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sim

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1

Saturday, July 19th 2008, 12:31pm

Schmelzendes Eis

»Schon wieder?«
Er lächelt.
Tatsächlich lächelt er und schaut mich an.

Als ich ihn gestern das erste Mal sah, hat er auch gelächelt und sich bedankt, höflich, wie man es tut, damit Erwachsene nicht auf die heutige Jugend schimpfen.
Dabei bin ich fünfzehn. So alt wie er etwa.
Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, wie jeden Tag, fuhr auf der falschen Straßenseite, er kam mir auf der richtigen entgegen. Und weil wir uns an einer Baustelle trafen, musste ich anhalten, um ihn durchzulassen. Dafür hat er sich bedankt.
Und gelächelt.
Und dann ist er weitergefahren.
Eine kurze Begegnung mit einem Fremden, man steht sich im Weg, tauscht Konventionen aus und sieht sich nie wieder.

Heute treffe ich ihn an der gleichen Stelle, muss wieder anhalten. Obwohl ich früher bin als gestern, bestimmt zwanzig Minuten. Mir fällt auf, wie nett er aussieht. Sein dunkles Haar hängt ihm über die Augen. Überall hat er Sommersprossen und seine Lippen sind schmal. Vor allem aber lächelt er.
»Sieht so aus«, antworte ich und lächle auch.
Anders als gestern bremst er.
»So ein Zufall. Wo fährst du immer hin, wenn du hier unterwegs bist?«
Er lächelt nicht nur, er redet mit mir. Steigt extra von seinem Fahrrad ab, sieht mich an, als sei ich ein ganz normaler Junge, und fragt mich etwas. E kennt mich doch gar nicht.
»Nirgendwo hin«, stottere ich verlegen. »Ich fahre nur jeden Nachmittag Rad. Immer zu einer anderen Eisdiele in der Umgebung.«
Er schaut weder an meinem Körper herunter noch grinst er spöttisch. »Welche kannst du denn besonders empfehlen?«
Eis ist nicht gleich Eis. Und gestern hat es besonders gut geschmeckt. »Das in der Waldstraße«, sage ich, ohne zu zögern. »Dort war ich gestern und dort wollte ich gerade wieder hin.«
»Ganz schön weit.«
»Ja«, antworte ich und schaue, bevor er es doch noch tut, an meinem Körper herunter. »Aber wie du siehst, schlägt das Eis immer noch mit mehr Kalorien zu Bauche, als ich beim Fahrradfahren verliere.«
Jetzt lächelt er nicht nur, jetzt lacht er. Und er lacht mit mir, nicht über mich.
Wenn man dick ist, gibt es nur diese zwei Möglichkeiten. Entweder, man macht eine Show, ein paar Verrenkungen, fordert die Klassenkameraden zu rhythmischem Beifall auf, bevor man Anlauf nimmt, oder man trippelt wie eine fette Tunte, in der Hoffnung, wenn man die Augen schließt, schaut niemand hin, und schreit auch noch vor Schmerz auf, wenn sich die Kante des Sprungkastens in den Magen bohrt.
Ich mache die Show und sie lachen trotzdem über mich.
Der Junge lacht mit mir. »Na und?«, fragt er. »Dann ist das eben so.«
Ich nicke. Das kann eine Bestätigung oder ein Abschied sein, denn ich weiß nicht, was ich ihm antworten soll. Also warte ich, bis er weiterfährt und mir Platz macht. Doch er dreht sein Fahrrad zur Fußgängerampel und drückt auf den schwarzen Knopf in dem kleinen gelben Kasten.
»Hast du was dagegen, wenn ich mit dir komme?«
»Von mir aus.«
Die Ampel wird grün, der Junge eilt mir voraus, während ich im Stehen versuche, mehr Kraft in die Pedale zu legen. Ich fahre immer im höchsten Gang, damit ich mich mehr anstrengen muss. Niemand soll mehr über mich lachen, niemand mehr warten, bis ich mein Shirt ausziehe, nur damit er laut meine Bauchfalten zählen kann. Niemand soll mich je wieder fette Sau nennen oder tuscheln, wenn ich im Schwimmbad bin. Aber dazu muss ich Fahrrad fahren. Damit ich das täglich einhalte, belohne ich mich mit Eis.
