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sim

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1

Wednesday, September 17th 2008, 2:30pm

Wider das Vergessen

Ich habe mich vergessen.
Irgendwo zwischen aufkeimender Wut und glühendem Zorn habe ich mich stehengelassen, während ich gelaufen bin – immer hinter ihm her.
Hätte er nicht so ein zartes Gesicht gehabt, kaum Bartwuchs, Haut, für die Akne und Pubertätspickel Fremdwörter zu sein schienen, Wimpern, für deren Länge manche Frau ein Vermögen ausgäbe, einen Mund, der eher für die Zärtlichkeit eines Kusses geschaffen war als für die Tiraden, die daraus geschleudert wurden, Augen, deren goldener Ton wie Öl in meine Rage tropfte – vielleicht hätte ich mich eingeholt.
Den ganzen Tag schon hatten wir versucht, an sie heranzukommen, einen Weg zu finden, mit ihnen in der Sprache zu sprechen, die sie verstehen. Doch sie waren gut geschützt gewesen. Ein Spalier von Uniformierten, die mit erhobenen Schilden die Rechte der Demokratie für deren Feinde schützen mussten. Uns haben sie gejagt, mit Knüppeln verdroschen, in Gewahrsam genommen und unsere Personalien erfasst. Uns haben sie daran gehindert, die Freiheit zu verteidigen, durchzudringen zu den Verführern und Verführten, um ihnen die Parolen in die Fresse zu stopfen, ihnen die Zungen herauszureißen, die Münder zu verbrennen, sie mit Steinen zu bombardieren.
Alles an diesem Sonntag war eine braune Soße gewesen, wie aufgegossener Bratenfond, mit Maggi gewürzt, fertig nach dem Kirchgang zur Vergebung der Sünden: Die Bullen, die Faschos, die Straßensperren, die Autos am Stadtrand, aus denen wir brennende Barrikaden gebaut hatten, um dem deutschen Umzug den Weg zu versperren.
Wir waren durch den Stadtpark gerannt, durchs Gestrüpp gekrochen, um einen Weg an den Bullen vorbei zu finden. Wir wollten die Demo in die Zange nehmen, egal, aus welcher Richtung wir an sie herankamen, doch wir waren nur auf Hindernisse gestoßen, bis wir nicht ihrer, sondern sie unserer habhaft geworden waren und uns in ihre Kleinbusse gestopft hatten.
Niemanden von den Faschos hatten wir gesehen. Nur die Vasallen des Systems, nur die, denen man befohlen hatte, das rechte Auge zuzukneifen, um auf dem linken wachsamer zu sein.
Ich hatte blaue Flecke von den Wasserwerfern und von den Polizeistöcken, hatte mich ausziehen und nach Drogen filzen lassen müssen und mit einer Strafanzeige wegen Landfriedensbruch zu rechnen. Mit zwei Euro und sechzig Cent aus der Stadtkasse für die Fahrt mit der U-Bahn in der Tasche und Wut im Bauch war ich aus dem Gewahrsam entlassen worden, als die Faschos sich längst wieder in ihre Löcher verkrochen hatten, da sah ich ihn.
Er stand am Überseering an der Bushaltestelle, so schmächtig, dass ich mich fragte, wie er die schwere Bomberjacke und die Springerstiefel tragen konnte. Immer wieder sah er auf die Armbanduhr. Niemand war zu sehen, nur der Verkehr rollte vorbei. Am Straßenrand standen ausgebrannte Autowracks, der Geruch verschmorten Gummis lag noch in der Luft.
»Haben sie die Zecken wieder laufen lassen?«, fragte er grinsend, so, als hätte er einen seiner Kameraden vor sich. So, als könnte man mit ihm reden und befreundet sein.
»Was willst du? Dich für die nächste Schlacht verabreden?«
