumindest den Eindruck, dass es sich gelohnt hat. Und ohnehin.

Liebe Grüße

Cip
Überblick

Zitat von »King Lear«

Aus nichts kann nichts entstehen: sprich noch einmal

Perry

Lyrisches Licht

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Location: Bayern

3

Monday, January 26th 2009, 7:40pm

Hallo Odradek,
mir gefällt die lakonische Beiläufigkeit mit der du hier scheinbar wahllos Bilder der Vergänglichkeit aneinandergereiht hast. Irgendwie schwebt über dem Ganzen eine leicht ironische Schicksalsergebenheit.
LG
Perry

Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

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Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

4

Sunday, February 1st 2009, 7:18pm

Hey El Chipso - - - Hi Perry - - - :)

Vielen Dank für's Lesen und Kommentieren!

Lange nichts mehr von dir gelesen.
Jau, wohl wahr ... liegt ganz an mir. ;(

Quoted

Mein Eindruck hiervon war zwiegespalten (wie ja so oft)
Freut mich! :D

Quoted

Auffällig zunächst, dass wir es hier mit einem Sonett zu tun haben, wobei ich ja bei aller Liebe zur Toleranz das nur mit einer gewissen Süffisanz sagen kann.
Tolerante Süffisanz ist eine durchaus ehrbare und höchst passende Geisteshaltung. :thumbsup:
... ein Sonett ist das durchaus. :huh:

Quoted

Fast nur Hauptsätze, die sich auf das Wesentlichste ihrer grammatischen Struktur begrenzen ...
Korrekt.
Ich habe mich hier von Erich Kästners striktem Zeilenstil anregen lassen ... den versuche gerne immer mal wieder gegen den Strich in die "gehobene" Sonettform zu verpflanzen.
Eleganz suche ich weniger - eher Diskrepanz.


Quoted

Die schreiende Stille klingt abgegriffen. Gottseidank bleiben Verse dieser Art relativ isoliert.
Hm, sehe ich nicht ganz so.
Natürlich gibt's hier ein absichtliches Spiel mit dem Floskelhaften, das durch die von Dir genannten Widersprüche auf-gereizt wird.
Die erste Zeile will erst mal harmlos beginnen, nicht zu viel verraten.

Quoted

... ein eher platter Humor, der aber im Kontrast zu dem durchaus ernsten Unterton zur Nachdenklichkeit anregt
Ach. :) Gut!

Quoted

Als Leser frage ich mich (Rätsel) natürlich, ...
Noch besser!! =)

Quoted

"Die Menschheit will betrogen werden, doch dieser Satz ist eine Lüge" fand ich überhaupt nicht anregend ...
Das ist schade.
Irgendwie steckt hier der in der Abfolge der Aussage dieser beiden Zeilen mein inhaltlicher Konstruktions-"Clou". :rolleyes:

Quoted

ich gehe wohl mit dem zwiespältigen Gefühl aus dem Text heraus. Immerhin, ich hab mich damit auseinandergesetzt, das gibt mir zumindest den Eindruck, dass es sich gelohnt hat. Und ohnehin.
Danke sehr. Das ist schon etwas ... und nicht wenig.
Der Text will sich [und das Denken des Lesers?!] "öffnen" ... es gibt keine Antworten ... nur Rätsel.

Eine Agnostiker-Suhle.


Quoted

Perry:
... scheinbar wahllos Bilder der Vergänglichkeit aneinandergereiht hast. Irgendwie schwebt über dem Ganzen eine leicht ironische Schicksalsergebenheit.
Oh Perry 8| ... ich glaube, Du hast hier SEHR recht - vielleicht mehr, als es mir anfangs selbst bewusst war.
Danke!


Gruß @ all,
Odra. ;)
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

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