Als er sieht, ich kann ihm nicht folgen, wartet der Junge. Kein verzogenes Gesicht, keine Bemerkung darüber, wie lahm ich sei, keine Aufforderung, in die Hufe zu kommen. Er hält einfach an, lehnt sich mit der Schulter an einen Laternenpfahl, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Lässig sieht das aus, irgendwie elegant.
»Wo wolltest du eigentlich hin?«
Wir fahren nebeneinander, er mit nur einer Hand am Lenker.
»Von wollen kann keine Rede sein«, antwortet er. »Ich war auf dem Weg nach Hause.«
Schweigend radeln wir weiter, stellen uns in die kurze Schlange vor dem Tresen, er holt sich drei Kugeln – Vanille, Marzipan und Nougat – ich mir zwei – weiße Schokolade und Erdbeer.
Wir setzen uns auf die Pflastersteine, mit dem Rücken an eine Hauswand, und blinzeln in die Sonne, während das Eis auf unsere Hände tropft.
»Für gutes Eis könnte ich sterben.«
»Wie heißt du?«, fragt er mich.
»Gottfried.« nuschle ich leise. Niemand heißt so, erst recht nicht, wenn er ein fettes Monster ist.
»Ich heiße Felix. Das ist auch nicht besser.«
»Doch. Das ist um Längen besser.«
Der Junge streckt die Füße aus, sodass jeder, der vorbei möchte, darübersteigen muss. Aber das stört ihn nicht.
»Okay«, sagt er. »Dann nennst du mich Gottfried und ich nenne dich Felix.«
»Im Ernst?«
»Ja. Ich finde Gottfried schön. Es hat etwas Erhabenes, Allmächtiges.«
Lieber würde ich ihm ein paar meiner Pfunde abgeben. Die könnte er gut gebrauchen. Aber der Name ist ja schon einmal was. Auch, wenn ich es mir verwirrend vorstelle. »Felix heißt der Glückliche. Das ist doch auch erhaben.«
»Aber es ist gelogen. Zu dir passt es viel besser als zu mir.« Er lacht, als er das sagt.
»Gut«, antworte ich und reiche ihm die eisverklebte Hand. »Felix.«
»Gottfried.«
Er stört sich nicht daran, ergreift meine Hand, wischt seine Finger hinterher nicht einmal an der Hose ab.
»Das Eis ist wirklich gut. Ich kann das beurteilen.« Felix erzählt mir, er habe nach dem Hauptschulabschluss eine Konditorlehre angefangen. »Zum Glück muss ich nicht so früh aufstehen, wie die Bäcker. Aber es ist immer noch zu früh.«
»Es ist immer zu früh«, antworte ich, sehe auf seine Lippen, die erst vom Eis glänzen, dann vom Speichel, und denke daran, wie schwer es der Wecker jeden Morgen hat, mich aus dem Schlaf zu holen. Erst recht, wenn ich bis in die frühen Morgenstunden am PC gespielt habe.
Wir setzen uns auf unsere Räder, Felix und ich, fahren schweigend die Strecke zurück bis zu der Baustelle, an der er mich angelächelt hat.
›Unsere Wege werden sich trennen‹, denke ich. ›Er wird wieder Felix sein, ich Gottfried, die fette Sau.‹
Er hält an, als käme ich ihm wie vorhin entgegen. Dabei keuche ich hinter ihm. Die Hand reicht er mir, obwohl mein T-Shirt aussieht wie nach einem Platzregen. Bestimmt stinke ich. Felix wartet, bis ich ruhiger atme, zögert selbst dann noch. »Vielleicht fährst du ja mal wieder auf der falschen Seite«, sagt er. Und er lächelt.
»Bestimmt«, antworte ich.
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I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)

ruelfig

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2

Sunday, July 20th 2008, 7:10pm

Hallo Sim,
eine sehr menschliche Geschichte hast du geschrieben über eine zufällige Begegnung mit einem offenen, optimistischen Ende. Schön in Worte gefasst, die berühren, Formal sehr ansprechend. Klasse.
LG,
R
Gegenismen

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3

Monday, July 21st 2008, 11:16am

Hallo ruelfig,

vielen Dank und liebe Grüße
sim
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4

