Thursday, May 24th 2012, 1:52am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Xenia

Trainee

Date of registration: Feb 28th 2007

Posts: 12 wcf.user.activityPoints: 85

Location: Brüssel

1

Tuesday, September 4th 2007, 5:14pm

Die Liebe durch den Magen geht

Die Liebe durch den Magen geht,
und wer von Kochkunst nichts versteht,
sein Leben lang alleine bleibt
ganz ohne Mann und unbeweibt.

Zum Glück gibt es die Mikrowelle,
da wird dem Partner auf die Schnelle
was Tiefgekühltes heiß serviert,
doch wenn ihn sowas nicht verführt,

geht man mit ihm ins Restaurant.
Dort dauert es bestimmt nicht lang
bis sich bei Rehfilet und Wein,
Omelette soufflée und Kerzenschein

auch einstellt, was man Liebe nennt,
dies Hochgefühl, das jeder kennt.
Man schaut sich an, das Herz erbebt,
im Geist schon über’n Wolken schwebt.

Der Augenblick ist wunderschön,
jetzt möcht’ man nur nach Hause gehn,
das Liebesglück ist greifbar nah –
urplötzlich steht der Kellner da.

Mit unbeweglichem Gesicht
erinnert er profan und schlicht,
dass vor dem Paradies auf Erden
die Rechnung muss beglichen werden!

Toby

Sage

Date of registration: Oct 2nd 2003

Posts: 1,239 wcf.user.activityPoints: 6,745

2

Tuesday, September 4th 2007, 9:35pm

Hallo Xenia :)

dein Gedicht ist wirklich gelungen, es hat einige gute Lacher! Besonders gefällt mir aber die Leichtigkeit und die sprachliche Laxheit, mit der du die inhaltlichen Vorgaben auch sprachlich umsetzt. Der vierhebige Jambus eignet sich hier ganz hervorragend dazu, einen leichten Erzählstil zu unterstützen und daher liest sich dein Gedicht fast so heiter und ausgelassen wie ein Schüttelreim. Neben dem festen Metrum, das du durchgehend beibehältst, sind mir vor allem die mutigen Strophensprünge aufgefallen; Enjambements über Strophengrenzen hinaus sind eine gewagte Angelegenheit, in einem humorvollen Gedicht aber passen sie m.E. perfekt. Was den Inhalt betrifft, muss ich wahrscheinlich nicht viel sagen: der ist genau auf den Punkt gebracht und bringt mich als Leser immer wieder zum Lachen; besonders gefällt mir daran auch das pointierte Ende, das spielerisch und spaßhaft noch ein religiöses Element einbindet (den Gegensatz von himmlisch und profan) und das ganze Gedicht würdig abrundet. Ein ganz hervorragendes Gedicht; ich freue mich auf weitere Werke aus deiner Feder!

Viele Grüße, Toby
"Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen."
(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

ruelfig

Master

Date of registration: Nov 6th 2006

Posts: 632 wcf.user.activityPoints: 3,395

Location: Von

Occupation: Ökologische Ausgleichsfläche

3

Tuesday, September 4th 2007, 9:59pm

Ganz grosse Klasse, Form, Inhalt, Sprache: lustig. Da gebt es nichts zu meckern.
Sehr gerne gelesen und gelacht,
r
Gegenismen

Xenia

Trainee

Date of registration: Feb 28th 2007

Posts: 12 wcf.user.activityPoints: 85

Location: Brüssel

4

Wednesday, September 5th 2007, 4:48pm

Hallo Toby,

über Deine sachkundige und positive Beurteilung habe ich mich sehr gefreut. Ich schreibe fast nur humorvolle Gedichte und meistens in diesem Rhythmus, ohne groß darüber nachzudenken. Um die Metrik einzuhalten, muss ich oft ziemlich feilen, dabei geht manchmal die Leichtigkeit und das Spielerische verloren.

Liebe Grüße

Xenia :)


Hallo Ruelfig,

schön, dass ich Dich zum Lachen bringen konnte, und dass Du es mir mitgeteilt hast. Wen ich so etwas schreibe, weiß ich oft selbst nicht, ob der Humor auch richtig rüberkommt.

Liebe Grüße

Xenia

wcf.user.socialbookmarks.titel