»Die freie Wahrheit wird immer siegen. Ihr könnt uns nicht stoppen.« Er grinste noch immer wie ein Sieger, der nach erfolgreichem Kampf dem Verlierer die Hand schüttelt und sich bedankt – so freundlich, dass die Wut über die Demütigungen langsam wieder von mir Besitz ergriff.
»Freie Wahrheit.« Ich spuckte vor ihm aus. Mehr als meinen Rotz hatte ich für dieses Gewäsch nicht übrig. »Das nächste Mal werden euch die Bullen nicht schützen können. Und jetzt ist auch keiner da, der dir deine freie Wahrheit verteidigt.«
Nur einen Schritt trat er zurück, schlurfte dabei mit den Sohlen seiner Stiefel über die Gehwegplatten, aber sah mir unverwandt in die Augen. »Du hängst einem Traum nach«, sagte er. »Ich wünschte mir ja auch, wir könnten alle friedlich zusammenleben. Aber die Realität sieht anders aus.«
Von wegen Traum. Alles Unglück dieser Welt entstand, weil die Berufung auf die Realität verhinderte, dass Träume real wurden. Weil der Zynismus die Gegenwart determinierte und für unumstößlich erklärte. Der Bengel mit seinem Kindergesicht unterhalb der Glatze, dieser Steppke, der aussah, als wollte er zwanzig sein und wirkte, als wäre er vierzehn, glaubte auch noch, was er da von sich gab. Wie eingetrichterte Wahrheiten plapperte er Papas Vorträge beim sonntäglichen Mittagstisch mit brauner Soße nach. Wozu sollte ich da diskutieren? »Du wirst gleich träumen, die Realität sähe anders aus.« Ich ging auf ihn zu, hob die Hand, wollte ihn am Kragen seiner Bomberjacke fassen, ihn zu Boden stoßen und ihm unmissverständlich klarmachen, er hielte besser seine Fresse, da ich ihm die sonst polierte.
Schnell war es vorbei mit seinem Mut, mit dem offenen Blick und der großen Klappe. Er drehte sich um und rannte in den Stadtpark davon, trotz der Springerstiefel, trotz der Bomberjacke in unglaublichem Tempo.
Ich habe mich vergessen. Irgendwo zwischen aufkeimender Wut und glühendem Zorn habe ich mich stehengelassen, während ich gelaufen bin – immer hinter ihm her. Endlich tun, wozu ich in die Stadt gekommen war, woran mich die Schikanen den ganzen Tag gehindert hatten. Endlich einen von ihnen erwischen und meinen Abscheu in ihn prügeln.
Vielleicht habe ich zugeschaut, Mund und Augen aufgerissen, als ich mich nach dem Stein bückte, und diesen dem Jungen in den Rücken schleuderte. Möglicherweise habe ich entsetzt aufgeschrien, als er fiel, als ich ihn einholte und, über ihm kniend, den Stein wieder in die Hand nahm.
Alles, was ich hasste, lag unter mir. Die Lider des Jungen zuckten, die Lippen zitterten, die Phrasen waren ausgestorben, doch ich hörte die Beleidigungen: Zecke, Schwuchtel, Kommunistenschwein, Weltverbesserer, Gutmensch. Ich wollte ihn küssen, ihm die Hosen runterzerren und ihn ficken, wollte ihn erniedrigen, vom Herrenmenschen zum Sklaven degradieren, wollte ihm ins Gesicht und auf die Eier spucken, ihm die verdammte Unschuld aus dem Leib prügeln, mit der er mich aus starr auf mich gerichteten weit aufgerissenen Pupillen anstarrte. Ich wollte ihm sein verdammt hübsches Kindergesicht einbeulen. Den Schmerz des Lebens sollte er endlich spüren, ohne Clique, hinter der er sich verstecken, ohne seinen Papa oder seine Mama, zu denen er sich an den Tisch mit brauner Soße retten konnte. Wenigstens einer dieser Faschos sollte nie wieder das Maul öffnen können.
Hätte ich mich eingeholt – vielleicht wäre ich in mich gegangen, bevor man mich von seinem Leichnam zog.
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Alexa

