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Alexa

Blickdicht(erin)

Date of registration: Dec 15th 2006

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1

Thursday, September 27th 2007, 10:20pm

Flieg, so weit du kannst!

Flieg, so weit du kannst!



Fröstelnd schmiegt sich der Tag in die Nacht und irgendwo aus der Ferne hört man den Gesang einer Amsel.
Kahle Bäume heben sich grau gegen den Horizont und Nebelschwaden durchziehen das Tal, in dem die kleine Hütte steht.
Noch einmal schweift sein Blick zu den Bergen, die sich fast drohend aus der Dämmerung hervorheben, bevor er humpelnd die Tür hinter sich schließt und das gespaltene Holz neben den brennenden Kamin legt.
Leise schiebt er den Vorhang, den er mit einer Wäscheleine vor die harte Liegestätte gehangen hatte, beiseite und sieht liebevoll auf das Gesicht, das ihn nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert begleitet.
Er kannte es nur zu gut und mochte jede, noch so kleine Falte, die in den Jahren ihr schönes Gesicht noch schöner hat werden lassen.
Er liebte sie, diese kleinen Grübchen auf den Wangen und ihre warmen Augen, die ihn jetzt, auch unter geschlossenen Lidern, anzulächeln schienen.
„Lina“ flüstert er leise und sieht erleichtert wie unter der Wolldecke ein tiefer Atemzug ihre Brust hebt.
Zärtlich nimmt er ihre zierliche Hand in die Seine und haucht seinen Atem darauf um ihr etwas von der Kälte zu nehmen.
Sanft streicht er über ihr feines graues Haar, das einst von kräftigem braun war und steckt eine heraus gefallene Haarsträhne in die Spange mit dem bunten Schmetterling darauf.

Er hatte sie ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Mitten in den Kriegswirren.
Unzählige Schuhe musste er dafür putzen, aber er hat es gerne getan, weil er wusste wofür.
Sie hatte Tränen in den Augen als sie die Spange aus dem Seidenpapier wickelte.
Sie sprach kein Wort, sondern schaute ihn nur an und er sah wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Er wusste, dass sie sich diese Haarspange schon lange gewünscht hatte.
Jedes Mal, wenn sie an dem Schaufenster vorbeikamen, in dem, auf dunklem Samt, diese Spange mit dem glänzenden Schmetterling lag, blieb Lina minutenlang stehen.
Zwölf Mark und fünfzig Pfennig. Damit hätte er sich endlich einen gebrauchten Mantel kaufen können. Es war schon November und sein dünnes Sakko konnte den eisigen Wind, der durch die Straßen zog, nicht abhalten.
Aber das war ihm egal. Er hatte jeden Pfennig, den er entbehren konnte, gespart um Lina diese Freude zu machen.
Oft musste er stundenlang in den zugigen Straßen sitzen, bis jemand vorbeikam um seinen Dienst in Anspruch zu nehmen.
Die meisten Menschen waren arm und konnten es sich nicht leisten für fünf Pfennige die Schuhe putzen zu lassen.
Viele Männer waren im Krieg und ihre Familien hatten, außer den Essensmarken, nichts was sie zu Geld machen konnten.
Er war mit bei den Ersten, die damals in den Krieg zogen.
Beim Einmarsch in Polen hat es ihn dann getroffen. Das rechte Bein musste man ihm abnehmen aber er war nicht verbittert, sondern dankte Gott, dass er noch lebte.

Zwölf Mark und fünfzig Pfennig. Die fünfzig Pfennig waren für das Seidenpapier.
Er wollte ihr dieses kostbare Stück nicht einfach so überreichen. Es sollte hübsch verpackt sein.

Sanft streichen seine Finger über den Schmetterling, dessen Farben mit der Zeit verblasst sind.
>Er wird irgendwann seine Flügel ausbreiten und mit uns davonfliegen<, hatte Lina gesagt.
Ja, er erinnerte sich noch genau; Sie standen vor dem zerbombten Haus, in dem sie eine kleine Dachgeschosswohnung hatten, und der Wind wehte ihnen den Staub der Trümmer ins Gesicht.
Lina breitete ihre Arme aus, so, als wollte sie fliegen. Wie ein Engel stand sie da, in ihrem bunten Blumenkleid und er hielt sie lächelnd fest, damit sie ihm nicht davonfliegen konnte.

Er war dankbar für die Zeit, die er mit ihr verbringen durfte, auch wenn er sich manchmal wünschte, es wäre eine bessere Zeit gewesen.
Zwei Kinder hatten sie verloren. Das Erste schon im vierten Schwangerschaftsmonat.
Lina war zu schwach, hatten die Ärzte ihm damals gesagt. Das zweite Kind, durfte leben, aber nur drei Tage, bis es mit einem Mal aufhörte zu atmen. Einfach so. Es war eine schwere Zeit, aber trotzdem dankten sie Gott für diese drei kurzen Tage, in denen sie ein Kind haben durften.
Ja, Gott war immer in ihrer Mitte. Ohne ihn hätten sie oft nicht gewusst wie es weitergehen sollte. Viele Menschen beteten damals, wenn sie in der alten Schule Schutz vor den Bomben suchten und er war sich sicher, dass Gott seine schützende Hand über sie hielt. Auch nach dem Krieg, als es keine Marken mehr für die Lebensmittel gab, und sie manchmal nicht wussten, woher sie die nächste Mahlzeit bekommen würden, war Beten oft das einzige was sie tun konnten.

