Hallo Roland,
jetzt steht dein Gedicht schon etwas länger hier und jedes Mal, wenn ich es las, stach mir der Titel erstmal unangenehm ins Auge. „Rote Briefe“ war für mich wie blaue Briefe aus der Schule, oder erinnerte mich an kitschige rote Herzchen. Aber ich habe mich jetzt genauer mit deinem Text auseinandergesetzt und nach meiner Analyse, passt sogar der Titel ganz gut.
die ersten beiden Strophen weisen hier eine gleichbleibende Form- Wechsel von Jambus/Trochäus und einen regelmäßigen Wechsel der Kadenzen, auf.
Ab Strophe drei Form-Abweichung -durchgehend Jambus/ männliche Kadenzen und ein stoppen des Strophenenjambements.
Strophe vier- Trochäus/ w. Kadenzen mit Enjambement in die
fünfte Strophe: anfängliches Versmaß wieder aufgenommen.
In der letzte Strophe nach der Zeitspanne, die hier durch Auslassungspunkte gekennzeichnet ist, durchweg Jambus u. männliche Kadenzen.
Der fehlende Reim in Strophe drei Z.2 u 4 (kann- stand), ist, zumindest für mich, ohne Bedeutung. In Strophe fünf kann ich allerdings keinen unsauberen Reim entdecken.
Ich lese hier in den ersten Strophen von Sehnsucht nach Vergangenem. Es kann die Sehnsucht nach Liebe und/oder auch nach dem vergangenen Sommer sein- was sich ja sowieso sehr schön vereinbaren lässt. Sommer/Wärme und Liebe - Herbst/Kälte und Abschied
Sehr beeindruckend finde ich die dritte Strophe, in der du durch Abweichung des vorangehenden Versmaßes echt klasse diese Sehnsucht im LI hervorhebst. Die wird hier ganz deutlich und ich lese Hilflosigkeit/ ein nicht festhalten können der Vergangenheit, ein mit leeren Händen zurückbleiben. Schön wie das hier funktioniert. Die Anapher( Z9u.10)unterstreicht das noch zusätzlich. Das noch in den vorigen Strophen angewandte Strophenenjambement fehlt hier, was ein Umlenken der Gedanken andeuten kann. Bis hierher meine absolute Lieblingsstrophe.
In Strophe vier- durch die w Kadenzen- unterstreichst du gut, wohin die Gedanken hier schweifen. Allerdings tendiere ich zu einem
um statt
und zu Anfang der vorletzten Zeile (Z15)
Mit dem „Reisigbesen“ (z.16) hatte ich allerdings erstmal etwas Probleme. Er wollte mir anfangs einfach nicht in diese tiefe Sehnsucht des LI passen, da ich den Reisigbesen zuallererst mal mit Hexen in Bezug bringe. Aber, ich denke mittlerweile, da auch der Sprung zur nächsten Strophe Kälte aussendet, dass es sogar von dir intendiert war, hier das Verflossene als “ Hexe“ zu betiteln, da sie, die verflossene Liebe oder auch der Sommer (auch da passt der Reisigbesen zum Laubfegen) LI ja auf eine ganz eigene Weise verzaubert hat. Ich verstehe es also hier eher als ein nicht negativ besetztes Wort, was natürlich nicht zwingend so sein muss. Das Gegenteil wäre auch durchaus denkbar.
In Strophe fünf deutet das Metrum wieder auf ein “ so ist das Lebens“ hin- du greifst hier die anfängliche Form wieder auf. LI scheint sich zu wünschen, dass auch LyrDu doch diese Sehnsucht spüren möge. Das Wort „Stadtasphalt“ mit dem vorangestellten Attribut (kalt) sehe ich als eine nicht unbedingt förderliche Redundanz. Hätte es eigentlich nicht gebraucht, da der Asphalt im Allgemeinen doch als kalt empfunden wird. Aber gut, womöglich war dir das hier zur Hervorhebung schon wichtig, aber die Wiederholung (Stadtasphalt Z6 u17) will mir hier nicht wirklich gefallen, denn m.E wird diesem Wort damit Ausdruckskraft genommen.
Nach der Zeitspanne, die du hier ja ganz offensichtlich kennzeichnest, kehrt dann, sowohl im Inhalt, wie auch in der Form, Ruhe ein. Hoffnung auf Neues keimt, gut zu erkennen an dem Durchbruch des Blattes. Die Farbe Gelb wird ja allgemein mit Neid in Verbindung gebracht, impliziert aber genauso etwas Frisches, Neues. Schön auch, dass du gerade den Ahornbaum dessen Zweigen man ja nachsagt, sie vertreiben böse Geister, gewählt hast. Ich meine auch, der Ahorn ist der Baum des Jahres 08.
Der "ahnungslose Frühlingstraum" bildet hier einen runden Abschluss, der zudem noch sehr zerbrechlich wirkt, was wiederum die Auslassungszeichen berechtigt.
Alles in allem ein schönes Gedicht. Einzig die Wiederholung des Wortes Stadtasphalt und die dritte Zeile aus Strophe eins, die sprachlich doch etwas ungelenk bei mir ankommt, gefallen mir hier weniger. Was ich aber absolut gelungen finde ist, wie du Inhalt und Form in Einklang bringst. Die Strophenenjambements, das wechselnde Versmaß, doch das hast du klasse hinbekommen.
Mein absolutes Lieblingsbild: die zerknüllten roten Briefe auf dem Asphalt, den ich ja, wie schon oben angedeutet, mit etwas kaltem assoziiere. Dieser Gegensatz birgt eine wunderschöne Traurigkeit in sich.
sehr gern gelesen und drüber nachgedacht hat
Alexa
Nachtrag zu dem fehlenden Reim in der dritten Strophe: im Zusammenhang lässt sich der fehlende Reim hier noch mit - leeren Händen zurückbleiben/ Gefühl etwas verloren zu haben- erklären