Blickdicht(erin)

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2

Wednesday, September 17th 2008, 11:11pm

Hi Sim,

was soll ich sagen? Ich habs jetzt zweimal gelesen und mehr als ein- du kannst verdammt gut Geschichten schreiben- fällt mir gar nicht ein.Reicht das?
L.G.
Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

sim

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3

Wednesday, September 17th 2008, 11:43pm

Hallo Alexa,

klar reicht das. Vielen Dank und liebe Grüße
sim
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ruelfig

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4

Thursday, September 18th 2008, 9:31am

Hallo sim,
das einzige, das mir nicht gefällt, ist die mehrmalige Wiederholung "braune saoße", aber vllt ist das ja extra? Sehr gut geschrieben, mit Spannung gelesen.
LG,
R
Gegenismen

sim

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5

Thursday, September 18th 2008, 6:30pm

Hallo ruelfig,

die braune Soße steht immer in anderem Kontext, muss sich mE als Motiv wiederholen, weil sie unmotiviert wäre, würde sie nur ein einziges Mal auftauchen.
Und sie schafft eine einseitige gedankliche Verbindung zwischen Protagonist und Antagonist, da ersterer seine eigene Erfahrung auf zweiteren überträgt.

Schön, dass du ansonsten Gefallen an der Geschichte gefunden hast.

Lieben Gruß und vielen Dank
sim
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erikroderickandara

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6

Thursday, September 18th 2008, 6:48pm

hallo sim

kann mich den beiden anderen nur anschließen, sehr rasant und fließend geschrieben, man stolpert nicht ein einziges mal beim lesen; auch ich habe mich einzig am mehrmaligen gebrauch der braunen sosse gestoßen, die zwar inhaltlich passen würde und auch erklärt wird, aber trotzdem irgendwie zu unreflektiert wirkt im dahinplätschernden, sonst so lapidaren (sehr gelungenen) erzählton; man gewinnt den eindruck, das erlebte sei bereits verarbeitet, lange her, der erzähler hat seinen frieden gemacht, mit dem was er getan hat, was aber nicht heißt, das ihn die erinnerung daran jemals verlassen wird, wofür die detailreiche, lebensnahe schilderung bürgt, so als wäre es erst gestern gewesen...
gerne gelesen

erik
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georg999

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7

Thursday, September 18th 2008, 8:24pm

Hi, sim,
es fällt schwer, in den braunen-soßen-chor einzustimmen, weil ja durch diesen Fall von "DIE Dissonanz DER Dissonanz" der Beifall, der dir für die gut erzählte Geschichte zusteht, ein wenig zu kurz kommt. Die braune Soße ist GRUNDMETAPHER. Auszusetzen ist bei Verwendung einer solchen Grundmetapher (anstelle der Lebensmetapher), dass sie als Metapher dem Leser deutlich bewusst ist, am Protagonisten (oder Antagonisten) aber nur vorbeigleitet, weil sie literarisches Symbol bleibt. Ein Lebenssymbol wäre etwa in Wouks "The Caine Mutiny" der alte four-stacker Caine, in Dostojewskis "Spieler" das Roulette oder im Hauffmärchen "Kalif Storch" das Zauberwort "mutabor". Der amerikanische Romanschreibprofessor James N.Frey wettert lautstark gegen die imagistische Schule und ihre Grundmetaphernverwendung.
lg georg

sim

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8

Friday, September 19th 2008, 11:55pm

Hallo erik,

ja, bei der Soße bin ich renitent. ;)
Schön, dass dir alles andere gefallen hat.