Auch jetzt wusste er, dass Gott sie nicht im Stich lassen würde. Er hatte für Lina gebetet, als sie im letzten Jahr schwer krank wurde und er betete auch heute noch.
Die Ärzte hatten keine Hoffnung mehr.
In ein Pflegeheim sollte sie verlegt werden.
Nein, das hatte er nicht zugelassen und sie hier her gebracht. Er wusste nicht, ob er das Richtige tat, aber Lina wünschte sich in Würde sterben zu dürfen. Ohne diese Geräte, die ihren Herzschlag und ihre Atmung überwachten.
Sie war schon sehr schwach, aber bis vor einigen Tagen hatte sie immer wieder, wenn auch nur kurz, ihre Augen geöffnet und ihn angesehen. Auch ein wenig Suppe hatte sie noch essen können.
Doch jetzt spürte er, wie das Leben von ihr wich und er kam sich so hilflos vor. Er konnte nichts tun außer bei ihr sein.

Er wirft ein großes Stück Holz in den Kamin, löscht das Licht und legt sich leise neben sie.
Zärtlich hält er ihre kalten Hände und sieht, im flackernden Licht des Kaminfeuers, die Flügel des Schmetterlings schimmern.
„Flieg, kleiner Schmetterling, flieg“, murmelt er leise und schließt müde die Augen.
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Puck

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2

Friday, September 28th 2007, 11:09am

hi alexa

eine echt schöne kleine Geschichte die ich sehr gerne gelesen habe :D auch wenn sie teilweise sehr typische elemente beinhaltet die so in vielen vielen Liebesfilmen vorkommen könnten hast du es jedoch gekonnt geschafft sie so zu verpacken das sie schön und nicht "kitschig" wirken

Im ersten Absatz hast du seeehr viele umschreibungen und beschreibungen verwendet was ich dort schon fast ein wenig zuuu viel fand. In den folgenden Teilen hast du dann weniger und weniger bildlich ausgemalt was dann schon wieder ein wenig gefehlt hat.

Quoted

>Er wird irgendwann seine Flügel ausbreiten und mit uns davonfliegen<, hatte Lina gesagt.

Quoted

„Flieg, kleiner Schmetterling, flieg“, murmelt er leise und schließt müde die Augen
hier muss ich leider sagen das ich die Formulierung nicht ganz so einfallsreich find und das im Zusammenhang zum Rest fast enttäuschend auf mich wirkte. Find ich persönlich halt einfach zu 08/15 mäßig aber das kann auch nur an meinem Geschmack liegen und soll jetzt nicht herabwertend oder so klingen.

Auf jedenfall hat mir deine Geschichte hier sehr gut gefallen da sie eine richtige schöne Art von Liebe zeigt welche die Jahre überdauert und alle Höhen und Tiefen überstanden hat ...


viele liebe grüße
Puck

Alexa

Blickdicht(erin)

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3

Friday, September 28th 2007, 2:15pm

Hi Puck

schön das du sie gelesen hast, meine Geschichte die mir schon ne ganze Weile im Kopf rumschwirrte.
ich weiß, sie ist etwas zu Klischeehaft.

Quoted


Zitat >Er wird irgendwann seine Flügel ausbreiten und mit uns davonfliegen<, hatte Lina gesagt.
Zitat „Flieg, kleiner Schmetterling, flieg“, murmelt er leise und schließt müde die Augen
hier muss ich leider sagen das ich die Formulierung nicht ganz so einfallsreich find und das im Zusammenhang zum Rest fast enttäuschend auf mich wirkte. Find ich persönlich halt einfach zu 08/15 mäßig aber das kann auch nur an meinem Geschmack liegen und soll jetzt nicht herabwertend oder so klingen.

nein, einfallsreich sind sie nicht- da muss ich dir recht geben. Vll. liegt das an meiner derzeitigen Einfallslosigkeit.. ?( aber ich versuche im Moment einfache Menschen ,einfache Dinge, mit einfacher Sprache zu beschreiben.
Dazu kommen dann die Tempusübungen. ich finds langweilig nur in einer Zeit und orientiere mich im Moment an Schillers dreißigjährigem Krieg...(also tempusmäßig,) lebendigkeit in die Texte zu bekommen.Ich glaube da muss ich noch etwas üben.. ;(

danke fürs lesen, kommentieren und loben. Freut mich wenn sie dir trotzdem gefällt.

