Die Gläubigen
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"Rechts gibt es drei Felder. Links gibt es drei Felder. Und die Hauptader in der Mitte durchschneidet das zentrale Feld dazwischen. Von der längs verlaufenden Hauptader zweigen nach rechts und links Nebenadern ab, die sich ihrerseits in immer kleinere Verzweigungen immer weiter verdünnen, bis sie sich zum Rand hin in ein feinstgesponnenes Netz verästeln. Und zwischen diesen allerfeinsten Äderchen dieses Ästchengespinstes, da ist das Blatt am zartesten." – Er hob seinen Kopf ein wenig und blickte in die Runde. Alle lauschten gebannt seinen Worten. Er fuhr fort.
"Grün. Grün vor allem. Vor allem grün ist die Welt, grün und flach, grün in allen Schattierungen vom saftigen Dunkelgrün der dicken Blattwurzel bis zum lichten Gelbgrün der Randfelder bis zum Übergang ins austrocknende Braun an den Blattspitzen, die sich ein klein wenig aufstellen oder später gar einrollen. Und wenn du auf einem solchen Blatt sitzt, das deine Welt sein wird, auf einem solchen Blatt, der wahren Ikone unseres Daseins, auf dem weithin ausgebreiteten Grün eines solchen Blattes, dann weißt du, dass die Welt eine Scheibe ist – und fühlst die Angst, von ihrem Rand herunterzufallen ins unendlich Bodenlose. Halt dich fest, mit allem, was du hast, klammer dich an das Blatt wie an dein bißchen Leben! Und schau dir die Oberfläche eines solchen Blattes an, das deine Welt sein wird: Es ist nicht glatt. Nein. Es sieht nur so aus. Da gibt es viele, viele Unebenheiten, schau genau hin, schaut alle genau hin: winzige Berge und Täler, Senken und Erhebungen von größter Delikatesse, gewundene Schluchten von würziger Brisanz. Schaut es euch an, fühlt es unter euren Füßchen, erschnuppert den lockenden Duft, nehmt alles auf, nehmt alles wahr – und dann beißt hinein! Beißt hinein! Mit großen, unaufhaltsamen Bissen. Merkt es euch, es ist ein Naturgesetz: Was sich dort grün vor euch breitet, das gehört da hin, in euren Magen. Denn das ist die Wahrheit: Es gibt die Leere im Magen. Es gibt das Blatt. Und es gibt noch ein Blatt. Und es gibt noch ein Blatt. Es gibt viele Blätter. Es gibt immer noch ein Blatt ... und sonst gibt es nichts. Sonst gibt es nichts. Das ist die Welt!"
Hunderte kleine Raupenfüßchen trappelten vor Erregung. Am Ende der so weich erscheinenden, kleinen wurstrunden Körper regte sich in den Köpfchen, die fast zur Hälfte nur aus kraftvollen Kieferplatten bestanden und nun im Leerlauf hungrig vor sich hin malmten, euphorische Zustimmung oder euphorischer Widerspruch. (Raupen neigen zu Euphorie.) Die Stimmchen fiepten durcheinander im aufgeregten Gemurmel und Getrappel.
"Das Blatt! Gebt uns endlich ein Blatt!" Manche waren vor Erregung ganz atemlos. "Aber was sonst? Es muss doch noch etwas geben. Das muss doch Bedeutung haben ... ", erhob sich vorlauter, altkluger Einspruch, "was ist dahinter ... was ist mit Geist und Sinn?"
"Pah!" Ein heiseres Schnauben entfuhr dem abschätzige verzogenen Maul des Alten. Man meinte, seine storrigen Bartborsten sträubten sich noch steiler. "Firlefanz! So etwas gibt’s nicht! Dummes Gerede von Bienen und Hummeln. Hört nicht auf die. Schlagt euch die Dinge aus dem Kopf, die nur für andere gelten. Für euch gilt das nicht. Für euch gilt nur das Fressen. Nur das Fressen. So wird es seit ewigen Zeiten von Brüdern zu Brüdern weitergegeben. Und für euch, für uns gibt es nur Brüder! Alles andere ist Blödsinn ... wie dieses dumme Gerede von 'liebenden Eltern'. – Pah!"
Wieder dieses heisere Schnauben aus den Bartborsten des Alten, das unleugbar belegte, wie recht er hatte: er, eine absolut anzuerkennende Borstenautorität.