Hallo Georg,

danke für deine literaturwissenschaftliche Grundsatzaufklärung, richtig schlau geworden bin ich aber aus deiner Kritik nicht.
Auch ist mir schändlicherweise Mr. Frey unbekannt, soll er also wettern. ;)

Lieben Gruß und vielen Dank euch beiden.
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georg999

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9

Saturday, September 20th 2008, 12:47am

hallo sim ...
meine Bekanntschaft mit Mr.Frey ist einseitig und beschränkt sich darauf, dass ich gegen gutes Geld sen Buch "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" vor Jahren in meinen Besitz gebracht habe. Er sagt aber glaub ich nicht viel anderes als Dutzende vor ihm, wie Aristoteles, Gustav Freytag oder Lajos Egri, die er alle oft zitiert. Wahrscheinlich ist bei einem Roman die exzessive Verwendung von Grundmetaphern echt schädlich, aber bei einer Kurzgeschichte kann man sich viel erlauben, und sie bleibt trotzdem gut. Oder sehr gut, so wie deine, was ich hiermit noch 1x betonen möchte. Mit meiner Beziehung zur Lit.wissenschaft schaut es nebenbei bemerkt äußerst dürftig aus ...
lg georg

sim

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10

Saturday, September 20th 2008, 9:03am

Hallo Georg,

ach, der Mister Frey ist das. Den habe ich zum Glück erfolgreich verdrängt, ohne ihm vorher noch mein Geld in den Rachen geschmissen zu haben.

Ich weiß nicht, ob du "Tanz mit dem Schafsmann" von Murakami kennst. Darin hat er das, was Frey als Grundmetapher bezeichnet, das ganze Buch über mit einem Bild vom "Schnee schaufeln" durchgezogen. Nun möchte ich mich keinesfalls mit Murakami vergleichen, aber selbst in einem Roman geht es in erster Linie darum, was der Geschichte dient.
Obwohl ich es ja mit der Literaturwissenschaft auch nicht so habe, würde ich "Grundmetapher aber eher als "Motiv" bezeichnen, das sich immer wieder durch eine Geschichte zieht, ähnlich wie in der Sparte Humor ein Running Gag. Und wiederkehrende Motive können einer Geschichte sehr dienlich sein.

Noch einmal vielen Dank, auch für das Lob. :)

Lieben Gruß
sim
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georg999

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11

Saturday, September 20th 2008, 1:02pm

hi, sim, hartnäckig suche ich noch 1x das metaphorische Frage-und Antwortspiel...
den Murakami kenne ich leider nicht, aber ihr zwei, Murakami und sim, habt bestimmt recht, dass auch eine Autorbezogene, vom Protagonisten nicht als solche erkannte und damit zum Lebensmotiv werdende Metapher zu einer guten Geschichte etwas beitragen kann, sei es nur dass sie den Autor bei der Stange hält und zum Schreiben der story motiviert ...
aber ist beim Schaftänzer das Schneeschaufeln ganz unreflektiert, wirklich nur Autorbezogenes Perpendikel? Da müsste ich Mura. selbst oder einen seiner Leser ;) fragen...
lg g

sim

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12

Saturday, September 20th 2008, 1:47pm

Für Murakamis Icherzähler ist das Schneeschaufeln, das Bild, mit dem er den Lauf des Lebens beschreibt. Vergebliche Arbeit ohne nachzudenken fleißig erledigen. Die braune Soße für meinen Prot ist hingegen ein Mittel der projizierenden Verbindung meines Icherzählers zu seinem Antagonisten. Die eigene Erfahrung wird einfach auf den anderen übertragen. Entsprechend darf es bei meinem Erzähler natürlich nicht reflektiert sein. Dann würde er vielleicht darauf kommen, dass die eigenen Sonntagsrituale nicht dem des anderen entsprechen müssen. So ist das Motiv ein Mittel der Charakterisierung.

Lieben Gruß
sim :)

Übrigens lohnt sich die Geldausgabe für einen Murakami mE wesentlich mehr als die für einen Frey. ;)
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jonny

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13

Monday, September 22nd 2008, 5:08pm

Das Buch vom Frey hab ich auch, weiß nich was ihr wollt, fands gut. :D

Den Rest lernt man doch sowieso beim Schreiben, also was solls.