Monday, July 21st 2008, 12:10pm

hallo sim

die erfrischend effiziente Erzählweise nimmt gefangen und führt flüssig durch den Text, in welchem zarte rezeptive Höhepunkte aufkeimen, wie etwa eine latent schlummernde Sexualität bei Berührungen und Augenflirts, sowie eine ansprechende, durchgehend vorurteilsfreie Natürlichkeit in der Begegnung zweier Menschen, welche authentischer weise, Protagonisten und Leser gleichzeitig, Komplexe und Unzulänglichkeiten Revue passieren lässt, ohne belehrend zu wirken und ohne den Lesegenuss zu beeinträchtigen.
so angenehm kann Lektüre sein, so kurzweilig Epik.
das gefällt mir sehr.

ich habe lange gesucht, um kritisch etwas anmerken zu können. deine Orthografie ist vorbildlich. selbst die vielen Sätze zu Anfang (im ersten Abschnitt), die nicht im Block stehen, sondern fast alle links beginnen, kann ich nachvollziehen. es wirkt wie eine Auflistung aller Punkte die zur (freudigen) Überraschung des Protagonisten beitrugen.
vielleicht der vorletzte Satz. ja. hier wirkt das Substantiv unschön wiederholt. es würde sich ein "Felix" anbieten, das doppeldeutig über den vorherigen "Namenstausch" nachwirken dürfte. also
Und Felix lächelt.
anstatt
Und er lächelt.

Gruß
Alcedo

Alexa

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5

Monday, July 21st 2008, 1:19pm

Hi Sim,

deinen Text muss ich hier ständig suchen. Wenn er nicht auf der Portal-Seite steht, finde ich ihn nicht mehr. In der Rubrik Alltag, Gesellschaft und Satire taucht er bei mir nicht auf.
So wäre doch fast
deine Geschichte, dieser ganz alltäglichen Begegnung, an mir vorbeigegangen. ;(

Fast könnte man meinen, dass Felix hier kein Mensch ist, denn die Realität, gerade bei 15 – Jährigen sieht doch meist anders aus. Und gerade das ist es, was deine Geschichte so bemerkenswert macht. Du beschreibst eine Situation, eine Begegnung, von der man, die Realität im Kopf, doch eigentlich anderes erwartet. Und genau das lässt du hier nämlich nicht geschehen. Hier wird Gottfried als das akzeptiert, was er ist, als Mensch mit all seinen Schwächen. Diese Begegnung lässt mich als Leser, genau wie bei Gottfried in deiner Geschichte, einen anderen Verlauf erwarten. Klasse wie du das umgesetzt hast.
Nicht alles ist vorhersehbar, man sollte die Augen offen halten für die vielen kleinen Wunder um uns herum.

Gerne gelesen
Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Sarisand

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6

Monday, July 21st 2008, 3:08pm

Hallo Sim,
eine schöne, kleine Geschichte, von der man hofft, dass sie tatsächlich passiert (ist). :)
Gruß Sarisand

georg999

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7

Monday, July 21st 2008, 6:02pm

Hallo sim,

diese story von den zwei 15jährigen kommt auch in meinen Augen perfekt rüber, und vor allem, wie du die Ich-erzähler-perspektive beherrschst, erweckt Bewunderung . Das sage ich, weil es meine echte Überzeugung ist, und nicht, weil jetzt etwas Nachdenkliches, meinetwegen sogar der hinkende Bote, eintrifft. Mein Problem besteht darin, dass ich „die“ fünfzehnjährigen zu gut kenne.
Alexa hat ja mit ihrem reply „Fast könnte man meinen, dass Felix hier kein Mensch ist, denn die Realität, gerade bei 15 – Jährigen sieht doch meist anders aus. Und gerade das ist es, was deine Geschichte so bemerkenswert macht. Du beschreibst eine Situation, eine Begegnung, von der man, die Realität im Kopf, doch eigentlich anderes erwartet. Und genau das lässt du hier nämlich nicht geschehen. Hier wird Gottfried als das akzeptiert, was er ist, als Mensch mit all seinen Schwächen“ ...

... also Alexa hat ja mit diesen Zeilen schon angedeutet, wo der Hase im Pfeffer liegt ...

