Flieg, so weit du kannst!
Flieg, so weit du kannst!
Fröstelnd schmiegt sich der Tag in die Nacht und irgendwo aus der Ferne hört man den Gesang einer Amsel.
Kahle Bäume heben sich grau gegen den Horizont und Nebelschwaden durchziehen das Tal, in dem die kleine Hütte steht.
Noch einmal schweift sein Blick zu den Bergen, die sich fast drohend aus der Dämmerung hervorheben, bevor er humpelnd die Tür hinter sich schließt und das gespaltene Holz neben den brennenden Kamin legt.
Leise schiebt er den Vorhang, den er mit einer Wäscheleine vor die harte Liegestätte gehangen hatte, beiseite und sieht liebevoll auf das Gesicht, das ihn nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert begleitet.
Er kannte es nur zu gut und mochte jede, noch so kleine Falte, die in den Jahren ihr schönes Gesicht noch schöner hat werden lassen.
Er liebte sie, diese kleinen Grübchen auf den Wangen und ihre warmen Augen, die ihn jetzt, auch unter geschlossenen Lidern, anzulächeln schienen.
„Lina“ flüstert er leise und sieht erleichtert wie unter der Wolldecke ein tiefer Atemzug ihre Brust hebt.
Zärtlich nimmt er ihre zierliche Hand in die Seine und haucht seinen Atem darauf um ihr etwas von der Kälte zu nehmen.
Sanft streicht er über ihr feines graues Haar, das einst von kräftigem braun war und steckt eine heraus gefallene Haarsträhne in die Spange mit dem bunten Schmetterling darauf.
Er hatte sie ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Mitten in den Kriegswirren.
Unzählige Schuhe musste er dafür putzen, aber er hat es gerne getan, weil er wusste wofür.
Sie hatte Tränen in den Augen als sie die Spange aus dem Seidenpapier wickelte.
Sie sprach kein Wort, sondern schaute ihn nur an und er sah wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Er wusste, dass sie sich diese Haarspange schon lange gewünscht hatte.
Jedes Mal, wenn sie an dem Schaufenster vorbeikamen, in dem, auf dunklem Samt, diese Spange mit dem glänzenden Schmetterling lag, blieb Lina minutenlang stehen.
Zwölf Mark und fünfzig Pfennig. Damit hätte er sich endlich einen gebrauchten Mantel kaufen können. Es war schon November und sein dünnes Sakko konnte den eisigen Wind, der durch die Straßen zog, nicht abhalten.
Aber das war ihm egal. Er hatte jeden Pfennig, den er entbehren konnte, gespart um Lina diese Freude zu machen.
Oft musste er stundenlang in den zugigen Straßen sitzen, bis jemand vorbeikam um seinen Dienst in Anspruch zu nehmen.
Die meisten Menschen waren arm und konnten es sich nicht leisten für fünf Pfennige die Schuhe putzen zu lassen.
Viele Männer waren im Krieg und ihre Familien hatten, außer den Essensmarken, nichts was sie zu Geld machen konnten.
Er war mit bei den Ersten, die damals in den Krieg zogen.
Beim Einmarsch in Polen hat es ihn dann getroffen. Das rechte Bein musste man ihm abnehmen aber er war nicht verbittert, sondern dankte Gott, dass er noch lebte.
Zwölf Mark und fünfzig Pfennig. Die fünfzig Pfennig waren für das Seidenpapier.
Er wollte ihr dieses kostbare Stück nicht einfach so überreichen. Es sollte hübsch verpackt sein.
Sanft streichen seine Finger über den Schmetterling, dessen Farben mit der Zeit verblasst sind.
>Er wird irgendwann seine Flügel ausbreiten und mit uns davonfliegen<, hatte Lina gesagt.
Ja, er erinnerte sich noch genau; Sie standen vor dem zerbombten Haus, in dem sie eine kleine Dachgeschosswohnung hatten, und der Wind wehte ihnen den Staub der Trümmer ins Gesicht.
Lina breitete ihre Arme aus, so, als wollte sie fliegen. Wie ein Engel stand sie da, in ihrem bunten Blumenkleid und er hielt sie lächelnd fest, damit sie ihm nicht davonfliegen konnte.
Er war dankbar für die Zeit, die er mit ihr verbringen durfte, auch wenn er sich manchmal wünschte, es wäre eine bessere Zeit gewesen.
Zwei Kinder hatten sie verloren. Das Erste schon im vierten Schwangerschaftsmonat.
Lina war zu schwach, hatten die Ärzte ihm damals gesagt. Das zweite Kind, durfte leben, aber nur drei Tage, bis es mit einem Mal aufhörte zu atmen. Einfach so. Es war eine schwere Zeit, aber trotzdem dankten sie Gott für diese drei kurzen Tage, in denen sie ein Kind haben durften.
Ja, Gott war immer in ihrer Mitte. Ohne ihn hätten sie oft nicht gewusst wie es weitergehen sollte. Viele Menschen beteten damals, wenn sie in der alten Schule Schutz vor den Bomben suchten und er war sich sicher, dass Gott seine schützende Hand über sie hielt. Auch nach dem Krieg, als es keine Marken mehr für die Lebensmittel gab, und sie manchmal nicht wussten, woher sie die nächste Mahlzeit bekommen würden, war Beten oft das einzige was sie tun konnten.
Auch jetzt wusste er, dass Gott sie nicht im Stich lassen würde. Er hatte für Lina gebetet, als sie im letzten Jahr schwer krank wurde und er betete auch heute noch.
Die Ärzte hatten keine Hoffnung mehr.
In ein Pflegeheim sollte sie verlegt werden.
Nein, das hatte er nicht zugelassen und sie hier her gebracht. Er wusste nicht, ob er das Richtige tat, aber Lina wünschte sich in Würde sterben zu dürfen. Ohne diese Geräte, die ihren Herzschlag und ihre Atmung überwachten.
Sie war schon sehr schwach, aber bis vor einigen Tagen hatte sie immer wieder, wenn auch nur kurz, ihre Augen geöffnet und ihn angesehen. Auch ein wenig Suppe hatte sie noch essen können.
Doch jetzt spürte er, wie das Leben von ihr wich und er kam sich so hilflos vor. Er konnte nichts tun außer bei ihr sein.
Er wirft ein großes Stück Holz in den Kamin, löscht das Licht und legt sich leise neben sie.
Zärtlich hält er ihre kalten Hände und sieht, im flackernden Licht des Kaminfeuers, die Flügel des Schmetterlings schimmern.
„Flieg, kleiner Schmetterling, flieg“, murmelt er leise und schließt müde die Augen.
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)
Ich hier