L.G.
Alexa
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Bilderelse

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4

Sunday, February 10th 2008, 1:31pm

Flieg, so weit du kannst!

Guten Morgen Alexa,

ich streife durch unser Forum und lese, auch Deine kleine Geschichte: traurig, melancholisch, auch rührend, wenn man sich in diese Stimmung versetzen mag oder gar ähnliche Geschichten kennt. Man kennt sie, die Kunst in Bild, Musik und Schrift ist voll davon. Dennoch, die Thematik verlässt uns nie, gehört doch Trauer und Melancholie, auch eine gehörige Portion Sentimentaltät, immer und immer wieder neu in alle Bereiche der Kunst, denn es stehen tiefste Gefühle dahinter. Fast jeder kennt sie oder glaubt sie zu kennen, wenn auch nur (vielleicht zum Glück nur, denn Realität ist wieder etwas ganz Anderes) aus erfolgreich vermittelter Kunst. Poesievolle Wortwahl in eine harmonische auch flüssige noch verständliche Sprache einfließen zu lassen, nicht ins Kitschige abzudriften, anzusprechen, auch Fantasien zu beflügeln, sie schließlich über die Traurigkeit hinwegtreiben zu lassen, auch wenn ein wenig Müdigkeit bleibt, das ist Dir wohl ganz gut gelungen. Die Verbindung zu schaffen von Trauer über den Tod, Melancholie, sanften romatischen Erinnerungen, hin zur Lebendigkeit, dies ist ein Bogen, der weit sein kann und nur vorsichtig zu erreichen ist. Wer ganz persönlich demTod begegnete, in welcher Form auch immer, ist für diese Poesie hoch sensibilisiert. jeder reagiert anders. Deine Geschichte zeigt diese Sensibilität. Irgendwie Schön, man kann sich reindenken.

Weiter so, aber vielleicht kommen auch noch leichtere, optimistischere Themen in kleinen Texten, die die Müdigkeit vergessen lassen.

LG Bilderelse

Alexa

Blickdicht(erin)

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5

Monday, February 11th 2008, 7:40pm

hallo Bilderelse,

Quoted

Weiter so, aber vielleicht kommen auch noch leichtere, optimistischere Themen in kleinen Texten, die die Müdigkeit vergessen lassen.

Das verstehe ich zwar jetzt nicht, aber danke fürs Kommentieren.

Gruß
Alexa
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Bilderelse

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6

Tuesday, February 12th 2008, 10:27am

hallo Bilderelse,


Zitat Weiter so, aber vielleicht kommen auch noch leichtere, optimistischere Themen in kleinen Texten, die die Müdigkeit vergessen lassen.

Das verstehe ich zwar jetzt nicht, aber danke fürs Kommentieren


Oh, nicht dafür!


Liebe Alexa, ich wollte nur damit sagen, dass ich mir wünschte, dass hier viel mehr freundliche, lebensbejahende und lockere Themen beschrieben werden, mit jugendlich frischer Ausstrahlung halt. Kriege sind schlimm und düster, brachten und bringen so viel Leid. Die unendlichen Geschichten darüber stimmen so traurig, drücken irgendwie, zwangsläufig. Wenn Du meinen Kommentar nicht verstehen kannst, auch die Quintessenz nicht, bedaure ich das für Dich ein wenig, denn ich wollte da absolut nichts an Deinem Versuch, eine gefühlsgeladene story zu kreieren, mies machen, ganz im Gegenteil.

LG Bilderelse

Raina J.

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7

Thursday, February 28th 2008, 12:52pm

Liebe Alexa,

sie ist wunderschön, Deine kleine Geschichte und hat mich zu Tränen gerührt. Sie beschreibt so eindringlich mit einfachen Worten die Liebe zwischen diesen beiden Menschen, dass man davon einfach berührt sein muss.
Kitschig? Nein, so stelle ich mir wirkliche Liebe vor! Jedes, auch das noch so kleinste Glück erkennen und für den Anderen alles nur erdenklich Liebe tun wollen...
In dem Schmetterling sehe ich ein Symbol für diese Liebe, die den Tod überdauern wird, ein Symbol für die Unsterblichkeit der Liebe.

"Flieg, kleiner Schmetterling, flieg“, in diesem einfachen Satz spiegelt sich alles wieder, die Verzweiflung über den Verlust der geliebten Frau, bis hin zu der Hoffnung auf ein Wiedersehen....

Sehr gern gelesen
Raina

Alexa

Blickdicht(erin)

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8

Sunday, April 13th 2008, 4:48pm

Danke Raina

Quoted

in dem Schmetterling sehe ich ein Symbol für diese Liebe, die den Tod überdauern wird, ein Symbol für die Unsterblichkeit der Liebe


genau das wollte ich damit ausdrücken. Nichts düsteres, lebensverneinendes oder dergleichen.

danke
L.G.
Alexa
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(Winston Churchill)

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