Wie erwähnt, ich kenne oder kannte hunderte, aberhunderte. Es waren eher schokoladenseitige weil Gymnasiasten, aber dann gab es auch ein Häuflein von eher mit Bitterschoko überzogenen ... meine Bewährungshilfeprobanden , die ehrenamtlichen (ehrenamtlich war ich, nicht die Burschen...).

Und es muss halt raus, so wie Gottfried und Felix REDET KEINER (sagen wir fast keiner). Und die Gefühle brodeln auch in anderen Töpfen. G und F philosophieren miteinander ein bisschen wie Fichte mit (weiß nicht) Schelling.

Man könnte sagen, bei „homo fictus“ geht alles. Hier treffen aber zwei Aliens aufeinander, und das macht den hübschen plot an einigen Stellen unglaubwürdig. Von 1000 Fünfzehnjährigen haben wir mit G und F Nummer neunhundertneunundneunzig sowie Nummer eintausend vor uns. Das wäre aber wieder eine eigene story, wo die Prämisse nicht bei der Tröstung des Dickerchens sondern im CLASH OF ALIENS zu liegen hätte.

Das mit dem „nicht wie fünfzehnjährige reden“ muss ich natürlich jetzt untermauern. Ein Beispiel:

Gottfried: »Aber wie du siehst, schlägt das Eis immer noch mit mehr Kalorien zu Bauche, als ich beim Fahrradfahren verliere.«

Felix, der Bäckerazubi ... lächelt und gleich darauf lacht.

Wenn wir schon G. das Parathalten der Kalorienüberlegung zutrauen , aber jeder andere Felix würde darauf erwidern „rede mal nicht so geschwollen“ oder ähnliches... so verliebt wird er ja in G auch wieder nicht sein, dass er ihm einen solchen Satz ersparen wollte.

Auch bei G spiesst sich da was. Wenn er sich so weit hunzen kann, dass er zwecks Abnehmen im hohen Gang radelt, dann sollte er sogar noch eher die Kraft haben, Eis- und andere Kalorienbomben zu meiden.

Ein schwieriges Terrain ist auch der Namenstausch. Gerade in bei 15jährigen höchstwahrscheinlich noch schwelenden pubertären Wirren ist der NAME mehr als nur soundsoviele Buchstaben ... wer seine Erwachsenenidentität finden sollte, wird kaum so einen festen Identitätsbaustein wie seinen Namen hergeben.

Übrigens könnte der mit seinem Namen unzufriedene Gottfried erzählen: In der Grundschule haben sie „Fritzi“ zu mir gesagt, aber jetzt sagts nur mehr mein Banknachbar. Der wird auch von der Meute niedergemacht, weil er nur einsfünfzig hoch ist. „Pat und Patachon“ schreien sie blöd rum, die anderen. Dabei ist er noch nicht mal mein Freund. Wenn ich beim Sport nicht rüberkomme, brüllt der Stöpsel am meisten.“

Kenn ich, sagte Felix. Ja, stell dir vor, Fritzi. Ich stottere nämlich, wenn ich aufgeregt bin. Ich hatte auch ne Meute, und was diese Arschlöcher gegrölt haben manchmal.

Auch der Ausspruch des Lateinschülers G gegenüber dem Azubi F „Felix heisst der glückliche“ ist nicht unproblematisch. Welcher 15jährige lässt sich das bieten ...

Aber vielleicht handelt es sich wirklich nur in meinen Augen um Ungereimtheiten, die übrigens verhältnismäßig leicht reparabel wären.

Lg georg

sim

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8

Monday, July 21st 2008, 9:41pm

Hallo Alcedo, hallo Alexa, hallo Sarisand, bei so viel Lob werde ich ja glatt rot. Freut mich sehr, dass euch die Geschichte gefällt.

@Alcedo: Ich hatte dort zuerst Felix stehen, es erschien mir aber zu gedrängt, auch, weil der Satz ja schon mit "Felix eingeleitet wird, und es da zwingender ist.