Den Text find ich "übrigens" auch klasse, kann mich nicht beklagen. Bin zwar nicht ganz so flüßig durchgeschwommen, die die anderen, aber ist ja nicht so schlimm. Wenn man nebenbei Ray Charles hört, verbindet man den Text so herrlich mit den 60ern, denkt an diese Sonntagsabende damals und der heilen Welt, die keine war. Da bekomm ich echt Lust, auch mal wieder ordentlich die Sau in einem Text rauszulassen - find ich sowieso eines der besten Möglichkeiten beim Schreiben. :)

Hat mich wunderbar unterhalten, vielen Dank.

sim

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14

Monday, September 22nd 2008, 5:56pm

Hi Jonny,

der Dank geht an dich fürs Lesen.

Lieben Gruß
sim
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Hazel

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15

Thursday, September 25th 2008, 11:09pm

Erzählt ist die Geschichte natürlich super und hatte mich so schnell eingenommen, dass ich mich gleich wunderte, als ich schon am Ende angekommen war. Nur.. Ich finde das Bild total falsch dargestellt. Vielleicht schreibst du da über eine individuelle Person, aber dieser blöde Gedanke von linker Gewalt, bah.. dieses dumme Klischee.. ich möchte mal eine einzige Organisation von Links sehen, die bei solchen Anlässen zur Demonstrationsblockade nicht die Devise "Tut alles, aber randaliert nicht und werdet nicht gewalttätig" beherzigen. Solche Aktionen werden mit Sitzblockaden und NICHT durch brennende Autos und Steinen durchgeführt. Linke Gewalt, immer öfter hört man das, ich hasse diese Nachrufe langsam. Was bitteschön ist das ?( . Das haben die Medien auch wieder schön in die Köpfe gepflanzt.

Grüße, Hazel
Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.

erikroderickandara

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16

Thursday, September 25th 2008, 11:31pm

Dear Hazel,

verzeih, wenn ich dir hier widersprechen muß, aber wo es menschen gibt und wo größere parteien mit widersprüchlichen auffassungen aufeinandertreffen, dort gibt es auch gewalt; das es natütlich auch gruppierungen und leute gibt die es vermögen gewaltlos gegen etwas vorzugehen steht ausser frage, aber zu sagen das es keine gewaltbereitschaft von linken gruppierungen gibt ist beiderlei: blauäugig und unwahr; (das es natürlich auch überflüssige medienverhetzungen gibt hingegen nicht)

von einem, der auf genug linken demos und aufmärschen dabei war um zu wissen, daß es beim idiotsein nicht grundsätzlich nur auf die politische gesinnung ankommt

lg
erik
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Hazel

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17

Thursday, September 25th 2008, 11:51pm

da geb ich dir natürlich recht und es war klar, dass dieser einwand kommt, aber ich finde es einfach ungemein wichtig, darauf hinzuweisen, dass die gewalt von links eigentlich kaum vorhanden ist. natürlich gibt es da ausnahmen und einige schwarze schafe, die auch mal gewalttätig werden, weil es einfach unglaublich starke konflikte geben kann, wie du ja richtig sagst. dennoch wird in allen organisationen (im gegensatz zu vielen rechten) überall sehr stark an die gewaltlosigkeit apelliert, die gewalt liegt einfach nicht im gedanken der bewegung und tut er es für manche doch, so haben sie etwas falsch verstanden. in der rechten szene is das etwas anders (da sind natürlich auch nicht nur schläger drinnen, sondern auch einige friedliche köpfe, die einfach nur das falsche denken :thumbdown: ) und deswegen finde ich es einfach nicht richtig, das klischee auch noch zu bedienen, das zur zeit so angeschürrt wird. die kriminalität wächst für mich eher mehr aus der perspektivenlosigkeit der jugendlichen an, die natürlich grad in dem alter oft in extremen szenen auftreten, hat aber oft wenig mit wahrer politischer einstellung zu tun.

