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1

Friday, December 14th 2007, 1:14am

Li und Ein



Li Ebe und Ein Sam waren Geschwister. Sie lebten in einem verborgenen Haus inmitten eines dunklen Waldes. Ihr Vater war Zu Kunft und ihre Mutter Ver Gangen. Li und Ein hatten den ganzen Tag über Hunger, doch das Brot war stets eingeschlossen. Erst wenn der Vater nach Hause kam, gab es zu essen. Wenn sie aber den Schrank von der Wand wegrückten, konnten sie von der Rückseite, wo Mäuse genagt hatten, zu den Brotkrumen gelangen. Li schaffte es nie den Schrank alleine zur Seite zu schieben. Ein schlief immer länger und sie musste warten bis auch er Hunger bekam, damit er ihr half, ans Frühstück zu kommen. Gemeinsam schoben sie jeden Morgen den Schrank beiseite, bis das Mädchen dahinter kriechen konnte. Lis dünne Finger reichten weit tiefer in das Mauseloch, als Eins grobschlächtige Glieder. Er nötigte sie mit derbem Zupfen am Haar, alles was sie mühsam hervor pulte an ihn abzugeben und Li verblieb nicht viel mehr, als das was sie sich unter den Fingernägeln versteckte.

Eines Tages fand Li einen Draht. Den bog sie sich zurecht und sie schaffte es, ohne den Schrank zur Seite zu schieben, an das Brot zu gelangen. Als Ein ausgeschlafen hatte, war der Tisch gedeckt und auf den halb vollen Tellern, lag für Ein sogar ein Stück Kruste bereit. Er setzte sich aber nicht an den Tisch, sondern warf Li erstmal von ihrem Stuhl, verschlang ihre Krümel und ass danach im Stehen auch seinen Teller leer, wobei er die Kruste genüsslich kaute. Li hatte gewusst, dass er die besonders mag und sie durfte lächeln, denn Ein hatte dabei die Augen geschlossen.

Erst am Mittag, bei Eins Lieblingsbeschäftigung, als er das Mädchen beim Erdeessen störte, erinnerte er sich daran, dass sie nicht wie sonst gefrühstückt hatten. Er schlug sie immer wieder auf den Kopf, trat sie mit den Füssen zurück in ihr Lehmloch, schrie sie an und wollte wissen, woher sie die Kraft gehabt hatte, den Schrank alleine beiseite zu schieben. Völlig erschöpft und durchnässt von dem Schlamm am Grunde, gab Li schließlich auf und erzählte ihm vom Draht. Sofort zog er sie an den Zöpfen aus dem Loch und prügelte sie bis zum Holzhaufen, wo sie den Draht versteckt hatte. Er riss ihn sofort an sich und lief ins Haus, während sie ihm langsam folgte.

Er hatte den Schrank schon beiseite geschoben, so weit wie noch nie, lag auf dem Boden und fluchte da er offensichtlich mit dem Draht nicht viel anfangen konnte, ihn völlig verbog und fast wäre er ihm in der Öffnung entglitten. Obwohl sie diesmal nicht gelächelt hatte, bekam er einen Wutanfall, schlug sie und trat auf sie ein, bis sie am Boden lag und er müde wurde. Danach warf er ihr den zerknäulten Draht ins Gesicht und herrschte sie an, ihm Brot zu besorgen. Immerhin wartete Ein bis sich ihre zitternden Hände beruhigten und sie den Draht wieder richten konnte. Li fand dies sehr barmherzig. So etwas hatte er schon lange nicht mehr für sie getan. Sie begann das Brot zu angeln, versorgte den gierigen Bruder - ja selbst für sie selber fielen ein paar Brösel zwischendurch ab - und sie vergass die Zeit.

So überraschte sie der Vater als er Abends zur Tür eintrat. Er warf gleich, mit aller Wucht, den Rucksack und die Stiefel nach ihnen und stürzte sich rasend vor Zorn auf die beiden, schlug den Jungen, der weglaufen wollte, mit zwei Faustschlägen nieder, riss Li den Draht aus der Fingern und hieb ihr damit blutige Striemen auf Hals und Rücken, während sie schon gewohnheitsmässig mit erhobenen Händen in der Ecke, auf den Maiskörnern, kniete.
- Wer - war - das - wer - hat - die - I - dee - ge - habt, schrie er im Takt der Schläge, aber Li antwortete nicht.
Nur Ein lispelte fortwährend wegen der ausgeschlagenen Zähne und den blutigen Lippen am Boden:
- Li, Li wars, Li ...
Erst als er aufhörte das Mädchen zu schlagen und wieder über den Jungen herfallen wollte, da rief sie laut:
- Ich wars! Ich hab ihn angestiftet!

Dann nahm er ein Blech und nagelte das Mauseloch an der Rückwand des Schrankes zu. Li schickte er Wasser holen. Die Hammerschläge dröhnten dumpf von der Wut des Vaters im Zimmer. Er hiess sie, das Blut aufzuwischen und schnell Essen vorzubereiten bis die Mutter käme. Aber der Alte Zu ass immer allein. Die Mutter kam nie.

This post has been edited 2 times, last edit by "Alcedo" (Dec 28th 2007, 12:11am)


Marot

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2

Saturday, December 15th 2007, 2:10pm

Verdammt noch mal! Einen solchen text zu schreiben empfidne ich als unsäglich unverschämt!
ich hätte ihn schreiben wollen! :D
Wundervoll Alcedo, habe lange nicht mehr eine so schlüssige Parabel gelesen
Danke dafür!
gruß jens
Geld ist teuer!

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3

Saturday, December 15th 2007, 4:55pm

hui, so viel Lob! Dankeschön, auch für die Parabel und für das Schlüssige. freut mich sehr.

Gruß
Alcedo

machtwort

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4

Monday, December 17th 2007, 1:50pm

...pass auf Walter, jetzt kommt noch mehr...

Ich habe glaube ich noch nie ein solch komplexes moralisch-philosophisches Märchen gelesen.
Das ist in Aufbau, Leselust und Cleverness derart zwingend, daß ich staunen mußte.
Nicht einmal, der für Geschichten mit „Moral“, so übliche Zeigefinger sticht einem da nach den
Augen und ich habe es schon mehrfach gelesen in den letzten Tagen, ohne daß es mich losließ.
In Sachen Vergeblichkeit und Tragik der menschlichen Sehnsüchte kommt dieses Werk imho
sehr nah an die viel trockeneren Werke ähnlicher Thematik von Beckett heran.
An dieser Stelle einfach ein begeistertes Kompliment.

stefan

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5

Monday, December 17th 2007, 10:12pm

Mensch, Stefan, du bringst mich in Verlegenheit...
freut mich sehr, dass dich der Text begeistern konnte.
Vielen Dank!
Walter

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