@Alexa:

Quoted

Fast könnte man meinen, dass Felix hier kein Mensch ist
Ja, natürlich sieht die Realität oft anders aus. Und dennoch kenne ich erstaunlich viele 15-Jährige, die es tatsächlich schaffen, jemanden so zu akzeptieren, wie er ist. Deine Überlegung kommt meiner beim Schreiben aber recht nahe. Ich wollte die Geschichte in der Schwebe halten. Sie könnte so passiert sein, sie könnte aber auch Gottfrieds abendliche Fantasie sein, wie eine Szene des Tages hätte verlaufen können, wenn er nicht mit dem Fahrrad an einem Lächeln vorbei gefahren wäre. Insofern muss ich Sarisand natürlich enttäuschen. So wie sie da steht, ist sie leider Fiktion.

Hi Georg,

dir vielen Dank für deine nachdenklichen Worte. Das, was du als Hasen im Pfeffer siehst, war, wie meiner Antwort an Alexa zu entnehmen ist, durchaus beabsichtigt. Den Schwebezustand einer Wunschvorstellung oder einer Sehnsucht hätte ich sicherlich bei vollständiger Berücksichtigung der Realität weniger hinbekommen.

Allgemein, aber das würde hier zu weit führen, bin ich kein großer Freund von "natürlichem Slang" in wörtlicher Rede, meist kommt der Versuch eher noch unglaubwürdiger rüber, erst recht, wenn ein alter Sack wie ich es versucht. Die Codewörter wechseln schneller als ich schreiben kann. Aber deshalb müssen meine Protagonisten in ihren Sehnsüchten natürlich trotzdem glaubwürdig bleiben.
Ich glaube, wir unterschätzen 15-Jährige oft. Schau dir nur mal an, wie viele hier registriert sind, auch wenn die durchaus wieder die Ausnahme unter ihrer Altersgruppe sein mögen.

Quoted

Ein schwieriges Terrain ist auch der Namenstausch. Gerade in bei 15jährigen höchstwahrscheinlich noch schwelenden pubertären Wirren ist der NAME mehr als nur soundsoviele Buchstaben ... wer seine Erwachsenenidentität finden sollte, wird kaum so einen festen Identitätsbaustein wie seinen Namen hergeben.
Witzigerweise argumentierst du hier genau so, wie ich den Namenstauch begründe. Beiden ist der Name mehr als nur ein paar Buchstaben, genau deshalb tauschen sie ja.

Quoted

In der Grundschule haben sie „Fritzi“ zu mir gesagt, aber jetzt sagts nur mehr mein Banknachbar. - ff
Natürlich wäre ein solcher Dialog denkbar, mir allerdings für das, was ich erzählen wollte nicht dienlich erschienen. Es wäre zu direkt gewesen, die Jungen hätten zu viel von sich preisgegeben beim ersten Treffen und dabei nicht mehr in der Andersartigkeit der Situation versinken können, in der diese ganzen Verurteilungen für sie gerade keine Rolle spielen.

Quoted

Auch bei G spiesst sich da was. Wenn er sich so weit hunzen kann, dass er zwecks Abnehmen im hohen Gang radelt, dann sollte er sogar noch eher die Kraft haben, Eis- und andere Kalorienbomben zu meiden.
Ich bin überzeugt, die Kraft zum Selbstbetrug kostet viele weniger Überwindung als die Kraft zu verzichten. ;)

Deine Anmerkungen sind gut und richtig, sie ergäben nur für mich leider eine andere Geschichte.
Trotzdem vielen Dank.

Euch allen liebe Grüße
sim
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georg999

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9

Monday, July 21st 2008, 10:43pm

lieber sim,

vielleicht kennst du ja das wunderbare Märchen "Das fremde Kind" von ETA Hoffmann. Ganz nett übrigens, dass die 2 Kinder, denen das fremde Kind erscheint, Felix und Christlieb heissen. Beim ETAH bleibt nicht ernsthaft offen, ob das fremde Kind real oder spirituell ist... natürlich könnte man sagen, der Fortschritt der letzten zweihundert Jahre besteht unter anderem darin, dass wir mit offenen topologischen Räumen arbeiten ... aber vom Grundansatz her schaut deine story nicht danach aus, als ob felix eine Wunschvorstellung wäre ... die Botschaft sollte doch nicht sein, dass sich autistische Züge in Gottfried verdichten und ihn eine Art hitchcock-Illusion wie die in Wahrheit mumifizierte Mutter Anthony Perkins' erschaffen lassen ... sondern dass er wirklich einen freund findet...