edit: ich will noch kurz dazu sagen, weil du ja im großen und ganzen recht hast: natürlich gibt es auch gewalt von links, aber man muss doch wegen einem schwarzen klecks auf dem hemd nicht gleich sagen es wäre schwarz, wenn daneben einer steht, den man ganz vergisst und ein schwarzes hemd mit weissem klecks anhat. an den pranger gehören einfach ganz andere leute.
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georg999

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18

Friday, September 26th 2008, 1:42am

lieber Hazel,
du transportierst in denen beiden comments deine ehrliche, aus heißem Herzen kommende politische Überzeugung, und das ist aller Ehren wert.
Aber am sim-thread geht das total vorbei. Der Protagonist Sims ist nicht primär ein womöglich gar noch typischer linker Demonstrant, sondern ein von plötzlich und irrational hochkommender Aggressivität innerlich beherrschter, ein Grenzgänger zwischen Positivem und dem Entsetzlichen ... alles andere als die klischeehafte Verkörperung einer hypothetischen "linken Gewalt".
Sim verwendet Demo und Gegendemo als packende Szenerie für den inneren Konflikt des Prots. Erinnert an Rodion Raskolnikoff in Dostojewskis Schuld und Sühne, der auch wie in Trance den Pfandleiher ermordet.
Und, nichts für ungut, hazel ... aber wenn du sagst

Quoted

und deswegen finde ich es einfach nicht richtig, das klischee auch noch zu bedienen, das zur zeit so angeschürrt wird. die kriminalität wächst für mich eher mehr aus der perspektivenlosigkeit der jugendlichen an
... da möchte ich schon darauf hinweisen, dass die Anwendung des Klischees von der "Perspektivenlosigkeit der Jugend" auf sims feinsinnig erdachten Prot an der ergreifenden story weit vorbeigeht.

Nochwas. Ändere mal die story um 180°. Ersetz die braune Soße durch rote Tunke. Mach aus dem Icherzähler einen Neonazi und aus dem schlussendlichen Opfer einen linken Gegendemonstranten.
Und dann überleg dir, wer besser wegkommt, Links oder Rechts.
nachdenkliche, liebe grüße georg

erikroderickandara

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19

Friday, September 26th 2008, 1:46am

das heißt also, man kümmert sich nur um das gros (das dann ja die rechte wäre) und läßt die anderen gewalttätigen dummköpfe einfach durch den rost fallen?
sinnlose gewalt gehört angeprangert und thematisiert, egal aus welcher fraktion; das hier ist dann also keine frage der ideologie sondern der taten; ich glaube, daß die politischen hintergründe hier auch nur im hintergrund mitschwingen, um dem ganzen eine richtung zu geben, ansonsten aber für das geschehen nicht wirklich von belang sind;

abgesehen davon: für mich geht es in der vorliegenden geschichte um vergangenheitsbewältigung, ein leben nach einem einschneidenden, groben fehler, der nie wieder gutzumachen ist, eben hier aus der sich eines linken;
es zeigt auf, wie einem die dinge entgleiten können, wie klein man ist, im verhältnis zu der lawine an geschehnissen, die man lostritt, wie machtlos, angesichts des reißenden dammes, es zeigt aber auch, das man selbst für sich verantwortlich ist, das man niemanden den schwarzen peter zuschieben kann, ein toter mann ist ein toter mann ist ein toter mann, egal, ober im leben nun ein fascho oder etwas anderes war;
ich glaube aus deinen zeilen entnehmen zu können, das du anhängerin der gewaltlosigkeit bist, gleichzeitig aber zugibst, das es natürlich auch gewaltbereite linke gibt, wie also damit umgehen? totschweigen? (ist das nicht eher eine faschistoide vorgehensweise, die natürlich auch hinter dem eisernen vorhang bei den kommunisten bis zum erbrechen bemüht wurde? was genau ist der unterschied zwischen eeinem linken regime und einem rechten, wenn man den verlauf des zwanzigsten jahrhunderts betrachtet, ausser natürlich, das die braune fraktion einen grössenwahnsinnigen irren als anführer gefunden haben, stalin dem aber nicht wirklich nachstand, ausser das man da in europäischen (und in russischen schon gar nicht) geschichtsbüchern nicht soviele details findet, weil die entfernung zu den greueltaten einfach zu groß war?)

