hallo Perry,
auch mit Begriffen, die sich (scheinbar) nur auf eine bildliche Ebene beziehen, lässt sich ein Gedicht verfassen, das kein reines Naturgedicht darstellt. Die erste Strophe ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie solch eine Verdichtung ausehen, auf mehreren Ebenen seine Wirkung entfalten, und Aussagen fern der reinen Naturwiedergabe in sich tragen kann (auch wenn sie da nicht gerade aus der Natur stammen - ist ja nur ein Beispiel)
Wie ausgeschlagene Zähne
liegen Pappbecher auf dem Rasen
der Vergleich von ausgeschlagenen Zähnen mit Pappbechern stellt eine Methaper dar, die ich mit der Vorstellung, dass etwas ´keinen Biss hat´ verbinde. da dringt nichts sonderlich tief ins Fleisch, kein Zugriff auf das, was lebenserhaltend ist (Nahrung, auch im übertragenen Sinne). liegende Pappbecher: dadurch, dass sie ´liegen´, kann ich mir vorstellen, dass sie nichts in sich halten können - ich stelle mir vor, dass das, was sie beinhalteten irgendwann im Rasenboden versickert ist. Und mit dem Wort ´Rasen´ steigt bereits wieder (nicht nur!) eine neue Assoziation in mir auf: Gras wächst darüber - vielleicht könnte das dafür stehen, dass die Zeit sich auf etwas gelegt hat, das einmal im Fluss war. Auch frage ich mich noch, warum hier ´Papp´-Becher liegen, und keine Kunststoff-Becher, die lange Zeit benötigen, um zu verrotten. Pappe ist dagegen ein Material von kurzem Bestand, also kaum geeignet, um damit etwas zu schaffen, das lange erhalten bleibt - etwas ´Flüchtiges´ . Es könnte also ebenso gut auch für Unbeständigkeit stehen.
Zerfetzte Lampions schneiden
Wachsfigurengesichter
Auch hier geht es um Materialbeschaffenheit. Will ich in dem Bild bleiben, mit dem ich mich oben beschäftigt habe, könnte ich es hier fortsetzen: die Lampions wären dann Köpfe, zahnlose Köpfe ohne jeglichen Biss, Hohlköpfe, die noch dazu aus Papier sind. Um z.B. eine brennende Kerze (zündende Idee/Gedanken...) zu tragen, wären sie denkbar ungeeignet - der Wind pfeift durch sie hindurch, und die Flamme würde schnell erloschen sein - sie sind ja ´zerfetzt´. Sind es ´zerfetzte Gesichter´? Diese ´schneiden´. Grimassen? Fratzen? Ich sehe verzerrte Gesichter, und denke auch an verzerrte Wahrheiten, an Verlogenes. Und was darf ich mir unter einem ´zerfetzten Wachsfigurengesicht´ vorstellen? Das originalgetreue Abbild einer tatsächlich existierenden Person etwa? Oder ein Gesicht, das leer und leblos ist, ohne jegliche Regung, und kalt - würden seine Züge dahinschmelzen, sobald es einer Wärmequelle oder dem Sonnenlicht ausgesetzt wäre? Es würde ´aus der Fassung geraten´, oder, um das Ganze weiterzuspinnen: der Kopf/der Mensch würde sein Gesicht verlieren - die künstliche Fassade wäre zerstört. Wer weiss: vielleicht reisst ja der Wind (eine natürliche Erscheinung, die kaum steuerbar ist) diesen Figuren irgendwann die Maske vom Gesicht, sobald er stark genug weht?
verstehst du mich, Perry? In diesem Vers liegen Möglichkeiten für den Leser verborgen, die darauf warten, ergründet zu werden. Sie sind es auch, die mich als Leser anziehen, mir Appetit machen und Lesegenuss erzeugen können. Lägen die Aussagen bereits auf dem ´Präsentier-Teller´, und ich bräuchte sie nur zu konsumieren, ohne mich irgendwie gedanklich bewegen zu müssen, wäre ich schnell satt und gelangweilt. Dafür ist m.A.n. die dritte Strophe ein gutes Beispiel. Kurz nachdem ich sie gelesen habe, hatte ich bereits die Worte fast schon vergessen. Da bleibt nichts hängen - ich bräuchte nichtmal Zähne, um es aufzunehmen

. Doch ich wünsche mir Texte, in denen sich etwas regt, Texte mit Biss, weil ich keine Wachsfigur bin, der man das Blatt, auf dem das Gedicht geschrieben steht ebenso gut nur aufs Gesicht legen zu braucht. Vielleicht würde die Druckerschwärze auf dem Wachs kleben bleiben - mehr aber auch nicht. Wär doch schade um die Worte, meinst du nicht?
Und jetzt?
Freue ich mich, wenigstens durch deine erste Strophe gut bedient worden zu sein mit feinen Köstlichkeiten.
liebe Grüsse
von mir.