lg georg

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10

Tuesday, July 22nd 2008, 10:33pm

Lieber Georg,

das Märchen von ETA Hoffmann kenne ich leider nicht. Ich werde mich mal auf die Suche machen.
Vom Grundsatz her überwiegt natürlich die reale Begegnung, die andere Auffassung ist aber zweifelsfrei möglich, so viel Offenheit finde ich auch in Ordnung und sie war eben wegen der Schwebe hier auch beabsichtigt. Autistische Züge kann ich noch nicht darin erkennen, wenn man sich eine Ausgangssituation noch einmal in ihrem Möglichkeiten durchfantasiert, wir Autoren machen doch oft nichts anderes.
Ich kann es auch anders ausdrücken: Mein Weg hier war ein bewusst blauäugiger. An der Realität vorbei, um eine neue Realität zu schaffen. ;)
Aber vielleicht habe ich gerade auch eine totale Denkblockade und wir reden völlig aneinander vorbei. :)

Lieben Gruß
sim
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georg999

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11

Wednesday, July 23rd 2008, 12:03am

hi sim,

ich hoffe es ist klar, dass ich deine gut ausgedachte und perfekt getexte story nicht irgendwie abwerten möchte, dazu ist absolut kein Anlass. Danach hätte eher noch mein erstes posting aussehen mögen, wo ich die Art der zwei 15jährigen, miteinander zu sprechen, kritisiert habe. Damals war ich mir der Möglichkeit, dass Felix nur Gottfrieds Traum sei, zwar bewusst, aber ich habe es insofern verworfen, als außer der übertriebenen Güte und Freundlichkeit des Felix keine Anhaltspunkte für die Wunschvorstellungsvariante auffällig waren.

Da aber wie du bekräftigst, diese Variante als offene Entscheidungsmöglichkeit in deiner Absicht liegt, fände ich es plausibel, Mosaiksteinchen zu suchen, die in diese Richtung gingen. zB könnte man den ANDEREN Jungen auf der falschen Straßenseite fahren lassen ... der Geist als Geisterfahrer, wie die Ösis die Falschfahrer nennen. Sicher, auch Gottfried ist ein Falschfahrer einer aus Fleisch-Blut und Fett, aber für den geister-plot ... ich weiß, dann passt das mit dem Bedanken wieder nicht so ganz ... naja.

»Okay«, sagt er. »Dann nennst du mich Gottfried und ich nenne dich Felix.«
Auch hier böte sich ein Geisteranhaltspunkt ... ein subtiler ...

Denn wenn ich mir einen Astralfreund zulege, und ich tausche mit ihm Namen, so würde ich als mein Alterego ZUERST sagen:: okay, dann nenne ich DICH sim,... und DU nennst mich georg ...

Was Autismus betrifft so habe ich das, weil Nichtpsychiater, wohl allzu locker in den Raum gestellt ... Autismus hat ja zahlreiche verschiedene Ausprägungen, zB als besonders harmlos geltendes Aspergersyndrom. Aber jemand, der sich so plastisch ein nur in seinem Kopf existierendes Alterego Felix konstruiert, wie es bei Gottfried der Fall ist, der ist zweifellos sehr schwer gestört, mag es nun Autismus oder sonstwie genannt werden.

Übrigens würde außer dem "fremden Kind" auch "der goldene Topf" gut herpassen, ebenfalls vom ETAH, den ich seit meinem 13.Lebensjahr liebe.

Auch im goldenen Topf wird offengelassen, ob die goldenen Schlangen, die vor dem Dresdner Studenten Anselmus tanzen, nur in seinem Kopf oder sonstnochwie die verzauberten Töchter des Archivarius Lindhorst sind...

lg georg

sim

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12

Tuesday, July 29th 2008, 8:30pm

Hi Georg,

verzeih, dass ich jetzt erst antworte. Ich war zwar ab und zu eingelogt, aber beruflich die letzten Tage sehr angespannt und das Wochenende weg.