also bleibt nur zu sagen, egal was es ist, besser man redet darüber, als man tut es nicht
und ich hatte eigentlich nicht den eindruck, das der protagonist obenstehender geschichte zum mörder wurde, weil er ein linker ist, so wie man es nach deiner ersten rezension aber empfinden könnte, es geht um einen verwirrten jugendlichen, der scheiße baut, nicht mehr, und auf gar keinen fall weniger...

erik
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sim

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20

Friday, September 26th 2008, 7:25am

Hi Hazel,

vielen Dank für deine Auseinandersetzung. erik und Georg haben ja schönerweise schon einiges sehr treffend zu deinem Einwand gesagt.
Wir beiden sind uns darüber einig, dass Berichte über Gegendemonstrationen tendenziell das Augenmerk zu sehr auf die Eskalationen, nicht auf die friedlichen Verläufe richten. Und wir sind uns sogar darüber einig, dass die sogenannten schwarzen Blöcke bei solchen Demonstrationen in den Medien durchgängig überzogen gewaltbereit dargestellt werden.
Das könnte zum Beispiel erst zu erhöhter Gewaltbereitschaft aus der Ohnmacht heraus führen, dass gewaltfreier Protest nicht gehört wird.
Das alles ist aber nur am Rande Gegenstand der Geschichte und wenn es über die "schiefe" Darstellung zu einer Diskussion darüber kommt, ist es mir natürlich recht. Zu solcher Diskussion wäre es ganz sicher nicht gekommen, wenn ich die Rollenverteilung in der Geschichte umgedreht hätte. Der böse Nazi, der auch noch einen linken Demonstranten erschlägt oder verprügelt, wäre ganz sicher das häufiger bemühte Klischee gewesen. So politisch korrekt ist sogar die Zeitung mit den vier großen Buchstaben.
Aber die Geschichte hätte auch aus anderen Gründen dann nicht funktioniert, denn die Hilflosigkeit, die einen befällt, wenn man im "Feind" einen attraktiven Menschen entdeckt, lässt sich eben am autonomen Demonstranten besser darstellen. Meine Freunde unter den Autonomen behaupten zum Beispiel alle, sie könnten sich nicht in einen Nazi verknallen. Dem gegenüber steht die Erkenntnis, dass die ersten 30 Sekunden zwischen Sympathie und Antipathie entscheiden. Und aufgeheizt durch die Erlebnisse des Tages gerät mein Erzähler genau in diese Konfliktsituation. Deshalb sind die politischen Gegensätze als Eckdaten eben nur anhand der Klischees skizziert.
Der Prozess der Vergangenheitsbewältigung ist dabei in dem Erzähler noch nicht abgeschlossen. Die Schuld sieht er noch im Gegenüber, in dessen fast kindlicher Schönheit, derentwegen er zugeschlagen hat.
Zu seinem Selbstverständnis bleibt noch zu fragen: Welche effektiven gewaltfreien Wege gibt es? Wie damit umgehen, wenn die braune Soße auf vernünftige Argumente nicht anspricht? Und überkommen einen nicht selbst als Bürgerlichen da manchmal Gewaltfantasien, wenn man sieht, wie sich die braune Soße ausbreitet? Unabhängig von der grundsätzlich gewaltfreien Einstellung? Auch das sollte man, finde ich, thematisieren, möglichst so, dass darüber auch diskutiert werden kann.

Lieben Gruß und vielen Dank euch Dreien
sim
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