"Elternschaft – da habt ihr eure Bedeutung! So etwas gibt’s vielleicht bei Füchsen, falls ihr die schon mal gesehen habt. Oder bei Eichhörnchen. Und bei den Vögeln, gewiss, bei den Vögeln – wie etwa bei den Kohlmeisen da drüben, bei den Rotkehlchen, ja selbst bei den Spechten, diesen Schweinen ... aber wir sind anders, das wissen wir. Wir brauchen keine 'liebenden Eltern'. Wir sind edler, wir sind einzigartig: Wir entstehen wie der glitzernde Tau am Tagesbeginn, in der magischen Stunde zwischen Nacht und Morgen. Oder besser gesagt: Wir entstehen mit dem Morgentau – feine Tröpfchen, die sich auf Blättern niederschlagen. Und unsere Tau-Tröpfchen kondensieren, verfestigen sich, gerinnen zu kleinen Eiern, die weiterreifen ... in denen wir heranreifen, bis wir eben reif sind für die Welt und ausschlüpfen. So wie ihr vor gar nicht langer Zeit. Es gibt nur Brüder, meine Brüder. Alle sind wir Brüder. Und die, die schon alt sind, so wie ich, viele, viele Stunden oder sogar schon etliche Tage, deren Aufgabe ist es, euch, die jungen Brüder, auf die Welt vorzubereiten, euch die Welt zu erklären. – Also Schluss mit dem Gequake von Geist und Sinn! Wir kommen aus Hüllen, und zu Hüllen werden wir wieder. So lautet unser Bekenntnis, so ist der Lauf des Lebens. Aus der Hülle des Eis schlüpfen wir, leben als große Schar von Brüdern, unsere Welt ist das Blatt und das nächste Blatt, unsere Bestimmung ist das Fressen und das Fressen, und schließlich enden wir alle in der Hülle, in der Kiste ... werden alt, das heißt: werden groß und fett und hart, werden immer unbeweglicher, bis wir in einer Bretterkiste, die wir uns selbst zimmern, endgültig zum Tode erstarren. Und das war’s."
Das Getrappel hatte aufgehört, alle blickten andächtig zu ihrem weisen Lehrer, der hier die Letzten Dinge verkündete. Vor Ehrfurcht hielten viele den Kopf gesenkt und wagten nicht einmal, laut zu schmatzen. Da erhob sich von hinten ein Stimmchen: "Es gibt doch Hoffnung ... ähm, Hoffnung auf ein Leben nach der Verpuppung. Ich habe davon sprechen gehört!" – Das schlug ein wie ein Hagelkorn. Alle hielten entsetzt die Luft an mit weit aufgerissenen Augen. Was würde wohl jetzt passieren? Nach dem ersten Schock richtete der Alte Bruder seine vordersten drei Beinpaare auf und wackelte vor Entrüstung mit seinen Bartborsten. Er krächzte. Er räusperte sich und blaffte heraus: "Papperlapapp! Nichts als Ammenmärchen, um euch zu verwirren. Ich warne euch: Da gibt es Untiere, die euch einreden, man müsse sich mäßigen, müsse an höhere Dinge glauben, müsse Rücksicht nehmen auf die armen Pflanzen, man dürfe nur gezielt und in gewissen Maßen fressen, und Fressen sei sowieso nicht alles, man müsse fasten und Einkehr halten, sich besinnen, das Dasein auf der Welt wäre für Höheres bestimmt, vielleicht gar für eine Wiedergeburt nach der Verpuppung. Volksverdummung! – – Brüder! ICH aber sage euch: Fressen ist alles! Fressen ist Sinn und Ziel! Fresst!! ... ... sonst nix."
Die meisten glaubten dem Alten nach dieser großen und vehementen Ansprache. Aber das Echo war dennoch geteilt. Einige folgten den Lehren der sensiblen Sinnsucher, mäßigten sich, fasteten, dachten an Höheres und glaubten an ein Leben nach der Puppe. Sie wurden hager und schmal und fraßen nur soviel, wie sie gerade zum eigenen Leben brauchten.
Aber nur die IHM gefolgt waren – "Fressen, fressen, fressen" – und ein Leben nach der Puppe verlachten, allein dem Diesseits lebten und sich holten, was zu holen war, nur die waren kräftig genug, am Ende der Zeiten den Kokon zu brechen, nur die waren kräftig genug, herauszuschlüpfen und als Schmetterling die Flügel zu breiten.
Die anderen vertrockneten in ihren Hüllen.
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Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)