Quoted

ich hoffe es ist klar, dass ich deine gut ausgedachte und perfekt getexte story nicht irgendwie abwerten möchte, dazu ist absolut kein Anlass.
Das hatte ich auch nicht so empfunden. Wir setzen uns ja hier eher inhaltlich auseinander. Und da ist es eben schwierig, einen Menschen gut oder böse oder auch nur anders zu schreiben, wenn es für mich eben nicht zu dem passt, was ich erzählen möchte.
Ich habe lange überlegt, wen ich falsch fahren lasse. Letztlich war für mich entscheidend, dass die Begegnung, egal ob Fantasie oder Realität, Gottfried wieder in die Spur helfen soll.
Mein Gedanke war übrigens in der Lesart kein Astralfreund, sondern eine reale Begegnung, die in anderem Verlauf fantasiert wird. Gottfried fantasiert sich eine Begegnung, die er tatsächlich hatte (Er muss vom Fahrrad absteigen, weil ihm jemand entgegen kommt), in eine "Was wäre, wenn" Situation. Was wäre, wenn ich ihn einfach angesprochen hätte, oder besser: er mich, da ich ja sowieso zu feige dazu bin". Und aus dieser Fantasie sollte er seine Geschichte erzählen, ohne sie als solche aufzulösen. Aber dazu musste Felix eben einerseits perfekt sein, andererseits ein Moment der Unterlegenheit haben (Hauptschulabschluss). Eine Auflösung der Fantasie wäre mir für diese Geschichte falsch erschienen, weil die Wandlung (Aufbau von Selbstwertgefühl) dadurch wieder zunichte gemacht worden wäre. Auch fand ich es unwichtig, weil die Begegnung ja durchaus so stattfinden könnte, die Lesart, ob Fantasie oder reales Erleben, also beim Leser bleiben darf, ohne die "Eisschmelze" zu gefährden.

Quoted

Aber jemand, der sich so plastisch ein nur in seinem Kopf existierendes Alterego Felix konstruiert, wie es bei Gottfried der Fall ist, der ist zweifellos sehr schwer gestört, mag es nun Autismus oder sonstwie genannt werden
Na, das war jetzt aber ein hübsches Fettnäpfchen. Als Vierzehn/Fünfzehnjähriger hatte ich einen imaginären Freund namens Michael, der in einem Kinderchor ähnlich den Wiener Sängerknaben sang und dessen Aussehen ich noch heute genau vor mir habe. Bis auf meinen Zwillingsbruder waren alle von dessen Existenz überzeugt. Der allerdings hat mir Jahre später einmal erzählt, welche Sorgen er sich zu dieser Zeit gemacht hat.
Okay, ich war ein sehr gestörtes Kind.

Lieben Gruß
sim
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MimiAv

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Saturday, August 9th 2008, 11:33am

Hey Sim,
ich selbst bin gerade 14 Jahre und in meiner Schulklasse ist ein Junge der mich an G erinnert.
In unserer Klasse hat niemand eine Chance ohne blöde Komentare anders zu sein als andere.
Deine Geschichte finde ich echt sehr gut gelungen! Aber ich glaube sie ist nicht sehr realitätsnah...
wünschenswert
aber nicht realistisch...
Ich selbst habe keine Probleme auf Leute zuzugehen, die nicht dem, von den meisten Jugendlichen gegebenen Norm, entsprechen.


Liebe Grüße und mach weiter so,
MimiAv
Wer Fehler findet, kann sie behalten! :)

sim

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Sunday, August 10th 2008, 12:29pm

Hallo MimiAV,

schön, dass du keine Probleme hast, auf Menschen zuzugehen. Dagegen fällt doch glatt ab, dass du meine kleine Geschichte mochtest. Das wahre Leben ist immer mehr wert als jede noch so wünschenswerte Fantasie. Und wenn die wünschenswerte Fantasie in der Realität auch nur ein bisschen Einzug hält, ist es großartig. Auf Menschen zugehen zu können ist ja schon ein erster Schritt dahin.

Lieben Gruß und vielen Dank
sim
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Tuesday, September 30th 2008, 2:26pm

Die Geschichte erscheint demnächst im Klett-Cotta Verlag in einer Heftreihe mit Lernmaterial für den Deutschunterricht an beruflichen Schulen.
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